Ausgabe 
25.9.1931
 
Einzelbild herunterladen

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang (951

Hreitag, den 25. September

Nummer 75

Herbst.

Bon Karl Nötiger.

Und diese übermächtige Pracht Des Herbstes in den Gärten macht Mich ratlos, fassungslos und schwer, Fragend stehen alle Dinge um mich her. Und stehen wie eine fremde Welt, In die ein Traum mich hingestellt, Darin ich hin und wieder gehe. Die ich bestaune und nicht verstehe.

Zuweilen, wenn ein Duft hinschwebt, Ein Blättlein sich im Winde hebt Vom Wein, der an den Gittern rankt, Sich löst und leise niederschwankt: Denk ich: die fremde Stimme spricht: Du kamst herein und kennst mich nicht, Du kannst durch meine Schönheit gehn, Dich wundern und mich nicht verstehn."

General Boulanger.

Von Dr. Bruno Weil.

Der heute säst vergessene General Boulanger (1837 bis 1891) war vor etwa einem halben Jahrhundert für kurze Zeit der populärste Mann in Frankreich. Fast hätte er, leidenschast- licher Verfechter des Revanchegedankens gegen Deutschland, schon 1887 den Krieg entfesselt. Sein abenteuerliches Leben fährt von glänzendem Aufstieg zu jähem Sturz und rühmlosem Ende. Boulanger machte militärisch rasch Karriere, wurde Oberst, Kavalleriegeneral, Kriegsminister unter Freycmet, Haupt der monarchistischen Kreise und der antirepublikanischen Opposition: schließlich stand er knapp vor der Diktatur. L.och war er bei alledem ein Mann der Phrase und der Pose, nicht der Tat. Sein dilettantisches Gastspiel in der hohen Poli­tik wurde sein Verhängnis. Er wurde kaltgestellt, als Abgeord­neter aufs neue populär, bald darauf vom Staatsgerichtshos angeklagt und nach seiner Flucht ins Ausland verurteilt Seine letzten Jahre, politisch bedeutungslos, stehen unter dem beherr­schenden Eindruck eines romantischen Erlebnisses: Boulanger, wenig glücklich verheiratet, verliebte sich bis zur Raserei in die schöne Bicomtesse de Bonnemains und lebte mit ihr im Exil, bis sie erkrankte und starb. Zwei Monate spater er choß sich der General an ihrem Grabe. 3m folgenden geben wir aus dem in Kürze erscheinenden Buch ./Gluck und Elend des Generals Boulanger" von Dr Bruno We il mit Erlaubnis des Verlages Dr. Walther Rothschild 'N Berlin einen kurzen Abschnitt wieder. Nachdem der Berchsser ,m. Vor­jahr in seinem Aufsehen erregenden, in zahlreichen Auslagen erschienenen BuchDer Prozeß des Haup mann D cyfus diese Affäre spannend geschildert hat, behandelt der neue Band den General Boulanger, der im Frankreich der achtziger Jahre die Verkörperung des Revanchekrwges darstellte^ Weil g bt neben der romantischen Liebesgeschichte des Generals unter Benuizunq der deutschen diplomatischen Akten ein abschließen­des Bild der deutsch-französischen Politik dieser Zeit vom^Eim greifen Bismarcks, der Haltung des alten Kaisers und der Frage: Wer hat den Krieg gewollt?

Georges Ernest Maria Boulanger, Reitergeneral, Kriegsimmster Ab- Ieordneter, Märtyrer des Staatsgerichtshofes, Parteiführer und grandia- ler Liebhaber - wie wenig Erinnerungen find an dich gebLebern Hat sich &as impulsive, immer zur Anbetung bereite, aber m der lateinischen Klar­heit doch lebten Ende« kritische Volk der Franzosen der ungeheuren Äo Jungen für dich ein ganz klein wenig geschämt? Und es nicht wahr haben -wollen, daß ein Federbusch es zur Raserei, ein blonder Bart in^emem Eäglichen Gesicht es fast um den Verstand gebracht. hatte. Wi« so mancher stürmisch Liebende kaum mehr begreifen kann ist der Rauschber Zärtlichkeit verflogen, daß diese, gerade diese Frau seine Leiber, , s

ober Me noch uno IJ. - ber Epoche, die seit saft zwanzig Jahren die Menschheit m Angst und Schrecks Üalt, stehen werden, wenn noch ein paar Jahrzehnte ih e ~ Pf

Meer der Ewigkeit haben fallen lassen, was wird dann in den Geschichts­büchern von Boulanger zu lesen sein? Mit drei Zeilen wird daran erinnert werden, daß es einmal einen Kriegsminister dieses Namens gab, der einen wunderschönen Rappen Tunis ritt, dem das Volk zujubelte und der, fern der Heimat, starb. Oder nein wird nicht vielmehr im Gedächt­nis der Nachfahren aus diesem Leben nur die große, alles überragende Liebe übrigbleiben, und Großmutter wird ihren Enkelkindern wie von Tristan und Isolde, von Romeo und Julia, so auch von Georges und Marguerite erzählen?

Aber, wenn auch das Bild des Mannes nach und nach verblaßt ist, so bleiben doch einige Dinge als Schlußfolgerung aus der Bewe­gung, die seinen Namen trug, übrig, die festgehalten werden müssen, zunächst dies: Die französische Republik hat sich erst fünf Jahre nach ihrer tatsächlichen Konstituierung ihre Verfassung gegeben. Der Anschlag, den die Royalisten unter Mac Mahon zwei Jahre darauf auf sie unter­nommen haben, ist abgeschlagen worden. Aber bis zur Bewegung des Boulangismus blieb die Gefahr immer noch groß, daß fei es auf dem Wege über den Stimmzettel ober mit Gewalt, legal oder illegal die Republik gestürzt und die Monarchie an ihre Stelle gefetzt werden könne. Mit dem Fall Voulangers ist die monarchistische Bewegung in Frankreich zu Tode getroffen worden. Seit dieser Zeit ist die königliche Linie der Orleans und die kaiserliche ber Bonapartes zur Einflußlosigkeit verurteilt. Ein Versuch zur Wiederherstellung der Monarchie ist nicht einmal auch nur ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Und wenn auch heute noch in irgendwelchen abgelegenen Tälern oder auf einsamen Gebirgsrücken ober selbst in ber politisch leicht erregbaren Hauptstabt Paris eine geringe Anzahl Menschen in ber Erinnerung an bas Königshaus ober an bie Taten bes großen Korfen lebt, ja selbst, wenn bei einer festlichen Ver­mählung bas immer noch verbannte Haus Orleans alle Getreuen zur weiten Fahrt nach Palermo aufbietet, unb wenn bem Ruf eine Anzahl trabitionserfüllter, mit ber Republik nach nicht versöhnter Monarchisten folgt: Politisch ist bas ohne jebe Bebeutung. Die Republik steht in Frankreich fester als je.

Das Beispiel ber Boulanger hat sich weiter bahin ausgewirkt, baß seit biefer Zeit niemals wieber ein Versuch unternommen worben ist, die Verfassung mit Gewalt zu stürzen. Kein Anwärter auf die Diktatur ist in Erscheinung getreten. Der Gedanke einer gewaltsamen Aenderung ber Verfassung ist nicht einmal im Kriege, als bie Kanonen bas große Wort zu sprechen hatten, aufgeworfen worben. Die Zivilgewalt hat ihre unbebingte Vorherrschaft gegenüber ben militärischen Instanzen immer unb überall burchzusetzen gewußt. Die großen militärischen Ent­scheidungen sind von den Militärs herbeigeführt worden, aber die gesamte Maschinerie des Heeres wurde nie Selbstzweck, blieb ein Teil, wenn auch einer der wichtigsten im Getriebe der politischen Entscheidungen, bie bie Zioilgewcllt mit eisernem Willen in ihren Händen hielt. Ohne daß, wie bas Exempel gelehrt hat, bie Kriegführung barunter zu leiben brauchte. Boulanger war ber letzte General, ber eine Diktatur hätte aufrichten können. Selbst er hat es zum Schluß nicht gewagt. Mit ihm find alle Diktaturpläne zu Enbe gewesen.

Und noch in einem dritten Sinne hat die Affäre Boulanger Heilung und Aufklärung gebracht: Die Franzosen sind durch sie vor weiterem Mißbrauch bes Begriffes bes Nationalen behütet worben. Die Boulangerpartei war in ber Sprache ihrer Anhängerb i e nationale". Sie versuchte sich einen Vorsprung baburch zu verschaffen, daß sie die andern Parteien als nicht oder ungenügend national bezeichnete. Sie bildete oder suchte zu bilden Frankreichs nationale Opposition. Das hätte um so eher gelingen können, als die Erinnerung an die Nieder­lage von 1870 und 1871 noch so lebendig war, daß der Appell an die nationalen Instinkte allzu leicht Widerhall im französischen Volke fand. Obschon also die Bewegung sich auf einem Hintergrund abfyob, der einem revolutionären General leichten Erfolg versprach, und obschon in der Person des Generals Boulanger ein Mann gefunden war, der für einen großen Teil der französischen Nation das angebetete Idol, den Helden, den Führer, den unbestrittenen Chef barstellte, hat die Bewegung die Spaltung des Volkes in einen nationalen und in einen nichtnationalen Teil nicht erreichen können. Woher ber Mißerfolg? War es, weil in romanischen Länbern sich bie Volksleibenfchaft von Zeit zu Zeit wie ber Krater öffnet und glühende Lava auswirft, deren Feuerschein selbst die dunkle Nacht mit Glanz erfüllt, die aber im Weiterströmen alles, was im Bannkreis des Kraters liegt, zerstört und vernichtet? Daß also die Popularität schon nach kurzer Zeit demjenigen zum Verderben gereichen muß, dem das Volk so heiß entgegenjubelt? Mag sein. Volksgunst ist wetterwendisch.

Aber entscheidend ist ein anderes gewesen: Kritik, Unzufriedenheit, Verneinung des Bestehenden, Kampf gegen die jeweilige Staatsordnung und die Machthaber sind ungemein mächtige Triebfedern im Organismus bes staatlichen Lebens, insbefonbere ber Demokratie. Vom Besitz ber