GiehenerLamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <931
Montag, den 23. November
Nummer 92
Ferngespräch.
Von Siegfried von Vegesack.
Deine Stimme klang so nah, daß ich deinen Atem beinahe spürt«, deinen Mund, dein schmales Lächeln sah, deine Lippen fast berührte.
Tausend Kilometer zwischen dir und mir, doch wir überspringen Länder, Städte. Ich bin dort, und du bist hier, und wir tanzen auf dem Seil der Drähte. Ach, es ist im Grunde ja egal, und wir wissen auch nicht, was wir sagen. Fühlen nur das Glück, — und tief die Qual: daß die Lippen nie das Wort erjagen!
Und schon zittre ich davor: gleich wird uns das Fernamt trennen. Tausend Kilometer weit, von Mund zu Ohr, muh das letzte Wort noch schnell hinüberrennen. Dann zerreißt der Draht. Ich höre dich nicht mehr. Dein« Stimme und dein Lächeln ist durchschnitten. Plötzlich wird mein Zimmer tot und leer. Und du bist mir sternenweit entglitten ...
Das Alibi.
Ein nächtliches Abenteuer.
Von Charlie Roellinghoff.
„Halb zehn!" konstatierte Viktor nach einem Blick auf die Uhr.
„Zweiundzwanzig Mark und fünfzig Pfennige, hierzu zwei Briefmarken ä acht Pfennige", fügte er nach einer Visitierung seiner Brieftasche hinzu. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief:
„Frau Mielemann!"
Die Vermieterin tauchte am anderen Ende des Korridors auf.
„Frau Mielemann!" sprach Viktor ernst.
„Wenn irgendwer, wer immer es sei, nach mir fragt, schreibt oder telephoniert — Sie wissen von nichts, Sie kennen mich nicht, Sie haben mich nie gesehen, verstanden?
„Das hab' ich schon verstanden, Herr Doktor. Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie mir die Miete nicht bezahlen!"
„Die Miete werde ich Ihnen morgen bezahlen! Ich hoffe, daß ich heute abend etwas verdienen werde; adjöh, Frau Mielemann!"
„Adieu, Herr Doktor."
Viktor war fest entschlossen, heute abend beim Bacspiel zu gewinnen. Zwanzig Mark — das waren immerhin vier Coups ä 5 Mark —, damit konnte man ein Vermögen gewinnen, wenn man nur ein wenig Glück hatte. Emmerich, der liebenswürdige Gastgeber, sollte sich heute wundern! ... Uebrigens, man müßte diesem Emmerich doch rasch mal einen kleinen Schreck einjagen!
Und schon war Viktor am Telephon und verlangte Emmerichs Nummer. Emmerich meldete sich. Dazwischen ertönten Ausrufe wie „Die Bank hat neun!", „Das ist mein Ship!", „Wie können Sie auch auf fünf kaufen?!" usw.
Viktor verstellte seine Stimme:
„Hier Kriminalpolizei! Hören Sie mal, uns ist zu Ohren gekommen, daß bei Ihnen dem verbotenen Glücksspiel gefrönt wird! Wir warnen Sic! ..."
Erregt kam es von der anderen Seite: .... m .
„Aber ich bitte Sie, Herr Inspektor! Davon kann doch keine Rede sein... Wir spielen hier ganz harmlos sechsundsechzig! ... Wo denken Sie hin, Herr Inspektor! ..."
Da fiel Viktor ein: , . ......
„Schön, Emmerich, mein guter Boy — in zehn Minuten bin ich bei dir — dann können wir ja wieder ein bißchen Bac spielen.
Viktor hörte sich noch an, wie Emmerich Brehms Tierleben am anderen Strippenende herunterdonnerte, dann hängte er ab und machte sich auf den Weg. ..... r- • < s
Er wurde mit großem Hallo empfangen machte sich ans Spiel und gewann in ganz kurzer Zeit vierhundert Mark. Emmench titulierte ihn nur noch per „Herr Inspektor!" — Gegen eins brach Bittor mit sechshundert Mark Gewinn überglücklich auf. .
Zehn Schritt vor seinem Hause stellten sich ihm zwc, dunkle Gestalten in den Weg. Eine davon wies eine schunmernde Marke vor und sagte.
„Kriminalpolizei! Folgen Sie uns!"
„Quatsch!" lachte Viktor. „Ihr seid wohl von Emmerich Bilse bestellt .
„Machen Sie kein Theater!" kam es drohend. „Folgen Sie uns. Wir haben einen Vorfuhrungsbefehl in Sachen Kortz. Sie sind als Zeug« genannt, sind zu zwei Terminen nicht erschienen und werden jetzt zwangsweise vorgcfuhrt. Los, Herr Bergstolz!"
„Aber ich bin ja gar nicht Herr Bergstolz!" sagte Viktor.
Die Beamten lächelten.
'ADa5JayJ^er! Wird sich alles Herausstellen! Los jetzt!"
-Oer Wachthabende auf der Kriminalpolizei war nicht sonderlich guter Laune wahrend des Verhörs.
„Also hören Sie schon auf mit der Komödie!" riet er Viktor. „Nennen Sie uns Ihre Personalien!" "
..Ich heiße Viktor Schubert!" beharrte Viktor.
„So? Und wo geben Sie vor, zu wohnen?"
„Pariser Straße 58b bei Frau Mielemann."
- Nach fünf Minuten Pause trat ein Beamter mit süffisantem Lächeln in die Revierstube und verkündete:
„Alles erfunden, Herr Inspektor! Wir haben die Frau Mielemann aus dem Schlaf telephoniert, toie weiß von keinem Herrn Viktor Schu- « ' f«,Aat n'V!nen ,^errn Viktor Schubert gesehen, sie kennt keinen Herrn Viktor Schubert!
Tief seufzte Viktor auf.
„Nun?" kam es drohend hinterm Schnurrbart des Inspektors hervor. „Wollen Sie weiter leugnen? Wollen Sie uns nicht vielleicht über die Herkunft dieser sechshundert Mark aufklären, die wir in Ihrer Brieftasche gefunden haben?"
Was auch kommen würde — niemals durfte Viktor zugeben, daß er mit Glücksspiel beschäftigt gewesen war. Also sagte er:
„Sechshundert Mark? Ach ja, richtig! Die habe ich ... die hat mir ... die sind mir heute am Brandenburger Tor von einem mittleren Herrn m die Hosentasche geschoben worden."
Schallendes Gelächter.
„Das muß einmal ein nobler Herr gewesen sein. Vielleicht war es hnrun al Raschid? Donnerwetter, ja! Sechshundert Mark in die Hosen- taschc! '
Der Ton wurde wieder ernster:
„Wo haben Sie sich heute abend bis zum Moment Ihrer Verhaftung herumgetrieben, Herr Bergstolz?"
Erstens heiße ich nicht Bergstolz! Und zweitens habe ich mich nicht herumgetrieben! Ich war zu einem gemütlichen Beisammensein bei meinem Freunde Emmerich Bilse!"
„Bilse?"
„Jawohl!"
„Ist das nicht der bekanüie Komponist?"
„Natürlich! Sehen Sie!"
„Natürlich sehen wir! Da können wir doch mal antelephonieren, wie?"
„Natürlich können wir da mal antelephonieren! Emmerich wird mein Alibi sofort beweisen und mich identifizieren! Und dann mache ich Ihnen einen Krach und einen Stunk, daß die ganze Bude hier auffliegt, das sage ich Ihnen nur!"
„Keine Drohungen, mein Herr! Sonst geht es Ihnen ganz dreckig!!!" „Also bitte — telephonieren Sie!"
Der Inspektor nahm den Hörer ab und verlangte Emmerich Bilses Nummer. Emmerich war gerade in den ersten süßen Schlummer gesunken als das Telephon im Korridor rasselte. Emmerich steckte beide Zeigefinger in die Ohren. Das Telephon gab keine Ruhe. Mit einem Fluch sprang Emmerich aus dem Bett, hastete im Nachtgewand mit bloßen, frierenden Füßen an den Apparat, nahm den Hörer ab und brüllte:
„Welcher Idiot will was von mir?!"
„Hier Kriminalpolizei! ... Hören Sie mal zu, Herr Bilse ..."
Bilse schickte einige Verwünschungen in die Leitung, hängte ab und schlurfte wütend in sein Bett zurück, wobei er murmelte:
„Schön — einmal hab' ich mir einen dummen Witz gefallen lassen! ... Aber immer wieder und dann mitten in der Nacht! Morgen werde ich diesem Schubert mal was erzählen!"
„Versuchen Sie es noch einmal!" flehte Viktor den Inspektor an. „Ich bitte Sie, es ist ein Mißverständnis!^
„Ich lasse mich nicht beschimpfen!" wetterte der Inspektor. „Ich denke nicht daran! Das ist ja alles Schwindel von Ihnen!"
„Vielleicht lassen Sie es m i ch versuchen!" bat Viktor, dem der Angst- schweiß auf die Stirne trat, denn die Situation wurde immer brenzliger.
„Also bitte!"
Viktor nahm den Hörer ab und verlangte Emmerichs Nummer. Der Inspektor lauschte an einem zweiten Hörer.
Emmerich fuhr wütend in die Höhe, als er erneut die verhaßte Klingel hörte. Er raste zum Apparat und schrie hinein:
„Ich verbitte mir das ernstlich!"
Viktor legte allen verfügbaren Schmelz in feine Stimme:


