Ausgabe 
23.10.1931
 
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zählte damals auch der Verrat von Fabrikations- und Handelsgeheimnissen. Bei Verleitung zur Auswanderung war die Strafe nur eine 4= bis 8jäh- rige Festungshaft oder Zuchthaus von gleicher Dauer.

Zum Schluffe noch eine hochwichtige Materie! Die Gespenster michten sich früher in so mancherlei Angelegenheiten des Lebens, daß die Juristen nicht umhin konnten, deren Rechte genau zu bestimmen. Der berühmte Leipziger Rechtslehrer Johann Samuel Stryck verfaßte darüber eine umfangreiche Dissertation (cke jure spectorum, Halle 1700). Darf man die Ehe scheiden, wenn der Gatte von Gespenstern verfolgt wird? Rein! Wohl aber aus diesem Grunde eine Verlobung aufheben. Bricht Spuk in einem Hause Miets- bzw. Kaufvertrag? Und so weiter. Das Gespenster­recht hätte sich so selbständig wie etwa das Wechselrecht entwickelt, wenn nicht die Aufklärung diesen schönen Trieb der Jurisprudenz mit grausamer Hand abgebrochen hätte.

Alte Liebe.

Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung statt Schluß.)

Der Meister lag wach im Bett, die Karoline an seiner Seite tat, als ob sie schliefe. Sie hatte sogleich die Stimme ihres Verehrers erkannt und es schlitterte sie, daß sie s am Herzbändel spürte.

Der Meister fuhr am andern Morgen mit dem Postwägelchen nach Ruppertenrod, wo er ein Geschäft zu erledigen hatte. Von dort beab­sichtigte er, über Alsfeld nach Kassel weiter zu reisen. Der Postschmöckel, der das Rößlein lenkte, erzählte tausend Geschichten, der Meister hörte mit halbem Ohr zu. Er dachte an den Auftritt, der sich gestern in seinem Hause abgespielt hatte. Wenn seine Frau in Lauterbach eine Bekannt­schaft gehabt hatte, war sie nicht verpflichtet, ihm das zu bekennen. Mög­lich, daß es ein ehrlicher Liebhaber gewesen war. Jetzt, wo sie in der Eheschaft lebte hatte das Schatzwert aufzuhören. Das verstand sich unter sittigen Menschen von selbst. Und wie unversonnen, wie schlecht hatte sie sich benommen! Vielleicht, daß sie mit dem Balbierer in heim­lichem Einverständnis war. Wenn sie ihren Mann, der so viel herum­kutschierte, hintergehen wolle, bot sich ihr reichlich Gelegenheit. Stät, stät! Man brauchte nicht gleich an das Schlimmste zu denken. Und nur keine Eifersucht. Cs war doch so, daß der Eifersüchtige sich selbst zum Hahnrei machte. Am Ende lief alles in dem einen Wort zusammen, das die Karoline ihm gestern ins Gesicht geschleudert hatte:Ich bin noch jung!" Wohl hatte er bei der Freite dem Schwickertsadam seine Be­denken geäußert:Jung und alt gibt kein gut Gespann!"Red dir nix ein, du bist noch nicht alt", hatte der Vetter damals gesprochen, hatte ihn in die Heirat fjineingetrieben. Er, der Meister, tat sich auf seinen Verstand etwas zugute, jenesmal in Wallenrod hatte der ihn im Stich gelassen. Nun war er in die Bredullje gekommen, fraß den Aerger in sich hinein. Aerger, das wußte man, zehrte am Leben.

Der Postschmöckel babbelte und babbelte. Da ihm der Meister keine Antwort gab, setzte er sein Horn an den Mund und begann eine lustige Weise zu blasen.

Im Dorf wurde trotz des Kirmestrubels der Besuch des Leopold Krammich und fein Gefchmützel mit der Karoline lang und breit be­sprochen. Der Hackepitscher meinte wobei er mit der geballten Faust einen Lusthieb vollführte der Meister habe seiner Frau die Sputzen ein für allemal ausgetrieben. Der Aumüller erzählte, der Baiwutz aus Lauterbach fei noch am zweiten Kirrnestag in der Gemarkung gesehen worden, und habe sich bei büfternbem Abeirb in bas Haus bes Krämers geschlichen.

Das kannst bu einen weismachen, ber keine Knöpf' an ben Hosen hat", erhob ber Kobes am Wolfseck feine Stimme.

Der Aumüller hatte bie Karoline auf bem Strich unb schwaberte:

Man spricht von naut, es kommt von naut. Die Schlubern hat der Deubel am Seid"

Das Gerücht lief um und wuchs wie der Schneeball im Rollen. Der Meister kehrte gegen Mittag zu Ruppertenrod imLöwen" ein. Dort traf er den Vertreter eines Frankfurter Kolonialwarenhauses, mit dem er feit langem in Verbindung stand. Der Reisende, ein Herr in mittleren Jahren, begrüßte ihn, zog ihn, da noch Gäste zugegen waren, beiseite und sagte:

Herr Schaeffler, ich hab in diesen Tagen viel an Sie gedacht. Ich war in Kirtorf. Da sieht man's wieder, was man auf die Doktoren geben kann!"

Der Meister blickte feinen Geschäftsfreund verständnislos an.

Herr Kreuzberger, was meinen Sie dann?"

In das Gesicht des Reifenden kam ein Ausdruck von Verlegenheit.

Nichts für ungut, Herr Schaeffler! Wenn unsereiner einen Kunden zehn Jahre besucht, rechnet er sich zur Familie und nimmt an allem teil."

Der Meister runzelte die Stirn.

Was machen Sie dann da für Geschichten herunter?" Kreuzberger trat einen Schritt zurück.

S scheint wahrhaftig. Sie wissen's noch nicht!"

Was soll ich dann wissen?"

Sie werden sich wundern! Ihre Marie ist seit Freitag wieder bei ihren Eltern und völlig gesund!"

Der Meister, weiß wie die Wand, schlug die Hände wider die Schläfen und rief mit zitternder Stimme:

Allmächtiger Gott!"

Die Gäste horchten auf und sahen herüber. Was hatten die beiden da zu verhandeln? Der Krämer machte ein Gesicht wie ein Nest voll Eulen. Sackerment, da ging etwas vor!

Ja, Herr Schaeffler", sagte der Reisende, von ber Erschütterung bes Meisters lebhaft berührt,man wird gehörig burdjgeqerbt in ber ver­flixten Welt. Man mag sich wehren ober nicht: man muß es laufen lasten, wie's läuft."

Der Meister bezahlte, was er schuldig war und verließ das Gastlokal. Die Reise nach Kassel gab er auf und erlangte vom Girlingshannes, an den er verwiesen wurde, ein Fuhrwerk. Das brachte ihn vor sinkendem Tag bis an die Irrenanstalt.

An die Fahrt hat er später noch mit Schaudern gedacht. In seinem Kopf tobte ein bohrender Schmerz, sein Körper wurde von Frost geschüt­telt. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Erst allmählich löste sich der Krampf.

Der Oberarzt, dem bes Meisters Anwesenheit gemelbet wurde, ließ diesen sogleich vor und bestätigte, was ber Geschäftsfreund imLöwen" zu Ruppertenrod bereits mitgeteilt hatte. Wider alles Erwarten habe sich im Befinden der jetzt geschiedenen Frau Schaeffler ein Umschwung bemerkbar gemacht, die Krankheitserscheinungen seien zurückgetreten, die seelische Störung sei in Genesung übergegangen. Er, der Oberarzt, habe das Zeugnis damals nach bestem Wissen und Gewissen ausgestellt. Die Wissenschaft in Ehren, doch fei sie nicht dagegen geschützt, daß die Natur ihr zuweilen ein Schnippchen schlage.

Der Oberarzt hatte es sehr eilig, er war im Begriff zu verreisen. Bei ben Kollegen in der Anstalt, sagte er, könne Herr Schaeffler über den Krankheitsverlauf und die Heilung der Patientin ausführlichen Bericht erhalten.

Der Meister suchte die Assistenzärzte auf. Die ergänzten die Erklärung des Chefs. Eines Sonntags hatte die Kranke den Wunsch ausgesprochen, dem Gottesdienst in der Anstalt beizuwohnen. Während die Orgel spielte und der Pfarrer predigte, hatte sie heftig gemeint. Bald danach drückte sie sich zum erstenmal wieder in zusammenhängenden, vernünftigen Wor­ten aus und legte ein ruhiges, gleichmäßiges Benehmen an ben Tag. Der Appetit regte sich, unb ihr Körpergewicht nahm zu. Sie begann von ihrer Krankheit zu reben, die sie nun überstanden habe, unb sie begehrte ihren Mann zu sprechen. Die Aerzte, bie einen Rückfall befürchteten, wenn sie erfuhr, baß ihr Ehebunb aufgelöst war, zögerten, ihr bie Wahrheit zu sagen. Als sie aber immer wieder anfing, sie trage bas größte Verlangen nach ihrem Mann, mußte man sich wohl ober übel entschließen, ihr mit aller Vorsicht zu offenbaren, was ihr auf bie Dauer nicht verschwiegen Serben konnte. Sie nahm bie Nachricht mit ersichtlicher Bestürzung auf, ohne baß sich ihr Gemüt roieber verbüstert hätte. Das Gegenteil war ber Fall, bie Besserung schritt fort. Die Aerzte waren sich eines Tages bar- über klar, baß man bie Marie unbebentlid) entlassen könne. Das war am vergangenen Freitag geschehen.

So erstatteten bie Assistenzärzte bem Meister Bericht.

Dieser fuhr mit ber Hand über bie Brust und sprach: Großen Dank! Nun weiß ich, was ich wissen mußt'." Die Pflegerin ber Marie gab ihm bis zum Portal bas Geleit.

In ber Kreisstabt übernachtete ber Meister und suchte am andern Vormittag seinen Rechtsbeistand auf. Dem legte er bar, was sich seit seiner Scheidung unb Wieberverheiratung in seinem Haus unb in ber Anstalt begeben hatte unb schloß:

S wirb feiner klug als mit feinem Schaben. Runbes bei Runbes, Spalten bei Spalten. Ich möcht aus meiner neuen Eheschaft heraus, möcht meine Marie mieber einfetzen, wo sie hingehört, feit bei mir."

Die Augen bes Rechtsanwalts, eines behäbigen Vierzigers, leuch­teten auf.

Ja, lieber Herr Schaeffler, es kommt barauf an, ob Ihre erste Frau was ich freilich für bentbar halte zu Ihnen zurückkehren will, unb ob Ihre zweite Frau sich bazu versteht, ihr warmes bequemes Nest zu verlassen. Daß sie bas mir nichts bir nichts tut, möcht ich benn doch bezweifeln. Immerhin, versuchen Sies, sich mit ihr auseinanber zu setzen. Das Gesetz gibt Ihnen brei Möglichkeiten an bie Hanb: entroeber Sie machen sich gegen Ihre Ehefrau einer groben Mißhanblung schulbig*

Zu so was geb ich mich nicht her!" warf ber Meister bazwischen.

Ober", fuhr ber Rechtsanwalt fort,Ihre Frau hält sich in böslicher Absicht ber häuslichen Gemeinschaft sern. Sie müssen in biesem Fall zum minbesten ein Jahr unb länger warten, bis Sie ein rechtskräftiges Urteil erlangen, baß bie Ehe geschieben ist."

Der Meister machte eine Hanbbewegung.

Das bauert mir viel zu lang!"

Die brüte Möglichkeit", kam ber Anwalt zu Enbe,ist bie: einer ber Gatten bricht bie Ehe. Wohlbemerkt: werben Sie als ber fchulbige Teil erklärt, braucht sich Ihre Frau nicht scheiben zu lassen!"

Der Meister schaute eine Weile sinnend vor sich hin, bann rief er:

Alleweil ist mir ein Licht aufgegangen. Gerät's, ifts gut. Gerät's nicht, gerät was anbres. Ich komm wieder her!"

Er gab feinem Rechtsbeistand die Hand und ging.

Die Karoline saß im Ladenstübchen am Schreibtisch, trug achtsam Posten für Posten in bas Hauptbuch ein. Da bürste auch fein Tüpfelchen fehlen. Sie mochte sich nicht nachsagen lassen, baß sie bie Bücher schlechter führte wie ihre Vorgängerin.

Jetzt (egte sie bie Feber hin unb lehnte sich, tief Atem holenb, zurück. Es war wie ein verborgenes Feuer in ihr, sie tat kein Scheitchen, fein Spänchen bazu unb es brannte boch. Ihr Herz zerschmolz in Sehnsucht nach bem Leopolb Krammich. Wo einen bie Liebe hintrieb, war kein Weg zu weit. Das hatte ber Leopolb bewiesen. Der gute Mensch, ber Zuckerstengel! Da er bei nachtschlafenber Zeit von ihr gegangen war, hatte er gesprochen:Du warst meine erste Siebe, sollst meine letzte fein! Das hatte geklungen wie Glockenton. Unb klang in ihr fort. Sie würde ihn nie und nimmer vergessen. Waren sie ein Paar geworden, sie wären wie im Himmel gewesen. Das war vorbei, für immer vorbei. Es war ihr im Kopf ganz zwirbelig. Der ewige Brand! Du lieber Gott, wie hielt sie bas aus!

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: l)r. LanSThhriot. Druck undDerlag:DrühlfcheUniverfitätS^Duch-undSteindru cker ei. R. Lange, Gießen.