spräche erschlossen, diese Verdienste in ihrem Herzen bewahrt. Mögen auch die Knaben und Jünglinge den Schatz Ihres Wissens, den Zauber Ihres Vortrags achtlos und unbewußt als keimkrästigen Samen in sich ausgenommen haben, als Männer ernteten sie die Früchte und erkennen deren Herkunst. Das Leben hat Ihre Schüler an die verschiedensten Stellen, zum Teil an verantwortungsvolle Posten berufen, keine Verbindung besteht mehr unter ihnen als das Andenken an den Mann, der ihnen auf wesentlichen geistigen Gebieten zum Führer wurde. Und freudig nehmen sie die Gelegenheit wahr, das in herzlicher Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. Als äußeres Zeichen ihrer unwandelbaren Liebe und Verehrung überreichen sie Ihnen durch meine Hand eine Ehrengabe, die dazu dienen soll, Ihren Bedarf an Büchern, die Ihrem rüstigen, regsamen Geiste so nötig sind wie anderen das tägliche Brot, in reichlicherem Maße als bisher zu decken."
Der alte Prosch, dem unter der Brille hervor dicke Tränen über die welken Backen rannen, nahm den gewichtigen Briefumschlag entgegen, ließ sich die Hand schütteln, stammelte ein paar wirre Sätze von überraschender Ehrung und unverdienter Güte, und schon hatte der hohe Besucher sich empfohlen. Dessen Wagen schlug aber nicht etwa die Richtung nach dem Ministerium ein, sondern nach der Wohnung des Bankdirektors Raffe und fand dort in der Garage seinen gewohnten Platz.
„Nun, wie ist's abgelaufen?" empfing Frau Nasse ihren Gatten. „Hast du den frommen Betrug mit Würde durchgeführt?"
„Zu einem Vergehen der Amtsanmaßung hast du mich angestiftetl" rief er vorwurfsvoll und küßte feine erfindungsreiche Frau auf die Stirn. „Hoffen wir, daß der echte Minister nichts von unsrem Streich erfährt oder ihn gnädigst auf sich beruhen läßt! Ich kann mein schlechtes Gewissen nur damit zu beruhigen suchen, daß der alte Prosch nun einen sorgen- jreien Lebensabend hat."
Konzerte — einst und jetzt.
Von Dr. Anton Mayer.
Jetzt geht der Herbst in den Musikwinter über, die Konzerte beginnen, die berühmten Virtuosen und Dirigenten nehmen ihre Tätigkeit wieder auf; wenn auch die Menge der abendlichen Darbietungen der tönenden Muse bei uns in Deutschland infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Lage nicht jene Zahl erreichen wird, welche die verflossenen Saisons aufzuweisen hatten, so bleibt die Masse der reproduzierten Musik doch immer noch erstaunlich. Es bedeutet übrigens, vom kritisch-ästhetischen Standpunkt aus gesehen, keinen Schaden, wenn das Angebot von Konzerten zurückgeht, da sich allzuviel gleichgültiges, unpersönliches — obgleich technisch solides — Können auf den Podien breit zu machen pflegte. Die starke Individualität ist auch für den reproduzierenden Künstler von größter Wichtigkeit, denn er muß die Schöpfungen der genialen Komponisten neu gestalten und mit dem eigenen Leben erfüllen; vermag er dies nicht, so bleibt bestenfalls eine technisch vollendete Wiedergabe der gespielten oder gesungenen Werke übrig, die aber bei dem heutigen Stande der Instrument-Beherrschung lediglich die Vorbedingung für die beseelte Neuschaffung bildet.
Den Wert der Persönlichkeit auf dem Podium wußte das achtzehnte Jahrhundert wohl zu schätzen; die Konzerte — damals nannte man sie „Akademien" — wurden stets von Komponisten veranstaltet, welche ihre eigenen Werke vortrugen, und sich nur zur Wiedergabe von Arien und Liedern der Sänger und Sängerinnen bedienten. Mit dieser Tatsache ist bereits der völlig andere Charakter der Veranstaltungen jener Zeit bestimmt; die Abwechselung, welche in unseren Konzerten zumeist durch den Vortrag von Stücken verschiedener Meister gewährleistet ist, kam in Fortfall. Dafür allerdings hatte das Publikum die Genugtuung, die Tondichter selbst tätig zu sehen und jedenfalls die Kompositionen in der garantiert richtigen Auffassung zu hören — leider haben die Musikfreunde von damals diesen Vorzug nicht immer richtig zu schätzen verstanden, da gerade die größten Komponisten, wie Mozart, viel weniger als Erfinder denn als Instrumentalisten geschätzt wurden. Es ist schwer für uns, eine solche Tatsache im richtigen Licht zu sehen; Mozart, dessen Opern zwar heute noch manchmal mißverstanden werden, aber doch jedenfalls Allgemeingut des deutschen Volkes geworden sind, hatte in Wien mit feinen Bühnenwerken wenig oder — wie beim „Don Juan" — gar keine Erfolge; sogar die „Zauberflöte" wäre beinahe durchgefallen, und wurde nur durch die Zähigkeit des Theaterdirektors Schikaneder zum Zugstück gemacht. Als Pianist und Violinist aber wurde er hoch geschätzt. Seine Klavierkonzerte, deren einige, wie das in A=Dur, in Ü-Moll, in Es=Sur, zu den sonderbarsten Schöpfungen aller Zeiten gehören, wurden weit weniger nach ihrem musikalischen Gehalt als nach ihrer technischen Brillanz beurteilt. Allerdings sind diese Werke auch viel mehr „Konzerte" im eigentlichen Sinn als die späteren gleichnamigen Stücke Beethovens und seiner Nachfolger, die vielmehr als Symphonien mit obligatem Klavier anzusehen sind. Mozart bewahrt dem Klavier stets eine Weise oder mehrere Melodien aus, die im Orchester nicht vorkommen, also die Wichtigkeit des Solopartes ganz besonders hervorheben; es ergibt sich eigentlich ein merkwürdiger Widerspruch, da in den Zeiten der Komponistenkonzerte das Virtuose, in den Zeiten der Dir- tuosenkonzerte aber gerade das Kompositorische in den Vordergrund des Interesses gerückt erscheint.
Eine andere Spezialität der alten Konzertsorm waren die Improvisationen, welche von allen Konzertgebern verlangt wurden, und vor allem das kontrapunktische sowie das harmonische Können des Auftreten- den beweisen sollten. Es wurden teils Ausgaben gestellt, teils solche bewältigt, die sich der Komponist selbst setzte — nicht etwa freie Phantasien über ein eigenes oder fremdes Thema, sondern gebundene, an feste Regeln gefesselte Stücke wurden verlangt, wie Fugen, Kanons oder Variationen: die Improvisationen stellten also sehr hohe Anforderungen an die Geistesgegenwart und die Beherrschung des musikalischen Rllst- Jenges; solche Stegreiskompositionen durften in keiner Akademie der rüheren Zeiten fehlen. Für unsere Begriffe ist die übliche Länge der Programme erstaunlich; drei bis vier Klavierkonzerte, Gesangsvorträge, Improvisationen und einzelne kleinere Stücke finden sich gewöhn
lich auf den Ankündigungen der Akademien, so daß wir manchmal nicht wissen, ob wir die Leistungen der Konzertgeber oder die Ausdauer der Zuhörer mehr bewundern sollen.
Sehr beliebt waren Wunderkinder, wie ja Mozart auch als Knabe von seinem Vater durch Frankreich, England. Holland und später durch Italien geschleift wurde; es ist nicht ausgeschlossen daß Mozarts zarte Gesundheit und sein früher Tod auf die furchtbaren Ueberanstrengungen im Kindesalter zurückzusühren sind. Auch alle möglichen Firlefanzereien finden sich, wie Schwestern, die mit verbundenen Augen auf verdeckten Tasten Klavier spielen, und andere Dinge, die wir heute bestenfalls noch auf der Varietebühne ertragen könnten.
Es dauert indessen nicht lange, bis der Wandel des Konzertwesens beginnt und das Virtuosentum die Programme zu regieren ansängt. Paganini, der unheimliche, dämonische Geiger, über den eine Menge phantastischer Anekdoten kursieren, war wohl der erste der großen Weltberühmtheiten dieser Art, und stellte gleich den vollendeten Typus bar: ein ausfallendes Aeußeres, schwarzes Haar, bleiche Gesichtsfarbe, einte sich mit einer damals volUpmmen verblüffenden Technik, welche das Publikum, wahrscheinlich vor allen dessen weibliche Mitgliedschaft, an teuflische Einflüsse und aufregende Gespensterhaftigkeit denken ließ. Der Virtuose war nirgends zu Hause, fuhr unstet durch die Länder, tauchte in Wien auf, war kurz darauf in London oder Paris und setzte nicht viel später die Berliner literarisch-ästhetischen Teezirkel in Erstaunen: alles sprach von ihm und wie, aber nicht was er spielte. Kompositionen, deren einziger Zweck das Zurschaustellen der Technik war, während auf den musikalischen Gehalt kein Gewicht gelegt wurde, wurden beliebt, und behaupteten sich lange, bis in unsere Zeit hinein, auf den Programmen. Nachdem Franz L i s z t für das Klavier eine ähnliche Rolle gespielt hatte wie Paganini für die Geige — daß Liszt später auch als Komponist Geniales geleistet hat, ist eine andere Sache — siegte das Virtuosentum auf der ganzen Linie; alle möglichen Instrumente, die wir nur noch als orchesterverwendungsfähig betrachten, waren auch im Konzertsaal sehr beliebt, Oboe, Klarinette, Flöte und besonders die Harfe bestritten einen großen Teil der Konzertdarbietungen, und zwar zum großen Teil mit dieser Art von Unterhaltungsmusik, die wir heute als fürchterlichen Kitsch bezeichnen.
Aber auch diese Hochflut des Virtuosentums flaute ab, als nun geniale reproduzierende Künstler Klavier und Geige zu den eigentlichen Konzertinstrumenten machten, und der musikalische Inhalt des Programms zum mindesten ebenso wichtig wurde wie der Virtuose. Kompositionen, wie Beethovens letzte Sonate, die früher nie gespielt worden waren, wurden nun fester Bestandteil jeder Vortragsfolge; Musiker wie Tausig, Rubin st ein, Bülow, Joachim, entwickelten zwar die Technik in ungeahnter Weise, hoben aber zugleich das musikalische Niveau der Konzerte um ein Bedeutendes. Diese Entwicklung hat sich fortgesetzt; die nächste Generation, d'Albert, Rosenthal, Sauer, Hubay und andere schritten auf dem eingeschlagenen Wege fort; große Neuerer, wie Ferruecio Busoni, vermochten es, nach Ueberroinbung ber reinen Virtuosität bem Fortschritt auch im Konzertsaal seinen Platz einzuräumen, so baß heute eine große Reihe sehr begabter und ungewöhnlich feffelnber Pianisten, unb Geiger wie Horowitz, Przihoba, ber Cellist (Calais und anbere, erstaunliche Technik mit starker musikalischer Gestaltungskraft vereinen. Auch bie Kammermusik, bie vom Joachimquartett (nach bem Vorgang von H e l l m e s b e r g e r in Wien) zum Gipfel geführt wurde, wird von verschiedenen Vereinigungen, wie Guarneri, I Busch, Klingler, auf einer Höhe gehalten, die ihre Darbietungen den Hörern zum reinen Genuß werden läßt.
Seltene Oichterfreundschast.
Von Dr. Fritz Adolf Hünich.
Ein Freund, ein guter Freund: das ist für feine meist nicht mit Glücksgütern gesegneten Kollegen der Dichter Gleim gewesen, einst berühmt als Schöpfer zierlicher anakreontischer Verse unb der Friedrich den Großen feiernden „Preußischen Kriegslieder von einem Grenadier", Sekretär des Domkapitels zu Halberstadt und Kanonikus des Stiftes Walbeck. Es freute ihn nicht nur, junge Dichter zu entdecken, er half ihnen auch, wenn er merkte, daß sie eines Beistandes bedurften. Das füllte auch Jean Paul (Richter) erfahren, der mit feiner Mutter, einer mittellos zurückgelaffenen Rektorswitwe, in einem Häuschen auf ber Kloftergaffe in Hof wohnte und durch steigende Schriftstellereinnahmen sich und sie aus tiefster Armut und Not herausarbeitete. Seine Studierstube war zugleich ber Wohnraum, aber er ließ sich, während er an seinem Schreibtisch saß, weder durch die Hantierung ber Mutter noch burch bas Gurren ber Tauben stören, bie in bem Zimmer umherflatterten. Als er Anfang Juli 1796 von einem längeren Besuch in Weimar nach Hause zurückkehrte, wartete bort seiner eine Ueberraschung, wie sie zu allen Zeiten einem Dichter mit leeren Taschen nicht erwünschter sein konnte: ein Unbekannter hatte ihm eine Rolle Doppel-Louisbor im Werte von 60 Talern geschickt unb den folgenbert Brief, ber mit Anspielung auf ben vor kurzem erschienenen „Quintus Fixlein" Septim u s Fixlein unterzeichnet war, bazu geschrieben:
„Sie sollen arm feyn, lieber Herr Richter! Sie? der Millionair an Berstande!
Weil diese Millionairs gemeiniglich arm find, unb biefes auch recht gut ist, denn bie andern schreiben keine Bücher, so glaub’ ichs, unb weil Ihre Bücher mir Vergnügen machen, sehr viel Vergnügen, nichts als Vergnügen, fo halt ich für meine Schuldigkeit, Ihnen, lieber Herr Richter, auch ein kleines Vergnügen dadurch zu machen, daß Sie fehn, daß Ihre Leser dankbar sind, alle dankbar sind, die meisten aber könnens nicht beweisen. und das ist auch recht gut; Sie, lieber Herr Richter, würden sonst reich, unb schrieben keine Bücher mehr!"


