Ausgabe 
23.11.1931
 
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Emmerich, ich flehe dich an! ... Ich bin hier bei der Kriminalpolizei!

_ Lu mußt ... Sie halten mich für einen Bergstolz ..."

So? Ich verstehe immer Kriminalpolizei! ... Oh, wäre es doch wahr! ... Ich würde der Kriminalpolizei mit Freuden bestätigen, mein Herr, daß Sie der langgesuchte Hochstapler und Millionendefraudant Bergstolz sind, jawohl, das würde ich! ..." |

Ein frohes Leuchten trat in die Züge des Inspektors. Er näherte sich dem Telephon und sprach: _

Also hier ist wirklich die Kriminalpolizei, Herr Vilse ... Wir möchten..."

Ach, sucht Euch doch einen anderen Idioten, der an Euere dummen Flachsereien glaubt! Ich habe für heute die Nase voll weiter« An­rufe zwecklos mein Apparat ist abgestellt!"

Gegen vier Uhr morgens war das Verhör bis zu einem Teilgeständ- nis gediehen. Tränenüberströmt versicherte Viktor immer wieder:

Bitte glauben Sie mir doch! Ich habe bei Bilse Baccarat gespielt und sechshundert Mark gewonnen... Ich wollte ihn nur nicht hinein­legen! ..."

Verbotenes Glücksspiel! Aha!"

Der Inspektor überlegte einige Augenblicke und sagte dann:

Schön, wir gehen also jetzt zu Herrn Bilse. Sie bleiben vorläufig In Haft!"

Viktor wurde in ein kleines vollständig dunkles Zimmer gestoßen.

Indessen war es dem Inspektor und seinen Begleitern gelungen, Em­merich aus dem Schlaf zu klingeln.

Der Inspektor legitimierte sich durch seine Marke. Nun merkte Bilse, daß es ernst wurde. Viktor schien tatsächlich aus der Schule geplaudert zu haben.

Der Vorgeführte behauptet, Viktor Schubert zu heißen und bei Ihnen sechshundert Mark im Glücksspiel gewonnen zu haben!"

Emmerich erbebte innerlich. Dann schrie er:

Ich kenne keinen Viktor Schubert! Ich kenne kein Glücksspiel! Ich war heute abend mit meiner Frau in der Oper!"

So, so, in der Oper? Was haben Sie denn gehört?"

Was ich gehört habe? Na 'ne Oper natürlich! Was soll ich denn in der Oper gehört haben?"

Interessant. Die Opernhäuser sind nämlich zur Zeit geschlossen. Sehr interessant! Können wir mal Ihre Frau Gemahlin sprechen?"

Meine Frau ist gar nicht hier. Sie ist in Bad-Nauheim!"

... von wo sie wahrscheinlich auf dem neuen Räderzeppelin zum geschlossenen Opernhaus hersauste? Nicht wahr, Herr Bilse? Ach wollen Sie sich doch bitte ein bißchen anziehen und uns begleiten! ..."

Eine Viertelstunde später wurde Bilse in die dunkle Kammer gestoßen. Es entspann sich ein ziemlich heftiger Wortwechsel zwischen ihm und Viktor...

Vier Wochen später sprach der Vorsitzende des Gerichtes fein ver­nichtendes Urteil.

Seither haben sich Viktor und Emmerich die telephonischen Scherze abgewöhnt...

Waldläufer und Jesuiten erobern Nord-Amerika.

Von Professor Hans P l i s ch k e, Göttingen.

In Kürze erscheint ein neuer Band der von Prof. Walter Goetz, Leipzig, herausgegebenen Propyläen-Weltgeschichte. Er trägt den TitelDas Zeitalter des Absolutismus". Mit Er­laubnis des Verlags veröffentlichen wir aus ihm schon heute dieses Kapitel:

Von der Mündung des Lorenzstromgebiets drangen, ebenso wie in das Innere Neuenglands, zunächst Händler und Pelzjäger ins Land ein, zusammengefaßt unter dem Namen coureurs des bois oder Voyageurs. DieseWaldläufer" waren Fallensteller, Jäger und Händler. Sie nahmen zumeist die Lebensweise der Indianer an und wurden sogar deren Bun­desgenossen bei Jagd und Krieg. Sie bestanden bis zum 18., ja hinein bis zum 19. Jahrhundert, wo sie westwärts über das Felsengebirge zur Südsee und nordwärts zur arktischen Küste vorstießen. Ein Teil dieser französischen Waldläufer war bekannt unter dem Namen Acadier, so benannt nach einer Halbinsel im Süden des Lorenzbusens, der die Fran­zosen den Namen Neu-Acadia gegeben hatten. Als 1763 die Franzosen Kanada an England verloren, wanderten viele dieser französischen Wald­läufer nach den um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Vereinigten Staaten aus, wo sie als Kanadier und Acadier wegen ihrer Stärke und Tapfer­keit, aber auch wegen ihrer Roheit berühmt, und gefürchtet waren.

Bald gesellte sich zu diesen Vertretern der europäischen Kultur ein neues Element, das im Bereich der englischen Expansion fehlte, nämlich die Mission. 1625 rief Champlain Jesuiten aus Frankreich nach Kanada. Sie folgten den Waldläufern in das Innere zu Fuß oder im indianischen Rindenkanu. Weder in Neuengland, noch in Neufrankreich schrieben die Waldläufer Tagebücher und Briefe. Anders verhielten sich die Jesuiten, die über ihre Erlebnisse und Erfolge an ihre Vorgesetzten in Kanada berichteten, die ihrerseits wieder den übergeordneten Stellen des Jesuiten­ordens in Europa Rechenschaft ablegten. Von 1632 bis 1697 wurden alljährlich von dem Leiter der kanadischen Jesuitenmission die Berichte der Iesuitenmissionare zu einerrelation zusammengestellt, die in Frank­reich überprüft und dann in Auswahl in den Druck gegeben wurde. Die Jesuiten zogen zu den Indianern mit dem christlichen Kreuz und dem Gebetbuch. Sie waren begeistert für ihre Bekehrungsausgabe und wollten dem Indianer Gutes tun und bringen. Sie waren auch bereit, die schwer­sten Opfer für ihre Ziel« auf sich zu nehmen. Zwanzig Jahre nach der Ankunft der ersten Jesuiten zählte der Ordenskalender bereits fünfzig Märtyrer, die für ihrs heilige Sache gefallen waren. Die Jesuiten waren zugleich Vorkämpfer für menschenwürdige Behandlung der Indianer. Sie traten damit in die Fußspuren des spanischen Dominikaners Las Casas, des großen Jndianersreundes aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts, und j trugen wesentlich dazu bei, daß die Franzosen den Indianern eine bessere I

Behandlung, als diese sie durch die Engländer erfuhren, zukommen ließen.

Die Jesuiten waren daher bei französischen Waldläufern und Kolo­nisten zumeist ungern gefehen und hatten sogar unter deren Intrigen zu leiden. Die Waldläufer suchten dem Vordringen der Patres durch Ver­dächtigungen bei den Indianern hindernd in den Weg zu treten. Ge­legentlich aber traten Waldläufer, um bei den Indianern leichter Ein­gang zu finden und um bessere Beziehungen zu ihnen zu erhalten, im Gewand eines Jesuiten auf, schlugen das Kreuz über Kranken, beteten, sprachen aljo vom Standpunkt des Indianers Zauberworte, kurz sie übernahmen das Auftreten der Jesuiten.

Um die Indianer erfolgreich zum Christentum bekehren zu können, waren für die Jesuiten Kenntnisse über die Kultur, in erster Linie über die Sprachen der Indianer, notwendig. Die Jesuiten beschäftigten sich daher eingehend mit den indianischen Lebensverhältnissen. Ihre Beobach­tungen und Erfahrungen legten sie in den Berichten über ihre Tätigkeit nieder, weshalb den Jesuitenmissionaren wertvolle Nachrichten über die kanadischen Jndianerstämme zu verdanken sind. So wirkte, um ein Bei­spiel zu geben, der Jesuitenpater Garnier über sechzig Jahre in Kanada; er kannte die Sprache der Huronen, beherrschte die Dialekte der Irokesen und vermochte sich auch in der Sprache der Algonkin ziemlich gut ver­ständlich zu machen.

Französische Jesuiten wurden häufig von den Irokesen, den Tod­feinden der mit den Franzosen verbündeten Huronen, getötet. Man brannte die Waldkapellen ab, und Glaubensboten sanden den Märtyrer­tod. Bessere Aufnahme gaben ihnen die Huronen und Algonkin. Einzelne Stämme baten gradezu um den Besuch und den Aufenthalt eines Mis­sionars, wohl weniger aus frommer Sehnsucht nach dem Christentum als aus indianischem Zauberglauben, weil sich gelegentlich das Gebet und die Handlungen des Jesuiten wirksamer als die des eingeborenen Medizinmannes erwiesen hatten. Die Jesuiten waren dabei in ständiger Lebensgefahr; hing doch.dann ihr Leben ab von ihrem Ruf als Zauberer. Obendrein mußten sie europäische Gewohnheiten hinter sich lassen und das Leben der Indianer leben. Neben ihnen bewegte sich, zum Teil ihnen feindlich oder ihr Auftreten nachahmend, die Schar der Waldläufer, als andere Vorposten Frankreichs unter den Indianern.

Die Kühnheit der Jesuiten, die Gefahren, denen sie ausgesetzt waren, und die Weite ihrer Entdeckungen lassen sich am besten an Hand einiger Schicksale charakterisieren.

1660 zog auf Einladung eines indianischen Stammes der Jesuitenpater Menard in Begleitung von Indianern den Ottawa auswärts. Er lebte wie seine indianischen Begleiter, paddelte mit ihnen das Rindenboot, trug die Boote über Stromschnellen, schwamm, fischte und hungerte wie ein Indianer. Aus Mangel an Nahrung pulverisierte man die Knochen erjag­ter Tiere und kochte daraus einen Brei. Auf diese Weise kam Menard bis zum Huronensee. Dort entdeckte er die berühmten Stromschnellen, die noch in der Gegenwart den Namen tragen, den der Missionar ihnen gab, die St. Mariensälle. Von da aus stieß er bis zum Oberen See vor, an dessen Südufer er überwinterte. Aus zerstampfter Baumrinde und aus Moosen stellte er sich seine Nahrung her. 3m Frühjahr zog er zum Westufer des Oberen Sees, von wo er nicht zurückkehrte. Er verscholl im Wald«. Viele Jahre später fand man im Zelt eines Siouxindianers am oberen Mississippi sein Brevier, seinen Gürtel und einen Teil feiner Tagebücher, Dinge, die von den Siouxindianern als zauberkröstig oder göttlich verehrt wurden.

Nach Menards Verschwinden baten die Jndianerstämme des Innern erneut um einen Pater, einen Zaubermann. Gegen die Meinung und den Rat der französischen Kolonialbehörde und der jesuitischen Vorgesetzten begab sich Pater Allouez mit indianischen Begleitern zum Oberen See und erbaute sich dort eine Holzkapell«. Sein Ruf ging weithin ins Jn- dianerland. Zu mehr als zwölf Stämmen bahnte er gute Beziehungen an. Er hörte dabei von schönen Weiden und Wiesen, den Prärien, von großen Herden von Kühen, den Büffeln, und von einem großen Fluß, namens messepi, wo viele Biber wohnen sollten.

Infolge der guten Erfahrungen des Paters Allouez folgten seinen Spuren weitere Jesuiten, darunter der Entdecker des Mississippi, Pater Marquette. Dieser fuhr 1673 zusammen mit erprobten Pelzjägern und Waldläufern, vor allem mit L. Jolliet, auf Rindenkanus den Wisconsin- sluh abwärts, bis zum Vater der Ströme, dem Mississippi. Zu beiden Seiten des Flusses lagen blumige Wiesen, rebenbestandene Hügel, wuchsen Eichen und Nußbäume, weideten Herden von Büffeln und anderen Tieren. Tag und Nacht ging die Fahrt südwärts. Aus Angst vor Ueberfällen der Indianer gingen sie nur selten und kurz an Land. Schließlich gelangten sie zu einem Jndianerstamm, zu den Illinois, wo man die Friedenspfeise rauchte. Aber selbst bis zu diesen Indianern waren bereits französische Kleidungsstücke, eiserne Geräte, sogar Gewehre auf dem Wege des Tausch­handels vorgedrungen. Weiter südwärts ging die Fahrt, vorbei an der Mündung des Missouri, vorüber an zwei großen Bildern, die die India­ner in die Felswand geritzt hatten. Schließlich erreichten sie die Gegend der Ohio-Wadash und den Jndianerstamm der Tuscarora, die Flinten, Messer und Rosenkranzkugeln besaßen. Durch Tausch hatten sie diese Sachen erworben, die aus dem Süden von den Spaniern in Florida stammten. Marquette erfuhr, daß weiter südwärts der Mississippi zu einem großen und breiten Delta mündete, kehrte aber wegen der Spanier um, die aus Angst vor einem englischen oder französischen Vorstoß aus dem Norden die Südküste Nordamerikas nun unter schärferer Kontrolle hielten.

Seit 1678 baute der französische Edelmann de la Salle die Stellung Frankreichs im Mississippigebiet weiter aus, befuhr 1682 den mächtigen Strom bis zur Mündung in den Golf von Mexiko und gab diesem großen Bereich im Innern des nordamerikanischen Kontinents, der nun franzö­sisch geworden war, zu Ehren seines Königs den Namen Louisiana. 1684 fuhr er von Frankreich aus, wo er bei der Krone Hilfe für fein Unter­nehmen erbeten und erwirkt hatte, mit vier Schiffen und über zwei­hundert französischen Kolonisten in den Golf von Mexiko, um die Mississippimündung in festen Besitz zu nehmen und um dort ein« Kolonie i zu gründen. Er verfehlte aber das große Delta, landete dagegen in der