Ausgabe 
25.12.1931
 
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dies alles eigentlich, dieses Fremde, Eingefuchste, diese Phrasen, die mich ' eigentlich nichts angehen, warum betone ich dies Wort, warum spreche ich hier langsam?" Sie hörte, wie er sie verbesserte:Nicht so weich", und sie legte etwas mehr an Tempo und Ton zu. Aber nicht aus dem Inneren heraus.Blutooller", rief er, .jetzt Stimme! Sie müssen doch noch zit­tern in der Erinnerung." Aber nun fehlte ihr das Beben, das sie vorher n sich gefühlt.

Er trat näher aus sie zu, wie es die Gegenrolle befahl. Sie tastete ich nach dem Stuhl zurück.

Ihr Monolog war zu Ende. Seine Gegenfrage kam:Warum er- itest du es?"

Und nun ihr Schrei:Für dich!"

Groß sah sie ihn an. Und jetzt war wirklich Qual in diesem Ruf.

Einen Augenblick stutzte er. Er stand neben ihr, die in ihrem Sessel .merte. Aus sie herab sah er, suchte nach den Worten, die er ihr jetzt leben mußte, damit sie sortfahren konnte. Er hatte die Rolle nicht im ,topf, wollte lesen, aber scheute sich, das Buch, das er in der Hand hielt, hochzuheben und aufzuschlagen. Eine Stimmung war plötzlich da, die er nicht zerstören wollte. Er wußte: diese Stimmung hat nichts mit dem Stück, nichts mit den Rollen zu tun, sie ist rein persönlich. Dieses junge, schmalschultrige Mädchen, das da blaß und verängstigt auf sein Wort wartete, wartete auf etwas anderes. Der Blick, der zu ihm heraufkam, war kein Theaterblick. Er war erfüllt mit menschlichem Fühlen. Ein Reiz war da: wenn ich jetzt die Hand nach ihr ausstrecke, wenn ich sie hoch­hebe, fällt sie mir zu: und sie ist schön, ist lieblich: ganz weich würde diese leine Isa mir im Arm liegen: sie muß leicht sein wie eine Feder, ich önnte sie hintragen, wohin ich wollte.

Blitzschnell gingen diese Gedanken.

Dann hob er das Buch, las feine Sätze und dachte:Rein, es wäre hlecht: sie ist zu schade für ein Spiel; was soll ich mit ihr, mich binden, -sseln an sie, für immer? Unmöglich."

Aber was er sagen mußte, lesen mußte, war das Gegenteil. Leiden- chast war in den Worten.

Und Leidenschaft mußte von ihr zurückklingen. Er fürchtete: nun llrde ein heißer Ausbruch ihres Fühlens kommen, an ihn gerichtet, nicht ,n den Partner jener Renate, die sie spielte.

Jedoch er wurde anders: er horchte enttäuscht auf. Leise sprach sie, 'erhalten.

Jetzt wurde wieder der Lehrer in ihm wach.Stärker, jetzt müssen Sie ausstehen. Denken Sie doch, diese Renate sehnt sich nach ihrem llann."

Etwas lauter wurde Isa. Es war nicht schlecht, wie sie die Stimme modulierte, gewiß nicht schlecht, aber es war keine Glut in ihr. Sie !and, aber sie drängte nicht aus ihn, ihren Partner, zu, wie sie es im chtigen Erfassen ganz von selbst tun muhte.

Er gab ihr ein Stichwort, geschaffen, sie weiter zu entfachen. Es wirkte icht. Nun versuchte er sie auszurütteln.Sie sind liebende Frau. Ganz Aeib. Vergessen Sie doch einmal, daß Sie Fräulein von Weiher sind, >erfen Sie das junge, wohlerzogene Mädchen über Bord."

Da brach Isa ab.Ich kann das nicht so sagen."

Aber Sie müssen es können."

Sie schc sie den Kopf.Ich kann es nicht."

Sie müssen diese Hemmungen überwinden; ohne das geht es doch if der Bühne nicht. Versuchen Sie noch einmal."

Sie rührte sich nicht. Wiederholte nur:Ich kann es nicht."

Ihre Arme hingen schloss herab, ihre Schultern fielen müde nach orn, und nun neigte sich langsam ihr Kopf.

Unendlich leid tat sie ihm.Mut, Isa", sagte er laut.

Da hob sie plötzlich den Kopf, als ob der Anruf sie geweckt habe. Sie sah ihn wieder groß an.Doktor Büchner", sie hauchte seinen Namen hin, kaum, daß sie dabei die Lippen bewegte.

Und wieder bedrängte es ihn: nimm sie dir. Der Mund ist so jung, so unwissend; er ist wie dieses ganze Kind. Alles nur Erwartung, Hin­gebung. Das muß ja wundervoll sein. Sie bringt dir eine große Liebe. Unbewußt. Unberechnet. Sie wird sich in eine noch größere Leidenschaft hineinwachsen: in dies Feuer der Kühlen. Dann wird sie vielleicht auch noch die große Darstellerin. Wird es sicher. Sie will ja nur geweckt werden.

Er sah sie an, sah ihre Augen.

Ein Kind", dachte er und weiter,ich liebe sie ja nicht. Ich muß nach Wien, ich habe meine Arbeit, immer Arbeit, Arbeit. Ja, wenn ich srei wäre." Er wußte, wenn sie jetzt eine Bewegung machte, würde auch er schwach werden. Er fürchtete diese Bewegung, aber er wartete doch einen Augenblick aus sie. Hoffend. Aber sie kam nicht.

Da wandte er sich ab. Mit festen Schritten ging er zu seinem Schreib­tisch. Ihm war wie befreit, als das schwere, breite Möbelstück wie ein Klotz zwischen ihm und ihr stand. Die Verführung war fort, die Arme einfach nach ihr auszustrecken und sie sich zu nehmen. Die große Ver­lockung.

Wir wollen heute aufhören", sagte er,es hat keinen Sinn mehr."

Sie stand noch immer inmitten des Raumes, vor ihrem Stuhl, zwi- schen.diesen beiseite gerückten Tischen und Sesseln. Rur ihr Blick war ihm' gefolgt.Sind Sie mir böse?"

Warum soll ich böse sein?"

Weil ich es nicht konnte."

Er setzte sich.Kommen Sie, Isa", sagte er, und nun lag ein väter- llchor Ton im Nennen ihres Namens,nehmen Sie sich wieder Ihren Stuhl. Wir wollen einmal ruhig reden. Es war alles nicht schlecht nein."

Erfreut horchte sie auf.Wirklich nicht?"

Nein. Und doch: wissen Sie noch, was ich Ihnen damals von mir sagte, als Sie mich fragten, warum ich nicht wieder aufträte; wissen Sie es noch?" Sie nickte.

Sehen Sie, so ist es, glaube ich, auch bei Ihnen. Es ist Können

da, Talent. Aber das letzte fehlt: das Große, der Funke. Theaterblut, Isa, das alle Hemmungen besiegt, das in jeder Stimmung sich losreißt vom Eigenen und nur eines kennt: die Rolle. Ganz in ihr untergctzt, sie selbst wird."

Und was soll nun werden?"

Wir wollen abwarten, Isa. Ruhen Sie sich erst einmal aus. Die Aufgabe war schwer. Zu schwer vielleicht. Denken Sie dann über sich selbst nach. Gewiß: Sie könnten heute in der Praxis anfangen. Auf irgendeinem Bühnchen. Ich könnte Ihnen schon einen Platz besorgen. Aber passen Sie dorthin, Isa? In ein Gedränge von Kollegen, die so ganz anders find wie Sie? Die sich rücksichtslos durchs Leben boxen."

Sie war ganz zufammengebrochen in ihrem Stuhl.Ich soll es also aufgeben?" Schmerzlich fragte sie es.

Es wäre wohl das Richtigste", wollte er sagen. Aber sie tat ihm so leid.Nein, das nicht. Aber warten. Ausruhen. Erst mal ganz etwas anderes denken. Den Kopf frei bekommen. Wenn ich aus Wien zurück bin, sprechen wir weiter. Versuchen vielleicht neu."

Diesvielleicht" hätte er nicht sagen sollen.

Denn jetzt begriff sie.Vielleicht", wiederholte sie,vielleicht". Sie er­hob sich langsam aus ihrem Stuhl. Er folgte ihrer Bewegung, schritt neben ihr zur Tür.

Ehe er öffnete, standen sie sich noch einmal gegenüber.

Sie sahen sich an. Und nun war in ihr wieder das Zittern der Nerven, das Schwanken der Knie, was ihr vorhin gefehlt hatte, als sie die Renate verkörpern sollte, die Frau, die ihrer Liebe alles opferte, auch sich selbst. Sie griff nach seiner Hand.Ich danke Ihnen, Doktor Büchner."

Jetzt wartete sie auf einen Gegendruck, wartete auf ein Wort. Ulrich Büchner", sagte sie leise.

Er verbeugte sich. Er konnte ihr nicht mehr in die bittenden Augen sehen.

Langsam drückte seine Hand die Türklinke nieder.

Da ging sie hinaus.

Leo Queis war beim alten Dannegger gewesen. Sie kannten sich seit Jahren, saßen gemeinsam im Aufsichtsrat der Thüringischen Elektrizitäts­werke, trafen sich auch gesellschaftlich dann und wann.

Von Peter hatten sie gesprochen. Queis hatte sich nach ihm erkundigt, wie die alte Gräfin Treutsch ihn gebeten hatte. Er hatte nur Gutes er­fahren, und das freute ihn, denn so fest wie die Großmutter hatte er nicht an die plötzliche Wandlung des Vetters geglaubt. Er kannte ihn ja nur als den liebenswürdigen Gesellschafter mit den ewig leeren Taschen, den Nichtstuer, dem man aber trotz seiner Faulheit nicht böse sein konnte. Und er besonders nicht, weil er in seinem Gesicht immer irgendwo einen Zug der Schwester sah, einen Zug Isas. Die Gcschwister- ähnlichkeit hatte ihn auch stets wieder weich gemacht, wenn Peter mit einer Bitte kam. Denn schließlich war er ost die Brücke zu Isa gewesen, wenn auch nur der Bote eines Grußes oder der Ueberbringer einer Rose.

Nein, Dannegger hatte nur Lob gehabt, und Queis wußte, daß der Geheimrat fein Lod nie verschwendete.Es steckt was in dem Jungen", hatte er gesagt,Organisationstalent. Er hat Augen im Kopf, verflucht helle Augen, und Herz dazu. Er hat sich ohne Murren an die Maschinen gestellt und in ein paar Tagen einen Blick für soziale Fragen bekommen, mit denen er sich vorher sicher nicht besaßt hat. Aber auch für technische Dinge. Ich war wirklich erstaunt."

Und was haben Sie jetzt mit ihm vor?"

Erst soll er einmal in meinem Bureau ein bißchen Kaufmann lernen. Abends schicke ich ihn in unsere Fortbildungskurse. Macht er sich weiter gut, wandert er langsam durch alle Abteilungen. Bald technisch, bald wirtschaftlich. Ich muß sehen, wohin seine Begabung schlägt. Ich habe den Bengel gern. Schon seines Vaters wegen. Dann ober auch, weil er ein so herrlich junges Mundwerk.hat und einen so köstlichen Willen."

Der Wille wunderte Queis am meisten. Denn das rechte Wollen hatte Peter in Berlin immer gefehlt. Daß er ein heller Kopf wäre, daran hatte er nie gezweifelt. Aber woher kam ihm plötzlich die Willenskraft?

Es war kurz vor sieben. Er ging vor dein Verwaltungsgebäude auf und ab, wartete auf Peter. Er wollte ihn zum Abendessen einladen in die berühmte Weinstube am Markt. An der Bordschwelle stand Brett­hauer mit dem Tourenwagen.

Ein Klingelzeichen ging durch den Bau. Die großen Flügeltüren öffneten sich. Die Masse der Angestellten strömte heraus, zuerst tropfen weise, bann in breitem Fluß, dann wieder verebbend. Lauter fast gleiche Gestalten in fast gleichen Mänteln, fast gleiche Filzhüte auf den Köpfen, alle mit Mappen unter dem rechten Arm, alle etwas ftubenfarben.

Hier fehlt Sportbetrieb", dachte Queis,ich werde es dem Peter nachher sagen, dann hat er wieder was zu klagen und zu organisieren. Das scheint sein Chef ja an ihm zu schätzen."

Da kam als einer der letzten Peter. Auch er im Universalmantel, mit Unioersalsilz und Mappe. Nur schlanker und schwipper als die anderen.

Tag, Peter!"Nanu, Leo, was führt dich des Wegs?"

Bin gerade in Jena; hatte hier zu tun. Willst du mit mir zu Abend essen? Bretthauer wartet drüben."

Essen gern, Leo. Aber hier Autofahren in deiner Protzenkalesche? Lieber nein. Wenn'? dir recht ist, lausen wir. So die Kollegen überhole» mit Hupe und Benzinwolke: macht nur böses Blut."

Queis verstand.Gut, laufen wir." Er gab dein Chauffeur Weisung, bann stiefelten sie los.

Auch mit bem Lokal war Peter nicht ganz einverstanben.Muß es gerabe Goehre sein? Da sitzen die Direktoren gern. Und wenn ich junger Schnöiel ..."

Weißt du ein anderes Restaurant?"

Nein, mein Guter. Ich kann mir keinen Wein leisten."

Einmal wird Goehre wohl gehen. Wir setzen uns in eine ver­schwiegene Ecke." Da gab Peter nach. (Fortsetzung folgt.)

läerantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.