Ausgabe 
26.10.1931
 
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wenig tief lagen die dunkelbraunen Augen hinter einer hellrandigen Hornbrille. Ihn störte nicht, daß die Bühne wackelte. Er schob seinen Stuhl zurück, zog ihn wieder an den Tisch; es knarrte und kreischte. Aber 63 ßjQf ßeben

Dann sprang er auf. Wandte sich zu Weiß.So!" sagte er ausatmend. Und nun Sie." Einige klatschten.

Ruhe!" schrie er barsch, und sofort ruhten, die Hande.

Weiter ging es. Sie sogen seine Korrekturen in sich hinein, sie machten jede seiner weisenden Armbewegungen mit, sie waren alle nur noch er: ^"^Fertig!" Er schrie es, wie er vorhinRuhe!" geschrien hatte.Mise­rabel war es, hundsmiserabel. Das nächste Mal: Minna von Barnhelm. Szene werde ich bestimmen." Er sah in das Dunkel des Raumes.Bitte Licht'" Einer schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Sein Blick fuhr über die Köpfe, sein Finger zeigte bald auf diesen, bald auf jenen.Tellheim Sie! Den Riccnut Sie! Den Just Sie! Den Wirt Sie! Den Wachtmeister Sie! Und welche Herrenrolle bleibt? Weih keiner! Traurig für Menschen, die zur Bühne wollen. Sollten wenigstens ihren Lessing kennen. Also: Der Bruchsall fehlt, Herr Chartowsky kann ihn geben. Und nun die Damen. Die Minna Fräulein von Weiher, ia bitte. Die Franziska Fräulein Rose. Bleibt?" Wieder fragte er. Eine schüchterne Stimme antwortete.Recht so", suhr er fort.Die Dame in Trauer" die können Sie sich dann auch einstudieren, Fräulein ... wie heihen Sie doch? Lerrer richtig Lerrer. Also Fräulein Lerrer Die Dame in Trauer". Ueberdies'eine sehr dankbare Charge. Alles als Vorbereitung für die Prüfung. Schluß für heute. Danke."

Er nahm seinen Mantel und stürmte davon.

Die anderen blieben stumm stehen. Etwas atemlos, etwas warm. So war es immer nach zwanzig Minuten Büchner.

Auch dem guten Karlos perlte die Stirn, trotzdem er nichts getan hatte. Er begriff das nicht:Warum hören sie dem Büchner zu und nicht mir, er sagt doch auch nichts anderes als ich, er korrigiert, er mimt, chlecht eigentlich. Hat's ja auch nicht gelernt warum? Warum? Er ist eben modern ich bin abgestanden!" Er begriff nicht, trotzdem er felbst jedesmal der suggestiven Kraft Büchners erlag.

Die Schüler drängten aus der Tür. Formvolle Verabschiedung gab es hier nicht. Dafür aber im Vorflur einen erregten Wortwechsel. Die kleine Ianusch hatte ihn entfacht.Natürlich Isa bekommt die Minna natürlich. War ja von vornherein klar. Konnte ja nicht anders sein. Das feine Fräulein von Weiher. Wir wissen ja warum. Wissen es alle."

Sie stand mitten in einer Gruppe Schülerinnen, die sich in ihre Mäntel und Pelze zwängten, stand da wie eine Agitatorin, rot im Ge­sicht, spitz den Mund, der Gift spritzte. Den ganzen Kreis hatte sie aus ihrer Seite.Natürlich, die Weiher!" schrie alles. Es war ein Chor der Rache. __

Der dickliche Pistorius steckte seine porige Nase durch den Turspalt. Er war Krach gewöhnt, aber solchen Krach hatte es lange nicht gegeben. Plötzlich merkte er auf. In den Chorus kam Bewegung. Aus der Masse hob sich eine Einzelfigur heraus, die bisher abseits gestanden, wie sich das bei guter Regie gehörte. Donnerwetter, was würde das geben?

Die kleine Rose war es, die kleine, dunkle Gertie Rose; das reiche Mädel, das ihm das Lehrgeld immer wie eine Bagatelle auf den Tisch warf. Wie ein Gewitter fuhr sie in die Schar der Schülerinnen, verteilte Püsse nach rechts und links, blieb vor der Ianufch stehen, hob die Faust.Werdet ihr eure Lästermäuler halten. Ich nehrn's mit euch allen auf, mit euch blaffen Fetzen. Ich habe nicht umsonst Boxen gelernt. Wollt ihr wissen, warum Isa die Minna bekam? Weil sie was kann, ihr Idioten, weil sie mit jedem Ton und jeder Geste euch gehirnlose Spatzen in die Tasche steckt. Und vor allem dich, Ianusch. Willst du vielleicht die Minna geben? Was? Studier' die Lulu. Die kommt dir eher zu. Und nun hattet die Mäuler, rat' ich euch."

Wirklich, die anderen waren still. Kein Ton mehr. Sie machten Platz, als Gertie kehrtmachte und auf die Flurtür zuging, an der Jfa Weiher wartete, blaß, mit fast geschlossenen Augen und zuckendem Mund Komm, Isa, laß die Bande. Sie können dir ja nicht das Wasser reichen. Keine." Sie nahm die Freundin bei der Hand und zog sie hinaus auf die Treppe.

Unten vorm Hause stand Gertie Roses Roadster. Ein schnittiger, kleiner Selbstfahrer, hellgrün lackiert. Blank jeder Griff, blank jedes Fenster. Ein kleines Schmuckstück.

Gertie zog Jfa über den Bürgersteig, schubste sie in den Wogen und sprang nach. Sie löste die Bremse und gab Gas.

So!" sagte sie,und jetzt fahren wir ins Unionhotel, Tee trinken. Ich bin gerade in der Stimmung. Diese Weiber, diese Weiber! In die Zähne hätte ich ihnen schlagen mögen, in ihre Schandmäuler!"

Jfa war noch immer blaff, sie zitterte ein wenig am ganzen Körper. Warst du nicht zu heftig, Gertie?"

Die andere legte noch zehn Kilometer am Tempo zu.Ich zu heftig? Milde war ich. Ganz anders muß man mit dem Pack umspringen. Glaubst du, daß man mit Nachgeben durch die Welt kommt? Nee, meine Siebe. Mit der Faust muß man auf den Tisch schlagen, daß es kracht. Das kannst du leider nicht. Das liegt dir nicht. Jammerschade ist das. Aber dafür bin ich ja schließlich da."

Ich bin dir so dankbar."

Red' bloß nicht von Dank. Das ist auch so'n Quatsch. Wenn hier einer zu danken hat, bin ich es. Ohne dich wäre ich doch gar nicht in die Schauspielerei hineingekommen. Wenn du nicht angefangen hättest, säße ich jetzt noch zu Hause und drehte Daumen. Oder läge ewig auf dem Tennisplatz ober auf dem Eise. Wie's das Wetter gerade will. Aber jetzt: mimen. Es macht mir ja solche unbändige Freude."

Sie kreuzten die Tauentzienstraße. Die Verkehrsampel zeigte rot. Gertie sah es erst im letzten Augenblick. Sie zog die Bremsen, daß der Wagen dockte. Aber es war zu spät. Die Pneus rutschten auf dem glatten Asphalt weiter, über die Haltelinie hinaus. Und schon war der Beamte am Schlag und zog sein Notizbuch.Ihre Papiere!" forderte er barsch.

Gertie legte ihr Gesicht in die liebenswürdigsten Falten.Ach, Herr Wachtmeister, ich kann wirklich nichts dafür. Es ist fo verteufelt glatt heute. Und ich habe gebremst wie toll; sehen Sie her, die Bremse ist ganz fest angezogen. Sie verstehen doch selbstverständlich auch was vom Chauffieren. Jeder Herr kann das doch heute. Und natürlich viel besser als wir armen schwachen Frauen." Sie deutete auf die Ampel.Grün, Herr Wachtmeister, darf ich los? Ja? Danke." Sie nickte dem Mann noch einmal zu und trat auf den Gashebel. Fort fauste der Wagen.

Um das Mandat wären wir glücklich 'rum!" Gertie lachte, hell, klin­gendEs ist ja nicht wegen der zwanzig Mark. Aber nachher kriegt Papa den Strafbefehl in die Finger und fragt:Was hast du denn um halb fünf an der Tauentzienecke gemacht?" Er denkt doch, ich bin im Klub. Und dann muh ich wieder eine andere Schnurre erfinden. Ach, es ist schlimm, wie man sich durch die Welt lügen muß."

Warum sagst du es denn deinen Eltern nicht?"

Die und schauspielern. Mama würde in Ohnmacht fallen, und Papa würde mich enterben oder so was. Auf jeden Fall wäre es mit Karlos Pistorius aus. Geht nicht, meine Liebe, geht nicht! Ich muß lügen ich muß, ich muh, ich muh ..."

Die Korneliusbrücke war da. Isa wohnte dicht bei ihr in der Keith- straße. Mit ihrem Bruder zusammen bei ihrer alten Großmutter, der Gräfin Treutsch, ihrer Mutter Mutter. Seit dem Tage, an dem der Vater ins Feld gezogen, um nicht wiederzukehren. Im August 1914 war er gefallen, bei Montrepas. Seine Leiche hatten sie zurückgebracht und neben die Mutter auf dem alten, schönen Friedhof Hohenleubens gebettet. Damals dachten sie ja noch, daß das Gut ihnen bleiben, daß Bruder Peter einmal Herr auf dem alten Weiherfchen Sitz werden würde. Aber das Schicksal hatte es anders gewollt. Das Schicksal, die Inflation, die Inspektoren. Weg, fort, kein Pfennig war geblieben. Nur die beiden Gräber: Vater und Mutter. Und das eiserne Muß, sich selbst durch- zubeihen, Geld zu machen. Und feis mit Schauspielern. Büchner hatte es geraten, Büchner, der vorn die beiden schönsten Zimmer Großmutter abgemietet hatte. Seit Jahren schon. Der solch ein stiller, bescheidener Untermieter war, daß Großmutter ihn fast liebte. Der an allem teilnahm, an Glück und Unglück.Werfen Sie doch die alten Vorurteile über Bord", hatte er gefügt.Die Bühne ist doch kein Wanderzirkus mehr, sie dient heute der Kunst. Ihr ganz allein. Ein Kampfplatz ist sie. Eine Werkstatt. Ein Feld der Arbeit. Verdammt ernster und schwerer Arbeit. Aber wer was kann, verdient. Es ist wie im Handel, wie in der Industrie: Die Tüchtigen kommen nach oben, die mit Kopf, die mit Talent. Wir suchen ja gerade gebildete Kräfte. Holz, aus dem sich etwas schnitzen läßt. Geben Sie Ihre Enkelin frei. Ich halte meine Hand über sie."

So war es gekommen.

Isa klopfte Gertie auf die Schulter.Halt an; ich will aussteigen; ich will nach Haus."

Aber (Bertie schüttelte lachend den Kopf.Gibt's nicht. Erst muß ich dich vor dem Gesindel 'rauspauken, daß mir die Kehle trocken wird, und dann soll ich meinen Tee allein trinken? Das könnte dir passen."

Gertie, ich muß 'raus. Unionhotel, das kostet doch eine Unsumme. Du weißt doch ..."

Jawohl, ich weiß. Und du weißt, daß mir die Kröten ganz wurst sind. Ich habe sie nicht, um sie zu behalten, sondern um sie nutzbringend anzuwenden. Zum Beispiel: um anderen eine Freude zu machen. Einer hat Geld, der andere nicht. Das ist mal so, und es ist ungerecht. Also habe ich die moralische Pflicht, den Ausgleich zu schaffen."

Aber ich kann mich nicht immer von dir einladen lassen."

Jawohl, du kannst. Halt' den Schnabel. Stör mich nicht beim Fahren, hier wird's eng und ernst."---

Im Unionhotel spielte Danilo Degas zum Tanztee. Danilo, den ganz Berlin kannte, der tausend Grammophonplatten bespielt hatte und all­wöchentlich einmal im Rundfunk dudelte, süß, schmachtend.

Isa und Gertie drehten sich durch die Windtür, guerten das Vestibül und gaben ihre Mäntel in der Garderobe ab. Isa ihren Wollflausch, Gertie ihre lederne, pelzgefütterte Autojacke. Dann traten sie gemeinsam von den großen Spiegel. Und nun war es wie immer: plötzlich wuchs Jfa über die Freundin hinaus. Licht war um sie, Welt war um sie; das billige Fähnchen, dos sie anhatte, wurde zum Kleid, der Körper schien sich zu strecken. Sie hob mit angeborener Grazie die Arme, ordnete eine Strähne ihres blonden Haares, das sie kurz geschnitten glatt aus der Stirn zurücktrug. Alles an ihr war natürliche Sicherheit.Bist du fertig, Gertie? Ja? Dann können wir wohl gehen?"

Die Herren hoben die Köpfe, als sie durch die Halle schritt, die breite Treppe mit ruhigen Schritten nahm, in den Saal trat. Sie war sehr schlank, drahtig, rassig. Das Gesicht schmal, großtinig, aber ebenmäßig; die Lippen herb, die Augen, unter den fast weißblonden, hohen Brauen, von dunkler Bläue, ein wenig überschattet, ein wenig umschattet.

Wirklich: Gertie verschwand neben ihr. Sie war kleiner, aber das war es nicht allein: ihr molliger Gamintyp konnte sich trotz seiner frechen Niedlichkeit neben Isa nicht halten; er schlug sicher neunzig vom Hundert aller Durchschnittsmädel aus Feld, Isa nicht. Da war etwas Klassisches. Das feine Fräulein von Weiher", hatte die Ianusch gesagt; sie hatte recht, wenn sie es auch ganz anders meinte: hohnvoll.

Isa warf einen Blick durch den lichterfüllten Raum. Um die parket­tierte Tanzfläche waren die kleinen Teetische in vielen Reihen angeord­net. Die meisten waren schon besetzt, an jedem ein oder zwei Paare: Die Herren in dunklen Sakkos und helleren gestreiften Beinkleidern, die Damen in Seide und Voile aller Farbschattierungen. Die Musik schwieg. Es war Tanzpause.

Wir wollen dort die Ecke nehmen, wenn es dir recht ist, Gertie. Drüben sitzt Peter mit Leo Queis und noch ein paar Herren. Du weisst, ich lege nicht viel Wert ..."

Wie du willst, Isa natürlich."

(Fortsetzung folgt.)