Ausgabe 
25.12.1931
 
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ltert wird und geschnitzt, rote gegossen (in Zinn, Wachs und Gips) und wie gekleidet denn nicht wahr, die Figuren find sehr oft ganz köstlich angezogen, und dafür bedurfte es richtiger Krippenschneiderinnen. Dilet­tant und Fachmann, Liebhaber und Lehrling werden in die Regeln der guten Ueberlieferung des Krippenwesens sorgfältig etngeweiht. und man begreift nun besser als je, daß auch dies Krippenmachen eine rechte gültige Kunst ist...

Zunächst begegnen wir den eigentlichen Krippen: den Weihnachts­krippen mit der Heiligen Familie und dem kleineren oder größeren Auf­wand an Personen, an Getier, der zur Sache gehört.

Wer bald erführt man, wie die Krippenmeister, vom Besonderen des festlich-frommen Anlasses, vom Eigentümlichen der Weihnacht ausgehend, in ihren wachsenden und immer wieder wachsenden Werken die weite Welt nachgebilüet und ausgebildet haben. Die Krippen werden zum Eben­bild eines Ganzen, das wirLeben nennen; nichts fehlt vom Himmel droben bis zur untersten Erde und wieder hinauf zu den milchigen Wol­ken, die den Engeln als Betfchemel und Ruhekissen dienen. Ach diese Engel ... ihre Himmelsleiblichkeit ist fast so schön und manchmal beinahe noch schöner als die klassische Leiblichkeit der Griechen. In Rosarot ist die entzückende Form gefaßt; die Flügel sind flaumweiß, die Haare gold­blond, das Irdische ist in die Zartheit des Himmlischen ausgegangen. Aber es mangelt auch nicht an einer schöpferischen Entschiedenheit, die mit Kraft und Treue das Wirklich-Körperliche des irdifchen Bodens gegenwärtig mackt. Da ist das Gebirge; so steht es in Oberbayern und Tirol; da ist die Welt der Felsen und Steinberge. Da ist um Felsen und Gebirge die dichte Nacht oder die schwere Dämmerung unseres Winters Die Flucht nach Aegypten sie geschieht bei uns daheim. Und freilich ist dies Land­schaftsbild auf wunderbare Weife zugleich eine Ahnung des Fremdartigen ferner Felsschluchten. Ein Zauber spielt ein verwandelnder Zauber; es ist wie im Traum; die Heimat wird hinübergeträumt ins Exotische und was kann merkwürdiger anmuten als dieser große, wundersame Doppelsinn der Heimat? ± <

So spielt das Leben der Krippen hin und her. Manchmal phantasiert es freilich auch ganz offenbar vom Exotischen. Ist in einer Krippe der heilige Vorgang von Tiroler Bauernhäusern umstanden, die so heimatlich deutlich sind, daß man meint, man habe in ihnen schon einmal gesessen und «schlafen und einen Schoppen Kälterer getrunken, so ist die Krippen- szener. ein undermal mit einer ganz und gar wunderlichen, leidenscha,t- lichen-fremdarligen Märchen-Prachtstadt bestritten, vor der dir schwindlig wird... _... .

und nun geht es weit fort, dorthin, wo der europäische euben und die afrikanische Welt einander schon begegnen und auch der Westen und das Morgenland: nach Neapel. Denn Neapel ist die Statte der ersten Berührung zwischen den vier Welten: zwischen Abendland und Levante, zwischen Europa und Afrika.

Noch geschieht alles richtig um die Krippe herum: um das neu­geborene Jesuskind und seine Eltern. Ja, wie sonst in der nordischen Krippennacht das Schlaglicht vom innersten Himmel an den Engel hintraf und an die Muttergottes und an das gleichsam mit einem eignen, inner­lichen Schimmer antwortende Jesuskindlein, so liegt auch hier, in dieser süßen lauen, halbhellen Nacht von Neapel, dasbedeutende Licht auf dem Kinde und auf dem vergißmeinnichtblauen und rosenroten --eiden- glanz der Kleider Mariä. Doch ringsumher ist alles schon aufs genaueste südlich-landschaftlich ausgebildet: Palmen und tragende Orangenbäume stehen umher; der Befuv raucht; der Himmel und der Golf verharren in einem zarten Blau, das ein Vorspiel der Unendlichkeit ist. Und allmählich wird der heilige Anlaß immer kleiner gemacht und die Welt umher immer größer Nicht als ob es den Krippenmelstern an Frömmigkeit fehlte. Viel­mehr- dis Geburt des Herrn, die Weihnacht, ist ihnen etwas so ganz und aar Gewisses, so Unbestreitbares, daß sie es sogar wagen können, das Herz der Krippe, die Geburt des Heilandes, immer kleiner zu machen und die Welt darumher immer größer unds reicher und

Nun werden große Architekturen aufgesuhrt, da find exotisch neapolita­nische Palasthöfe, und sie werden mit allerlei kuriosem Volk gefuUt, Sie das Gesolae der heiligen drei Könige darstellen. Die Krippe, das Kind mit den Eltern wo bleibt nun die Krippe? Ach, irgendwo hinter der Szene. Aber dies macht nichts. Die Weihnacht ist so sicher, eine so gewiße Tatsache, daß man sie gar nicht erst immer wieder zu beweisen braucht im Sichtbaren. Man darf es wagen, nur vom Drum und Dran zu reden wie es die Menschen manchmal gerne tun. So kommt es, daß die Krippen werden, was man Genrebild nennt. Immer mehr werden sie zu einer Art von bunter und ost humoriger Volkskunde.

Zuweilen wandelt der Krippenmacher das echte Krippenmouv woh, auch ab- statt der Geburt wird die Passion gezeigt, oder der Kmder- mord Aber zuletzt wird das religiöse Krippenmotio überhaupt hinaus- geschoben; übrig bleibt eine bis ins Letzte durchgebildete Darstellung des Weltlichen das um die Weihnacht herum überhaupt ,e irgendwo auf der ahnungslosen Erde fein konnte. Noch geschieht ,a tteillcy auch, daß an einer Wand ein Madonnenbild nachgeformt er,che,nt. - ü^ em letzter Gegenstand der andächtigen Erinnerung an Jesus unb SRorta, aber sonst ist die ganze Szene ausgefüllt mit wimmelndem Volksleben. Es geschieht wohl auch, daß in der Krippe drinnen seitwärtsi eine eigen liche Krippe" angebracht ist: das Volk geht vorüber und besieht die Krippe. Zu allerletzt ist aber alles Religiöse aus der Krippe die ihren Namen nun fast nicht mehr tragen sollte, hinausgefetzt. Es bleibt allem das tausendfältige Bild des süditalienischen Volkslebens mit Landleuten, Reben Wein-Butten, Eseln, Bettlern, mit aller suditalienischen Kreatur. Jetzt ist die Krippe gar eine süditalienische Weinschenke geworden.

Doch noch einmal: man soll wohl nicht sagen, twß dieseemanzipier­ten" Genre-Krippen des Religiösen so verlustig gehn, wie sie es 3u tun scheinen. Das Christkind ist, wenn es nicht in der Krippe erscheint doch wenigstensideell" h i n t e r der Krippe. So wie Gott auch dann existiert wenn von ihm nicht gesprochen wird, so wenn an thn nicht emma. geglaubt wird denn gerade dies ist Gottes Wes^i, von den Menschen und ihren Vorstellungen unabhängig zu existieren. Bei den Krippen aber ist es so, daß manchmal zwar Christkind und Weihnacht nicht mehr

erscheinen, aber von dem Krippenmacher doch geglaubt werden und auch in seinem Bildnerherzen wenigstens noch heimlich Mitwirken.

Nun mühte man erst ansangen, die Einzelheiten zu fehen: Gesichter, die kostbaren Kleider, aus Tölz und Innsbruck und Neapel; die Pferde­sättel und Musikinstrumente und Tiere. Die rosaroten und weißen Flamingos und die chimärischen Geschöpfe alle, die noch von der Gotik erfunden zu sein scheinen, obwohl sie im Barock gemacht sind.

Im Barock, ja und da haben wir auch den kunstgeschichtlichen Geist, der diese Krippen trug mit Namen genannt...

Die Krippen haben es auf allerlei Art mit dem Barock zu tun. Sie lieben die barocke Ueppigkeit, den barocken Uebersluß im Ganzen und Einzelnen. Sie haben den barocken Sinn für das, was manIllusion" nennt: für eine bis zum Aeußerften geh'iebene Naturtreue. Sie haben die Spannweite des sozialen Blicks der Barockzeit; sie kennen die Reichen, aber sie kennen auch die Armen wie ja das Barock zuerst einen ent­deckerischen und planvollen Blick in die unteren Bezirke der Gesellschaft gerichtet hat. Sie Krippen haben mit dem leidenschaftlich spielenden Naturalismus des Barock auch den barocken Bautrieb. Sie besitzen den barocken Raumsinn; jenen Raumgeist des Newton-Zeitalters, der weiß, daß die Menschen im Raum so groß sind wie Käferchen. Und so lieben es die Krippen, die Weite des Raumes, die planetarische Weite der Welt besonders nachdrücklich darzustellen. Endlich: die Krippen haben den großen barocken Theatersinn und man wundert sich, daß die Krippen­figuren aus ihrer deutlichen, schon überdeutlichen Starre nicht heraus­treten, um sich zu bewegen, wie Figuren eines unendlich feinen Welt­theaters.

Dies aber nur nebenbei; denn die Krippen sind mehr als ein Gegen­stand der bloßen Kunstgeschichte; sie treffen die Seele.

Deshalb soll auch nicht lange erzählt fein, daß die Entwicklung der Krippen ähnlich ist der Entwicklung großer Kunst: hier wie dort eine zuerst ausschließliche Darstellung des Weltlichen, hinter dem das Heilige nur noch als ein fernes Licht zu schimmern scheint. Wohl aber darf noch gesagt werden: wenn die neapolitanische Krippe reicher ist als die unserer Zone, fo sind unseren Krippen, den alpenländischen, die größere Un­mittelbarkeit der frommen Beziehung geblieben. Da gibt es Bauern­häuser und Berge und die Tiere der Weide, Kuh und Geiß; aber die Weihnacht mit dem Christkind ist da kaum je aus der Mitte der Krippe verschwunden.

Indessen, wie dies fein mag: eins Haden wir auszusagen vergessen. Es wurde vorhin von der mannigfachen Ära ft gesprochen, mit der die Krippen uns anziehen. Eine Kraft hätte dazu genannt werden sollen, und sie soll nun wenigstens am Schluß bezeichnet fein: die herzerwärmende Kraft des Volksmäßigen, das immer an der Wurzel aller Dinge ist. Man sieht die neapolitanischen Krippen, die zuweilen keine Weihnacht und kein Christkind haben. Man hat es ihnen nicht übel nehmen können. Weshalb? Weil Überall, wo echtes Völk ist, der Sinn für die Verehrung des Heiligen lebt selbst wenn er sich nicht immer unmittelbar aus- fpricht, sondern manchmal, ja gemeinhin mit Humor nur dem Profanen zugekehrt erscheint.

Zwei wollen zum Theater.

Roman von Hans-Caspar von Zobelti tz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.

(Nachdruck verboten.) lFortsetzung.)

Netter Unsinn. Sehen Sie, da wäre das erste Austreten doch eine gute Gelegenheit zur Versöhnung. Wird cs ein Erfolg, sind die Eltern mit alle meinverstanden. Wird es ein Reinfall, hat die Kleine sie zum Trost da, und der Weg nach Hause ist wieder offen. Ich kenne das ja. Hab's schon ein paarmal mit angesehen. Also sprechen Sie mal mit Roses. Vermitteln Sie. Sie tun ein gutes Werk. Aber bald müssen Sie es tun. Samstag steigt die Sache schon."Sie antworten ja gar nicht." Und nun sah er, daß sie blaß war, daß ihr Mund ein wenig zuckle. Er begriff: sie war erregt, sie hatte ihre Aufgabe im Kopf, wartete. Es war ja so selbstverständlich.

So nahm er das Buch vom Tisch, das er sich Phon zurechtgelegt halte: Frauenopfer". ....... .

Also jetzt zu Ihnen", sagte er.Haben Sie sich eingelebt in die (Renate9" Sie nickte.Nicht ganz leicht. Ich weiß", fuhr er fort,lieber den Wert des Stückes läßt sich streiten. Aber die Renate ist eine Rolle, eine Bombenrolle. Aus der läßt sich was rausholen." Er blätterte.Ich denke, wir nehmen die große Szene im zweiten Akt. Sie wißen ja, wo Renate ihr Schicksal im Gefängnis schildert." In die Mitte des Zimmers trat er rückte die Möbel zur Seite, daß ein freier Raum entstand.Dort die Zuschauer. Von dort kommt die Treppe aus ihrem Schlafzimmer herab, dort ist die Tür in den Park. Hier der Stuhl, in dem Sie nachher zusammenbrechen." Wieder blätterte er, vergegenwärtigte sich noch einmal die Szene, las ein paar Sätze, blickte durch das Zimmer.So, das ist wohl alles?" ,

Isa war ausgeftanden und bis zum Fenster zuruckgetreten. Sie sah ihm zu, wollte helfen, aber fühlte, daß sie nicht fähig dazu war. Gewiß, sie hatte die Szene im Kopf, die Worte. Aber die Nerven zitterten.

Wollen wir anfangen?" fragte er.

Sie ging bis in die Mitte des Raumes.

Er wies sie weiter nach rechts.Sie find von dort oben gekommen. Ihr Mann hat Sie erwartet. Er steht hier, fragt Sie, Sie beginnen ...", er sah in das Buch, .Als du gegangen ...' Bitte." e

Sie trat noch etwas zurück, fing an:Als du gegangen ... eie wußte, es war die schwerste Stelle im Stück, diese lange Holge von Sätzen, die fast ein Monolog waren.

Die Worte kamen, diese Beschreibung des Erlebens im Gefängnis, die Marter. Sie sprach sie, wie sie es sich elngelernt hatte, sie sah habet Georg Büchner an. Und nun fühlte sie: er hat ja gar keine Beziehung zu diesem Erleben. Sie fragte sich, während sie sprach:Warum sage ich