GietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Ml Montag, den 26. Oktober
Nummer 8$
Der Ahn legt mir die Han- aufs Haar.
Von Diemar Meeting,
Der Kindheit Märchenbrunnen rauscht, Ein Vogelruf schluchzt zauberwild — Ich habe Zeit und Ort vertauscht. Ich weiß ein altes Bild:
Seltsame Kammer schließt mich ein. Ich lehne an des Ahnen Knie. Norm Fenster rostet rot der Wein, Im Stall schnauft dumpf das Vieh. Die Fliegen summen im Gemach, Im Garten draußen pfeift der Star, Die Tauben gurren unterm Dach — Der Ahn legt mir die Hand aufs Haar.
Der Ahn legi mir die Hand aufs Haar — Und Einkehr jucht mein junger Blick: Ich finde in Geschlechterjahr, In Kreis und Mitgeschick —
Und weih: ich bin ihr tief verwirkt, Der Hand, die aus mir ruht, Die meinen Scheitel schweigsam birgt — Bin Blut aus ihrem Blut —
Und spüre Wurzel, Stamm und Zweig Des Baumes, der mich hält.
Wie Blatt um Blatt sich leise neigt, Und blüht und welkt und fällt —
Und spüre tief geheimen Sinn In meines Wesens Spur: Daß ewig ich geborgen bin Und nie zu Tode fuhr!
Und von mir, wie ein staubig Kleid Nach dunklem Wanderlos, Sinkt erbengrau der Trug der Zeit: Ich lächle seelengroß —
Vorm Fenster rostet rot der Wein, Im Garten pfeift der Star.
Des Ahnen Hand ruht schwer wie Stein Auf meinem Knabenhaar.
Zwei wollen znm Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zobel titz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Berlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.)
1.
Man wartete auf Doktor Ulrich Büchner.
Der vielbeschäftigte Mann hielt einmal wieder die angesetzte Stunde nicht inne. Sein Auto raste wohl irgendwo durch Berlin, irgendwie hin und her zwischen dem Hebbel- und dem Goethe Theater, zwischen dem Theater in der Friedrichstraße und der Schauburg. Sein Wesen und Wille füllten ja den ganzen Konzern der Rechberg-Bühnen. Wenn er seine kraftvolle Hand nicht über den Proben hielt, wenn fein Geist, fein Temperament nicht durch die Uraufführungen blitzten, war der Erfolg selbst des besten Stückes nicht gesichert. Sie wollten seine Regie, nur seine Regie: Presse und Publikum.
Karlos Pistorius tief aufgeregt zwischen seinen Schülern auf und ab. Von Unterricht war nicht mehr die Rede, wenn man auf Ulrich Büchner wartete. Zum Unterricht hatte der kleine dickliche Karlos in diesen Minuten keine innere Ruhe. Er fürchtete, daß das Telephon läuten und Büchner ihm vom anderen Ende der Strippe zurufen könnte: „Ich komme heute nicht, ich komme überhaupt nicht mehr. Meine Zeit ist zu kostbar, um sie an diese Herde von Gänsen und Gänserichen zu verschwenden". Jeden Tag konnte er das sagen. Und dann war es mit der Theaterschule des Herrn Karlos Pistorius aus, endgültig aus. Büchner war die Glanz-, Nummer feiner Prospekte, vor allem die Zugkraft seiner Stunden.
Karlos Pistorius holte mit zittrigen Fingern die Uhr aus der Westentasche. Ein Viertel nach drei. Also schon fünfzehn Minuten Verspätung. Er sah auf seine Schüler. Die hockten auf Stühlen, die längs der Wände des Unterrichtsraumes standen, und schwatzten. Dieser Raum war das Eßzimmer seiner Wohnung, das übliche Berliner Zimmer des Westens der Reichshauptstadt. Ein großes Fenster in der hinteren Ecke als einzige Tageslichtquelle. Und dies Lichlloch war auch noch verstellt, denn vor ihm war in der ganzen Zimmerbreite die kleine Probebühne ouf-
gerichtek ein Bühnchen mit dürftigen Kulissen, dürftigem Hintergrund und dürftigen Soffitten, aber immerhin mit dreifarbigem Rampenlicht und Oberbeleuchtung. Ein Bühnchen, dessen mäßig erhöhtes Podium bei jedem Schritt hallte und dröhnte, dessen Rahmen wackelte, wenn auf chm auch nur ein Funken Temperament sich austoben wollte.
Drei Uhr zwanzig. Pistorius hatte Schweißperlen auf der Stirn. „Meister Buchner laßt warten", sagte er und versuchte einen Ton des Vorwurfs in feine Stimme zu legen. ,Zch glaube, wir verschwenden die Zeit nicht, wir gehen noch einmal die Posaszene durch. Wenn ich bitten darf: Herr Wagner als König, Herr Chartowsky als Posa auf die ^uhne." — Sehr langsam lösten sich zwei schlanke Jünglinge aus den Schulergruppen und schlorrten durch den Raum. Vorn sprangen sie auf das Pod.urn, das geräuschvoll erbebte. Pistorius schaltete das Rampenlicht ein. „Herr Wagner, bitte setzen. Herr Chartowsky, Sie kommen von rechts. Herr Wagner, bitte tiefer im Sessel lehnen, breiter behäbiger. Sie sind der große Philipp. Also bitte schon im Sitz königlicher. Ober muß ich Ihnen auch das vormachen?"
Aus dem Dunkel des Zimmers kam eine Mädchenstimme: „Ach ja, bitte, Herr Direktor, sitzen Sie uns einmal königlich vor". Gelächter schlug auf. — „Bitte um Ruhe!" Herr Karlos Pistorius rief es und tat als ob er den Inhalt der Worte nicht verstanden. „Anfängen!"
Chartowsky kam aus den Kulissen, stelzte auf den königlichen Herrn Wagner zu und kniete vor ihm nieder.
„Nicht so tief knien, nicht so lange. Nur andeuten den Kniefall, nur leichte Beuge, aber keinen Knicks wie ein kleines Mädel. Schnell wieder hoch. Der Posa ist ein stolzer Mann. „Ohne Zeichen der Verwirrung", sagt Schiller, und der wußte, was er wollte. Bitte nochmal den Auftritt."
Chartowsky verschwand und kam wieder, machte seine Kniebeuge, schwenkte den Arm, als ob er einen Federhut in ihm hielte. , Besser!" sagte Pistorius.
Wagner-Philipp legte sein Gesicht in ernste Falten und begann: „Mich schon gesprochen also?"
Chartowsky-Posa: „Nein".
Wagner-Philipp: ,Hhr machtet um meine Krone Euch verdient. Warum entzieht Ihr Euch meinem Dank? In meinem Gedächtnis drängen sich der Menschen viel.
Allwissend ist nur einer ..."
Die Szene rollte ab. Dann und wann griff Pistorius ein, der auch, wenn nötig, den Souffleur machte. Er sprach einen Satz ober ben anberen vor, schob ben Chartowsky-Posa halb näher an den Wagner- Phüipp heran, bald dirigierte er ihn zurück.
Er hatte immer bas Gesicht nach der kleinen Bühne. Was hinter seinem Rücken oarging, schien ihm gleichgültig zu [ein. Er wußte wohl, daß da niemand aufmerfte, und wußte auch, daß er als Lehrer diese Jnteressenlosigkeit seiner Schüler nicht dulden durfte. Aber was sollte er tun? Schließlich waren es ja alles erwachsene Menschen, oder wollten es wenigstens sein.
Da schrillte eine Klingel.
Drei, vier tiefen: „Büchner kommt!"
Eine junge Dame lief in ben Vorflur, um zu öffnen.
Chartowsky-Posa brach mitten im Satz ab unb sprang von der Bühne. Wagner-Philipp erhob sich unb folgte ihm. Alle waren ausge- ftanben unb hatten sich der Tür zugewandt.
Büchner trat ein. Er war in Huk unb Mantel, riß ben grauen Filz vom Kopf, warf ihn auf einen Stuhl. „Vorwärts, Kinber, vorwärts. Hab' nicht viel Zeit. Los. Die Cafefzene aus „Rausch". Fräulein Janusch als Henriette, Herr Weiß als Maurice, 'rauf auf bie Bühne. Setzen Sie sich beide. Der kleine Tisch steht zwischen Ihnen. So. Anfängen.
Plötzlich wat Leben in allen. Zwei Stühle, ein kleiner Tisch wurden nach oben geworfen. Die kleine Janusch unb bet junge Weiß fingen sie auf. Saßen. Unb schon ratterte Weiß los: ,Zst er nicht in fünf Minuten hier, so kommt er nicht. Wollen wir inzwischen mit seinem Gespenst trinken?" Unb bie Janusch: „Prosit!" Aber'ebenso schnell fuhr Büchner bazwischen: „Das ist ja Mehlsuppe. Mensch, Weiß, ber Maurice hat einen Bombentheatererfolg hinter sich, er ist plötzlich ein berühmter Kerl, ein reicher Kerl. Er fitzt mit einer Frau zusammen, einer schönen Frau. Wissen Sie, was bas heißt: reich unb eine Frau? Donnerwetter. Und Sie, Fräulein Janusch. Ihr „Prosit" muß eine Fanfare sein. Nicht ein Gelabber. Wenn die ersten Worte nicht sitzen, richtig in ber Stimmung sitzen, ist die ganze Szene vermasselt. „Rausch" heißt das Stück, „Rausch"!"
Mit einem Satz war er auf der Bühne, stieß Weiß vom Stuhl, setzte sich, sprach, riß das Mädel sich gegenüber mit. Er hatte nicht viel Stimme, er sprach nicht einmal glatt, aber Tempo hatte er, Tempo. Unb Stimmung in jeber Geste.
Die unten streckten bie Köpfe vor und lauschten. Unb sahen sich die Augen aus dem Kopf. Sahen nur ihn: Büchner. Jung war er noch. Dreißig vielleicht, eher weniger. Groß, zu groß für den Winzraum von Bühne. Blond: hoch die Stirn, schmalrückig die fast mächtige Nase: ein


