fielt der Gasse. Nom Hafen her tuteten die großen Dampfer, die Flut war hereingekommen. Papa Hase stand in der Kneipentur, er nickte hinter uns her: „Gute Nacht, gute Nacht, es war mir ein Festessen .
Meister Martin der Küfner und seine Gesellen.
Erzählung von E. T. A. Hoffmann.
(Fortsetzung.)
Ihr spracht von Baumeistern, lieber Herr! Ei nun, solch ein stattliches Haus ist wohl ein herrliches Werk, aber wär' ich ein Baumeister, ginge ich vor meinem Wert vorüber und oben vom Erker schaute irgendein unsauberer Geist, ein nichtsnutziger, schuftiger Geselle, der das Haus erworben, auf mich herab, ich würde mich schämen ins Innerste hinein, mir würde vor lauter Aerger und Verdruß die Lust ankommen, mein eigenes Werk zu zerstören. Doch so etwas kann mir nicht geschehen mit meinen Gebäuden. Da drinnen wohnt ein für allemal nur der sauberste Geist auf 'Erden, der edle Wein. — Gott lobe mir mein Handwerk!" — ..Eure Lobrede", sprach Spangenberg, „war recht tüchtig und wacker gemeint. Es macht Euch Ehre, wenn Ihr Euer Handwerk recht hoch haltet, aber werdet nur nicht ungeduldig, wenn ich Euch noch nicht loslassen kann. Wenn nun doch wirklich ein Patrizier käme und und um Eure Tochter anhielte? Wenn das Leben einem so recht auf den Hals tritt, da gestaltet sich denn wohl manches ganz anders, als wie man es glaubt." — „Ach", rief Meister Martin ziemlich heftig, „ach, wie könnt' ich denn anders tun, als mich höflich neigen und sprechen: ,Lieber Herr, wäret Ihr ein tüchtiger Küper, aber so —'" — „Hört weiter", fiel ihm Spangenberg in die Rede, „wenn aber nun gar an einem schönen Tage ein schmucker Junge auf stolzem Pferde, mit glänzendem Gefolge, in prächtigen Kleidern angetan, vor Euerm Hause hielte und begehrte Eure Rosa zur Hausfrau?" — „Hei, hei", rief
Meister Martin noch heftiger als vorher, „hei, hei, wie würd' ich hastig,
wie ich nur könnte, rennen und die Haustür versperren mit Schlössern
und Riegeln — wie würd' ich rufen und schreien: -Reitet weiter! reitet
weiter, gestrenger Herr Junker, solche Rosen wie die meinige blühen nicht für Euch, ei, mein Weinkeller, meine Goldbatzen mögen Euch anstehen, das Mägdlein nehmt Ihr in den Kauf — aber reitet weiter! reitet weiter!'" — Der alte Spangenberg erhob sich blutrot im ganzen Gesicht, er stemmte beide Hände auf den Tisch und schaute vor sich nieder. „Nun", fing er nach einer Weile an, „nun noch die letzte Frage, Meister Martin. Wenn der Junker vor Euerm Hause mein eigener Sohn wäre, wenn ich selbst mit ihm vor Euerm Hause hielte, würdet Ihr da auch die Tür verschließen, würdet Ihr da auch glauben, wir wären nur gekommen, Eures Weinkellers, Eurer Goldbatzen wegen?" — „Mit Nichten", erwiderte Meister Martin, „mit Nichten, mein lieber gnädiger Herr, ich würde Euch freundlich die Tür öffnen, alles in meinem Hause sollte zu Euerm und Euers Herrn Sohns Befehl sein, aber was meine Rosa betrifft, da würde ich sprechen: .Möchte es doch der Himmel gefügt haben, daß Eurer wackrer Herr Junker ein tüchtiger Küper hätte werden können, keiner auf Erden sollte mir dann ein solch willkommener Eidam sein als er — aber jetzt!' — Doch, lieber, würdiger Herr, warum neckt unb quält Ihr mich denn mit solchen wunderlichen Fragen? — Seht nur, wie unser lustiges Gespräch ganz und gar ein Ende genommen, wie die Gläser gefüllt stehen bleiben! Lassen wir doch den Eidam und Rosas Hochzeit ganz beiseite, ich bringe Euch die Gesundheit Cures Junkers zu, der, wie ich höre, ein schmucker Herr sein. soll." Meister Martin ergriff sein Trinkglas, Paumgartner folgte seinem Beispiel, indem er rief: „Alles verfängliche Gespräch soll ein Ende haben und Euer wackerer Junker hoch leben!" — Spangenberg stieß an und sprach dann mit erzwungenem Lächeln: „Ihr könnt denken, daß ich im Scherze zu Euch sprach: denn nur frecher Liebeswahnsinn könnte wohl meinen Sohn, der unter den edelsten Geschlechtern seine Hausfrau erkiesen darf, dazu treiben, Rang und Geburt nicht achtend, um Eure Tochter zu freien. Aber etwas freundlicher hättet Ihr mir doch antworten können." —- „Ach, lieber Herr", erwiderte Meister Martin, „auch im Scherz könnt' ich nicht anders reden, als wie ich es tun würde, wenn solch wunderliches Zeug, wie Ihr es fabeltet, wirklich geschähe. Laßt mir übrigens meinen Stolz, denn Ihr selbst müßt mir doch bezeugen, daß ich der tüchtigste Küper bin auf weit und breit, daß ich mich auf den Wein verstehe, daß ich an unseres in Gott ruhenden Kaisers Maximilian tüchtige Weinordnung (auf dem am 10. Februar 1597 geschlossenen Reichstag zu Lindau fanden vor Maximilian I. auch die Klagen über Schwefelung des Weins aufmerksames Gehör) fest und getreulich halte, daß ich alle Gottlosigkeit als ein frommer Mann verschmähe, daß ich in mein zweifudriges Faß niemals mehr verdampfe als ein Lötlein lautern Schwefels, welches not tut zu Erhaltung, das alles, ihr lieben, würdigen Herren, werdet ihr wohl genüglich kosten an meinem Wein." — Spangenberg versuchte, indem er wieder seinen Platz einnahm, ein heitres Gesicht anzunehmen, und Paumgartner brachte andere Dinge aufs Tapet. Aber wie es geschieht, daß die einmal verstimmten Saiten eines Instruments sich immer wieder verzieh» und der Meister sich vergebens müht, die wohliönenden Akkorde, wie sie erst erklangen, aufs neue hervorzurufen, so wollte auch unter den drei Alten nun keine Rede, kein Wort mehr zusammenpassen. Spangenberg rief nach seinen Knechten und verließ ganz mißmutig Meister Martins Haus, in das er fröhlich und guter Dinge getreten.
Meister Marlin war über das unmutige Scheiden seines alten wackern Kundmanns ein wenig betreten und sprach zu Paumgartner, der eben das letzte Glas ausgetrunken hatte und nun auch scheiden wollte: „Ich weiß doch nun aber gar nicht, was der alte Herr wollte mit seinen Reden, und wie er darüber am Ende noch verdrießlich werden könnt'." — „Lieber Meister Martin", begann Paumgartner, „Ihr seid ein tüchtiger, frommer Mann, und wohl mag der was halten darauf, was er mit Gottes Hilfe
wacker treibt und was ihm Reichtum und Ehre gebracht hat. Nur darf dies nicht ausarten in prahlerischen Stolz, das streitet gegen allen christlichen Sin». Schon in der Gewerksversammlung heute war es nicht recht von Euch, daß Ihr Euch selbst über alle übrigen Meister setztet: möget Ihr doch wirklich mehr verstehen von Eurer Kunst als die anderen, aber daß Ihr das geradezu ihnen an den Hals werfet, das kann ja nur Aerger und Mißmut erregen. Und nun vollends heute abend! — So verblendet konntet Ihr doch wohl nicht sein, in Spangenbergs Reden etwas anderes zu suchen als die scherzhafte Prüfung, wie weit Ihr es wohl treiben würdet mit Euerm starrsinnigen Stolz. Schwer mußte es ja den würdigen Herrn verletzen, als Ihr in der Bewerbung jedes Junkers um Eure Tochter nur niedrige Habsucht finden wolltet. Und noch wäre alles gut gegangen, wenn Ihr eingelenkt hättet, als Spangenberg von seinem Sohne zu reden begann. Wie, wenn Ihr spracht: ,Ja, mein lieber, würdiger Herr, wenn Ihr selbst kämt als Brautwerber mit Euerm Sohne, ja, auf solche hohe Ehre wär' ich nimmer gefaßt, da würd' ich wanken in meinen festesten Entschlüssen.' Ja! wenn Ihr so spracht, was wäre dann davon anders die Folge gewesen, als daß der alte Spangenberg, die vorige Unbill ganz vergessend, heiter gelächelt und guter Dinge geworden wie vorher." — „Scheltet mich nur", sprach Meister Martin, „scheltet mich nur wacker aus, ich hab' es wohl verdient, aber als der Alt« solch abgeschmacktes Zeug redete, es schnürte mir die Kehle zu, ich konnte nicht anders antworten." — „Und dann", fuhr Paumgartner fort, „und bann der tolle Vorsatz selbst. Eure Tochter durchaus nur einem Küper geben zu wollen. Dem Himmel, spracht Ihr, soll Eurer Tochter Schicksal anheimgestellt sein, und doch greift Ihr mit irdischer Blödsinnigkeit dem Ratschluß der ewigen Macht vor, indem Ihr eigensinnig vorher festsetzt, aus welchem Kreise Ihr den Eidam nehmen wollt. Das kann Euch und Eure Rosa ins Verderben stürzen. Laßt ab, Meister Martin, laßt ab von solcher unchristlicher, kindischer Torheit, laßt die ewige Macht gebieten, die in Eurer Tochter frommes Herz schon den richtigen Ausspruch legen wird!" — „Ach, mein würdiger Herr", sprach Meister Martin ganz kleinmütig, „nun erst sehe ich ein, wie übel ich daran tat, nicht gleich alles herauszusagen. Ihr meint, nur die Hochschätzung meines Handwerks habe mich zu dem unabänderlichen Entschluß gebracht, Rosa nur an einen Kllpermeister zu verheiraten: es ist dem ober nicht so: noch ein anderer, gar wunderbarer, geheimnisvoller Grund dazu ist vorhanden. — Ich kann Euch nicht fortlassen, ohne daß Ihr alles erfahren habt, Ihr sollt nicht über Nacht auf mich grollen. Setzt Euch, ich bitte gar herzlich darum, verweilt noch einige Augenblicke! Seht, hier steht noch eine Flasch« des ältesten Weins, den der mißmutige Junker verschmäht hat, laßt es Euch noch bei mir gefallen!" Paumgartner erstaunte über Meister Martins zutrauliches Eindringen, das sonst gar nicht in seiner Natur lag; es war, als laste dem Mann etwas gar schwer auf dem Herzen, das er los fein wollte. Als nun Paumgartner sich gesetzt und ein Glas Wein getrunken hatte, fing Meister Martin auf folgende Weise an: „Ihr wißt, mein lieber, würdiger Herr, daß meine brave Hausfrau, bald nachdem Rosa geboren, an den Folgen des schweren Kindbettes starb. Damals lebt« meine uralte Großmutter noch, wenn stocktaub und blind, kaum der Sprache fähig, gelähmt an allen Gliedern, im Bette liegen Tag und Nacht anders leben genannt zu werden verdient. Meine Rosa war getauft worden, und die Amme saß mit dem Kinde in der Stube, wo die Großmutter lag. Mir war es so traurig und, wenn ich das schöne Kind onbticfte, so wunderbar freudig und wehmütig zu Sinn, ich war so tief bewegt, daß ich zu jeder Arbeit untauglich mich fühlte und still, in mich gekehrt, neben dem Bette der alten Großmutter stand, die ich glücklich pries, da ihr schon jetzt aller irdische Schmerz entnommen. Und als ich ihr nun so ins bleiche 'Antlitz schaue, da fängt sie mit einem Male an seltsam zu lächeln, es ist, als glätteten sich die verschrumpften Züge aus, als färbten sich die blassen Wangen. — Sie richtet sich empor, sie streckt, wie plötzlich beseelt von wunderbarer Kraft, die gelähmten Arme aus, wie sie es sonst nicht vermochte, sie ruft vernehmlich mit leiser, lieblicher Stimme: -Rosa — meine liebe Rosa!' — Die Amme steht auf und bringt ihr das Kind, das sie in den Armen auf und nieder wiegt. Aber nun, mein würdiger Herr, nun denkt Euch mein Erstaunen, ja meinen Schreck, als die Alte mit heller, kräftiger Stimme ein Lied in der hohen, fröhlichen Lobeweif Herrn Hans Berchlers, Gastgebers zum Geist in Straßburg (es war bei den Meistersingern Sitte, Melodien nach ihren Erfindern zu nennen), zu fingen beginnt, das also lautet:
-Mägdlein, zart mit roten Wangen, Rosa, hör' das Gebot,
Magst dich wahren vor Not und Bangen! Halt' im Herzen nur Gott, Treib' keinen Spott,
Heg' kein töricht Verlangen!
Ein glänzend Häuslein wird er bringen, Würzige Fluten treiben brinn. Blanke Englein gar luftig fingen, Mit frommem Sinn Horch treuster Minn', Ha! lieblichem Liebesklingen.
Das Häuslein mit güldnem Prangen, Der hak's ins Haus gekrag'n, Den wirst du süß umfangen. Darfst nicht den Vater frag’n. Ist dein Bräutigam minniglich.
Ins Haus das Häuslein bringt allwegen Reichtum, Glück, Heil und Hort, Jungfräulein! — Augen klar!
Deljrlein auf vor treuem Wort, Magst wohl hinfort
Blühen in Gottes Segen!'
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Brühl'fchr Llniverf itäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


