Ausgabe 
24.4.1931
 
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Geheim ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang <951 Hreitag, den 24. April Nummer 32

Baum im Frühling.

Von Siegfried von Vegesack.

Jahr um Jahr wächst ihm ein Ring unter harter Borkenrinde.

Frühling kam, und Winter ging, doch er bleibt und steht im Winde. Immer tiefer senkt er seine Kraft in den dunklen Schoß der Erde. Immer höher treibt er Harz und Saft, daß ein neuer Ring ihm werde. Und so wächst er unentwegt jedes Jahr um eines Ringes Breite. In den starken Aesten aber trägt er Gestirne, Wolken, Himmelweite.

Oie Wolga trägt Tote.

Don Bruno Nelissen Haken.

Nur die Bäume heben sich aus dem Dunkel der Straße.

Die Laternen geben dem Laub einen ganz hellen Schimmer.

Zwei junge Menschen am Fenster sehen in die Straße; das Auge wandert die hellen Bäume entlang: Es ist nur Sehen darin; das macht den Blick weit und still.

Es ist ein Bild wie Pastell", sagt Kola Struve.Dort hinter Wai- dows Haus ist die Wolga ..."

Ja", sagt das Mädchen leise.Man darf nicht denken, daß dies wieder Tag wird.

Tag? Du meinst: Stadt, Menschen, die Bürger..."

Er legt den Arm um ihre Schulter. Sie sucht seine Hand. Sie sehen sich nicht an, aber sie fühlen, daß sie lächeln.

Von weitem hallt das Rollen von Rädern.

Sie hört und sieht ihn an.

Aber er schüttelt den Kopf.Nicht vor morgen; sie brauchen den Vater in Tambow. Nadeshda Dimitrijewna ist ein kleines Mädchen; ist sie das?"

Da schlägt der Lärm des Wagens um die Straßenecke. Räder rattern über das Pflaster.

Zwei, drei Atemzüge glauben sie, es wird vorüberfahren.

Aber der Wagen hält vor dem Haufe: Eine Stimme, die zu den Pferden spricht.

Das Mädchen steht, schlank und streng:Kola Alexandrowitjch..." sagt sie, ganz langsam; Laut nach Laut fällt in den Raum zwischen ihnen: Sein Vater ..."

Er faßt sie am Arm und hört zur Tür:Bleib", sagt er gepreßt.

Er geht an die Tür, aber er ist unschlüssig, bevor er öffnet:Nein komm, Nadeshda Dimitrijewna!"

Sie stehen vor Herrn Alexander Struve.

Sie da. Junge, man ist früh zurück. Spanne doch die Pferdchen aus.

Der Alte ist voller Bewegung, weite Fahrt ist hinter ihm.

Da sieht er das Mädchen.

Sein Blick geht zu dem Sohn, fragend.

Der sagt langsam und leise:Nadeshda Dimitrnewna Fertschin, Vater..." Nach einer Pause:Wir hatten zu reden ja...

Der Vater antwortet nicht. Er kehrt sich schwersällig um, geht zum Wagen, hebt das Geschirr ab.

Die beiden Jungen stehen stumm. Plötzlich weint das Mädchen.

Der Alte sieht auf:Bringe doch diese Russin nach Hause, Kola...

Unablässig weint sie auf dem Wege. Er findet kein Wort, das zu ihr kommt. Aber er denkt: Was taten wir, warum, warum?!

Sie gehen unter den hellen Bäumen hin. Ähr grüner schimmer fte!)* fremd in der Nacht; denn di« Stille scheint grenzenlos, weit und flach im Raum.

Kola Struve geht langsam zurück. _

Einige in den belebteren Straßen, grüßen ihn. Viele sehen ihn fragend an- es ist der Sohn des Ratsherrn Struve, der in Tambow war. Wäre er wach, er sähe auch in Augen, die mehr wissen, als sie - fragen wollen. Aber feine Gedanken benimmt ein Gefühl von Wehmut, das ihn einsam macht. Er möchte zurück und noch ein Wort zu ihr lagen, ein gutes Wort; aber es geht nicht mehr jetzt. -las Morgen ist lange. Benommen und traurig setzt er Schritt vor Schritt.

Der Vater erwartet ihn. Er sitzt im Sessel, ruhelos pocht eine Hand auf dem Schreibtisch. Er sieht Kola nicht an:

Der Landtag in Tambow war kurz', sagt er schwer- »Morgen, über­morgen stehen Bolschewik! vor der Stadt. Die Wolgastadte haben den Selbstschutz alarmiert."

Vater ...", sagt Kola zögernd.

Die Wolga bringt Tote heran von Kasan und Saratow.

Vater, Nadeshda Dimitrijewna ist meine Braut..

An den Bäumen unterwegs traf ich Leichen."

Hör mich an, Vater!"

Wir Deutschen stehen atlf dieser Seite. Die Roten sind ein Kontingent Kaukasier."

Du tatest dem Mädchen unrecht, Vater!"

Laß das. Höre: Nicht alle sind sicher in der Stadt. Auch der Vater dieses Mädchens wird morgen wissen, wofür sein Herz schlägt. Dimitri Fertschin ist ein Kaukasier... Dies Volk ist eine Sippe."

Was geht mich ihr Vater an...?! Aber das Weinen des Mäd­chens schert dich nicht! Daß du mein Mädchen beschimpftest, soll ich mir gefallen lassen .. ,?r

Was dich ihr Vater angeht? Ja, was geht dich dein Vater an?l Es war das Haus deines Vaters, Sohn!, in das du dies Mädchen brachtest. Ich beschimpfe niemanden!"

Nein, gewiß: Dies ist auch das Haus deines Vaters und deines Vatervaters eine alte große Familie, ja. Aber ich bin jung, und ich hasse dies, und ich weiß nichts von euch, nichts weiß ich, nichts... Bin ich nicht jung?"

Und darum darfst du?"

Darf, darf? Nein, ich will!"

Was denn? Du weißt nicht, was du willst. Geh jetzt, wir reden morgen!"

Kola Struve ist allein in seinem Zimmer.

Er hört, wie der Vater sich zur Ruhe legt.

Wieder ist es ganz still.

Man sieht von hier aus den Fluß: Tote trägt die Wolga? Was für ein Wort... Nein, sieh doch, wie weit und still alles ist.

Sein Blick wandert im Zimmer umher: Dort hängt das Bild Peter Struves, der seines Vaters Vater ist. Er war Pastor in Tambow. Dies ist eine Silhouette des Gerichtsvogts Struve, der aus Saratow hier- herkam: Gesichter, Gesichter.

Da kommt Lärm in der Straße auf; Männer, welche von Tür zu Tür eilen mit der Faust daranschlagen. Fenster öffnen und schließen sich; Fragen, Antworten.

Jetzt unten an diesem Haus. Kola beugt sich aus dem Fenster.

Sammeln auf dem Markt!" ruft einer.Sammelplatz der alte Markt." Holla, Struve, gehört ihr nicht dazu?" lacht der Mann.

Es ist gut", sagt des Vaters Stimme unten.

Kola geht nach unten.

Schneller als wir dachten", sagt Alexander Struve.Ein Bataillon Weißer von Saratow verschanzt sich hier. Das ist gut!"

Kola Struve denkt an Nadeshda Dimitrijewna. Er ist nicht feige, aber Fremdes ist in ihm.

Du nimmst am besten diesen Karabiner", sagt Alexander Struve. Komm jetzt'"

Was bindet ihn mit diesem Mann?

Die Straße ist wieder leer. Die Männer sind längst weiter.

Ein paar Lichter schimmern aus den Häusern. Fahl und fast greifbar stumm liegt der Schein der Frühe auf dem Pflaster. Es ist seyr kühl. In Nachbarstraßen tönt der Schritt von Menschen, die man nicht fleht; das ist unheimlich. Kola hat den Wunsch, laut zu sprechen, aber er erschrickt vor dem ersten Wort; es ist eine verzerrte Betonung darin.

Sie erreichen den Marktplatz.

Eine Truppe lagert auf der Straße. Posten gehen langsam die Straßenecken ab und rufen Patrouillen an. Vor einem Tisch, mitten auf dem Platz, ein Offizier, der eine Meldung lieft. Ein Soldat leuchtet mit einer Taschenlampe auf das Papier. Wie vom Flusse her Schüsse fallen, kurz nur, zwei-, dreimal ein heller Schlag, sieht jener sich suchend um und trifft den Blick Alexander Struves; beide lächeln, ein wenig gewollt. Man bringt einen Gefesselten; ein paar Fragen, er wird abgeführt, kurz darauf ein Schrei. Ein Soldat, der im Mantel auf dem Pflaster liegt, die Hände verschränkt unter dem Stopf, ruft Kameraden etwas zu. Sie lachen.

Der Offizier tritt zu Herrn Alexander Struve:Die draußen haben Leute in der Stadt. Sie versuchen alles. Nehmen Sie zehn Berittene, Alexander Petrowitsch. Und dann: Weg damit!" Er zieht die flache Hand durch- die Luft.

Alexander Struve sammelt den Trupp. Er nimmt zwei von den Pferden am Halfter, die sich in der Mitte des Platzes drängen, sitzt auf, winkt Kola. Zu dem Offizier:Mein Sohn er begleitet mich."

Kola reitet mit.

In der Vorstadt ist sonderbares Hin und Her.

Wenn sie näherkommen, erloschen Lichter in den Stuben. Auf gerissene Augen hinter Fenstern folgen starr ihrem Weg. Kola sieht Augen, Gesichter, Menschen: Wer ist er selbst habet?

Einer, der den Anzug der Grusinier trägt, redet auf eine Gruppe ein, die an der Parkmauer um ihn steht. Dauernd treten Neugierige herzu.