Jahrgang <951
Montag, den 2\. August
Nummer 66
Widerschein von
Landregen.
Von Wilhelm Schüssen.
Der Regen fällt so grau ins Gras Die ganze liebe, lange Zeit, Und jedes Blättlein nickt und tickt. Und in den Lüften webt etwas Wie Fäden aus der Ewigkeit, Mich einzuspinnen hergeschickt.
. ' i Wolke zu Wolke wirft.
,Es will auf di« Nacht warten", sagt das Mädchen und hebt die Hand
Furcht.
Novelle von Hans Friedrich B l u n ck.
„Die Kinder haben noch Durst", sagte der Bauer, „das macht das hochkommende Gewitter." Die Magd steht auf und geht in die Küä)e, um Milch zu holen.
Der junge Steenbock sieht ihr nach, er lächelt, weil seine Frau lächelt und beide vermeiden es, den Bauern anzusehen.
„Die kann auspassen", prahlt der alte Steenbock. Er muß die Magd rühmen, er ist ein rechtlich denkender Mann und fürchtet, fein Sohn und dessen junge Frau könnten etwas Abfälliges vorbringen. Er weiß auch, beide überlegen jetzt: Wie steht sie mit Bater? Aber sie brauchen sich keine Sorge zu machen, er wird ihnen ihr Erbteil nicht schmälern!
Anna Fehrs kommt mit einer großen Kumme voll Milch zurück und gießt schweigend den Kindern ein. Sie weiß, man hat über sie gesprochen, während sie draußen war; das ist meist so, wenn Menschen zusammen sind und einer geht. Aber sie tut, als ginge es sie nicht das Geringste an; sie ist nicht befangen, dafür sah sie zu viel vom Leben. Selbstsicher und freundlich sorgt sie für die fremden Menschen, die zu Besuch kamen. Aber insgeheim wartet sie auf den Augenblick, wo sie wieder gehen. Das Gewitter wird es machen; es kann auch fein, daß sie selbst niemand neben sich und dem Bauern wünscht.
Das Schweigen wird unbehaglich. Der alte Steenbock fragt den Sohn nach Stadt und Beruf, obschon er alles weiß. Die junge Frau antwortet für ihn. Sie ist höflich und gut, sie will zeigen, daß sie den Vater ihres Mannes liebt, obwohl sie aus einer städtischen Familie aufwuchs. Sie ist auch eine gute Mutter, sie strahlt über ihre beiden Kinderchen und erzählt dem Großvater kleine drollige Beobachtungen, die die zwei zuwege brachten, lieber die Stare etwa, die unter den Schindeln hausen und mit riesigen Maden einfliegen wollten, aber zunächst die Kinder fortzuschrecken eien, um ihr Nest nicht zu verraten. Oder über die Wasserrose: Die
me badet, nicht wahr, Mutti?
Sie haben offne Augen, sagt der Bauer froh, er sieht die Enkel an und begreift nicht, wie er ernsthaft an Anna Fehrs denken konnte. Nun, man ist noch rüstig, man hat mitunter ein schmerzliches Gefühl darüber, daß der Hof in andere Hände geraten wird. Aber er hat seinem Sohn damals selbst zugeraten, etwas anderes als Bauer zu werden; es lag in der Luft, jeder tüchtige Kerl zog in di« Stadt, fein Junge sollt« nicht zurückbleiben. „ , , „ ., . . ..
Eine dumme Zeit war's; man weih es heut besser, weiß, daß die meisten arbeitslos verkommen, die in die Großstadt wanderten. Aber sein Junge ist etwas geworden, er ist ein pflichttreuer Beamter und weiß viel über neue Kabel und Fernämter zu erzählen. Und er hat eine gute Frau gefunden, sie ist flink und fleißig und kann wirtschaften.
Das Gespräch schleppt sich hin; es ist draußen unerträglich dumpf; es stört auch, daß Anna Fehrs beim Esten zugegen ist aber das gehört sich nun einmal so, man kann sie nicht in die Küche schicken. Außerdem hat man ausgeredet; bei jedem Besuch berichtet der Junge, welche Plane sein 'Postrat hat, bann bewundert die Frau alles Getier und fuhrt ihre Kinder durch die Ställe, um die Natur kennenzulernen, wie sie sich ausdruckt. Danach schläft die Unterhaltung langsam ein. Vom Hof wollen die Jungen nicht viel wissen; sie hören höflich zu, aber sie sind aus einer andern Welt. ,... ....
„Wann kommst du nun mal wieder", fragt der Bauer schließlich man muß an den Zug denken. Er merkt, wie Anna Fehrs unruhig ausfahrt. Äast wünschte er selbst, daß Zeit dazwischen tage; er furchtet er plagt seinen Jungen mit diesen Besuchen, obwohl der es ihn nie merken lasten wird. Wie fremd man einander wird! . _...
„Es donnert", sagt die Magd und steht auf und geht vor die Tur
Der Bauer zieht die Uhr. „Ihr müßt euch beeilen, wenn ihr trocken ^^"D^reW°die"junge'Mutter die Kinder hoch, sie hat Furcht, auf diesem ^„Vringst0uns an die Bahn, Vater?" Es war noch immer ,0. Mber unter der Tür bleibt der Bauer stehen. »Ich bleibe hier. Er kann den Hof nicht verlassen, wenn ein Wetter bevorsteht, der Junge hatte das missen müssen Es ist als hätte der noch etwas auf dem Herzen, das er stch für den Weg zur' Bahn auffparte. Er schüttelt dem VaterJa^er ata sonst die Hand und bleibt zurück, während Frau und Kinder schon im
ersten Wirbelstaub den Weg zum Bahnhof eilen. Da kommt Anna Fehr« vorüber, sie bringt die Laterne in den Stall, es wird sehr dunkel.
„Ist alles gut versichert", nickt der Bauer plötzlich böse, ata erriet« er die Sorge des Jüngeren. Aber danach wollte der nicht fragen, er lächelt gutherzig, wirst einen fragenden Blick zum Stall und folgt hastig seiner Frau. /
Es kommt ein schlimmes Wetter hoch. Anna Fehrs und der Bauer warten vor dem Tor, ihre Blicke hängen an den blauen Quadern, büv von kleinen weißen Büscheln überflockt, stch im Süden auftürmen. Di« Vögel fliehen zum Nest; eine Drossel lauert und schilt; Schatten senken sich, einer tiefer als der andere, über Hof und Weg. Borwarnend dröhnt es von fern.
Die Magd hat noch ihr Sonntagskleid an, das ärgert Steenbock; man weiß nie, wo man zupacken muß. Aber er wirft doch von Zeit zu Zeit einen Blick auf sie; hat sich gut gehalten, obschon sie über die dreißig sein wird. Einer hat sie im Stich gelassen, heißt es, auf den sie lange gewartet hatte, sonst wäre sie nicht unter fremdem Dach. Sein Junge wollt« fragen — man weiß, woran Kinder denken. Gut, daß er nicht gefragt hat, dem Bauern steigt das Blut zu Kopf.
Es ist ihm lästig, davon zu wissen. Steenbock zündet sich erzürnt bi« Pfeife an, er sieht in (Bebauten Leute, bie ben Hof besehen unb barauf bieten wollen. Das kann noch lange dauern, droht er ihnen; er ist rüstig, er kann noch zwanzig Jahre durchhalten, wenn's not tut. Was wollt« der Junge fragen?
Wieder dies ferne Rollen, das nicht näherkommt. „Ist nicht viel Waffe« im Teich", sagt das Mädchen, „woher soll man’s holen?"
Der Hof steht hundert Jahr! Bildet sie sich ein, es könnte heute ein* schlagen? Aber es tut wohl, daß sie sich Sorgen macht. Steenbock nimmt die Pfeife aus ben Zähnen unb weist stillschweigenb zu ben Eichen hin* über. Sie versteht, bie fangen jeben Schlag auf; aber sie hat boch im Frühling gesorgt, baß der Blitzableiter nachgesehen wirb, sie sichert liebe« doppelt, wie alle Frauen.
Jetzt stürzt ein weißer Stich priemenscharf aus dem Gewölk; st« horchen, ber Donner läßt auf sich warten. Das Warten quält ben Bauern. Immer wieber glimmt bei aufziehenbem Wetter bie Furcht um ben Hos! in Steenbock unb babei zugleich bie Angst, was sein wirb, wenn er einmal unter ber Erde liegt; was soll nur werben, wenn eine schlechte Hand auf fein Haus bietet? Er hätte ben Jungen bamals boch bei sich behalten sollen, denkt er oft, so «in Hof will Blut von Blut. Dumpf steigt es in ihm auf; die alte Eifersucht, der Haß auf jeden Fremden ist es.
„Da hätten mehr sein müssen, als nur der Eine!" sagt Steenbock halblaut zu sich selbst. Anna Fehrs merkt, woran er denkt, er braucht nichts hinzuzufügen. Sie schweigt, das muß er allein hinunterkämpfen. Obe« will er jener Frau Vorwürfe machen, jener längst Verstorbenen, von ber sie mitunter Silber finbet. Sie möchte einen Grund finden, um in bi« Diele zu gehen, aber es gelingt ihr keiner, und das Dunkel macht FurckA da muß sie neben dem Bauern stehen bleiben.
Das Welter tut’s beiden an, ein Wetter, das nicht hochkommt und immer aus der gleichen Höhe murrt und grummelt und blaffen flache«
zu ben Bäumen, hinter benen es unbeweglich ruht. Mitunter kommt ei« Staubwinb, baß man langsamer atmet.
Wenn's nun aber doch einmal trifft, denkt Steenbock, wenn's eine« etwa über Nacht trifft — nein, es ist keine Furcht babei, es sind nu« böse Gedanken gegen jenen Fremden, der hier einziehen wird, wenn'» einmal zu Ende ist. Hat er nicht oft genug daran gedacht? Aber immer mit Haß ober auch mit Angst wie heute. Der Bauer kommt nicht bavo« los, er klammert sich ans Leben — nein, nicht ans Leben, an biefen HH ber Blut aus ihm trägt, bem er Blut aus sich zum Herrn geben muß* als könnte man bas Sterben baburch betrügen. Erst wenn ein Fremde« hier einzieht, stirbt der Bauer — daß man so selten daran denkt! Selten?, Zu spät denkt man daran, ift’s nicht schon zu spät?
Wie man sich festgrübeln kann! Das macht das Wetter oder es ist ber Besuch bes Jungen, ber alles längst wie fertig und abgemacht ansieht — ober ift’s bie junge Frau, ober — Steenbock stöhnt auf, als blickt« er in ein Gespinst von Betrug, mit bem er sich selbst umstrickte. Was hat er boch? Die Angst steigt ihm bis in bie Schläfen. Kein Fremder, denkt «r stöhnend, sein eigen Blut soll's sein! Er hämmerte den Hof, wie er ihn vom Vater übernahm; er muß zeugen, wer nach ihm kommen soll. In einer Furcht, größer ata irgendeine, bie ihm je im Leben begegnete^ klammert er seine Vorstellung an biefen Hof, auch über bas Leben hinaus.
Was fragte fein Junge? „Er hat Angst", sagte ber Bauer laut unb nickte zum Bahnhof hinüber, „er hat Angst, ich könnte noch mal heiraten, Anna." Steenbock breht sich um. „Was meinst, kannst ja brüber nach- benten”, sagt er heiser unb schreitet ins Dunkel ber Diele, wie um stch vor jemanbem zu verbergen.
Siebener tfamilicnblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


