GietzenerKmüienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Irhrgang 193|
Donnerstag, den 24. Dezember
Nummer 10 A
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Legende vom Christkind.
Volksweise.
Als Gott der Herr geboren war, Da war es kalt.
Was steht Maria am Wege stehn?
Ein Feigenbaum.
Maria laß du die Feigen noch stehn, Wir haben noch dreißig Meilen zu gehn, Es wird uns spät.
Und als Maria ins Städilein kam
Vor eine Tür,
Da sprach sie zu dem Bäuerlein: Behalt uns hier, Wohl um das kleine Kindelein, Es möcht dich wahrlich sonst gereun, Die Nacht ist kalt.
Der Bauer sprach von Herzen ja, Geht in den Stall!
Als nun die halbe Mitternacht kam, Stand auf der Mann:
Wo seid ihr dann, ihr armen Leut?
Daß ihr noch nicht erfroren seid, Das wundert mich.
Der Bauer ging da wieder ins Haus, Wohl aus der Scheuer.
Steh auf, mein Weib, mein liebes Weib, Und mach ein Feuer, Und mach ein gutes Feuerlein, Daß diese armen Leuielein Erwärmen sich.
Und als Maria ins Haus hin kam, Da war sie froh.
Joseph Der war ein frommer Mann, Sein Säcklein holt:
Er nimmt heraus ein Kesselein, Das Kind töt ein bißchen Schnee hinein. Und das fei Mehl.
Es tat ein wenig Eis hinein, Und das fei Zucker, Es tat ein wenig Wasser drein, Und das fei Milch:
Sie hingen den Kessel übern Herd, An einen Haken, ohne Beschwerd Das Müslein kocht.
Ein Löffel schnitzt der fromme Mann Von einem Span, Der ward von lauter Helsenbein Und Diamant, Maria gab dem Kind den Brei, Da sah man, daß es Jesus sei Unter seinen Augen.
Oie heilige Nacht.
Legende von Selma L a g e r l ü f.
Copyright 1931 by I. L. A. Wien.
Es war einmal ein Mann, der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. „Ihr lieben Leute, helft mir!" sagte er. „Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen."
Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und memand antwortete ihm. ~
Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter tferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer >m Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde.
Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, fahler, daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen, cie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerfchein leuchteten, und wie sie auf
ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden.
Nun wollte der Mann weitergehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, daß er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.
Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er "eine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und auste, an ihm vorbei, weit über das Feld.
Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: „Guter Freund, hilf mir, und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kind- lein geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen."
Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht vor ihm davon gelaufen waren und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte.
„Nimm, soviel du brauchst", sagte er zu dem Manne.
Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthausen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können.
Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: „Nimm, soviel du brauchst!" Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse ober Aepfel gewesen wären.
Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: „Was kann dies für eine Nacht fein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?" Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: „Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?"
Da sagte der Mann: „Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst." Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Fetter cmziin- den und Weib und Kind wärmen zu können.
Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.
Da sah der Hirt, daß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrvtte liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände.
Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dem Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten.
Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, daß auch er barmherzig jein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.
Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme,^daß in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.
Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie niemand etwas zuleide tun wollten.
Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.
Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, daß seine Augen geöffnet waren, ! daß er aus die Knie fiel und Gott dankte.


