Ausgabe 
24.8.1931
 
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Ich werde abgerufen, muß beim Aussetzen der Antilopen helfen, den Zugelefanten holen, weil wir die großen Elenantilopenkisten etwas ,,geschoben" haben wollen. Zwar ist es erstaunlich, wie die Last eines solchen Behälters aufgehoben werden kann durch zwei richtig untergesetzte Holzrollen, aber solch ein Elefant schiebt eben doch schneller als acht Menschen. Durch einen kleinen Stoß mit dem Stiefelabsatz werden die Rollen dirigert, so daß die holpernde Kiste sich plötzlich in einer Kurve weiterbewegt, haargenau bis an die Pforte, die zumSteppengelände" führt. Dann werden die Deckel aufgemacht und Gnus, Blehböcke, Zebras, Büffel und Oryx stapfen, trippeln, poltern und springen in ihre Freiheit, sie haben eine große, langgestreckte Weide mit schattenspendenden Bäumen, und oom benachbarten Sumpfgebiet der Wasservögel her zieht sich der Bach durch das Gehege. Deshalb laufen auch Jungfernkraniche, Störche, Perlhühner zwischen den Antilopen, machen das zoologische Bild noch bunter. Schließlich setzen wir sechs große Strauße dazu, sparen uns dabei das Hinrollen der Kisten. Mitten im Weg wird solch em Kasten auf­gemacht, zwei Wärter greifen blitzschnell zu, jeder packt einen Straußen­flügel, und nun toben sie mit dem lebendigen Transportstiick los, werden oft oom Riesenoogel zur Seite gerissen, schwanken im Zickzack, aber ihre Fäuste lassen nicht locker, und endlich führen sie den Strauß doch dorthin, wo künftig seine Behausung ist. Dieses Transportieren steht höchst gefähr­lich aus, und der Anschein trügt keineswegs; denn wenn die Manner ungeschickt wären, sich nicht trotz aller Turbulenz oorsehen würden, könnte der Zehensuh dieser Laufoögel ihnen wohl das Bein abschlagen.

Inzwischen schassen zwei andere Stellinger mit zwanzig französischen Hilfskräften die hundertfünszig Asfenkisten nach dem Schlafhaus der Paviane, das in den großen Kletterfelsen eingebaut ist. Die Assen sollen im gedeckten Unterkunftsraum erst einmal zur Ruhe kommen.

Das Löwenplateau wird durch eine vier hundertzwanzig Quadratmeter große, nach drei Seiten offene Terrasse gebildet, die oberhalb der 2Inti= iopenfteppe, dem Vogelteich und der Flamingowiese aufwuchtet Bunt prangende Pflanzenanlagen verdecken die sechs Meter tiefen und acht Meter breiten 2lbfperrungsgräben; cyklopenartig türmen stch im Hmte^ gründe rötliche Felsblöcke zu einer Höhlenschlucht. Aber noch habe ich keine Zeit, diesen Anblick ästhetisch zu genießen. Zu dreien bauen wir aus den mitgebrachten Eisengittern einen Laufgang vom Raubkierwagen ins Innere des Hauses, setzen kleine Kisten zu einer Sreppe zusammen bis an den ersten Käsig, und als nach vier Stunden Arbeit dieser Gikter- lunnel fertig ist, ziehe ich den Eisenschieber hoch. Neugierig schnuppernd kommt ein Löwe aus seinem Reisewagen, gleitet in den -lunnelgang und bummelt gemächlich an uns vorbei seinen vorgeschriebenen Weg in Die Sicherheit der künftigen Wohnung. Der nächste hat em hitziges Tempe- rament; er brüllt, flitzt zähnebleckend und nervös den Laufgang hin unö her, schlägt mit den Tatzen und will lange Zeit nicht bie Bahn freigeben 'ür seine Kameraden. Die jungen Löwen fuhren wir die friedliche «traße - sie miauen mit zärtlichen Lockungen vom Wogen m den Stall und kurz vor der Dunkelheit fitzen auch die sechs großen Schwarzbemahten

SeT stane^ Zebrahengst wird von Professor Vogelsang mit Kampferspiritus massiert und durch große Mengen von Medizin gestärkt. Jetzt ist Feierabend. Bis auf die Giraffen einige Gnus und Die Lowen- mutfer find alle Tiere ausgesetzt, wir Menschen aber 311m UmfaUen mube.

Am andern Morgen lockt die Aussicht auf ein heimatliches Mittag^- rot, denn Vater Timm setzt schon um 6 Uhr einen Riesentopf aufs Feuer, Erbsensuppe mit Speck. Zuvor müssen die Giruffen heil in ihrem Gehege sein; das macht viel Mühe, kostet Schweiß »nb Aufregung, benn bic Tiere fühlen sich in ihren warmen, gepokerten SMebojen s° wohl, baß sie nicht herausgehen wollen. Mit Gewalt ist nichts zu machen. Immer wieder hält ihnen der Pfleger ein Gefäß mit Milchreissuppe vors Gesicht, läßt sie ein wenig trinken und versucht bann, rudroarts geßenö, bie Giraffen mitzulocken. Bei zweien gelingt s; bei der dritten ichtieß ich »uch, die vierte weicht und wankt nicht, guckt auch am2Xbenb nocf> Jpo tti f d>- jutmütig zu uns herab, als freue sie sich, uns ein Schnippchen geschlagen

Die^mißtrauisch reizbare Löwenmutter und ihre vier Kinder sind auf sonders gesichertem Weg ebenfalls in ihren Wohnraum gekommen,

heißt csmarsch, marsch" von einem Ort zum anderen: jetzt zum Löwen­wagen, dort die diplomatischen Verhandlungen unterstützen, damit wir einen einzigen Baum am Wegrand fällen dürfen. Sonst müßten wir nämlich unsere Raubtiere hundertzwanzig Meter vor dem Haus ablaben, ba5 heißt, jeder Löwe wäre einzeln in eine Umsatzkiste zu locken, auf dem Schlitten ins Raubtierhaus zu schleppen und mühte dort wieder aus- geladen werden. Das würde drei Tage Zeit beanspruchen nach zwei­stündigem Palaver erlaubt uns der Gartenkommissar, die Axt zu schwin­gen. Nun alle Mann zum Vogelauspacken! Die Schwäne, Störche, Enten, Pelikane müssen endlich ins Wasser. Eine Kiste nach der anderen wird geöffnet, ich lerne Flamingos tragen; es gibt nur einen Griffhinter den Schulternblättern", dort, wo die Flügel angewachsen sind. Dann baumelt der lange Hals nach vorn, der wehrhafte Hakenschnabel kann unfern Fingern nicht gefährlich werden, und die dünnen Rohrstelzen der Beine hängen pendelnd abwärts, schlenkern in Lufttritten dicht über dem Boden. Dann halte in Kraniche, indische Enten, Perlhühner, Horn- raben und Pelikane, denen die Schwungfedern etwas beschnitten werden, damit sie nicht allzu weit stiegen können. Immer, wenn ich solch einen Bogel loslasse, hüpft und flattert er von der Steinmauer über den Bach­laus zu jener Insel, wo der Futtertrog steht. Aber das Fressen ist nicht die Hauptsache! Erst werden die Flügel so weit als möglich entfaltet, ein Schlagen der Schwingen hebt an, der ganze Vogel schüttelt stch, hüpft und genießt feine Bewegungsfreiheit. Diese hundertsünfzig tropischen lind subtropischen Vögel werden es besonders gut haben; denn alles, was sie in ihrer Heimat besaßen, sinden sie auch hier: einen Schwimmsee, die trockene heiße Sandbank, Sumps und kühle Schattenhöhlen, Kletterbäume, einen vielfach gewundenen Bach. Noch zwei Vorteile hat dieses von Hagenbeck erbauteafrikanische Sumpfgebiet": Morgens und abends bringt der Wärter Futter in reichlicher Menge, und Krokodile gibt es hierzulande nicht.

die Gnus wälzen sich im Kraal und nehmen ein Staubbad; wir können mit dem heutigen Tag recht zufrieden sein, kein Tier ist beschädigt.

Es regnet leider an den nächsten beiden Tagen immer wieder für Stunden, aber wir benützen jeden trockenen Augenblick, um die empfind­licheren unserer Pfleglinge in die neuen Tieranlagen ju gewöhnen. Ich erlebe mit großer Beglückung die Freude aller dieser Kreaturen an Sonne, Licht und Bewegung. Meine engeren Reisekameraden, die Elefanten, schlenkern, trollen, ja springen vergnügt auf ihrem Sandplateau zwischen den Felsen, scheuern ihre Lederhaut am Gestein, wühlen Löcher in den Boden und blasen sich gegenseitig Staub auf die Stirn. Schließlich ent­deckt der Zwerg August das Wasser. Frech und unbekümmert watet er hinein; seine Ätutter Roma trompetet vor Schreck und will ihn zurück- halten. Doch der Elefantensohn hat schon Geschmack am Baden gefunden; er plantscht und spritzt, quietscht und schwimmt. Was bleibt da der guten Mutter anders übrig, als auch unterzutauchen, das weißliche Grau ihrer Haut naß und dunkel zu machen? Es dauert keine Viertelstunde, bann schwimmen und baden alle fünf Elefanten, vergnügen sich wie über­mütige Menschenkinder, trotzdem Roma allein saft hundert Zentner wiegt, halten ihre Rüsselnasen gleich Periskopen hoch und folgen keinem Kom­mando ihres indischen Wärters, weil dieses lang vermißte Bad schöner ist als jede Futterlockung.

Drüben im Schatten der Ulmen und Kastanien stapfen jetzt die vor­sintflutlichen Gestalten der Giraffen, zupfen am Gras und lassen sich durch die Straußenvögel nicht stören, die wie im afrikanischen Heimatland zwischen ihnen äsen. Gitter gibt es auch hier nicht; nur ein Absperrgraben, durch Kakteen und Steinpflanzen kaschiert, trennt das Publikum vom Tier.

Nachmittags öffnet sich die Eisenklappe im Affenhaus. Wie ein Ge­birgsbach schäumt das Heer der hundertfünszig Paviane aus der Höhlung. Geckernb, kreischend, schnatternd umrunden sie den fast vierzig Meter hohen Gebirgsblock, halten auf jedem Terrassenvorsprung für ein paar Sekunden an, toben aber immer höher hinauf, der Sonne entgegen. Nun sitzen die auf den höchsten Schroffen, gleichen in ihren silbergrauen Mantel- mähnen ägyptischen Gottheiten, die das Himmelslicht, die lebenspendende Wärme anbeten. Ein Fußkranker, den wohl sein Rivale auf der Reise gebissen hat, lahmt hinterdrein; aber auch er kommt ans Ziel, muß nur geduldig sein und immer wieder zur Kräftigung einen Schluck trinken am Wasserfall, der zwischen den Schründen niederrieselt.

Wir Menschen blicken uns befriedigt an bei Sonnenuntergang, betrach­ten mit Genuß die schönen Anlagen, die nun mehr und mehr durch unsere Tiere bevölkert sind. Morgen wollen wir das schwierigste Experiment machen, .die Löwen auf die gitterlose Terrasse gewöhnen. Dann mag Heinrich Hagenbeck kommen, der Vater dieser Schöpfung, Kritik üben und bas vollenbete Werk bem Ministerium übergeben.

*

Auch bie Raubtiere sink» nun in Freiheit. Die Pläne unb Entwürfe haben sich bewährt, es ist kein Unglück geschehen. Aufregung gab es aller- bings, zweimal sind uns gerabe bie größten Löwen hinabgestürzt in ben nassen Abgrunb. Sie gaben sich zu sehr bem Fangspiel hin, bie alten Herren, unb tarnen babei an ben Rand der Terrasse, so daß einer den anderen ins Leere stieß. Nun, das ist nicht gefährlich, nur ein unfrei­williges Bad und eine Klettertour durch den hohlen Fels, dann kann sich der Wasserscheue oben in der Sonne wieder trocknen. Aber ich habe herzlich lachen müssen über das verdutzte Gesicht des Löwen, der oben blieb und fassungslos hinunterftarrte zu feinem Kameraden.

Der Kampf der Tertia.

Erzählung von Wilhelm Speyer.

Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.

(Fortsetzung.)

Die Tertianer sahen stch mit einem fast überirdischen Glanz gegen­seitig in die Augen. Dann aber sahen sie den Mann an. Jetzt waren ihre Augen starr und undenkbar wie die Augen der Seraphim geworden.

Sie sprachen kein Work. Sie gaben keinerlei Antwort. Und der Mann zog die Schultern hoch, als sei ihm auf dem Kirchhof ein Gespenst begeg­net. Er mußte oft des Nachts über bie Lanbstraßen unb burch bie Walbeswege fahren, er fürchtete sich nicht. Jetzt aber war ihm, als fei etwas Unbegreifliches und Peinigendes vor ihn hingetreten.

Hören Sie zu, Herr Biersack!" begann der Große Kurfürst würdig und väterlich zu sprechen.Wir haben nichts Besonderes gegen Sie! Das sind Ihre Privatangelegenheiten! Wir wollen unsere Tiere, weiter nichts."

Was wollen Sie denn mit den Tieren?" schrie der Mann jetzt wütend, denn nichts macht einen Geschäftsmann rabiater, als wenn er die Interessen des Gegners nicht begreifen kann.Es find ja gar nicht Ihre Tiere! Was mischen sich denn die Herren hier in alles? Ihren Kötern geschieht ja gar nichts!"

Wir müssen Sie dringend bitten, Herr Biersack, von unseren Tieren in einem anständigen Ton zu sprechen!" rief Otto Kirchholtes mit engels- hoher Stimme.

Jetzt fah der Mann geradezu entsetzt ben Knaben an. Nichts schien ihm an biesem Raubüberfall einen solchen Einbruck zu machen wie Ottos Zwischenruf. Deffnete sich in ber buntlen unb gemeinen Welt, in ber er lebte, ein Spalt voll überirbischen Lichtes?

Der Häuptling beobachtete mit Interesse bie violette Narbe von ber bösartigen Halsentzünbung. Schnell benutzte er ben günstigen Augenblick, ben er erkannt zu haben glaubte.

Nehmen Sie unser Selb an, Herr Biersack! Vielleicht können wir unsere Eltern bitten, uns später noch etwas mehr zu geben. Die meisten von uns finb arm, aber wir haben ein paar Kameraben, beren Eltern wohlhabenb finb, warum wollen Sie sich mit uns für Jahre hinaus nerfeinben? Es gibt immer Dinge, die wir bei Ihnen zu guten Preisen kaufen können, denn Sie handeln ja mit vielerlei. Wird die Verordnung bis morgen mittag zurückgezogen, fo bekommen Sie bis drei 10>r nach­mittags einhundert Mark. Unb hat es bis zur Aufhebung ber Sperre