Ausgabe 
27.2.1931
 
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für em Jahrhundert endgültig. | sgraljms gegeben. Ich wußte sofort, daß ich nur wenig würde sprechen

In die Augen hatte ich noch nicht sehen können. Ich näherte mich langsam. War er das? Konnte er das sein?

Nun zog Kalbeck mich heran. Ich sah in die Augen, die noch das Licht hatten. Blau und einzig, aus Robert Schumanns Welt, aber dem

können. Die stille, junge, fühlende Art neben ihm schien ihm zu behagen. Er ah mich wiederholt an, und ergreifend, weil ihm unbewußt, zeigte sich die brechende Kraft dieses Riesen. Niemals war er krank gewesen nun hatte der Feind ihn erreicht. Er wehrte sich, er würde bis zum lebten Augenblick sich wehren aber während er auf die Frage der Freunde erwiderte:Es geht mir besser der Arzt ist zufrieden , wußte er das Gegenteil. Das gab in das leuchtende Blau dieser Augen eine Trauer, die ich nie vergesse.

Behutsam betrachtete ich ihn. Das Gesicht war schon abgemagert und fahl doch das Haupt hatte noch die wundersame Schönheit des alten Zauberers. Er lieh mich schauen und pflückte langsam die dunklen, quellenden Beeren einer Brüsseler Weintraube. Wie eine Pflegerin voll zarter Hingabe, Zufriedenheit heuchelnd, saß die gute Frau Kalbeck ihm gegenüber. Sie wußte, was dem Freunde noch wohltat.

Man lachte gerne bei Tisch, um keinen melancholischen Schatten aus­kommen zu lassen. Der alte Wilhelm Singer, ein Muster der Wiener Raunzerart, gab Gelegenheit dazu. Er schimpfte auf alles. Dann aber sprach man von Konzerten, und der Name Robert Schumann floß ms Gespräch. Da kam es über mich. Ich sagte leise vor mich hin, Ja, Schumann." Es konnte eigentlich nur für mich sein. Doch Brahms hatte es gehört Er nickte und hielt, ohne zu pflücken, die Weintraube in feinen

«inaezoqenen Kloster-Ländereien und -schätze als ein geistiges Kompro­miß der Meinungen. Aber ihre Halsstarrigkeit brachte die Schale des kaiserlichen Zornes zum lieb erlaufen. Im Herbst nach Luthers Tode begannen die Kanonen zu sprechen. Da überdies Herzog Moritz von . r. _ -1... föinun CflfHithpncmpnnuPti

3 Bald nach Tisch brach er auf. Er trat zu mir hin und gab nur noch einmal die Hand. Nun erst spürte ich, daß er von der bevorstehenden Ausführung wußte ... ,,

Na, soll man Ihnen nun Glück wünschen?

- Das waren die letzten Worte, die ich von ihm gehört. Herb, scheinbar kühl keineMusikerstimme". . ..

Ich sqh ihm nach, dem Meister des Frauenüedes, dem Trager mensch­licher Sehnsucht, dem Letzten aus dem großen, alten Reich.

Oie drei gerechten Kammacher.

Erzählung von Gottfried Keller.

(Fortsetzung.»

Von demselben rührte auch ein blanker kleinerGewürz­mörser her, welcher das Gesimse ihres Schrankes zierte zwischen der versprochen war. Von demselben rührte auch ein blanker kleiner Ge­würzmörser her, welcher das Gesimse ihres Schrankes zierte zwischen der blauen Teekanne und dem bemalten Blumenglas; schon lange war em solches artiges Mörserchen ihr Wunsch gewesen, und der aufmerksame Zeugschmied kam daher wie gerufen, als er an ihrem Namenstage damit erschien und auch was zum Stoßen mitbrachte: eine Schachtel voll Simmet, Zucker, Nägelein und Pfeffer. Den Mörser hing er dazumal vor her Stubentüre, ehe er eintrat, mit dem einen Henkel an den kleinen Finger, und Hub mit dem Stößel ein schönes Geläute an, rote mit einer Glocke so daß es ein fröhlicher Morgen ward. Aber kurz darauf entfloh der falsche Mensch aus der Gegend und lieh nie wieder von sich Horen. Sein Meister verlangte obenein noch den Mörser zurück da der Ent­flohene ihn seinem Laden entnommen, aber nicht bezahlt habe. Aber Züs Bünzlin gab das werte Andenken nicht heraus, sondern führte einen tapfern und heftigen kleinen Prozeß darum, den sie selbst vor Ge­richt verteidigte auf Grundlage einer Rechnung für gewaschene Vor­hemden des Entwichenen. Dies waren, als sie den Streit um den

I Mörser führen muhte, die bedeutsamsten und schmerzhaftesten Tage ihres Lebens da sie mit ihrem tiefen Verstände die Dinge und besonders das Erscheinen vor Gericht um solch zarter Sache willen viel lebendiger begriff und empfand, als andere leichtere Leute. Doch erftritt sie den S'^emi aber^die^zierliche Seifengalerie ihre Werktätigkeit und ihren exakten Sinn verkündete, so pries nicht minder ihren erbaulichen und geschulten Geist ein Häufchen unterschiedlicher Bucher, welches am Fen­ster ordentlich aufgeschichtet lag und in denen sie des Sonntags fleißig las Sie befaß noch alle ihre Schulbücher fett vielen Jahren her und halte auch nicht eines verloren, sowie sie auch noch bie gan^e ttane Gelehr­samkeit im Gedächtnis trug, und sie wußte noch den Katechismus aus­wendig, wie das Deklinierbuch, das Rechenbuch, wie das Geographie- buch die biblische Geschichte und die weltlichen Lesebücher; auch besaß fie einige der hübschen Geschichten von Christoph Schmid und dessen kleine Erzählungen mit den artigen Spruchversen am Ende, wenigstens

I ein halbes Dutzend verschiedene Schatzkastlem und Rosengartchen zum I Ausschlagen eine Sammlung Kalender voll bewährter mannigfacher Er­fahrung und Weisheit, einige merkwürdige Prophezeiungen eine An­leitung zum Kartenschlagen, ein Erbauungsbuch auf alle Tage düs Jähe­res für denkende Jungfrauen und ein altes Exemplar von Schiller^

I Räubern, welches sie so oft las, als sie glaubte es genug am vergeßen I -u haben, und jedesmal wurde sie von neuem gerührt, hie t aber sehr verständige und'sichtende Reden darüber Alles was m diestn Buchern stand, hatte sie auch im Kopfe und wußte auf das schönste darüber und. über noch viel mehr zu sprechen. Wenn sie zufrieden und nicht zu ehr beschäftigt war, so ertönten unaufhörliche Reden aus 'hrem Munde und alle Dinge wußte sie Heimzuweisen und zu beurteilen undjung und alt hoch und niedrig, gelehrt und ungelehrt mußte von ihr lernen und sich ihrem Urteile unterziehen, wenn sie lächelnd oder sinnig erst ein We I- | chen aufgemerkt hatte, worum es sich handle; sie sprach zuweilen so viel

Zu Tisch mit Brahms.

Von Georg H i r s ch s e l d.

An Johannes Brahms sich erinnern, das heißt Gerichtstag halten über fein musikalisches Ich. Bei Beethoven ist die Seele gesichert. Brahms ist die ewige Warnung vor dem Abweichen ins Bequeme, Undisziplinierte, I vor dem Sturz in den Abgrund des Vergänglichen

Wir brauchen in einer Zeit, die durch den Expressionismus gegangen ist und den Impressionismushistorisch" sehen möchte, das Bild des ringenden Künstlers, der nur Mensch war. Brahms war em Unzu­friedener, Brahms war ein Himmelskind nut harter Erdenstlmme, un­bestechlich auch vor sich selbst, sehnsüchtig und seine Sehnsucht als Heilig­tum vergrabend. Der Hamburger, der ein Menschenalter in Wien gelebt, flüchtete sich zu dem Gegenpol seines Wesens, zu Mozart, und blieb vor I Beethoven fern und still. I

Vans v. Bülow machte bekanntlich gute Witze, und er freute sich b selbst wohl am meisten daran. So spitzte er sich lange daraus, Johannes I Brahms und Otto Brahm miteinander bekanntzumachen. Er sah mit Recht voraus, daß die beiden Namen dem Publikum eine schwer uder- windliche Verwechslung kosten würden. Ihm selbst, dem strengen Ma­gister des Publikums, blieben die Namen persönlich so tief geschieden, wie sie in der Sache gemeinsam waren. Ms Brahms und Brahm sich endlich begegneten, brachte Bülow seinen sorglich aufberoahrten Witz an. I er sagte zu dem Berliner Theaterdirektor und Kritiker:Lieber Nomina- tivus, hier bringe ich Ihnen Ihren Genitivus . I

Brahm behielt dieses Wortspiel im Gedächtnis. Als der Genitivus dann ein Dativus der Menschheit geworden und als Akkusatwus des indischen Lebens zu Gott gekommen, im Jahre 1897, schrieb Brahm mir, des Toten gedenkend:Er war ein Mann in eigenen Schuhen.

Das war er, und dieses Urteil noch über den Ruhm der geroaltigen 1 Schaffenskraft zu stellen, erscheint mir vor dem Denkmal des Meisters nicht nur richtig, sondern auch notwendig. Kem Musiker hat es ausge­sprochen, sondern nur ein Mensch, der jedes Können achtete vor jeder Meister chaft den Hut zog. Hier wurde der ringende Mann, der seinem I Menschentum die große Kunst dankte, gekennzeichnet. I

Brahms ist männlich, Brahms zieht uns mit, wo echte Sehn- I tl'rf3d?ttoar 23 Jahre alt, als er noch lebte und durch die Gassen von ®ien schritt, die ich eben kennenlernte. Im Frühling 1896 hatte ich gute Wiener Tage. Für den Herbst stand die Aussührung meines Schauspieles Die Mütter" im Deutschen Volkstheater bevor. Unter denen, die mich damals herzlich empfingen, war auch Max K a l b e ck, der Freund und Biograph Johannes Brahms'. Er hörte aus meinen Worten einen Wunsch, den ich nicht aussprach. Immer habe ich mia» sumeift als Mu­siker gefühlt, und als ich nach Wien kam, war mir diese Kunst doch mehr noch als das beste Theater. Beethoven und Schubert sprachen als Getzter- ftimmen aus der Materie alter Hauser, alter Garten Brahms aber

Jch°?rachte natürlich mancherlei anekdotische Kenntnis von seiner Lebensführung aus Berlin mit. So wußte ich auch von dem Stammlokal in der Altstadt, vomRoten Igel", wo Brahms seit Jahren Mittagsgast war. Es zog mich dorthin, ich suchte es auf, und als ich tm ersten Stock an einem runden Tisch saß, konnte ich das berühmtegarnierte Rind­fleisch" nicht würdigen, denn mit Herzklopfen war ich gewärtig, bah plötzlich der alte Magier in meiner Nahe sitzen wurde. Doch es blieb bei den behaglichen Wiener Bürgern um mich herder große Stammgast wurde nicht sichtbar. Schließlich zwang ich mich doch, den Zahllellner nach ihm zu fragen. Während ich es tat, kam mir meine Frage o phan­tastisch vor daß ich ganz undeutlich wurde. Doch der gute Josef, ober wie er hieß, neigte firf) zu mir nieder und erwiderte: .Der Herr Doktor Brahms Der sitzt unten im Parterre! Soll ich s ihm sagen?

Um alles in der Welt nicht das war mein Gefühl. Ich bedankte mich stotternd und verlieh schleunigst denRoten Igel . Die Tur zum Parterrelokal ließ ich zu. Aber ich lief zum Ring hinüber und in den Stadtpark, wo das Leben blühte. Man weiß nicht, was noch^werden^mag. Durch diesen Park, das wußte ich, führte Brahms täglicher Heimweg. Ich betrachtete feine kleinen Freunde, die Spielhnber, mit denen er woh. schon oft gesprochen hatte, und eilte bann in mein Hotel.

2l(s ich im Herbst roieber nach Wien, kam, sagte Max Kalbeck.Ich möchte Sie boch diesmal mit Brahms zusammenbringen. Aber leider es ist nicht mehr der Brahms von einst. Er ist sehr krank, kranker als pr ohnt fXmmerhin man foll es nicht versäumen.

Alles in mir sagte ja dazu. Es fügte sich, daß ich Max Kalbecks Mittagsgast an dem Tage war, dessen Abend die erste Aufführung der Mütter" bringen sollte. Rausch und Weihe war es für mich, denn mein Stück lebte in Musik und strebte zu dem Meister.

Mit Brahm, dem Nominativus, ging ich zu Kalb eck, um den Gem- tiV'SßenVSäfte'in der behaglichen Wohnung der Porzellangaffe In einem kleinen Rimmer ftanben %raDm uni>. Stalbetf nut : bem. alten heim Singer vomNeuen Wiener Tagblatt. Ich tjrelt mich, (ajeuer Erwartungsvoll, etwas abseits. Verträumt bemerkte ich erst einen neuen Gast bei ben brei Männern, als er schon 'M Gespräch mit ihnen ftan . Ich wurde aufmerksam. Ein kleiner, we>ßbart,ger Herr m grauem Rock? chen, gelbliches Gesicht mit Zwicker, etwas harte, kühle Stimme -eine Musikerstimme".