Ausgabe 
24.7.1931
 
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ksiefem Nunmehr vollendeten Schuldbekenntnis der Tertia mit verzerrtem Lächeln geradeaus in die Luft.

Während das schöne Engelshaupt seines Bruders ihm auf den Knien lag, sagte Alexander Kirchholtes, und er sprach zu dem Präfekten der Tertia hin:

Ihr habt hiermit der Leitung des Staates sehr viel Ungelegenheiten bereitet. Es wird Klagen wegen Sachbeschädigung geben. Auch Klagen wegen Beamtenbeleidigung und wissentlich falscher Angaben und der­gleichen mehr. Ihr habt vielleicht die Macht dieses Schulstaates über­schätzt. Gerade die Behörden warten nur darauf, uns Schaden zuzusügen. Gewisse Kämpfe, die von der Leitung im Walde Tag und Nacht aus­gekämpft werden müssen, sind euch gewiß unbekannt, sonst hättet ihr vielleicht eure nächtlichen Schreibübungen eingestellt."

Keineswegs!" unterbrach der Große Kurfürst fast heftig den Prä­fekten der Obersekunda.Im Gegenteil! Wir unterstützen die Leitung in ihrem Kamps!"

Da öffnete Knötzinger zum erstenmal den höhnisch-strengen Mund:

Es könnte die Frage aufgeworfen werden, ob der Leitung diese Unterstützung vierzehn- oder fünfzehnjähriger Schüler erwünscht ist."

Die Tertianer richteten ihre Häupter insgesamt zu dem Sohne des Oberamtmanns hin. Ihre Lingen hatten einen starrenden Ausdruck, während sie ihn ansahen. Dann wieder kehrten sie, wie in einer großen Scham, die Häupter von ihm ab.

Kirchholtes aber unterbrach die fast schmerzliche Stille, die im Schlaf­saal der Tertianer eingetreten war.

Wollt ihr mir nun sagen, ob ihr euch mit der nächtlichen Mahnung an die Stadt Maineweh begnügen werdet oder ob ihr noch ein anderes Vorhaben in dieser Angelegenheit der Tiere habt? Wollt ihr mir auch sagen, zu welchem Zweck ihr die Tierzwinger in der Waldeslichtung erbaut habt?"

Reppert, erkläre das!" sagte der Große Kurfürst, der zu faul war, das zu erklären.

Reppert stand von seinem Bett auf und setzte sich auf das Bett des jungen Kirchholtes, so, daß er Schulter an Schulter neben dem älteren saß, und er nahm Ottos Hand in seine Hand. Auf diese Art hatten sie beide ihren Teil an dem Knaben, dessen Haupt auf den Knien des Bru­ders ruhte, während seine Hand von der Hand des Klassenkameraden umschlossen wurde. So bildete der Leib des lässig und schmeichlerisch daliegendes Kindes eine Verbindung zwischen den beiden andern, wie der Leib eines Kindes den Streit der Eltern lindert und den Vater zu der Mutter und die Mutter zu dem Vater zurückführt. Und noch ein anderer Blutstrom wurde zwischen Reppert und dem älteren Kirchholtes geschlossen: denn ihre vier Füße, Kirchholtes beschuhte und Repperts nackte, lagerten auf der schmalen, hart abgestuften Wirbelsäule der Wolfshündin Lama, die zuweilen den schlanken Kopf rückwärts nach oben drehte und mit dankbar blinzelndem Auge den sprechenden Tertianer anblickte.

Ich will versuchen, dir alles in der größten Ordnung vorzutragen. Aber ich muß ganz offen gestehen, daß die Tertia sich dir gegenüber viel rückhaltloser aussprechen könnte, wenn wir hier unter uns wären und keinen Verräter zu fürchten hätten."

Knötzinger stand mit dem gelben Wutgesicht des beleidigten Beamten hochaufgerichtet am Fenster.

Kirchholtes aber sagte gütig und verweisend:

Ihr habt keinerlei Verrat von irgendeiner Seite zu befürchten."

Wirklich nicht?" rief Hornbostel hitzig dazwischen.Wir haben näm­lich eine interessante Entdeckung gemacht!"

Kirchholtes sah Hornbostel fragend an.

Der Polizist Holzapfel nämlich hat dem Großen Kurfürsten und Reppert in seiner Dummheit ausgeplaudert, daß er einen Wink von oben bekommen hat, in den Nächten gut aufzupassen."

Hornbostel richtete sich mit energisch gestrafftem Körper in seinem Bette auf.

Ich möchte Knötzinger fragen, ob er hier im Schulstaat spioniert und uns bei feinem Vater angegeben hat?"

Knötzinger hatte blaßrote Flecken über den breiten gelben Backen­knochen.

Ich bin nicht hierhergekommen, um Auskunft zu geben. Ich bin hier im Auftrag der Schulleitung, um Auskunft zu bekommen. Im übrigen tue ich meine Pflicht als zukünftiger Staatsbürger, und ich werde stets die Staatsgewalt in ihrem Bestreben unterstützen, hier in unserer Gegend ebenso wie überall sonst im Bezirk die größte Ordnung walten zu lassen."

Wie aus einem Munde schrien die Tertianer auf!

Niemals hatten die Wände dieses Sehlafsaales, die an gewaltigste Tonstärken gewöhnt waren, solch einen Schrei gehört!

Lump! Kinder, einen Eimer zum Kotzen! Sauber! Sauber! Dieses Vieh unterstützt die Staatsgewalt!. Mensch, sag' nicht ,Vieh!' Das ist eine Beleidigung für Lama und Karlemann! Er verrät an die Behörden, was hier vorgeht! Spione werden erschossen! Er soll in die Stadt gehen, hier hat er nichts mehr zu lachen!"

Und plötzlich erklang aus dem Chaos ihrer Empörung der große musikalisch-rhythmische Ruf, sie wippten auf den Sprungfedern ihrer Betten: sie trampelten mit nackten Füßen oder mit Holzpantinen, mit denen sie in den Waschraum zu gehen pflegten; sie hoben auch Stühle in die Luft und pflanzten sie mit den vier Beinen auf den Erdboden; sie stampften mit Stöcken und Besenstielen; sie rissen an den Ketten der Fensierklappen; sie nahmen jeden nur immer tönenden, Krach machenden Gegenstand, sie hätten sich wohl am liebsten gegenseitig mit den Köpfen an die Wand geschlagen in ihrem leidenschaftlich großen Rufe:

Verräter 'raus--Verräter 'raus!"

Sie fangen es, fie lachten es, ihre Hunde bellten es, sie überbrüllten ihre Hunde, sie wurden betrunken von ihrem eigenen Lärm.

Verräter 'raus! Verräter 'raus! Verräter 'raus! Verräter 'raus!" Der Verräter hatte die Augen niedergeschlagen, und die Haut über feinen Backenknochen zitterte ein wenig. Aber er war nicht feige, obwohl

Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Verlag:

et, der Sekundaner, Grun8 'genug hatte, Se Gewalttätigkeit der rafeh gewordenen Tertia zu fürchten. Die meisten von ihnen waren dank ihr- wilden Lebens weit über ihr Alter hinaus stark an Kräften, und Lüder allein hätte es mit zwei Sekundanern ausgenommen.

Kirchholtes sogar mußte es dulden, daß sich die Hände des schön» Bruders in seinen Armen festkrallten, während die Beine sich im Rhyt) mus des Klassenrufes hoben und senkten. Doch gelang es Alexander |ü aus der Umklammerung des Bruders zu befreien, aufzuspringen und S Arme hoch über seinen Schultern zu erheben, mit einer Bewegung zugleich leidvoll, umfassend, gebietend und versöhnend war.

Ruhe, Jungens! Ruhe!"

Niemand anders im ganzen Schulstaate, mit Ausnahme natüM der einen, der höchsten Person, keinem Lehrer und keinem Schülü! wäre es gelungen, was jetzt Kirchholtes gelang: die Tertianer zu besä» tigen und zum Schweigen zu bringen.

Aber lange Zeit noch grollten und murrten sie, und die Wogen ihr«, Zorns schlugen dann noch gegen die Mauern des Saales, als der Stur» bereits gelindert war.

Ihr habt kein Recht, Knötzinger zu beleidigen!" rief Kirchhollw Denn die Leitung im Walde hat ihn zu euch geschickt, und er steht hie als der Abgesandte aus dem Walde!"

Da schlich ein jeder knurrend in sein Bett zurück.

Aufs neue legte Otto Kirchholtes die schmeichelnde Wange auf bii Knie des Bruders, ließ wiederum feine Hand von Repperts Hand um schließen, und abermals war es Lama, die den zwiefachen Blutstrm beschloß.

Jetzt aber nahm zur allgemeinen Verwunderung und Freude bet Große Kurfürst selber das Wort. Die Tertianer drehten ihm mit stolzem Vergnügen die Köpfe zu, und auch Kirchholtes sah ihm achtungsvoll, mit einem leichten Lächeln entgegen. Knötzingers Gestalt und Gesicht abu zeigte die Willensanspannung eines Menschen, der da weiß, daß er do< seinem gefährlichsten Feinde steht.

Die Tertianer schmunzelten und rieben sich zwischen ihren Knien diu Hände mit kleinen Ausrufen:Sauber! Sauber! Schick! Schick! Fein! Fein!" Sie freuten sich, daß sie ihren besten Mann vorschicken konnten; denn nach ihrer Ansicht war überhaupt im ganzen Sch-ulstaai keiner redegewandter, klüger und spöttischer als ihr Häuptling. Und ihr« Herzen schlugen in Dankbarkeit, daß sich der Große Kurfürst ausnahms­weise einmal nicht zu faul erwies, ihre Angelegenheit persönlich jiu übernehmen.

Der Häuptling begann unter atemloser Stille aller zu sprechen, unJo niemand in der Horde unterbrach ihn auch nur mit einem Grunzen:

Drüben auf der andern Seite des Hochwaldes, wohin nur selten eim Mensch aus dieser Gegend gerät, in einem der ärmsten Dörfer des Be­zirkes, in Niederteufen, hat ein Gendarmeriegehilfe Schießübungen auf! einen angeblich tollwütigen Dackel abgehalten. Da fürs erste einmal keine große Aussichten auf einen neuen Krieg bestehen, so will man schließlich zeigen, was man mit einem Armeedienstreoolver leisten kam. Dieses Schwein da hat dem Dackel mit sieben Volltreffern den Hinter« abgeschossen. Ein Fräulein im Pfarrhof da drüben, die Schwester be* Pastors, um deren Dackel es sich handelt, hat dem Schützen gesagt, roa« sie von ihm denkt. Daraufhin wurde fie in Maineweh wegen Beamtem beleibigung zu dreihundert Mark Geldstrafe verurteilt. Die arme all« Person wird ins Gefängnis wandern müssen, denn sie kann im ßebeni keine dreihundert Mark bezahlen. Und der Pfarrer, der ärmste Geistliche im ganzen Bezirk, ebenfalls nicht. Der Pfarrer erfreut sich keiner Beliebt" heit bei den Behörden in Maineweh, weil er in feinen Predigten gegen: die unchristlichen Hetzereien des Oberamtmannes Stellung nimmt. Der' Dackel feiner Schwester war also angeblich tollwütig. Er soll fo sanft wie die Lama hier unter mir gewesen sein, aber der Herr Fellhändler Biersack,, der die Hunde nicht leiden mag, das aber ist nicht der einzige Punkt,, worin er mit dem Herrn Oberamtmann und einigen seiner Kreaturen Aehnlichkeit hat, Herr Biersack hat erklärt, daß der Dackel ihn gebissen hat, obwohl der arme Dackel wahrscheinlich froh war, wenn der Herr Biersack ihn nicht gebissen hat. Der Kopf des Dackels wurde, anstatt, wir es Vorschrift ist, nüch Berlin, der Zeitersparnis halber und wegen her verringerten Kosten irgendwo in die Nachbarschaft geschickt. Auch sind die Leute hierzulande ja viel geschickter als die in Berlin. Hier verstehen sie sich viel besser auf die Tollwut als im übrigen Deutschland, denn hier hört seit dem Krieg die Tollwut nicht mehr auf. Allerdings nur die der Menschen! Ein einwandfreier Fall von Hunde- ober Katzentollwut wurde hierzulanbe noch nie festgestellt. Ich habe mich genau bärüber erkundigt Kurzum, hier haben sie sofort in bem Kopf bes Dackels aus Jlieberteufen, Spätzle hieß er, benn bas Fräulein, bem er gehörte, war eine brave Schwäbin, den berühmten Tollwut-Stoff als denselben Stoff wieder­erkannt, den sie in ihren eigenen Köpfen beherbergen. Reppert und ich, wir sind neulich persönlich mit Genehmigung der Leitung nach Nieder- teufen gewandert und haben uns mit bem guten Pfarrer und seiner guten Schwester unterhalten. Die beiben trauerten sehr um ihren armen Spätzle, unb sie lachten nur schmerzlich, als wir sie fragten, worin sich benn bie Tollwut bes Dackels gezeigt haben soll. ,Jn befonberer Sanft­mut', erroiberte ber Pfarrer.

Aber ber arme Pfarrer kann bem Herrn Oberamtmann nichts anhaben. Für ben Herrn Oberamtmann, ber bie Jugend des Landes 4m männlichen Streite stählen will, für ihn war bie Tollwut-Diagnose ein gefundenes Fressen.

Kurz und gut, es kam die Hunde-, nein, es kam auch die Katzensperre. Denn derselbe Herr Biersack hat mit den Tieren Pech. Den hat nicht nur der schwäbische Dackel Spätzle gebissen, sondern es ist ihm auch noch in demselben Niederteufen eine erbsensuppenfarbene Katze mit gelben Augen fauchend in das Gesicht gesprungen und hat ihm die Nase zerkratzt.

(Fortsetzung folgt.)

Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen.