Ausgabe 
25.9.1931
 
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oeri

Wil

icht bestehen vor der in allen Einzelheiten aus- Arbeiterparteien, die mit bestem wissenschaftlichen

,The name?' fragte ich.

.Fifton', sagte der Matrose, William Fifton.

Das ist ja eine aufregende Geschichte", brummte Petersen.

Sie ist noch nicht zu Ende", fuhr Punsch, der Bankier, fort.D>e melancholische Pointe ist durchaus noch nicht da. Ich hatte das Erlebnis, das blitzende Messer und den Mann mit dem verbundenen Auge fall qesscn, als ich das war im August in der Zeitung las, daß _iÜiatn Fiston in Hamburg in einer übelberiichtigtcn Kellerkneipe einen Menschen niedergestochen und schwer verletzt hatte. .

.Er hat mir das Leben gerettet', dachte ich, erkundigte mich bei Dem zuständigen Gericht und beauftragte damals hatte man noch einiges Geld einen hervorragenden Asiwalt mit der Verteidigung Fiftons. Der Verteidiger überzeugte das Gericht, daß Notwehr Vorgelegen hatte. Fifton wurde freigesprochen.

Auch das hatte ich fast vergessen, als ich vor sechs Wochen er, - giften auf dem Hamburger Hauptbahnhos traf. Er erkannte mich schon-

.Wissen Sic eigentlich', fragte ich auf englisch, ,wcr Ihnen damals Den berühmten Verteidiger bestellt und bezahlt hat'?'

.Verteidiger?' lachte der Matrose. .Für mich? Ich verstehe nicht.

.Aber das Gericht hat Sie doch sreigesprochcn', sagte ich, .Sie muhen

sich doch erinnern' . ..

.Ich war nie vor Gericht', schüttelte der Matrose den Kops, .und nie angeklagt.' ........

.Aber Sie sind doch Fiston?' fragte ich, und ich suhlte, wie mir etwas Kaltes den Rücken herunterkroch. .

.Fifton?' schüttelte der Matrose den Kops. .Der bin ich nicht. William Fifton war der Mann, der Sie damals in der Kellerkncipe erjtcnjci

", H m, hm", sagte Petersen und verzog den Mund zu einem breiten Grinsendas ist wirklich eine melancholische Geschichte."

Haha", lachte Makmatt,die Sache ist furchtbar komisch.

Tragisch!" seufzte Pünsch und starrte in den Regen

Nun, ja", sagte Makwatt,meinetwegen: tragisch. Fast evem tragisch wie das, was ich in diesem Sommer in Zoppot erlebt 0«; Ich war im Kasino. Der Fürst Ncrwa war auch im Kasino. Tagilch wunderten wir sein Spiel, seine Nerven und seine (agenumtvobene, Brieftasche. Eines Abends aber sah ich, wie ein unscheinbar aus|ei)cnu

jn>r.At in ihrem Mikbrauch ist ein kurzer Weg. Und ewig mißtrauisch Macht SU 'hr°m ^tzbmucy^'ir bic b Regierenden

anvertraut ist, gerecht verwaltet wird. Aber niemals noch ist es tzelungen, > Verneinung als solche und allein zur erfolgreichen Grund- lage einer großen politischen Aktion und einer dauernden^arteigrundung zu9 machen.9 Das Negative hat zur Bindung großer Schichten der Volks­genossen aneinander niemals ausgereicht.

Die politischen Parteien aller Länder mit modernem Versafsungsleben setzen sich aus Menschen zusammen, die sich Sftr Gewinnung von Macht uereiniat haben weil sie gleichartige politische, kulturelle, wirt af11 iche oder soziale Interessen haben. Eines dieser großen Jntere sengebiete gilt ihnen so sehr als über den anderen stehend, ß sie die sonst im Leben widerstrebend auseinanderlausen wurden, sich durch die Klammer der Partei, als der Vertreterin dieser Interessen zu- sammenbinden lassen. Es ist zum Schicksal des Boulangismus geworden, daß ihm ein Programm gefehlt hat, das über einige allgemeine Schlagworte hinausging. Weder politische, noch kulturelle, noch sozwie, noch wirtschaftliche Formeln waren gesunden worden, die über den Tages- gebrauch hinaus gereicht hätten. Boulanger hatte zwar den ungeheuren Appell an die nationalen Gesühle für sich: aber mochte er sich noch o fchr als nationale Front sichten, die Parteien, die auf der andern Seite standen, waren nicht geneigt, ihn in nationaler Beziehung °ls überlegen anzuerkennen weil er die Revanche starker als sie betonte. Sie behaup­teten vielmehr und das französische Volk hat sich im Endergebnis auf ihre Seite gestellt, daß leidenschastliche Töne allein den Patrioten noch nicht machen, und daß der Ruf nach Revanche zu neuen kriegerischen Verwicklungen und, wenn die Weltkonstellation nicht zugunsten Frank­reichs gelagert sei, zum Untergang führen müße.

Was hatten aber außerhalb des nationalen Gedankens Boulanger und der Boulangismus noch zu bieten? Er hatte in sein Programm gewisse sozial «Elemente aufgenommen. Aber hier wieder konnte seinSozialismus" nick' "" ln nus"

gearbeiteten Lehre der Arbeiterparteien, ........ .. ... .

Rüstzeug von Marx und Lassalle geschassen war, und zu der die fran­zösischen Arbeitermassen sich gerade in diesem Augenblick zu bekennen begannen. Blieb schließlich als Kernstück boulangist,scher Bestrebungen der Ruf nach Revision der Verfassung. Aber auch hierin lag nichts Originales. Auf keiner Seite war eigentlich beftritten worden daß die Verfassung von 1875 ein Provisorium war, geschaffen um die Repu­blik zunächst einmal unter Dach und Fach zu bringen. Aber die schlech­testen Gesetze haben ja im Dasein der Völker häufig das zäheste Ledem und so ist diese viel geschmähte und viel angefeindete Verfassung auch jetzt nach nahezu 60 Jahren noch im großen und ganzen unverändert in Kraft Zudem stand Boulanger mit seiner Forderung nach sofortiger Ver- sassungsresorm gar nicht allein. Die Radikalen wollten den Senat schon lange abschafse». Boulangers eigenen Verfassungsplanen fehlte die Prä­zision. Hinter seinen großen Reden stand viel mehr der Wunsch nach persönlicher Geltung und nach großer, überragender Stellung un Staats­leben als die feste Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Durchsetzung bestimmter, unabänberlid)er Prinzipien des Versassungslebens.

Und gar die Forderung nach Auflösung der Kammer war eine zeitlich bedingte Frage: von ein paar Monaten früherer oder spaterer Auslosung konnte das Schicksal der Republik nicht abhangen. Und das war chließlich alles, was an Sachlichem von Boulanger empfohlen . wurde. Mit einem solchen gehaltlosen Programm war es wohl möglich, auf kurze Zeit eine Volksbewegung zu schaffen, zumal, wenn sie von einem so populären Mann getragen wurde. Als es aber zu den allgemei­nen Wahlen ging, zeigte es sich, daß der Eindruck nicht genug in die Tiefe gegangen war, um Millionen Wähler von ihren bisherigen poli­tischen Ideen abzubringen. m .

Und ein tragischer Irrtum Boulangers und seiner Berater kam noch hinzu: Die Bewegung, die ursprünglich eine republikanische, revisionistische nd, wenn man will, revolutionäre gewesen war, wurde durch persönliche Bindungen, durch das Geld der Könige, durch den Ehrgeiz der Führer mehr und mehr an die monarchistischen Parteien gekettet. Hier schlossen heterogene Elemente ein Bündnis, ohne sicher zu fein, daß auch die An­hänger ihnen folgten. Der sichere Instinkt des französischen Volkes aber erkannte, daß das Bündnis zwischen Boulanger und der monarchistischen Reaktion entweder direkt oder indirekt auf dem Weg über seine Diktatur, zur Wiederherstellung der Monarchie führen müsse. Nun bedeutete zwar die Legende des großen Napoleon die Erinnerung an eine glorreiche Epoche Geschichte, in der die französischen Fahnen in die weite Welt bis zu den Pyramiden, bis tief hinein ins russische Reich getragen worden waren. Aber das Endresultat sah anders aus. Napoleons Sturz im Jahre 1815 hatte zur Verkleinerung des französischen Staats­gebietes, zur Zurückdrängung des französischen Einflusses, zur Miiiderung des französischen Ansehens geführt. Was die Revolutionsheere erobert, was die Republik zu Frankreich geschlagen hatte, konnte das Kaiserreich selbst des genialen Mannes aus Korsika nicht behaupten. Der Glanz seines Ausstiegs war von der französischen Nation mit Opfern an Gut und Blut allzu teuer bezahlt worden.

Mochte aber auch in den breiten Volksmassen der grüne Hut des ersten Napoleon damals schon im Nebelhasten zu verschwinden begonnen haben, so war doch um die Zeit Boulangers die Erinnerung an den dritten Napoleon noch allgegenwärtig. Auch fein Name hatte mit dem Glanz der sechziger Jahre, mit der Schönheit der Kaiserin Eugenie, mit den wunderbaren Festen der Tuilerien, mit der Ausbreitung der Finanzmacht einen Höhepunkt sranzösischen Ansehens in der ganzen Welt bedeutet. Aber das Kaiserreich hatte zum Krieg von 1870 und zur Niederlage gzsiihrt. Sedan, Metz, Straßburg welch schrecklichen Zeichen! Niemand konnte ihre Wiederkehr, niemand eine» dritten Staatsstreich wünschen. Aber darüber mußte man sich klar fein: die Errichtung einer boulangistischen Diktatur bedeutete Krieg mit Deutschland. Allzu­oft und unverhohlen hatte Bismarck dieser Meinung Ausdruck gegeben. Ein Regime Boulanger hätte den Parteien und Männern in Deutschland, hie zum Präventivkriege drängten, nicht einen, tausend Vorwände zum

Losschlagen gegeben. Unb «Ismarrf hätte, selbst wenn er es gewollt hätte, sie nicht zügeln können. Da wären die Magazingewehre von selbst 10S$)Tbe9rnetn[amfeit des Exils, in den langen, schlaflosen Nächten hat Boulanger seine Fehler auch selbst erkannt. Aber diese Erkenntnis ift dem Manne, der sich sehnsuchtsvoll die Augen nach der Heimat ausschmhe ,u fyät gekommen. Die Stunde, die sich ihm geboten, die er mcht zu nutzen verstanden hatte, ist nie mehr zurückgekehrt. Versenkt im Meer de? Ewigkeit untergegangen. Und darum ist letzten Endes andern Bünd­nis mit den Monarchisten, an der Erkenntnis des sranzösischen Volkes, daß die Folge eines boulangistischen Sieges der Krieg fein muffe, die Bewegung gescheitert. Boulanger und sein Anhang hatten die Tivue der sranzösischen Nation zur Republik und den Willen ihrer Mehrheit zum Frieden unterschätzt.

Herbst drinnen und draußen.

Drei surchtbar traurige Geschichten.

Von Hans R i e b a u.

Die Blätter fallen. Der Wind wirbelt am Boden entlang. Weiße Segelboote werden in schmutzige Schuppen verstaut, Motorräder in Pe- trolcum und Golsanzüge in 'Mottenpulvergetaucht. Es ist Herbst.

In der Veranda desHotel Forsthaus sitzen drei Herren und starren durch die Scheiben. Was tun die drei Herren, mitten im Herbst, im

"EG "Regenschauer prasselt herunter.Erzählen Sie doch etwas, zum Teusel", sagte Petersen und klapste sich die Pseise aus.

Im Herbst," seufzte Makwatt,im Herbst fallen mir nur traurige Geschichten ein. Der ganze Sommer, das ganze Jahr scheint nur aus melancholischen Dingen bestanden zu haben."

Und wenn schon," zuckte Pünsch, der Bankier, die Achsel,warum soll 'es keine Melancholie geben? Ist nicht jedes Erlebnis, das wir zum Totlachen sinden, eine verflucht traurige Angelegenheit, wem, es vom Standpunkt des belachten Opfers angesehen wird? Sind nicht alle die angeblich luftigen Typen, Serenissimus, Adamson, Federmann und wie fie alle heißen, im Grunde beklagenswerte Geschöpfe? Und sind nicht die Hofnarren der Vergangenheit und die Clowns der Ge^nwart, wenn sie ihre Rolle richtig und gut spielen, geradezu tragische Gestalten?

Wozu philosophieren," sagte Petersen und legte die Pfeife weg, ^Jch wollte gerade anfangen", lächelte Pünsch.Im Juni vorigen Jahres war ich in Hamburg. Immer, wenn ich in Hamburg bin, mache ich einen Bummel durch di« Hafenkneipen. Besonders das Chinesenviertei ist interessant. Na ja. Ich saß also in einem Keller, der bestimmt mcht als Attraktion für die Fremden gedacht ist. Allerlei Seeleute saßen da herum, aber die meisten Gäste waren zweifellos Angehörige der Unterwelt. Zwi­schen den Männern die üblichen Mädchen. Aber nein, em Mädchen war da das gehörte, wie ich glaubte, nicht hier her. Jung war sie, und ... Nun kurz und gut: das Mädchen warf mir einen Blick zu, ich warf Den Blick zurück. Sie fetzt« sich an meinen Tisch.

Di« Gäste an den Nebentischen machten lange Halse. Nicht ohne Gründ. Denn plötzlich kam ein Mann herangeschlendert, der es war wie in einem amerikanischen Film ein Auge verbunden hatte. ,Hei ernte er guckte das Mädchen an, guckt« mich an. Eine Sekunde (pater flog der'Tisch um, die Gläser gingen in Scherben, ein Messer blitzte.

Da erlo ch das Licht. ,Cornel' flüsterte eine Stimme. Ich kam und ließ mich sichren. Als ich aus der Straße stand, sagte ich: ,Danke schon, Wie heilen

Der andere, offenbar ein englischer Matrose, antwortete nicht.