Ausgabe 
23.3.1931
 
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Es war peinigend, in das Glück und in fein höllisches Vergessensein hineinzublicken. John tastete aus Verzweislung mit der Hand seine Brust an: er war es noch, er mar lebendig, er war da. Das war die Belohnung dafür, daß er Monate lang in den Sumpsgräben bei Paschendaele in d--n Kanonaden der Deutschen lag. Davon wollte er jetzt Mary erzählen. Aber Mary brauchte ihn, wie es schien, nicht mehr. Denn Mary war heiter, Mary lächelte, Mary war froh.

Sein Kinn sank auf den kalten Fensterstein. Er schloß für einige Augenblicke die Augen, um nicht herauszuschreien vor Verlassenheit, Trauer und Sehnsucht. Es war ja wahr: er hatte nicht viel an Mary gedacht. Doch einmal, als er nach dem Waffenstillstand in Bethune war und in einem Laden Ketten aus farbigem Glas sah. Davon kaufte er eine, und trug sie in feiner Tasche neben allerlei Kriegserinnerungen und einer flachen Nickeluhr, die er einem Deutschen abgenommen hatte. Er hatte nicht den Mut in das Haus zu treten, die Türe aufzureißen und hineinzurufen:John Davis ist da, Maschinengewehrschütze der Löwen von Ouebek, der die Deutschen besiegt hat". Das würde vielleicht dem aufgeschossenen Speckfresser im Zimmer Furcht in das Gerippe jagen. Aber was wird Mary tun? Mary schien, da sie lächelte, sich an Jahn nicht mehr zu erinnern. Marys Lippen glühten rot im Gesicht, ihre weihen Zähne blitzten. John war dem Weinen nahe.

Mary und der Mann standen vom Tische auf. Sie ging mit den Tellern zur Tür hinaus, der Mann ober zog eine Pfeife und Tabak aus der Tasche und hantierte damit. John starrte in das fremde Räuber- gesicht. fast neidvoll, unsagbar erbittert und von Schmerz durchwühlt. Die Haare des Mannes hatten einen rötlichen Schimmer. Die Knochen unter den Augen traten stark heraus. Die Ohren waren lang und bewegten sich leicht beim Rauchziehen. Das war also der Sieger, der zu Haufe aebiieben war und bas Rennen gemacht hatte.

Da stach es Jobn in der Lunge. Das war vom Gas. Er wußte, jetzt würde er husten. John svranq in die Dunkelheit, die nur auf der Erde, wo der S-bnee Ina. weiß schimmerte. Er hielt beide Hände vor seinen Mund und ging, wie von tausend Märschen ermüdet, den Weg zurück.

Liebe Mary, ich habe nach dem Kriege unter dem Namen John La Rouge in Texas gearbeitet. Bleibe glücklich und denke manchmal an Deinen ersten Mann John Davis, der in Texas begraben hegt.

Das schreibe ich nicht", sagte der Methodist. Doch er schrieb es zwei Stunden später, als der ehemalige Lowe von Ouebek gestorben war.

Mary bekam die kleine Hinterlassenschaft: Achtzig ersparte Dollars, die flache Nickeluhr des Deutschen, gezeichnet Hans Lammers, ein Mester, einen Tabaksbeutel und die Kleider, die nicht mehr nach dem Holz der. kanadischen Wälder rochen, sondern nach dem faulen, bitteren Del von

'Mary meinte nicht, als ihr der Rothaarige den Brief vorlas. Denn für sie war John schon längst gestorben. ..

Die Glaskette", schrie sie,war von John! Da fielen beiden die Fußspuren von jenem Februar ein, die vor dem Fenster waren, und über die sie damals so lange gesprochen hatten. Sie schauten stch eigen­tümlich lang in die Augen, aber dann ging Mary in die Küche und klapperte mit einem Kochtopf. ri r . .. ,

Jack Bledes aber ging ans Fenster und preßte feine kleinen, schwachen Augen ganz nah an das Glas heran, als ob er sich spähend und suchend nach jemand umsähe. Die Holzlatten waren unverruckt In den Beeren­büschen hockte ein Vogel und hatte die Federn gesträubt. Die Gartenerde lag schwarz und feucht vor seinen Augen und zeigte keine Spur von einem Tritt ober Schritt. Es wurde ihm kalt im Rucken, als plötzlich das Fenster stoßweise klirrte und zitterte. Von unten her, aus dem trüben Nachmittag, hörte er eine Schiffssirene pfeifen.

, ihrem Bewußtsein, und jetzt bei der Nachricht feines Todes mußte «e erft mühsam ihre Erinnerung an John zusammensuchen, um stch über­haupt ein Bild von ihm machen zu können.

Ja, ja, Mary", sagte ihr Vater,jetzt mußt du dir einen anderen Mann suchen. Wie wäre es mit Jack Bledes? Das war alles, was der tin aber ^°ohnrbBatis roar" weder tot noch vermißt. Er war bei einem Vorstoß der Deutschen an der Flandernfront verschüttet worden in der Nacht konnte er sich wieder herauswuhlen und zuruckkriechen. Von den Quebeter Löwen" war nicht mehr viel vorhanden. John stieß zu einem englischen Regiment und wurde nach langem Hm und Her 'N ein Ersatzdepot verwiesen. Inzwischen war er auf die Aussage eines Kameraden hin vom Regiment als gefallen erklärt worden. Der Waffen­stillstand tarn, und John gehörte zu den ersten Truppen, die zuruck- transportiert wurden. John Davis wurde nach langer Meersahrt in Halifax ausgeschifft und setzte mit der Eisenbahn über Albany und Montreal seine Heimkehr fort. Die Heimkehrer hatten es nicht eilig. Ueberall bekamen sie Zigaretten, Schokolade und Whisky Sie fossen zuerst in Halifax herum. Es waren hübsche Tage. Die Mädchen nannten ihnHeld des Krieges" und er fand bas sehr angenehm. In Ouebek hatten sie einen donnernden Einmarsch. Von Musik brach fast der Himmel zusammen. Da war es auch, wo ein dicker Herr zu ihm traf:Nun, Held des Krieges, haben Sie es den Deutschen besorgt? John war zu ehrlich um sich als Quebeter Münchhausen aufzuspielen:Das mar nicht so wie Sie glauben, Herr". Aber auf eine so müde Antwort war der Dicke nicht gefaßt. Er rückte vom Helden einem anderen auf die Schulter, der in Bethune in der Etappe war.

Quebet lag im Schnee. Es war Februar. John kam gegen Abend den Weg entlang, der zu seinem Hause führte. Er sah es.in ber Däm­merung vor sich liegen. 0 wunderbar: im Haus war L-

Licht" vor sich hin. Licht: das mar seine verschüttete Seele, Licht: das war Wärme einer Zeit, die er in einem anderen Leben gehcwt zu - ... .

schien, Licht: das war wiederkehrende Vergangenheit. Er blieb stehen Erde ft eg ein und unterdrückte aus Ergriffenheit sogar seinen Atem. Er überlegte sich, 3"' wie «r sich Mary nähern sollte.Wie wird sie wohl aussehen, ach, ich er, habe sich schon lange nicht mehr im Arme gehabt. Dieser Gedanke,rl brachte ihn zum Lächeln und machte ihn mutig, bis er drei Schritte von der Türe entferht mar. Er stutzte und hielt an, da er eine dunkle ,-- - j _ . .

Stimme sich mit einer Hellen mischen hörte. Er ging auf den Fußspitzen mein^raul ©s ma' jW näher, obwohl man im Schnee seinen Tritt nicht hörte. Da kam aus Marn. id> habe nacy

dem Fenster vor ihm das klirrende Geräusch von Coffein und Tellern. Mit einem leichten Sprung setzte er über den Gartenzaun, schob sich am Fenster empor und sah durch die dünnen Vorhänge in das beleuchtete Zimmer hinein. ,

Vor Freude wollte erMary" rufen, als er sie am Tische sitzen sah. Aber wer war das? John Davis mußte sich mit zwei Händen am Fensterrahmen festhalten, so zitterte er. Neben Mary saß ein blonder und schon etwas älterer Mann, der sich anscheinend mit Mary neckte und sie auf die Schulter schlug. Was sagte Mary?:Mann, hör aus Texa^.

und!" so saß er auch einmal in diesem Zimmer und Mary hatte "" ebenso zu ihm gesagt:Mann,!" Mary schien fröhlich, zu sein; denn sie lächelte und war munter wie ein Mäuschen.

Das mar einmal sein Haus, dafür hatte er die Steine geklopft und die Holzbalken herbeigetragen. Dafür hatte er den Mörtel gemacht, jeden Tag nach dem Abendessen und nach zehn Stunden mühsamer, harter Arbeit. Das Werden dieses kleinen Hauses aus Stein und Holz hatte ihn mit Glück erfüllt. Warum ging er auch fort? Ist Fortgehen nicht gleich Totfein? Er sah sich den Mann an, der am Speck herumschnitt und sich Scheiben aufs Brot legte. Cs war kein überwältigender Mann, aber er, John, mar auch nicht überwältigend. Er war ein heimgeschickter Soldat, mehr als zehnmal in Todesgefahr. Zehnmal in Todesgefahr fein, macht alt. Darüber half kein Schnaps hinweg.

Aber da fiel ihm ein:Die Kette für Mary!" Also ging -r. noch einmal zurück, und dieser Gang war ihm der schwerste Gang seines Lebens. Vor ihm erschien wieder das gelbe, aus den Fenstern quer über den Schnee fallende Licht, das ihm das Auge der Heimat hatte fein können. Diesmal getraute er sich nicht in das Zimmer zu freuen, um aus Schmerz und Wut nicht die Scheide mit der tfauft zu zerschlagen. Mit abgewnnbtem Gesicht legte er die billige Kette auf den Fensterstein. Möge sich Mary wundern, wenn sie das Fenster am nachsten Morgen öffnet. John dachte dabei: wie lange mochte der da dr'Niien schon hier siyen und den Herrn in seinem Hause fpielen. Geber Soldat mochte nach dem Kriege etwas Trübes hinunterschlucken Was waren die ®r(nien der Deutschen gegen die Liebkosungen, die er sich wie ein Dieb mitansehen muhte. Eine Stimme schrie in ihm:Geh hinein unb kämpfe um Mary. Eine andere Stimme schrie in ihm:Sie wird dich onslachen, John! Sie wird sich fürchten und dich für ein Gespenst halten. John . wird sie sagen, ist weit überm Meer begraben. Niemand weiß wo, John ist tot.

, i " Und es mürbe so, baß ein Mann, den der Krieg über alles Maß, i I über die Grenzen des Lebens hinausschob, ein Mann namens John Davis, durch den amerikanischen Kontinent kreuz und quer zog, nachdem er feinen Namen John Davis in den Dreck geworfen hatte und unter bem Namen John La Rouge Tellerwäscher in Bo ton würbe Ausläufer in Cincinnati unb zuletzt Arbeit an den Oclguellen von Texas fand.

- - - . I aus jeber Verbmbung.

-> I John arbeitete still unb verschlossen, doch eines Sages mußte er sich .. in her omrl' I legen.Das Gas von Paschenbaele kommt roieber , sagte er sich. John \obn laatc stand noch am Abend am Fenster. Einer der Bohrtürme hatte Feuer «^51 S SSiS?

3obn fühlte, die Erbe war von ben Menschen verwunbet worben wie er, aber sie konnte mit furchtbarem Gebrüll den ganzen ^^treis erschüttern. Ihm würbe die Stimme immer schwacher unb schwacher. Er konnte kaum bie Zunge noch heben.

Sterbe ich?" fragte «r den Methodisten.Dann schreiben Cie bas

Volksmusik in England.

Von Dr. Anton Mayer.

Ein in mancherlei Beziehungen wichtiges Theaterereignis hat vor kurzem in ber Universitätsstabt Camdribge ftattgefunben, deren alte Eollegegebäube, aus bem 14. bis 18. Jahrhunbert stammend, auf ein geschäftiges Treiben der vielen, auf Rädern von einer Vorlesung zur andern oder zur Ausübung irgendeines Sportes fahrenden Studenten herabblicken. Aber nicht nur Wissenschaft und Körperausbildung beschaf- tigen die Söhne ber altberühmten Alma mater: in ihnen mahnt, wie in so vielen Angehörigen ber angelsächsischen Rasse, eine starke Liebe zur Musik unb zum Theater eine ganz befonbers starke, also zur Ver- binbung beiber Faktoren, zum Singspiel ober gar zur richtigen, aus­gewachsenen Oper.

Die historische Entwicklung hat es mit sich gebracht, baß nach einer glanzvollen Periobe der musikdramatischenMasken", großer höpscher Prunkstücke, an deren Aufführung sich bie Mitglieber bes Königshauses beteiligten, zu bereu Ausstattung bie berühmtesten Baumeister, wie Jaiao Jones, Dekorationen entwarfen, unb einer verhältnismäßig kurzen Blüte der englifchen und italienifchen Oper das Musikdrama nur noch für die obersten Zehntausend für teures Geld gepflegt würbe.

Die Aufführungen in Covent Garden, in benen feit langem deutsche und italienische Künstler und Werke überwiegen, sind ber großen Masse ber weniger Begüterten unzugänglich unb finden nur wahrend weniger Monate im Jahre statt; die Versuche von Privatgesellschaften, ein stehendes britisches Operntheater zu gründen, find bis jetzt stets an ben Kosten eines solchen Unternehmens gescheitert wir wissen, baß alle Opern- theater Zuschüsse brauchen. Wenn auch, besonders in ben letzten Jahren, häufig in London und in der Provinz, z.B. in dem ganz aus klein­bürgerliches Publikum eingestelltenOld Vic" (Old Victoria Theatre)