Weihna^ien.
Don Joseph von Eichendorfs. Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus; sinnend geh' ich durch die Gassen, alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen buntes Spielzeug fromm geschmückt, tausend Kindlein stehn und schauen, sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandrc aus den Mauern bis hinaus ins freie Feld.
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern, wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen, aus des Schnees Einsamkeit steigt's wie wunderbares Singen. — Oh, du gnadenreiche Zeit!
Vergessene Schuld.
Weihnachtserzählung von Wilhelm von Scholz.
Copyright 1931 by I. L. A. Wien.
Was wollt ihr denn heute am Weihnachtsabend, oder richtiger schon ! in der Weihnacht selbst, noch etwas Gruseliges hören! Es ist sehr spät geworden. Wir wollen schlafen gehen. Wind hat sich ausgemacht und fährt wild über die Dächer. Er wird uns nicht einschlafen lassen, wenn wir jetzt noch eine Geschichte zum Gruseln erzählen.
Aber weiser Rat wird ja nicht angenommen und befolgt.
Man hatte an diesem Weihnachtsabend aus dem Lukas-Evangelium Ehristi Geburt gehört, ein paar alte schöne Weihnachtslcgenden erzählt und dann den „Gleitenden Purpur" von Conrad Ferdinand Meyer vor- geiragen. Das Wunder der Weihnacht, in der alljährlich das Licht nach kurzer atmender Raft sich durch den erst anhebenden dunklen Winter emporzuringen beginnt, hatte uns alle ubcrschauert.
Es war schließlich zu verstehen, daß man nun etwas Wunderbares vernehmen wollte, etwas, das die Müdigkeit noch einmal bannte, ehe man vom warmen Punsch aufbrach und zu Bette ging.
So hört denn zu! Es ist eine wahre Geschichte und wird euch deshalb vielleicht nicht gruselig genug sein. Denn die richtigen Gruselgeschichten sind alle erfunden und erdichtet.
Ich hatte einen Freund aus jungen Jahren, schon von der Klippschulzeit her, der nachher auch mit mir in Marburg studierte.
Kennt ihr Marburg? Es ist so vollendet die kleine urheimliche deutsche Universitätsstadt mit Berggassen, Giebeln, Spitzdächern, Flieder, weitem Blick ins Land, Mädchen und Studenten, daß man, wenn man in der Dämmerung drin herumläust, sich immer wieder überzeugen muß, ob es auch wirklich Wirklichkeit ist und nicht Märchen oder ein Bild, in dessen gemalte Tiefe man arglos hineingeraten.
Da studierten wir. Mein Freund wollte auch gelegentlich, wenn er dazu Zeit finden würde, im Archiv eines benachbarten Schlosses, das vor 100 Jahren seiner Familie gehört hatte, nach etwa noch vorhandenen Urkunden und Briefen seines Urgroßvaters suchen; aber natürlich nur so nebenbei, neben dem vielen Wichtigeren, das ein Student zu tun hat.
Wir waren froh und guter Dinge, sogen blaue Himmelsluft und blauen Pseifenrauch, den abendlichen Dust des Flieders, Mondschein und Küsse in unsere junge Seele — bis mir an meinem Freunde eine Verstimmung ausfiel, die ich mir nicht erklären konnte. Als ich aufmerkie, war mir, als liege der Beginn seines Trübwerdens schon einige Zeit zurück — hatte ich es nicht beachtet, weil mich eine kleine Liebschaft beschäftigte und von dem Studiengenossen abzog?
Als ich Eduard schließlich geradezu fragte, was ihm sei, wich er lange aus. Erst auf heftigeres Drängen bekannte er, daß ihn ein sich wiederholender unangenehmer Traum quälte. Das Merkwürdige an diesem Traum sei nicht nur, daß er, Eduard, in den letzten Wochen schon etwa dreimal völlig das gleiche geträumt habe, sondern daß er — obwohl er bisher nichts davon wußte — sich nun erinnere, schon als Knabe dasselbe geträumt zu haben.
„Es ist kurios, ich gehe als ein junger Mensch, etwa in unserem Alter, aber in einer Kleidung, wie man sic heute nirgends mehr sieht, einen Gartenzaun entlang und trage eine undeutliche, aber blanke Waffe in der Hand Am Ende des Zaunes, wo eine Laube von innen ihr Blattgerank über das Staket hängen läßt, steht ein. anderer, den ich in dem Traum viel deutlicher sehe als mich. Er funkelt mich zornigen Auges an. Mein Herz schlägt wild, und in seinem Pulsen überkommt mich ein glühendes, beglückendes Liebesgefühl, wie ich es, das kann ich dir versichern, noch keiner unserer hiesigen Blondinen und Brünetten gegenüber, überhaupt noch nie im Wachen empfunden habe. Ich weih, sie wartet unsichtbar in der Laube auf den Sieger. Da fällt mich auch der andere schon besinnungslos an, stürzt in meine nur eben erhobene Klinge und versinkt ins Dunkel. Ich fühle mit jäher Angst, daß. selbst wenn ich als Täter verborgen bleibe oder man meine Tat als Duell glimpflich beurteilen wird, dieser Augenblick über meinem ganzen künftigen Leben als schwerer Seelendruck liegen und meine Liebe zu der so blutig errungenen Frau ewig überbüftern und überdunkeln wird. Damit wache ich auf. So wiederholt es sich."
Mein gutes Zureden, mit dem ich das alte Sprichwort „Träume — Schäume" abwandelte, schien ihn wieder heiterer zu stimmen. Bald darauf kam Eduards fehr beschäftigter Baler, den Sohn auf einen Tag zu besuchen. Ich hielt mich zurück, da der Vater, wie ich wußte, vielerlei Familien- und Vermögensdinge mit Eduard bereden wollte, wobei ich nicht stören durfte.
Am nächsten Tage berichtete mir mein Freund, er hätte auch seinem Vater beiläufig von den quälenden Vorstellungen erzählt. Sein Vater habe erst in Öen mit gebrachten Papieren ruhig weitergeblättert und anscheinend kaum zugehört, sei plötzlich aber erschreckt ausgesahren, blaß habe er den Sohn angestarrt und erwidert: „Auch ich bin in beinern Alter von diesem Traum verfolgt worden und dein Onkel Theodor, mein jüngerer Bruder, auch!"
Diese Wiederkehr eines zwanghaften, sich gleichbleibenden Geschehens in der Schlasseele mehrerer männlicher Mitglieder ein und derselben Familie würde nur eine Kuriosität mehr sein in der Zahl der vielen vorkommenden Unerklärlichkeiten, die uns, eben weil sie unerklärlich sind, nicht weiterbringen.
Aber hier schimmerte, wenn auch keine Erklärung, zuletzt doch ein Stückchen Zusammenhang — wie eine da und dort ausglitzernde Flußschleife in hochbegrastem grünen Wiesenial — aus der Vergangenheit her.
Eduard war den Traum um Burschenleben glücklich losgeworden. Er kam endlich, ein volles Jahr nach dem Besuche seines Vaters, beim Herannahen des Abschieds von Marburg und dessen Wissens- und sonstigen Schätzen, die sich meinem Freunde inzwischen erschlossen hatten, dazu, noch auf das Gut hinauszufahren, das einst dem Urgroßvater gehört hatte. Ich begleitete Eduard und durchstöberte mit ihm alte, umschnürte Packen von Kaufverträgen, Testamenten, Familienaufzeichnungen; denen ein unbeholfen gezeichneter Stammbaum angehestet war, gebündelte Jahresabrechnungen des Gutes und in ausgestorbenen zierlichen Handschriften geschriebene Briese.
Ss war viel mehr Stoff, als mein Freund je vermutet hatte, und viel mehr, als in der uns noch bleibenden Zeit auch nur zu registrieren gewesen wäre. Wir beschlossen, das ans Licht Gehobene unerforscht der ' ©rabfammer im Archiv wieder zurückzugeben, als mein Freund mir einen Brief in der zarten verschnörkelten Handschrift, die, wie wir sestgestellt hatten, die seiner Urgroßmutter war, mit einem zugleich fragenden und hinweisenden Blick und einer fast erschrockenen Gebärde herreichte.
Der Brief war aus dem Jahre 1813. Mein Freund wies auf eine Stelle der zweiten Seite. Ich las in den braun gewordenen, in das vergilbte Velinpapier eingesaugten und eingetrockneten Buchstaben, die doch so lebendig sich zu Worten eines leidenschaftlichen Herzens zusammen- schlofsen, als schlüge dies Herz noch jung und nah: „... ich beschwöre Dich, geliebter Mann, suche nicht mehr um Deiner, unserer Schuld willen den Tod! Verlaß mich nicht! Ich hieß es mit schwerem Kummer, um Deine Seele zu entlasten, um Dein Gewissen zu befreien, gut, daß Du Dich ihm stellen wolltest, damit, wie Du sagtest, Gott leicht hätte. Dir zu vergeben oder Dich zu strafen. Nun mußt Du aber wissen, daß Du ein Kind haben wirst. Ist es da nicht tapferer und besser, mit des Allmächtigen Hilfe auszuharren und auch ein verdunkeltes Leben auf sich zu nehmen? Und ist Zweikampf, wenn auch —“
Hier war das Blatt — wie es schien, absichtlich — abgerissen. Der Rest fehlte. Trug das Geschlecht eine verborgene lastende Schuld seiner Ureltern schwer im Blute weiter und war verurteilt, sie im Traum immer neu zu durchleben und auf sich zu laden?
Das He lige Lanv in der Heimat.
Krippen und Krippenfiguren.
Von Wilhelm H a u f e n ft e l n.
Immer und immer wieder ist Ursache, von der schönen Krippenjamm- lung zu sprechen, die im Münchner Nationalmuseum an der Prinz- rcgentenstraße aufgestellt ist. Von diesen köstlichen Dingen, die dem Eifer des Sammlers Sch niederer verdankt werden, ist viel die Rede; aber merkwürdig: so oft man in den Oberstock des Museums hinauskommt — nicht immer findet man Beschauer. Wahr ist: es fehlt dort oben einigermaßen an Wärme. Ader wenn man von außen her auch ein wenig friert, das Herz wird warm, so oft es diese reizenden Figuren und Gruppen und Raumbilder spiegelt, und wo das Gemüt nicht fröstelt, da kann die Haut es aushalten ...
Die Krippen dort oben haben eine fünffache Kraft, aus der sie uns das innerste Behagen schenken. Sie reden von Weihnachten und von diesen Dingen jo, wie man zu Kindern redet — und also sprechen sie in uns das Beste an: das Ewig-Kindliche des Menschen. Dies ist das Zweite. Sie reden von den frommen Dingen aber auch mit der Vollendung der Kunst, und also sättigen sie den Anspruch der Erwachsenen, ja der in den Künsten geschulten auf eine vollkommene Form. Dies ist das Dritte. Das vierte ist dies: die Krippen haben die heiligen Geschichten in den Begriff der Heimat übersetzt; sie haben die heiligen Geschichten zu uns hergetra- gen — nach dem Norden, her zu uns nach Deutschland, nach Bayern zumal, in die Alpenländer, denen mir durch Geburt oder Wahl verbunden sind. Und das Fünfte: die Krippen begünstigen auch die Luft der Phantasie, begünstigen das Reifen-Wollen der Einbildungskraft, reden zauberisch von fremden Ländern, in denen es Palmen und Mohren und Kamele gibt und einen ewigen Frühling; die Krippen erzählen, wie sie von den Alpenländern melden, auch vom Neapler Golf, von den Paradiesen des mittelmeerländischen Südens.
Kann etwas vollständiger (ein?
Wenn hier nun wieder einmal von den Krippen gesprochen wird, so kommt noch ein besonderer Grund dazu. Nämlich dieser: es gibt zwei schöne Veröffentlichungen zur Krippenkunst. Die eine rührt von Rudolf Berliner her, dem ausgezeichneten Kunstpfleger am Münchner Nationalmuseum, und bringt in fortlaufendem Erscheinen gute Abbildungen gerade des Münchner Bestandes an Krippen. Die andere ist eine Arbeit des Dichters Leo Weismantel, der feinen Heimatboden kennt und liebt. Weismantel hat da ein wahres Lehrbuch der Geheimnisse des Krip- penkünstlers geschrieben. Er macht uns wissen, wie die Krippen entstehen: die einsachen und bescheidenen Flachkrippen voran, dann die schwierigeren und kostbareren Bildnerkrippen, die plastisch dastehen. Der ganze Arbeitsvorgang wird von einem Mann erklärt, der im Geschichtlichen und im Technischen aufs allergenaueste Bescheid weiß; da lernen wir, wie model-


