sinkt in sich zusammen.
Kola starrt hin. .
Alexander Struve lenkt sein Pferd zur Seite.
Kola sieht, wie einer der Soldaten, die geschossen haben, sich hinter vvrgehaltenen Händen eine Zigarette anzündet. Hinter dem Damps- wölkchen schauen zwei gleichgültige Augen über die Hände.
Kola Struve bleibt stumm. r s. o s
Nadeshda Dimitrijewna ist ein kleines Mädchen, ist ste das? Dl« darf so etwas nicht sehen, nein.
Er denkt an diesen Satz, immer wieder, immer wieder.
Da sieht er das Gesicht seines Vaters. Gesicht, ein Gesicht, Augen, der Mund... Alle Menschen um ihn haben dieses Gesicht, «in einziges, altes blasses, müdes Gesicht. Und dort sind die Bäume, der Himmel. —
Die Benommenheit weicht von ihm. Mit einem Male schreit er gellend auf, ein Wort, einen Satz, man versteht ihn nicht: „Struve schreit er, „Struve", schreit seinen Vater so an, schreit es in den Himmel; dann lacht es heiser und krank aus ihm heraus.
Aber wie Herr Alexander Struve an ihn heranreitet, wirft er wild sein Pferd herum, schlägt darauf los und galoppiert dem Flusse zu.
Sie sagen etwas zu Herrn Struve, sie weisen aufgeregt in die Richtung des Flusses. Er zuckt die Achseln. Sein Gesicht ist starr.
Der Hufschlag des Davonreitenden verklingt im Straßenzug. Jetzt hallt er dumpf vom Feldweg herüber...
Kola Struve erreicht die Wolga. Er winkt den Gestalten, die den Fluß überqueren nach seiner Seite zu, winkt, ruft, schreit hinüber.
Aber sie verstehen ihn nicht und plötzlich schlagen Schüsse durch die Luft, hell und hart.
Kola bricht mit dem Pferd zusammen.
Sein Körper gleitet in den Fluß...
Es gibt ein Lied von der Wolga, denkt er zuletzt, alle kannten es.
Nadeshda Dimitrijewna sang es unter den hellen Bäumen; sie sahen aus wie ein Bild von Pastell.
Viele Tote wird die Wolga tragen?
Was für ein Wort, ja: aber es ist wahr.
Glaubst du das, Nadeshda Dimitrijewna?
Ein Windstoß streift ihn noch.
Er trägt Kampflärm und Rufe heran. ,
Hier gleitet der Leib des Kola Struve. In den Augen, welche keinen Blick mehr haben, spiegelt sich tot der Himmel dieser Welt.
Salzburg.
Von Jakob H a r i n g e r.
„Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel sehe ich für die schönsten der Welt." A. von H u m b o l d t.
Das ist wie ein Bilderbuch für große Leute. Sie hat von hundert schönen Städten nur deren schönste Seiten. Man muß da ober immer das Gefühl haben, wieder recht bald abreisen zu müssen, das verschönt alles mit einer leisen Trauer.
Zu allen Gassen schauen die nahen und fernen Hügel und weihen Berge herein wie neugierige Mädchen und liebe gütige Großmütter. In unendlicher Liebe neigen sich die alten Häuser zueinander. Es duftet nach Wachs Aepseln, Wäsche. Vom Mirabellschloh klingt Musik herüber. In einer dunklen Gasse stehst du, als dich plötzlich immer wieder ein goldener Streisen rosa Sonne, mildes Grün und Sehnen überrascht.
Zwar ist die ganze Luft wie ein zartes, mädchenhaftes Parfum, aber in der Arenberggasfe duftet es immer nach Frühling.
Diese Stadt, die so süß von Liebe, von der Ireue und von Wehmut geigt — man ist ihr verfallen wie einer Frau. Da beschleicht einen die Wehmut verklungener Tage der Kindheit, der ersten Liebe, der letzten Hosfnunqen. Das Herz ist zu Tränen erschüttert. ,
Draußen in den Feldern hocken die Maler. Du verlaßt mit deinem geliebten Mädchen die Vorstadtgärten und wanderst durch die nahen Dörfer. Schöne Wirtshauslauben locken euch. Du träumst davon, es auch einmal so gut zu haben wie andere Menschen und erzählst der Zukunst
schönste Märchen. Ja, das Leben Ist nimmer schwer, wenn man drauf pfeift. Gefahren sind keine mehr, lächelst du drüber ... ach nein, du bist ja ;t‘en Sterne schillern, die jungen Mägde meinen und seufzen: D du himmelblauer See... Des Mondes roter Türkensabel glanzt phan- tastisckx Nie, ach, war mein Herz so überschattet! Und ich trinke ein Glas ür die Nacht und die Melancholie. Ein Lachen klingt. Erne alte petma*; tür fällt leis ins Schloß. Der Krämer hat schon zu. Man muß durch äCn$omU kapujinerberg herab blasen zwei Hörner: O du himmlischer Vater schick uns a Elans Geld ... Kätzchen putzen sich. Und früher einmal chrieb Mozart für all die kleinen Mädchen, die verträumt in Cafes und Konditoreien vom Leben schwärmen, die Zaubersldte. .
Um den Mönchsberg, an der Gstättengasse sind Winkel wie du sie nur in deinen schönsten Kinderträumen geschaut hast. In den uralten Kastanienalleen wandeln Verliebte, um bie Stadtmauer bluhn die spaten Herbstfalter, Brunnen plätschern.
Die Dinge sind nicht tot; sie leben mit uns. Diese uralten Gassen die steinern Wappen, Portale, mystischen Durchhauser, Schlosser - sie lebten mit uns Menschen, sie nahmen manches von unfern dunkeln
Wieder nachts vorm Fenster ein Wasser rauschen hören! Vor Sonnenaufgang liegen zaubervoll ferne und nahe Landschaften und blicken schimmernd in die alten Gassen herein... Erst in zwei Stunden loscht man die Laternen. In rosigem Morgenlicht glimmt ine Burg auf und langsam steigt die Sonne hinter dem weihen Gebirge auf.
Morgenhell ist dein Zimmer und der Menschen Lärm macht dich froh.
Durch die Bierjodlgasse wanderst du übers Nonntalerkloster hinaus. Hab Mut, kleines Herz'. An stillen Dörfern vorüber dann lagerst du zufrieden im hohen Gras. Wenn die Sonne in die Fenster der Burg brennt als ständ' sie im hellsten Feuer und die Glocken alle so traumhaft schlagen, kommt vielleicht ein dunkles Ahnen über dich.
' Ja wo soll man leben? Aber cs ist hier zu schon. Es 'st hier nur schön um in den Armen einer geliebten, nie versagenden Frau, von reuen Freunden umhegt, so ganz, ganz langsam sterben zu können die letzten Blicke um diese geliebte und doch so schmerzliche Erde, diesen blautraurigen Himmel mit seinen hoffnungsvollen Sternen.
Am Nachmittag bist du in Hellbrunn. Der stille Park, von uralten stählern schilfbekränzten Weihern umspielt. Beete voll Rosen um die Statuen und gestürzten Säulen. Die letzte Sonne flattert wie ein Schmetterling über Gras und Kies. Kühl, fröstelnd weht es aus den ©rotten. Ein leichter Nebel fängt sich in den Wipfeln der Pappeln. Da tont die alte Orgel vom Puppentheater.
Mondlicht funkelt durch die Alleen. Und das Herz seufzt auf ... gib Ruh! Altes und doch so dummes Herz!
Und wenn der Mond droben über die Stabt schaukelt, rote eine pon einem Mädchen angebissene Ananas — o Musik rührt wieder lunglmg- hast dein Herz und es schlägt wieder jung ...ach aU tue bittern Enttäuschungen der (Beliebten, denen man begeistert all dies Herrliche gewiesen, ihr Lachen, Glühn, Verrat, Betrügen, Fliehn — konnten dies kleine Ding nicht sterben machen, bann ist man roieber ber dumme Knabe, voll Hoffnung. , . ...
Dann wünscht man wieder, hier, in geliebten Träumereien, selig zu sein und vertraut wieder den Menschen, dem Leben und den lockenden ^oTn der herrlichen alten Gartenwirtschaft zu Aigen hocken, die ganzen Siebter ber Dämmerung spielen Hinterm Weinglas. Drüben, vom Schloß herüber plätschert der Brunnen. Der ganze wilde Sommer duftet...
Noch tropfen die Blätter der Bäume vom Nachmittagsgewitter. Dann, die Treppen hinab borfeinroärts dem Abendrot zuwandern.
Drinnen liegt die Burg, mit den schönen Hügeln, alten Gassen und vielleicht auch wieder einer Hosfnung für dein armes, müdes, heimatlos irrendes Herz,..
f)1?rUnb "nachts denkt man erschrocken an truntner Wälder Bäche an ein lang verstorbenes silbernes Lachen wieder, an em weißes Alpenhotel, an ein entschwundenes Kinderspiel, und daß wir eine Seele haben, die von uns stiefmütterlich vergessen ward. Und du ieufzst um emes letzten unsäglichen Enttäuschtseins welken Rosenkranz. Oh, die Meere der Weh- mut ertränken das Herz. Ach, als ob wir Nicht viele Wege gehn muhten um zum Herzen zu finden... Das kann man mcht.sagen, kann man den Duft des Maiglöckchens, ein bräutliches Erröten, eine heimatliche Speist, das edle Trauern gefangener Tiere beschreiben? Ich glaube kaum!
Freilich, alte Gassen, mit spielenden Hündlein, dunkle gespenstische Häuser, Klosterhöfe mit schönen Kindern, verträumte kleine Kneipen die alle auf dich warten, draus Zithern wie Nachtigallen schlagen, verzauberte Hügel — ja, dies alles gibt es überall, ist wo anders auch oft, aber
«.°n bk Sch.-Y.n
ziehn; gute Nacht, du mein herziges Kind — (o herrlich, nirgenbs tltngen bie alten lockenben Walzer von Strauß, Geugl, Lanner so rührend lieb wie aus diesen Gärten, wo du allein mit deinen paar letzten Hoffnungen "“Sr," wie schön dies alles, weißt du erst immer, wenn du wieder fort bist. Wenn man nimmer da ist, weiß man bann plötzlich, daß diese Stadt eine Heimat ist, so wie sie uns manchmal aus Kindertagen aus alten Liedern, aus schönen lieben Bildern, einer süßen (Erinnerung a^Ach t wieder fort, wieder draußen in Fremde und Bitternis, unter verwirrten betörten Menschen sein und doch, wie tröstlich ist es zu wissen, auch über bie Heimat fternt berfelbe Himmel. .... . ..
D große ©nabe bes Lebens, arm zu fein, entbehren muffen, roieber in Sehnen und Enttäuschungen durch große Städte irren unb bann wieder in diesen uralten Alleen, kleinen Kneipen träumen am Monchs- berg wandern; in der Ferne die nahen 2(lpen, ben tiefblauen H'mmel und übern Mozartplatz tröstet das Glockenspiel: Dort unten in der
Wenn Leute um bie Ecke biegen, kehren alle Gesichter sich dorthin. Angespannte Bewegtheit ist in den Augen. Zuweilen em Zuruf an den Redner den er rasch aufnimmt. Des öfteren packt em Wort sie an und sie reden lauter durcheinander." Aber das bricht schnell ab. einer vo ihnen hält starr den Kops zur Ecke gekehrt, wo em Dritter aufpaßt. Cie epen das, bie (Bebärbe seines Gesichts ist unheimlich, sie macht stumm. Aber kaum später ist das vergessen. Gemeinsamer Haß wurde wach. Sie rufen wild. Einige jubeln dem vor ihnen zu.
cr„ Ekstase bricht das Kommando Struves. Nicht alle an der Partmauer erfaßen es gleich: wenige laufen weg, einer schreit auf unb fragt wieder angstvoll die Umstehenden. Einer wehrt nut erhobener Handfläche ten Lärm ab und horcht, auf dem Sprunge: wie der Galopp- schlag der Anreitenden von allen gehört wird, ist bie Truppe auch schon “^eht^rennen alle, stolpernd, einige verbissen stumm, andre schreiend, brüllend. Aber die Soldaten sind hinterher: zwei versperren mit den Gäulen den Ausgang, der Rest springt ab: Sie packen den Redner Kurzes Verhör; jener schweigt. Ein Dritter, den sie darum laufen lassen, ruft. Es ist Dimitri Fertschin, der Grusinier.
Alexander Struve nickt und winkt seinen Leuten.
Da zwingt Kola Struve sein Pferd an das des Vaters. Er ist ganz stumm, aber seine Augen, bie weit aufgerissen sinb, bohren sich m bie bes anberen. Er packt besten Hanb an, bie ben Zügel halt: „Du wirst nicht , preßt er hervor. Seine Lippen stehen offen, aber bie Zahne verbeißen sich ineinanber: „Du wirst nicht, nein!"
„Sagte ich es bir nicht", sagt Alexander Struve. Es klingt kalt. Er sucht vorn Blick bes Sohnes freizukommen: „Dies Volk ist eine Sippe.
.Das ist aber boch Wahnsinn — was tut ihr denn?? , jagt Kola. „Nadeshda Dimitrijewna..." Es durchzittert ihn krampfhaft.
„Du denkst an das Mädchen? — Du bist ein Weichling! .sagt Alexander Struve. Im gleichen Augenblick krachen zwei Schüsse. Dimitri Fertschin


