Ausgabe 
24.7.1931
 
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s-esamtorganismus haben. Steinarchitekturen wie Gemäuer, Pforten, Zocket niro Möbel eigenartiger Stilisierung gliedern sich ohne weiteres 'n die gärtnerischen Linien und Flächen ein. Kurzum, der Mensch gilt mit all seinem Herrschersinn als das Mah der Dinge.

Der Westen formt, bindet, befiehlt, der Osten beobachtet, löst, dient, liier der Wille und die Tat, dort die Versenkung und das Schweigen. Wer hat den Mut, zu entscheiden, wo man tiefer und inbrünstiger lebt?

Oer Streuner.

Von Otto Ehr hart, Dachau.

Vor ein paar Jahren schlenderte ich mit dem alten Revierjäger Dax gemütlich am Rande des Klarbachs ins Erdmoos hinüber. Wir wollten unge Kiebitze und Brachvögel beringen, die Sache interessierte uns D0,1(£65töar) gegen Ende Mai. Der Dust der blühenden Faulbeerbäume, der harzenden Kiesern und jungen.Birken jchwängerte den Morgen. Die Söget sangen wie nach Roten, der Bussard schrie überm Moor, wo der □raue Fischreiher würdevoll durch die nassen Wiesen spazierte.

Dort wo das Waldland aushört, sangen die niederen Erlen an. Eschen lind glatte Silberweiden geben dem Bach noch eine Weile das Geleite. Dann kommen die tiefen Entwässerungsgräben, die braunen Torsstiche mit den schlechten Wiesen, mit all' dem schönen, bunten Unkraut, das so üeuchtet und das der Bauer halt gar nicht leiden kann. Den Boden­brütern aber wächst dieses Zeug so recht zur Freude.

Das war die Gegend, die wir suchten. Wir probierten möglichst ungesehen an sie heranzukommcn, aber es dauerte nicht lange, da ging uns ein Bracher hoch, dem bald ein zweiter, ein dritter folgte; Kiebitze iikten durch die Luft und bald war der Himmel nur noch ein einziges Weteife. Wenn einer etwas Heimliches vorhat, ist das das richtige Volk »im es populär zu machen. Zum Teufel nochmal'. Wir hotten uns doch io vorgesehen! , ,,

Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als uns zu empsehlen. Ver- nrgert trollten wir zu den Weiden hinüber, da brach es polternd aus Lei Dickung hervor, ein wirklich kapitaler Sechser, einer, wie ich schon lange keinen mehr gesehen hatte. Er mußte ordentttch erschrocken sein ldenn er wollte sich lange nicht beruhigen:Bouh! Bouh! Bouh! Das tonnte alles mögliche heißen. Zum Glück verstanden wir s nicht und wir Hieben, wo wir waren, mitten im Unkraut hocken.

Der Bock hatte mir ausgezeichnet gefallen.Kennen Sie ihn? frug ich ^"De^wiegte? bedächtig den Kopf.I glaub schon. Aber erst muß i mir «mal die Fährt anschoun. Wenn er mit dem rechten Hinterlauf auswärts gebt, is es der Streuner. Der muh fich amal als Bockerl die schale ver­letzt Ham. Heut aber kennens ihm nix mehr an. A Lump is er und griffen müa toa andrer. Halten tunt er net. Heut da, morgen dort, und wenn d !3agb aufgeht, is er wia verwaht. Dem wünfch i bloß, daß er amal a «ehrliche Kugel kriagt. Net daßn d' Schlaucher derwifchn.

Des wär schad'", meinte ich,denen -ldnn ich den Bock nuchnet

Es war kein Schußneid, der aus mir sprach. Aber dazumal hatten wir ein paar üble Schießer auf der angrensenben »auernjagb, bietme em Schlauch daher der Name in die gutgehegte Jagd meines Freun­des hineinführte. Die Schlaucher waren wchrotspritzer und das hab ich nie leiben können. Scholenwilb soll die Kugel haben! D-r ° e Dax ?, Den Nachbarn spinnefeind, feitbem'er einmal ein elend angebleites Spietzer-

Nachdem sichre Vögel wieder beruhigt hatten, untersuchten mt den Moorboden und fanden bald die für den feltenen So l W fd) spreizte Fährte. Im Gesicht des Jagers zuckte und arbeitete es. tri starrte zu den Schiauchern hinüber.Sakkrawollt nomal, Sakkrawollt, Daß der Depp jetzt grab da umananderziahng wuah. ..

Aber diesen Bock sollte weder der alte Dax noch fein Jagdherr zur Strecke bringen. Er war einem andern bestimmt einem der vorläufig igar nicht daran dachte.

Der solaende Sommer war wie immer für manchen guten und bei Den Schiauchern auch für manchen schlechten Bock der etz e gemeßen. Der Streuner aber war nicht dabei. Es war schon °, w'e der alte Dar sagte:Sobald d' Jagd ausgeht, is er rota oerroabt! 3m'ewtberbl wurde der Bock bann in der staatlichen Hege bestätigt und im Fruhlah

»loor unb brad>le «rtontai und Mm- «mne mit. J1" idie Saat. Der Streuner wurde nimmer gesehen. Mit dem reifenden Korn UÄÄ L «°u°m. w..*«**« «ä Dockes gegeben. Vor Tagesgrauen |rf>on roar ich brnufi , iimfonft

'bekannten Bock anzupürschen, aber ich hatte kem Gluck d sonf^

durchstreifte ich den ganzen Morgen lang die bekannte . g .

ich sah, das wollte ich nicht, unb was ich wollte sah ich nicht.Latz b r 3eitr, dachte ich bei mir selbst.Es muß ja nicht ausgerechnet heute '"so war mir damals der ganze Tag ohne Erlebnis.°erg°ngem Gegm 'Abend packte ich mich hinten im Moor in einen trockenen Graben wo Weidenröschen blühten und ein alter Schlehdorn s-hutzend seine Zwe.ge über die Umwallung legt. Die Lerchen hingen trillernd im »M Ö £ vergehenden Tag zst loben. Ich lag behaglich 'M «rase hob dann und wann das Glas, um die Landschaft zu ftub-cren ober mi ju enträtseln, was verworren war; einen menschlich anmutenden Ba s aUsfaft Sauerampferwedel, der wie ein hinter den Weid n äsendes Reh aus ah

Meine Gedanken gingen hin and l^r, sie 'p°^ten m,t den Wolken über das Helle Moor hinaus, bis an den 3tanb.ber SBelt, bie>

«us ber Entfernung immer am liebsten hab. Ctf) aug 3 __ roat)T=

chern hinüber, wo es heute schon ein paarmal gekna tRa--

baftig! schon wieder zwei neue Jager die Hochs tz z 8 haben!" Dachte ich bei mir,bann wirst bu wenigstens keine Langeweile haben!

Jetzt traten brüben die ersten Rehe aus der Schonung und schoben sich ins Feld... Und es dauerte auch nicht lange, ba_ fiel aus ber Birke, auf die vorhin einer der Jäger geklettert war, ein Schuß. Ich riß das Glas an die Augen. Aber:Mensch, was gehen dich denn die Schlaucher an, wenn dir da eben ein kapitaler Sechser ins Ried gesprungen ist?!" Er hielt geradewegs auf mich zu, der ich schnell ins Anschlag gesahren war, kam näher und näher. Jetzt warf er auf und loste zu den andern hinüber. Korn aufs Blatt, Anschuß gemerkt, Finger krumm Päng! den hat s!

Das alles war so schnell gegangen, daß ich gar keine Zeit zu irgend­welcher Erregung hatte. Jetzt aber schlägelte mein frohes Herz und klopf­ten meine Pulse.Zünd dir mal erst eine Pfeife an. Wenn bu fie aus- geraucht hast, darfst du nach ihm schauen."

In den glatten Weiden, keine zwanzig Schritt vom Anschuß weg, hatte er sich niedergetan, sand ich den toten Bock. Rot lag ber Schweiß auf den Blättern, rot unb festlich glühten bie Himmelsfahnen, rot leuchtete ber rote Bock.

Rot ist ber schöne, ber blitzschnelle Tob! Diesmal aber hatte er einen erschlagen, dem ich's von Herzen gönnte. Keinem anderen wünschte ich mehr das schnell tötende, feurige Blei, als ihm dem Streuner!

Als ich an jenem glückhaften Sommerabend nach Haufe schlenderte, pfiff ich wie eine verliebte Amsel. Aus dem Drummholz trat mir ein alter Jäger vor, wies auf den Bruch an meinem Hut und fragte lobend: Harns Waidmannsheil g'habt, war's a guater?"

Und ich selig, strahlend, die Zigarren schon in der Hand:Der Beste den wir hatten! Der Streuner!"

Zog der alte Dar den Hut, begeistert, fluchend, lobend:Sakra, Sakkrfaawolltnomal! Ja Waidmannsheil! Jetzt fowas Sakkrawollt ber Streuner!!"

Oer Kampf der Tertia.

Erzählung von Wilhelm Speyer.

Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.

(Fortsetzung.) '

Der Große Kurfürst, der da wußte, daß man noch dem hassenswertesten Feinde einen Platz an seinem Feuer anbietet, sobald er die Höhle betreten hat, rief jetzt Konigsmarck zu:

Mach' einen Stuhl frei für Knötzinger!"

Konigsmarck fegte mit einer verdrießlichen Bewegung des nackten Fußes die Kleider von feinem Stuhl, den er dem Präfekten der Unter­sekunda mit einem Tritt zufchob. Dieser aber schüttelte ablehnend den quadratischen Kopf.

Der älteres Kirchholtes begann nun ohne Umschweife, während seine Hand das blonde Haar des Bruders streichelte, der mit geschlossenen Augen diese Liebkosung ertrug:

Die Leute in Maineweh sind heute morgen aufgewacht und haben die Wände ihrer Häuser, ihrer Fabriken, ihrer Amtsgebäude, manchmal bis hach in die dritten Stockwerke hinauf, mit roter Schrift angemalt gefunden. Sogar haushoch ausgestapelte Bretter der Holzsirma Gott- loeber 8- Söhne sind mit dieser Schrift bemalt worden, ebenso Kino- und Konzertplakate, amtliche Anschläge, Bahnhofsfahrpläne, Firmen- und Reklamefchilder. Außerdem Kanalifationsröhren, die ausgewechfelt werden follten, und Telegraphenstangen. Ich selbst bin heute nach der Parade mit einigen andern hinuntergefahren, um mir das alles anzusehen. Aber wir mußten uns so schnell wie möglich wieder zurückziehen, denn die Empörung über den nächtlichen Einbruch in die Stabt war allzu groß. Besonders richtete sich der Unmut der Behörden und Einwohner gegen die Tatsache, daß jene sich immer wiederholende Mahnung: Seid gut zu den Tieren! nicht nur in der deutschen, sondern auch in ausländischen Sprachen, die niemand verstand, angemalt worden war. Nun mochte ich euch im Austrag der Leitung fragen, ob ihr euch dazu bekennt, diese Schrift des Nachts geschrieben zu haben. Ob ihr bejahenden Falles alle gemeinsam handeltet ober ob sich irgendwelche Mitglieder der Klasse aus­geschlossen haben. Und ob ihr irgendwelche andern Helfershelfer hattet.

Der Große Kurfürst, der fein lockiges Haupt schwerfällig in ber flachen Hand ruhen ließ, rief mit kaum wahrnehmbarem Spott:

Borst! Antworte bu!"

Borst machte ein Gesicht wie eine Maus, die man bei ihren Ohren aus dem Bau hervorgezogen hat. Er erschrak so gewaltig, daß er blin­zelnd die Augen schloß. Alles hatte er erwartet, nur das nicht: bah er hier vor allen Kameraden dem großen, sehr geachteten und sehr geliebten Kirchholtes in einer so ernsten Frage Antwort erteilen sollte.

Er faltete die vor Angst verschwitzten kleinen Hände.

Also?" sagte der Große Kurfürst mit streng gerunzelten Brauen.

Da gab sich Borst einen Ruck. Er schluckte wild und antwortete als­dann klar und vernünstig: . ,, .

Wir alle haben die Schrift angemalt! Wir haben keine Helfershelfer gehabt! Es haben alle mitgemacht!"

Kirchholtes sah Borst mit Wohlwollen an, und er sah ihm auch noch freundlich zu, als Borst schon längst nichts mehr sprach, sondern sich mit blutrotem Gesicht unb niedergeschlagenen Augen hinter die Rücken der Dordermänner versteckt hielt.

Der Große Kurfürst aber war mit Borst nicht zufrieden.

Haben wirklich alle mitgemadjt?" fragte er streng.

Borst bekam einen Schreck. Er hatte eine ganz bestimmte, sehr wichftge Angelegenheit vergessen! Muhte er wirklich den Namen, der ihm unsäg­lich heilig war, hier vor allen aussprechen? Es schien so, als verlangte man es von ihm. Dennoch zauderte er jetzt, fast mit Trotz. Aber nun bemerkte er, dah ihn alle insgesamt finster und erwartungsvoll musterten.

Da drehte «r den Hals und guckte um die Ecke, am Rücken des Jungen vorbei, der vor ihm saß.

Daniela war nicht in der Stabt , sagte er leise, unb er schämte sich entsetzlich, biesen geehrten Namen ausgesprochen zu haben.

Knötzinger, mit bem viereckigen Haupt bes Richters, in dessen Nacken sich bereits' ein Erwachsenen-Wulft der Unbestechlichkeit bildete, starrte bei