Es war dann alles sehr schnell gegangen, nachdem Büchner Gertie und Isa aus dem Eßzimmer gerufen hatte:Kommen Sie, Fräulein Rose, Direktor Fleischmann will mit Ihnen abschließen." Gertie war alles Blut in den Kops geschossen. Sie war auch noch hochrot gewesen, als sie vor dem Dicken stand. Der hatte kurz gefragt, wann sie antreten könne?Sofort", hatte Gertie geantwortet,heute haben wir Mittwoch, ich bin Freitag dort. Sie können mir den Kontrakt ja dann geben." Fleischmann war einverstanden gewesen, hatte noch ganz beiläufig gefugt: Ihre Eltern sind doch einverstanden?" Wie einen Schlag hatte Isa diese Frage getroffen, sie hatte erschrocken die Freundin angesehen, bemerkt, wie der eine neue Blutwelle ins Gesicht schoß, gehört, wie sie sagte: Aber gewiß". Ein Schwanken war in der Stimme gewesen, die Herren hatten es nicht bemerkt, aber sie hatte es gefühlt, schmerzvoll gefühlt: Gertie log. Fleischmann hatte sich noch ein paar Notizen gemacht: Vor­namen Vatersnamen Berliner Adresse Alter, alles geschäfts­mäßig kühl, als ob es kein Ereignis, keine Schicksalswende fei; hatte wieder seine fleischige Hand ausgestreckt.Also gut, Fräulein Rose, Fräu­lein Gertie Rose, Samstag in Weimar, seien Sie um zwölf auf dem Büro des Goethe-Theaters."

In Jfas kleinem Zimmer hinten bekam Gertie nun aber doch so etwas wie einen Nervenzusammenbruch: sie lachte und weinte in einem: Isa, ich bin engagiert, ich bin Schauspielerin, eine Schauspielerin mit Kontrakt", und dann:Isa, was soll werden? Wie komme ich hier fort?"

Du mußt jetzt mit deinen Eltern reden."

Da waren Weinen und Lachen bei Gertie verschwunden.Ich mit Mutter und Vater reden! Ich? Jetzt? Nein, Isa, da kennst du Gertie Rose schlecht. Wie ein Schulmädel haben sie mich behandelt, Mutter schließt mich ein, Vater sperrt mir mein Geld. Und da soll ich betteln gehen?" Sie schüttelte den Kopf.Nein, meine Liebe, nein, das tue ich nicht nie!"

Sei kein Dickkopf!"

Gertie hörte nicht auf den Einwurf.Ich will ihnen jetzt zeigen, was ich kann. Daß ich arbeiten kann. Mich allein durchbeißen. Arbeit, Ifa, Arbeit: das ist ja so etwas Schönes, Herrliches. Frei, unabhängig. Und du mußt mir nun helfen. Ich komme zu dir, Ifa. Morgen nacht mit einem Koffer; viel brauche ich ja nicht. Und übermorgen fahre ich dann nach Weimar. Dort verkaufe ich meinen Wagen, damit ich ein bißchen Be­triebskapital habe. Fast dreihundert Mark werde ich auch noch fo zufam- menkratzen können."

Wie im Fluge verging die kurze Zeit. Fiebernd durchlebte sie Isa. bewunderten Gerties Tatkraft. Schon am Nachmittag erschien Gertie mit dem ersten kleinen Kosser in der Weiherschen Wohnung.Ich habe ihn durchschmuggeln können. Mutter war nicht zu Hause, und das Mäd­chen habe ich sortgeschickt, während ich ihn zur Garage trug. Morgen bringe ich dir bei Tage den zweiten, das geht besser als in der Nacht."

Dann mußte Isa mit in die Stadt fahren, von Geschäft zu Geschäft raste Gertie, überall hin, wo man sie kannte, wo sie Kredit hatte. Isa warnte:Ist das nicht Betrug?" Aber Gertie widersprach selbstsicher: Nein, Vater muh es bezahlen, wird es bezahlen, es übersteigt mein Bankkonto lange nicht. Und das bleibt mein Geld, mein erspartes Geld, auch wenn er es mir sperrte."

Dann stand Isa, nachdem die Großmutter schlafen gegangen war, am Donnerstag tief in der Nacht unten im Hausflur und wartete, daß Gertie kam. Wartete eine Viertelstunde, eine halbe, fürchtete, daß die Freundin im letzten Augenblick an der Abfahrt verhindert worden fei, daß die Eltern sie abgefaht hätten, und ganz tief in ihrem Innern war ein Hoffen: daß es fo fei, damit die Heimlichkeit, der Betrug, ein Ende hätten.

Aber der Wagen kam, und Gertie huschte ins Haus und die Treppen hinauf. Oben lief sie gleich in Isas Zimmer, warf die Kleider ab.So du, jetzt will ich schlafen, fest schlafen, denn die Fahrt morgen wird an­strengend, über zweihundert Kilometer, das ist verdammt viel. Hier rühre mir die zwei Bromural an. Ohne die Dinger würde ich kein Auge zu- machen." Schon lag sie in Isas Bett, streckte sich, schwatzte weiter.Alles ist geglückt. Und der Wagen ist voll Brennstoff bis zum Rand. Der Mann, von dem wir immer das Benzin nehmen, sah mich ganz komisch an, als ich ihn fo vollaufen ließ. Na, ich habe ihm erzählt, ich machte morgen eine große Tour. Stimmt ja auch." Dann wurden die Worte langsamer.Also, du mußt mich zur Zeit wecken, Isa, um sieben dämmert es, bann will ich los." Eine kleine Pause kam.Ach, Isa, ich weiß ja, es ist eigentlich nicht recht so, aber ich bin doch so froh: Engage­ment Arbeit. Ich habe auch Peter geschrieben. Eine Karte. Nur: Ich habe auch Arbeit." Nun werden wir beide schusien."

Und Isa stand am Waschtisch und rührte die beiden Bromuraltabletten an. Sie wollten nur langsam zerfallen. Als sie sich endlich gelöst hatten und Isa mit dem Glase zum Bett schritt, schlief Gertie tief und fest.

Langsam stellte Ifa das Glas fort. Einen Stuhl zog sie sich heran, blendete die Lampe ab, nahm ein Buch zur Hand, das griffbereit dalag. Es war: Minna von Barnhelm.

Sie sah zu Gertie hinüber. Wer würde nun mit ihr die Franziska spielen? Nein davon hatte Gertie in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht gesprochen, daran hatte sie nicht gedacht. Glückliche Gertie.

Isa schreckte auf. Sie wußte zuerst nicht recht, wo sie war und was geschehen. Aber dann sah sie die schlafende Gertie, sah die immer noch brennende Lampe und das zum Boden geglittene Buch: da war ihr alles wieder gegenwärtig. Sie war in ihrem Stuhl eingefchlafen, und nun schmerzten ihr alle Glieder. Sie hob die linke Hand, sah auf die Armbanduhr: halb sieben. Es war also noch Zeit. Leise stand sie auf, dehnte sich, ging in die Küche. Auf Zehenspitzen, damit Großmutter und das Mädchen es nicht hörten. Sie zündete das Gas an und fetzte Waffer für den Kaffee auf. Während sie auf das Kochen wartete, fühlte sie ein Frösteln. Mat war sie, elend.

Ich bin unausgeschlafen", sagte sie sich,alles kommt nur von dieser Sitzerei in dem unbequemen Stuhl; ich muß erst einmal richtig

aufwachen." Zur Wafferleltung ging sie, ließ sich das kalte Naß über Hände und Puls laufen, wusch sich das Gesicht. Da wurde es befjer. Das Schnüren in der Kehle wich, sie konnte wieder frei atmen.

Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, das Tablett mit der kleinen Kaffeekanne und mit dem Teller voll zurechtgemachter Brote auf bir Hand, schlief Gertie noch immer. Sie sah die Freundin an: Die schlaf, roten Backen, den dunklen, wirren Bubenkopf auf dem weißen Kissen. Sie lächelte: wie niedlich die Gertie im Bett aussah, eigentlich niedlicher als bei Tag, als im Leben. Und schlief, als ob nichts sich ereignet, nichts bevorstände. Träumte wahrscheinlich von etwas ganz Alltäglichem. Wem sie sie nun nicht weckte, wenn sie Gerties Vater anrief, alles wieder in Ordnung und Klarheit brachte, war es nicht richtiger? Dann kehris Gertie in ihr gewohntes Gleis zurück, würde schnell mit den Eltern versöhnt sein? Was wollte sie denn draußen? Hatte sie es nötig, sich mit Menschen wie diesem unangenehmen Fleischmann herumzufchlager, sich auf die Bühne zu stellen, sich Rollen einzupauken und sich vm Regisseuren herumschubsen zu lassen, um bann ihr niedliches Gesicht fremden Leuten zur Schau zu stellen? War es denn wirklich solch eine große Sache um das Theater? Und hatte Gertie wirklich die innere Berufung in sich, den unbedingten Trieb zur Bühne? War es bisher nicht mehr Freundschaft für sie gewesen, daß sie mit ihr die Stunden nahm, war es jetzt nicht in der Hauptsache Trotz gegen die Eltern?' Und sie selbst, Isa, halte sie den Drang, das unbedingte Wollen? War es bei ihr nur eingeredete Hoffnung auf eine Zukunft, auf ein Heraus aus der Engnis hier?

Ifa war voller Fragen, Fragen einer verkaterten Morgenstimmung, Fragen, auf die sie keine Antwort hatte.

Da wachte Gertie auf und riß alles Fragengespinst mit einem Stint entzwei. Einen Augenblick saß sie aufrecht im Bett, rieb sich die Augen, blickte sich um. Dann warf sie die Bettdecke zurück, sprang auf.Morgen, Isa, Kaffee hast du schon gekocht, fein! Donnerwetter, es ist ja schon fast hell. Nun aber fix." Sie lief zum Waschtisch.Hoffentlich hat man mir meinen Wagen nicht geklaut. Du, geh doch mal nach vorn uni) sieh aus dem Fenster, ob er noch dasteht."

Isa ging. Wieder auf Zehenspitzen. Vorn im Salon, der jetzt eigenb lich Büchner zur Verfügung stand, muhte sie das Fenster aufmachen. Die Scheiben klirrten. Sie erschrak. Hatte es auch niemand gehört? Nein, es war alles still, auch draußen auf der Straße. Nur von der Korne- liusbrücke her schrien ein paar Hupen: da stand ja der Verkehr die ganze Nacht nicht still, der ewige, der wachsende Verkehr von dn Innenstadt nach dem Westen, dessen Hauptader hier schlug, lieber dem Landwehrkanal stand der Morgendunst noch dichter als zwischen bem Häuserwänden der Keithstraße. Aber die feuchtkühle Luft tat gut. Isa atmete sie tief ein.

Ja, der Wagen stand noch unten.

Sie blieb eine Weile im Fensterrahmen gelehnt. Sie fürchtete sich etwas vor ihrem kleinen Zimmer mit dem Schlafdunst mit Gertie mit der nicht ganz sauberen Atmosphäre dieses Aufbruchs, der Heim­lichkeit dieser Fahrt. Sfe mußte sich einen Ruck geben, um zu all bem zurückzukehren. Gertie war fertig angezogen, hatte sogar schon die Auto­kappe über ihren Wuschelkopf gestülpt. Sie saß am Tisch, trank den heißen Kaffee, die Brote.Er ist noch da, Golk fei Dank. Du, gegen Mittag bin ich in Weimar. Weimar, du! Und dann geljts los: die Proben. Und ich in einer ganz dicken Rolle. Und kein Büchner, der mitr raten kann. Ein bißchen Ängst hab' ich ja, aber nicht viel. Ich werde es schon schaffen. Slrbeit, verstehst du? Ach, ich freue mich. Und zur Premiere muß Peter von Jena 'rüberkommen. Ich lad' ihn mir ein. Soll ich ihn grüßen? Du, ich schreib' dir, ich berichte von allem. Sowie ich Zeit habe, schreib' ich. Du mußt mir auch schreiben ..."

Pausenlos sprach Gertie, sprach, trank,. Und Ifa dachte:Wie kann sie nur fo schwatzen, jetzt, wo sie von hier flieht?"

Was soll ich deinen Eltern sagen, Gertie? Sie werden doch zuerst! hier anrufen, wenn sie merken, daß du fort bist?"

Gertie sah auf, sah Ifa an. Nun war doch Ernst in ihrem Gesicht. Sag', du wüßtest von nichts."

Soll ich ihnen nicht wenigstens die Wahrheit sagen? Sie werden sich doch ängstigen."

Nun sprach Gertie schnell.Nein, nen. Nicht die Wahrheit. Sag': sie brauchten keine Furcht zu haben; sag': ich würde ihnen schreiben, bald- schreiben. Es ginge mir gut. Beruhige sie." Sie stand auf, hastig.Ich muß ja fort. Los. Wo sind meine Handschuhe? Nimm du den Koffer, bitte. Ich nehme den anderen und den Hutkarton. Die Decke mußt bu. noch nehmen. So, haben wir alles? Ja." Sie drängte zur Tür. Ist mahnte:Leise, Gertie, bitte, leise."

Aber bann knarrte die Vordertür doch, und Gertie stieß in der Halle mit ihrem Koffer an eine Schrankkante.

Unten verstauten sie alles im Wagen neben Gerties Sitz. Es war doch viel für den kleinen Roadster. Es dauerte eine Weile. Endlich waren sie fertig.

Und da lag Gertie plötzlich an Isas Hals. Nun waren auch bei ihr die Tränen da.Ach, Isa, ich habe ja doch Angst. So allein. Ob es richtig ist? Ob es gelingen wird?" Und Isa wurde ordentlich wohl bei diesen Fragen. Also so leicht nahm es Gertie doch nicht.

Die Dunkle riß sich los, setzte sich ans Steuer und drückte auf den Anlasser. Der Motor begann zu arbeiten. Sie streckte noch einmal die Hand aus.Leb' wohl, Isa, auf Wiedersehen." Sie löste die Bremse, der Wogen rollte an. Da kam noch ein letzter Ruf:Grüß' die Eltern!"

Isa sah dem Wagen nach. Er bog um die Ecke, fuhr das Lützowufer entlang. Richtig: Gertie wollte ja über Tempelhof, Richtung Leipzig- Das wäre die beste Straße. Richtig, das hatte sie gesagt. Vorhin. Oben.

Langsam wandte sich Isa um, schloß die Haustür hinter sich 3U- ging die Treppen hinauf. Wie hoch doch Großmutter wohnte. JBier Treppen. Daß das so viel war.

Jetzt bin ich allein", dachte Isa. (Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyrtot. Druck undDerlag:Brühl'fcheUniverfitäis-Duch- und Steindruckereh, R. Lange, Gießen.