Vapa Hases Mussum.
Von Heinrich Hauser.
Eine echte Hamburger Kuriosität ist Papa Hases Museum. Auf der Geschöftskarte stand: „Museum für Kolonie und Heimat" Restaurant. Eigentümer A. E. Th. Hase, Prof, der unentdeckten Wissenschaften, Hamburg, St. Pauli. Erichstrahe. ,
Es war früh für die Reeperbahn und schon ziemlich spat sur den gesetzten Bürger; es war gegen halb 24 Uhr, als sich die Erichstrahe vor uns öffnete. „ . . . _ . ,
Der Eingang zum „Museum für Kolonie und Heimat war schwach beleuchtet. Das Licht reichte eben hin, daß man die gelblichen Gestalten der Spiritus-Embryonen im Schausenster sich krümmen sah und die dunklen Schatten der Goldfische, die in runden Gläsern schwammen. Wir traten ein. Die kleine Kneipe war vollkommen leer. Ueber der Theke am Eingang sang eine kleingeschraubte Gasflamme, irgendwo in dem dunklen Hintergrund tickte eine Uhr. Wir lauschten: da hinten schnarchte einer.
Plötzlich raschelte es in einer Ecke. Ueber den Rand eines Tisches hob sich etwas Weißes und dann fiel die Zeitung, die den Kopf des Schläfers bedeckt hatte, zu Boden. Was übrig blieb, war harmlos, ein weißer Bart in dem braun-verwitterten Gesicht eines alten Mannes.
„Guten Abend, Papa", sagte ich, denn ich kannte Herrn Hase schon seit zehn Jahren, kannte ihn seit der Zeit, wo wir Seeleute ihm Korallen und Schiffsmodelle in Glasflafchen für fein Museum brachten. Er zwinkerte mit den Augen und zog die Schnur der Gasflamme. Es wurde hell mit einem kleinen Knall. Plötzlich stand das Museum vor unsern Augen. Zum größten Teil hing es an der Decke, und zwar hing es so dicht, daß von der Decke selbst nichts mehr zu sehen war. Gerade über der Theke baumelten die afrikanischen Zauberfetische, exotische Musikinstrumente und die gegerbte Beinhaut eines Kannibalen, anzusehen wie ein plumper Stumpf. Aus den Brettern des Gläserschranks hinter der Theke reihten sich die Schiffsmodelle in Glasflaschen, deren Hintergrund unweigerlich eine Ansicht der Elbe bei Blankenese bildete, auch das klein« Schiff in der elektrischen Birne befand sich unter ihnen, bei dessen Ankauf ich beteiligt war. Links ging die Theke in eine aus Pappe hergsstellte Tropfsteinhöhle über, in der Zwerge mit roten Mützen in Bergmannsrüstung mit Hämmerchen auf gläserne Edelsteine klopften. Eine Bank stand in der Grotte, um die sich papierene Rosengirlanden bis zur Decke rankten. Von oben aber griff ein ausgestopfter Affe in das rosige Idyll, und damit war der Uebergang in den musealen Teil wiederhergestellt. Dicht wie ein Heringsschwarm hingen nebeneinander die ausgestopsten Fische. Zwischen den Heringszug der Fische gequetscht hingen ganze Schwärme von Vögeln, während durch das allgemeine Gewimmel der Leiber sich noch Schlangen ringelten, gebäumte Kobras mit gespreizten Hauben, boa constrictor und anderes Natterngezücht, bestaubt und eingeräuchert. Es waren auch Teile von Tieren da, Nester des Webervogels und ähnliche Dinge. Es gab auch eine Schlangenhaut, auf der geschrieben stand: „Diese Schlange fuhr aus der Haut, als sie hörte, daß Karl Hagen- beck Kommerzienrat wurde". Die Wände des kleinen Raums waren fast bedeckt mit Photographien von Negerinnen und allerlei Abnormitäten, dazwischen hingen Pistolen, gekreuzte Säbel, Bilder alter Schisse und überall, wo sich Bretter anbringen ließen, standen die Glaser mit den Spirituswesen menschlichen und tierischen Geschlechts.
Nach dem ersten Rundblick tranken wir mit Vater Hase mehrere kleine Gläser wasserhellen, feinen Kümmels und ebensoviele kleine runde Gläser hellen Biers, Gläser, die man in Hamburg „Kugel" nennt Vierzig Jahre lang ist Papa Hase zur See gefahren. Wie es Seeleute gibt, die ihre Heuer vertrinken, so hatte Hase sein Geld „versammelt. Er dachte noch nicht an ein Museum, aber er hatte den Sammlertrieb, der sich ganz einfach auf alles erstreckte, was „Rarität und „Seltenheit war, und so war das Museum schließlich zusammengekommen ein Museum, über das die Gelehrten lächeln mögen, das aber doch dieselben Traditionen hat wie das Neuyorker „Metropolitan" oder das „British Museum .
Entweder, weil ein Fremder zugegen war, oder aus Gewohnheit oder angeregt durch die vielen kleinen „Kugeln', fing Papa Hase mit der Erklärung seines Museums an. Feierlich rollten Worte aus seinem weihen Bart, denen er jenen hohlen Klang zu geben versuchte, wie ihn die Zauberkünstler auf Jahrmärkten haben und die Vater, die sich am Nikolaustag vor ihren Kindern als Knecht Rupprecht verkleiden. Ec führte uns in den Nebenraum, der teils Wohnzimmer, teils ebenfalls Museum war, ja er zündete unsretwegen eigens den Kandelaber an.
Fast wären wir ein bißchen erschrocken, denn da stand dicht an Der Häkeldecke des Wohnzimmertischs ein ausgestopster Löwe und sah so komisch aus, wie ein ausgestopfter Löwe irgend sein kann, er war aber jung und sozusagen noch ein Löwi. Hinter dem Sofa reckte ein Straffen» baby feinen zarten Hals gegen die Decke. Es war so jung, daß sein Fell noch keine richtigen Flecken hatte, es war von einem wundervollen Gelb und aus dem Fell heraus schauten Die traurigsten Glasaugen, Die ich je gesehen habe. Vater Hase erklärte diese Tiere und sagte, daß die Giraffe es sei, Die Den Hamburgerinnen Die KinDer brächte, feit es keinen Storch mehr gäbe. Aus Der Lehne Des Sofas heraus wuchs Die Wachshand einer Prothese — Papa Hase hatte sie aus dem Grabe eines ungeratenen Sohnes abgeschnitten, Der die Hand gegen seine Eltern erhoben hatte. Rechts stand ein Glasschrank, durch dessen verstaubte Scheiben man Den wunderlichsten Inhalt sah. Da waren ägyptische Murn,en, echte Mumien und kleine Totengaben, Da waren ausgestopfte Frettchen und versteinerte Vorzeittiere, die ausfahen wie Jchtyosaurus-Babys, da waren Andenken an Harzburg und chinesische Drachen aus Holz geschnitzt, Korallen und ein Zigarrenabschneider mit Rettungsring. Götzenbilder ftanben neben den Türen und Möpse aus Porzellan. — Und Dann fragte Papa Hase, ob wir Die ganze Herrlichkeit nicht kaufen wollten — en bloc — Denn einzeln gäbe er nichts ab. Anzahlung bloß hunderttausenD Mark eine vorzügliche Kapitalsanlage für eine aufstrebende Stadt. Wir schüttelten traurig mit den Köpfen, wir hätten das Museum gern gehabt, denn es ist dos schönste, das ich je gesehen habe. Wir tranken noch eine kleine Kugel, drückten Papa Hase die Hand und verschwanden in der Dunkel-
in London sowie in Bristol, Manchester, Birmingham und anderen Stödten Opernwochen abgehalten worden sind, bei denen hauptsächlich Mozart und moderne englische Werke, z. B. von Vaughan Williams, eines Der bedeutendsten zeitgenössischen Tonsetzers und des sehr kultivierten und begabten Napier Miles, von Berufssängern dargestellt worden sind, so konnten doch diese Veranstaltungen den Opernhunger der Engländer nicht stillen: was ist also natürlicher, als daß Dilettanten sich zusammentun, um selber Aufführungen auf die Beine zu stellen, da sie sonst das gelobte Land des Musikdrämas allzu selten zu betreten imstande sind?
Zur Verwirklichung eines solchen, ganz gewiß nicht leicht zu Ende zu führenden Planes kommen den Engländern zwei wichtige Dinge zu Hilfe. Dem britischen Volke steckt Die alte TraDition des Madngalsmgens tief im Blute; Die Komponisten Der großen insularen Musikzeit Des spaten Mittelalters haben einen unerschöpflichen Schatz an mehrstimmigen Bokal- werken hinterlassen, die jahrhundertelang zum eisernen Bestände der englischen Musikalität und besonders der englischen Musiksreude gehörten. Wenn auch im 19. Jahrhundert die Hebung des Singens vernachlässigt worden ist, so ist sie doch seit einiger Zeit wieder stark un Wachsen begriffen, und wird außerdem auf das lebhafteste durch das Wesen Der Choroereinigungen unterstützt, Die seit Den letzten Jahrzehnten das ganze Land überziehen. Jedes Dorf, jeder Flecken hat seinen streng Demokratisch organisierten Chor, in dem der Gutsbesitzer mit Familie und seiner Dienerschaft, Der Bauer und der Gemüsehändler zusammen mit ihren Frauen und Kindern unter Leitung des Organisten oder des Zehrers fingen und für die Bewältigung schwerer Ausgaben ausgebildet werden. Denn alljährlich findet ein großes Wettfingenftatt, das die bedeuteiidsten Kapellmeister unentgeltlich leiten; es werden Werke wie die tt-Moll-Meffe Bachs oder die Misfa Beethovens aufgeführt, und die vereinigten Chore der Provinzen und Counties singen gegeneinander, bis em Distrikt den Preis errungen hat — Die „Competition“ (Wettbewerb) ist Dem alten englischen Sportgeist Die angenehmste Form. Eine Folge Dieser, allgemeinen Ausbildung im Gesang ist das sogenannte „Commumty-singing1; ist irgendwo, zu einem Fußballmatch oder einem politischen Meeting eine Menge versammelt, so tritt in den Pausen irgendein Beliebiger auf einen erhöhten Platz und intoniert ein Lied oder sonst irgendein Volksstuck, Das Die Menge unter seiner Leitung, meist mehrstimmig, durchstngt: Ernstes und Heiteres, Sentimentales und Derbkomisches, Altes und Neues wechselt ab. Für Den FremDcn sinD diese Art Des Singens und Die Chor-Eoinpetitions die beste Widerlegung des alten falschen Gemeinplatzes, daß England das Land ohne Musik sei. Das Gegenteil ist wahr.
Es war notwendig, dem deutschen Leser dies zu erklären, damit er die Leistung der Cambridger Dilettanten besser verstehe. Studenten sowie junge Damen und Herren der Stadt führten im Stadttheater Henri Purcells „Fairy Queen“ auf. Henri Pureell ist so etwas wie der englische Mozart; er lebte genau hundert Jahre vor unserem Amadeus, und starb 1695, wie dieser sünfunddreißigjährig. Er hat eine ^zulle der herrlichsten Musik hinterlassen, — ich trage keinen Augenblick Bedenken, ihn den größten Genies der Musikgeschichte be,zuzahlen; alle deutschen Sanger Instrumentalisten, Dirigenten und Amateure seien immer wieder auf seine Werke, auf Die Lieder, Klavierstücke und Orchesterwerke hlngewiesen (seine Schauspielmusiken bergen eine Menge Der köstlichsten Konzert- nummern!) — vor allem aber sei allen Intendanten unb -t- Der Opernbühnen ans Herz gelegt, sich ferner musikdramat.schen Arbeiten anzunehmen. „Dido und Aeneas" wurde vor einigen Jahren in Munster mit großem Erfolge aufgeführt, und wohl einige Male an anderen S ellen wiederholt; „King Arthur" und „Fairy Queen sind dagegen in Deutjch- land völlig unbekannt.
Der Tert Der „Feenkönigin" lehnt sich eng an Shakespeares „,,Som-, mernachstraum" an, er vergröbert ihn und putzt ihn mit allen möglichen Ballettszenen und Allegorien im Sinne Der Barockzeit auf, um Dem Komponisten möglichst viel Gelegenheit zum Komponieren äu gel en. Zum Schluß läßt Oberon, Der Elfenkönig, Die Menschen einen Blick in ein seltsames Märchenreich tun: in einem chinesischen Garten, in Dem Assen tanzen, Jünglinge und Jungfrauen von Liebe singen und den Reigen führen: — China und sein Porzellan war in Der jroeiten £)alfte des^17. Jahrhunderts die neueste Mode. Purcells Musik trifft iedesmal den richtigen Ausdriick, er hat die komtzche^Szene w'e d.e des b trunkenen Poeten ebenso charakterisiert, wie die a.anze m>k Grazie, die Liebes^ szenen mit wehmütiger Hingebung erfüllt; das Durd>gehcude Motiv eE Schlummerliedes läßt fast schon an etwas wie ein Leitmotiv denken. Immer ist die melodische Erfindung, Der eigenartige, manchmal an englische Volksmusik anknüpfende Rhythmus, Der lange Atem dieser Musik zu bewundern.
Alle Mitwirkenden, auch Die Mitglieder des aus dem Streichkorper, Flöten, Oboen und Pauken bestehenden Orchesters, waren Dilettanten; nur die Trompeter und der Cembalist, dieser in der Person des hervorragenden Organisten von King’s College, gehörten dem Musikerberuf an. Die vollbrachte Leistung blieb erstaunlich; denn die Schwierigkeit der Aufführungen Purcellschcr Werke liegt im eigenartigen Stil Der alten Muiikdramen den wir so ohne weiteres nicht treffen. Erade dieser Stil aber wurde in Cambridge ganz ausgezeichnet beherrschst die Koloraturen auf der Bühne kamen ebenso klar heraus wie die Verschnorkelimgen und d.e Rhythmen Der Instrumente. Kostüm, Darstellungsart und Jnszeme- rung onn7en allen v rnünftigen Ansprüchen vollkommen genügen; ja es aab sogar eine ganz besonders schöne Erjcheinung, w.e etwa den Sänger Des ,Phölms" in der Jahreszeiten-Megorie, der, Cambridger Student und naher Verwandter eines früheren Ministers, seme ungewohn- Virh {fhnn» oefdrieft oefebminft unb nur mit einem ^)üftentu-l)
KleiLt in Än Dieist? der Vi Sache Purcells zu stellen sich nicht scheute In dieser Vorstellung herrschte das richtige alle ^Heater- und Musikblut der Engländer: so war sie nickst nur em Genuß> im kunsst lerischen Sinne, sondern auch eine gute * ’ „ „
Volkes, mit dem vertraut zu werden unsere politische Pflicht zu fern scheint. _____


