Ausgabe 
24.8.1931
 
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feilten Tiermord mehr gegeben, so bekommen Sie noch einmal so viel. Meint Ihr nicht, daß wir auch das noch einmal zusammenbringen?"

Ja!" riefen die Jungen.Ja!"

Und nur die schwächeren Charaktere unter ihnen dachten einen Augen­blick daran, aber auch nur einen Augenblick, auf wieviel herrliche Dinge des Lebens man in den nächsten Monaten werde verzichten müssen, um so viel Geld zusammen zu bekommen.

Der Mann rechnete und überlegte. Er dachte sich wohl, was ein An­gebot von solchen ,Laufejungens' wert sei. Das waren keine Bolljährigen, mit denen man einen Vertrag abschließen konnte, auf Grund dessen eine Forderung einklagbar war. Da waren sie an den Richtigen gekommen! Ihn konnten gerade ein paar Straßenjungens betrügen, mochten auch einige von ihnen aus den feinsten Familien des Landes feint

Nein!" sagte der Mann.

Dann gehen Sie jetzt", sagte der Häuptling ganz ruhig.Ihr Wagen ist von zwei Kameraden behütet worden. Die haben die Taschen voll Zucker für Ihr Pferd." .

Der Häuptling gab Lüders und Kömgsmarck ein Zeichen.

Diese beiden begleiteten den grollenden Mann zu seinem Wagen zurück.

Krieg!" sagt« der Kurfürst.

Ärieg!" wiederholten die Tertianer.

Sie erhoben ihre Hände. Ihre Arme standen starr wie die Stämme der Tannen, die sie umgaben.

XV.

Die Tertianer bezeichneten ihre Schulfeinde in der Stadt verächtlich Mit dem Namen .Knötzingianer'!

Die Knötzingianer waren keine durchaus bösartig« Raffe. Keine Jungens- und keine Mädchenrasse auf Erden ist durchaus bösartig. Sie waren nur gedankenlos, schlecht geleitet, kleinlich, dumpf und roh, wie ihre Vorfahren. Ihre Stellung zu den Tieren beispielsweise war ihnen vorgezeichnet, da gab es nichts zu denken und zu fühlen! Das Vieh war auf Erden, um aus feinem Mutterleibe die Milch sür die Leute her­zugeben; um im Gespann zu arbeiten; um geschlagen, gejagt, gefangen, getötet und verspeist zu werden. Der Hund war seiner Wachsamkeit wegen geschaffen worden. Die Katze, um Mäuse und Brummer zu fangen. Tiere, die zu nichts nutze waren, wie die Blindschleiche oder der Frosch, wurden erschlagen, wo immer man sie antraf. Das war seit Bestehen der Menschheit so, darüber gab es nichts zu grübeln.

Die Knötzingianer waren überzeugt, daß die Tertianer die Hunde- und Katzensperre nur zum Anlaß genommen hatten, um wieder einmal Streit anzusangen. Die meisten unter ihnen glaubten, daß die Tertia lediglich aus Gewinnsucht handele. Nach ihrer Änsicht galt es, einen rein geschäftlichen Konkurrenzkampf auszufechten.

Es gab einige Knötzingianer, die sich auf den Freitag wie auf einen Ferientag freuten. Sie sollten in der Tat die letzten zwei Schulstunden frei bekommen, um sich dem staatlichen Gebote dienstbar zu erzeigen. Sie sollten auf die Katzenjagd gehen. Es war nun einmal im Interesse der Sicherheit und Hygiene des Staatsbürgers erforderlich, diese Jagd bis zum letzten Hauch von Mann und Tier vorzunehmen.

So mancher malte sich das nicht alltägliche Vergnügen dabei aus: man sollte die Katzen in Säcken sammeln, immer zu zehn. Wie würde das wohl aussehen, in einem Sack zehn Katzen, die sich vor Angst gegen­seitig in ihrem höllischen Dunkel zerfleischen würden? Ein Kartoffelsack, der sich bewegen würde, mit lustigen Sprüngen, bald hier-, bald dorthin! Ein Kartoffelsack, der sich kräuseln und aufbäumen würde wie ein Tüm­pel im Wind! Ein Kartosfelsack, der in namenloser Angst davonläust und in bleichem Grame wieder zu seinem Henker zurückkehrt! Man könnte auch ein Wettrennen zwischen den einzelnen Säcken veranstalten. Viel­leicht, daß das Naß von den blutig geweinten Augen der Tiere hindurch­sickern würde, dann endlich die Knüppel in die Hand nehmen und darauf losschlagen, bis die lebendige, das Leben sich anmaßende Um­hüllung Ruhe gäbe... Es war keine bewußte Grausamkeit bei alledem im Spiel, sondern vielmehr die Abwesenheit jedes Mitgefühls mit allen vernunftlosen Geschöpfen dieser Erde.

Doch es waren auch Schüler genug in dieser Stadt, die sich gelobten, während des Mordens in die Felder zu gehen und erst zurückzukehren, wenn alles vorüber fein würde.

Man war im Schulstaat in der letzten Zeit an Ueberraschungen gewöhnt, wenn es sich um die Tertia handelte. Jedoch, was man am Freitagmorgen dort erfahren mußte, war ohne Beispiel. Es mochte schon vorkommen, daß ein einzelner Schüler einmal einen halben Tag lang verschwunden war, aber eine ganze Klasse? Konnte eine ganze Klasse so mir nichts, dir nichts verschwinden?

Das aber war mit der Bande der Fall. Sie war am frühen Morgen, als die Präfekten in den verschiedenen Schlafstuben ihrAufftehen!" brüllten, nicht mehr vorzufinden! Sie war entwichen, zerstäubt, ein­gegangen in die ewigen Jagdgründe ihrer Väter. Jeder mochte sich aus- denken, was immer er darüber denken mochte.

Das Sonderbare aber war, daß auch gar keine höhere Weisung erging, nach der Horde zu fahnden. Man nahm es hin, so schien es, daß eine ganze Klasse nicht beim Morgengebet, nicht beim Lauf und Frühstück, nicht beim Unterricht zugegen war. Das verursachte zumal der Sekunda schwere Stunden. Sie machte ernste Augen, ihre Brauen waren hochgezogen, die Stirnen mißbilligend und voll Trauer gerunzelt. So also ging die Disziplin, die Nährmutter alles edlen Strebens der Mensch­heit, zum Teufel! Wie konnte der undeutsche und geradezu widerliche Elan der Tertia dem Vaterlande und der Menschheit zu Nutzen sein, wenn sie nicht pünktlich beim Laus, beim Unterricht, bei den Feldarbeiten, beim Sport, kurzum wenn sie nicht zu allen Stunden, wie geboten, pünkt- iich war?

Währenddessen befand sich die Tertia an diesem Morgen im Dor­gelände von Maineweh.

Dort in einem Wäldchen standen im Morgengrauen mit ihren Hunden fünfundzwanzig Tertianer, bis an die Zähne bewaffnet. Reppert aber hatte einen Lederbeutel am Gürtel hängen, wie Judas Jfchariot. Reppert zahlte gerade jedem die Munition aus. Er hatte eine Unmenge von Zehn-Pfennig-Stücken zur Verfügung, die er sich tags zuvor bei der Reichsbankfiliale erstanden hatte.

Die Bande hatte bei den Lehrern, beim Gutsinspektor und bei den Handwerkern des Schulstagtes eine große, freilich zinslose Anleihe auf genommen. Sie war eine Gesamtbürgschaft eingegangen. Jetzt war sir verschuldet, daß es ein Graus und ein Grauen war.

Reppert war im Begriff, Borst fürs erste einmal fünfzig Zehn- Pfennig-Stücke auszuzahlen. Borst stand mit nacktem Oberkörper do, denn er wollte einige Veränderungen in seiner Toilette vornehmen.

Wirst du uns wieder reinlegen?" fragte Reppert streng, während dir andern aufhorchten.

Borst schlug vorwurfsvoll die Augen auf.

Ganz bestimmt nicht!"

Also! Was hast du zu tun?"

Borst schwenkte einen riesigen Kartoffelsack, den er, wie die Soldaten ihre Mäntel, in feldmarschmäßiger Ausrüstung fest zusammenrollte.

Ich habe den Bezirk BahnhofstraßeBechermachergasse."

Gut. Und?"

Ich gehe in jedes Haus und frage, ob Katzen darin sind, die abzu- liefern sind."

Gut. Und?"

Ich sage, daß das Bezirksamt zwanzig Pfennige pro Katze bezahlt.' Gut. Und?"

Ich biete dreißig Pfennige pro Katze mehr."

Nun?"

Sowie ich fünf, im Höchstfälle aber zehn Katzen im Sack habe, liefere ich sie im Hauptquartier ab."

Wo befindet sich das Hauptquartier?"

Hier im Wäldchen."

Wenn dir einer deine Katzen rauben will, was tust du?"

Ich kämpfe!"

Jawohl! Du kämpfst, bis du nicht mehr kannst, hörst du? Aber das genügt noch nicht. Was hast du noch zu tun, sobald du angegriffen wirst?"

Ich pfeife, was ich kann!"

Zeig deine Torpedopfeife."

Borst zeigte sie her.

Was geschieht dann?"

Die Reserve oder mein Nachbar kommt mir zu Hilfe."

Jawohl! Und so lange hast du auszuhalten, mein Junge, und wenn du krepierst. Wer sich seine Katzen rauben läßt, der ist wie ein Soldat, der sich seine Fahne hat rauben lassen! Verstanden?"

Ja, Reppert!"

Daß mir ja alles heute klappt! Du hast noch allerhand auf dem Kerbholz! Deine Freundschaft zu Daniela hebt dich nicht gerade! Mer! dir das mal!"

Borst war gekränkt.

Der Kurfürst weiß, Reppert'

Schon gut, mein Sohn, ich weiß allerhand von dir!" sagte der Häupt­ling würdevoll, der sich die Instruktion des Rekruten angehört hatte, und alle Tertianer schielten erwartungsvoll zu Borst hin, ob er sich aus­nahmsweise einmal unständig benehmen werde.

Was sie da in diesem Augenblick zu sehen bekamen, machte ihnen nicht viel Mut.

Borst war nämlich im Begriff, eine verhältnismäßig einfache Hand­lung vorzunehmen: er wollte sich sein Hemd anziehen. Aber der Wind flatterte, und Borst bekam das Hemd nicht an. Immer, wenn er den einen Aermel erwischt hatte, ging ihm das Großsegel des andern in Windstärke neun davon. Bald peitschte es ihm rutengleich den Rücken, bald schnürte es sich wie der Strick eines Galgen um seine Kehle, bald wehte es ihm wie eine Ohrfeigen erteilende Standarte über dem Gesicht und über dem Schädel. Bekam er wirklich einmal den zweiten Aermel zu packen, dann verknäulte sich das Mittelftück seines Hemdes in einem hoffnungslosen Wirrwarr auf feinem Rücken, und schließlich trat geradezu Gefahr für Borsts Leben ein. Das Hemd hatte es darauf angelegt, ihn im Glanze feiner Jugend wie ein Kaninchen zu ersticken. Der Krieger Borst war abgekämpft, ehe noch di« Schlacht begann. Kew chend, schwitzend und ratlos vollsührte Borst mit seinem Hemd nur noch ein mattes Rückzugsgeplänkel.

Stumm, ernst und sorgenvoll sahen die Tertianer ihm zu. Sie schielte» nicht mehr, so sehr sie sich auch schämten, solch ein betrübendes Schauspiel vor Augen haben zu müssen, sie blickten geradeswegs auf diese tragische Bühne menschlicher Ungeschicklichkeit.

Hornbostel aber löste sich von der starren Masse der zuschauenden Knaben, ging an Borst vorüber und gab ihm einen wuchtigen Faustschlag in die Grude seiner Hüfte.

Dreh dich doch mit dem Wind, du Esel, und nicht gegen ihn!"

Das war ein funkentelegraphischer Rat zur Errettung aus höchster Seenot! Borst drehte sich mit dem Winde, und siehe da, alsbald saß ihn'- das Hemd wie angegossen auf dem Leib.

Die Tertianer seufzten tief auf, und ein jeder wandte sich wiederum feinem Geschäfte zu. ->

(Fortsetzung folgt.)_________________

^verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Univers itäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Dieben.