GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
3 ihrgang <951 Montag, den 26. Januar Nummert
Mozart-Quartett.
Von Hugo Salus.
Tempel der Kunst, wie bist du, Wort, heut wahr!
Vielhundert Menschen füllen deine Halle Und fromm begeistert sind e i n Lauschen alle. Vier Priester halten Hochamt am Altar.
Rhythmisch bewegte Luft! Wie wunderbar: Mit ganz verschiednen Wünschen kamt ihr alle, Mann, Weib, Greis, Jugend; jetzt dem schönen Schalle Beut dürstend ihr die gleiche Sehnsucht dar.
Ihr fühlt euch erdentrückt und atmet kaum. Gewährt euch Seligkeit der Heilige Geist, Daß euer Auge taübefeuchtet glänzt?
Kein Geist, doch reinste Schönheit füllt den Raum, Wohlklang, der eure Seelen aufwärts weist, Daß eine Rosenkette euch umkränzt.
Wolfgang Amadeus Mozart.
Zu seinem 17S. Geburtslage.
Von Dr. Rudolf Gerber, Privatdozent an der Universität Gießen.
Gedenktage verpflichten. Es ist nicht damit getan, daß wir in mehr oder minder schwungvollen Worten die Persönlichkeit und das Künstlertum eines großen Musikers oder Dichters feiern. Die kritisch-abwägende, sachlich-nüchterne Haltung unserer Zeit verlangt gebieterisch, daß wir uns Rechenschaft geben über unser inneres Verhältnis zu dem Gefeierten. So müssen wir denn auch fragen: was bedeutet Mozart für unser Geschlecht, er, der raschlebige Hofmusikus einer überkultivierten Adelsgesellschaft für uns Menschen des 20. Jahrhunderts, die mir die Greuel des Weltkrieges und die grundstürzenden Umwälzungen der Revolution hinter uns haben? Gibt es für uns überhaupt noch eine Zugangsform zu der rokokomäßig überfeinerten, im duftigsten bei canto erblühenden Kunst des Salzburger Meisters?
Wenn wir in Mozart den „ewig heiteren Liebling der Götter", den „Lichtgenius der Tonkunst" erblicken, in dessen Werken nichts von seelischen Spannungen und Erschütterungen wahrzunehmen ist, die vielmehr rassaelitische Heiterkeit, Ruhe und Grazie in einzigartiger Form ausprägen, dann müssen wir diese Frage ohne Zweifel verneinen. Aber die Dinge liegen ja wesentlich anders. Für die Romantiker des 19. Jahrhunderts freilich — aber auch für viele Zurückgebliebene unserer so ganz unromantischen Gegenwart ist Mozarts Kunst der Inbegriff des Klassisch- Schönen, Symbol einer absoluten Lebensfreude und Lebensbejahung, einer Weltanschauung, die über allen seelischen Zwiespältigkeiten hoch erhaben ist — eine unterhaltsame Kunst, die man „spielend" bewältigt. Mozarts Zeitgenossen dachten anders! Für sie war schon so manche Wendung in seinen Jugendsinfonicn ein unbegreifliches Phänomen, eine Kundgebung, die wie ein Wetterleuchten am fernen Horizont Schrecken einflößte. Und je mehr der jugendliche Meister feine Schwingen entfaltete, desto stärker trat dieser dämonische Zug seines Wesens hervor.
Das Leben hat den in früher Kindheit Vergötterten hart angepackt. Sein expansives Genie sah sich hineingezwungen in eine gesellschaftliche Stellung, in ein Lakaienverhältnis, das ihm, wenn es hoch kam, gönnerhafte Anerkennung, daneben aber auch erniedrigende Maßregelungen eintrug. Am erzbischöflichen Hofe in Salzburg, wo er als Zwanzigjähriger in Diensten steht, kämpft er voll Leidenschaft um die menfchheitliche Würde des Künstlers, den die Heiduckenuniform im Zeitalter der österreichischen Feudalaristakratie in eine Linie mit dem Lakaien und niederen Hof- bcamten stellte. Er lehnt sich jedoch vergebens gegen die noch herrschenden Gesellschaftsformen auf, scheitert und zerbricht in dem Kampf, aus dem, ein Menschenalter später, ein anderer als Sieger hervorgehen sollte: Beethoven, der mit dem Wiener Adel auf „gleichem Fuße" verkehrte, und feine fürstlichen Bewunderer mit den Offenbarungen feines musikalischen Genies beschenkte, während Mozart seine aristokratischen Gönner und Austraggeber vielfach noch nach altem handwerklichen Brauch mit dem schuldigen Tribut an musikalischem Unterhaltungsstoff beliefert
Aber es ist nicht allein dieser unglückselige Zwiespalt zwischen einem mächtigen Unabhängigkeitsdrang, dem Autonomiebewußtsein des klassischen Menschen, und der Gebundenheit an überlieferte und überlebte gesellschaftliche Formen, der dem Leben und Schaffen Mozarts einen tragischen Akzent verleiht. Auch die häuslichen Verhältnisse gestalten sich, großenteils durch die Schuld seiner Frau, in dem Maße trauriger und verhängnisvoller, je mehr sein Genius sich von der espritvollen Konversationsmusik der Zeit losrang und die Höhen und Tiefen wirklichen Erlebens suchte. Als er mit „Figaro" und „Don Giovanni" den Höhen
weg beschreitet, der ihn bis zu dem Mysterium der „Zauberflöte" führen sollte, da begannen mehr und mehr die Fundamente seines irdischen Daseins zu wanken. Innerlich hat er sich zwar von allen Vorurteilen frei gemacht, und sich über die Misere des Alltags erhoben. Der Dreißig- jährige ist ein reifer Mensch, der die Welt mit Shakespeareschen Augen heht, für den der Tod ein Stück Natur, der „wahre Endzweck unseres Lebens" ist. Aber äußerlich verfiel er der Einsamkeit, dem Elend. Die Bettelbriefe jener letzten Lebensjahre — erschütternde Dokumente eines verzweifelten Ringens — taten kaum irgendwelche Wirkung. Gleich einem leuchtenden Meteor versank er im Nichts, endete im Armengrab, das alle Spuren seines körperlichen Seins getilgt hat.
Dürfen wir annehmen, daß dieses, von tragischen Konflikten und katastrophalen Ereignissen durchsetzte Leben sich nicht, deutlich erkennbar, in Mozarts künstlerisches Schaffen eingegraben hat, daß gar keine Beziehungen bestehen zwischen diesem Menschen und seinem Werk? Ganz gewiß nicht. Lenkt man den Blick allein auf Mozarts Opern, so lassen sich schon in den frühen dramatischen Versuchen des Knaben Züge wahrnehmen, die auf eine eminente Vertiefung der dramatischen Gattung hin- deuten. Er schloß sich an die Italiener an, komponierte opere Serie und opere buffe, ernste und heitere Dramen, ganz nach italienischem Schema und unter Wahrung der traditionellen Charaktermasken, wie sie -von seinen Vorbildern geprägt worden waren. Aber fein Sinn steht nicht nach dem Typischen. Er will die Mannigfaltigkeit des Lebens nach feiner tragischen und komischen Seite im musikalischen Drama festhalten, er will keine Typen, sondern Menschen von Fleisch und Blut durch die Ton- gebarde zeichnen. So schuf er auf der Höhe seines Lebens das musikalische Lustspiel „Figaros Hochzeit" und die dionysische Tragödie des „Don Giovanni" — Werke, in denen er über die konventionellen Typen der opera seria mit ihrer heroischen Geste und der opera buffa mit ihren Harlekinaden hinausgewachsen ist, sie umgewandelt und verschmolzen hat zu einem ergreifenden Schauspiel menschlicher Leidenschaften. Mozarts Don Giovanni ist ein Faust der Sinne, der symbolhafte Träger des allgemein menschlichen, von allen Religionen als dämonisch empfunbenen Triebes des Eros. Das ist fein Schürzenjäger, der sich (wie dies in der italienischen opera buffa stets der Fall war) aus der Verführung der Frauen einen Sport macht. Don Giovanni ist vielmehr der verkörperte Lebens- und ßiebestrieb, der im Verlauf feiner Entfesselung ins Uebermenschliche wächst. Dieser Dämon kann nur durch einen Dämon überrounben werben, ber noch stärker ist als er selber. Das ist der steinerne Gast, ber aus einem, bem Sinnenmenschen nicht erreichbaren Lanbe kommt. Es ist ganz unmozartisch, in dem berühmten 2. Finale etwa das Eingreifen einer sittlichen Weltordnung erblicken zu wollen. Nicht um Schuld und Sühne handelt es sich, sondern um Sein ober Nichtsein. Goethe erkannte den tiefen Sinn dieses gewaltigen Mythus als einziger von Mozarts Zeitgenossen und er sagt im Jahre 1797, daß der „Don Giovanni" ganz isoliert in ber Weltliteratur bastehe, unb baß burch Mozarts Tob alle Aussicht auf etwas Aehnliches vereitelt fei.
Mozart der Dionyfier, ber Tragiker! Hier eröffnen sich völlig neue Perspektiven für eine vertiefte Mozartbetrachtung. Wir finben bie'bämo- nischen Schatten aber nicht allein in seinen Opern, sondern auch in seiner Instrumentalmusik, in den letzten Sinfonien, besonders in der O-Moll- Sinfonie, die tiefste Melancholie mit wildester Dämonie paart. Und wir finden sie weiterhin in den reifsten Schöpfungen feiner Kammermusik, etwa in dem düster-leidenschaftlichen 6-Mvll-Streichguintett. Wenn spätere Generationen diese Schatten, das Hellseherisch-Dämonische in Mozarts Kunst nicht mehr wahrgenommen haben, wenn sie in der erwähnten O-Moll-Sinfonie ein leichtes Getändel erblickten, oder in bem Baechusmythos bes „Don Giovanni" eine minber wirksame opera buffa, so lag bies an ben, durch bas 19. Jahrhunbert grunblegenb oeränberten Formen des musikalischen Schassens unb Hörens. Die Allgewalt ber Beethvvenfchen Orchestersprache, fein titanisches Pathos, unb ber gesteigerte Affektstil des Wagnerfchen unb Nach-Wagnerfchen Musikbramas haben anbere Maßstäbe geschaffen, mit benen bie Feingliebrigkeit Mozartscher Kunstwerke nicht mehr zu messen waren. Man sah eben jetzt nur noch bas Zierlich-Glatte, Angenehm-Fließende ber Formen, nicht mehr die zutiefst verborgene Intensität bes Lebens. Erst unserer Zeit blieb cs Vorbehalten, die Mannigfaltigkeit dieses Lebens zu erkennen, jenes falsche Mozartbilb richtig zu stellen unb im einzelnen barauf hinzuweisen, in welchem Umfange bie tragischen unb bäinonischen Akzente in Mozarts Persönlichkeit unb Kunst hervortreten.
Gleichwohl müssen wir uns hüten, biefe bunklen Züge seines Wesens einseitig zu betonen. Dies ergäbe ein Porträt, bas gewiß ebenso falsch wäre wie bas romantisch-biebermeierliche. Mozart selbst war alles anbere als ein Pessimist unb Menschenverächter. Er war vielmehr in hohem Maße dem Diesseitigen, Sinnenfreubigen zugewanbt, burchbrang mit dem ihm eigenen Scharfblick die Welt ber Erscheinungen unb erfreute sich an ihrer heiteren Seite. So kennen mir ihn aus feinen zahlreichen ^.-Dur-Stücken, ber berühmten Variationenfonate für Klavier, dem


