Eichener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (951 Montag, den 23. März Nummer 2<

Oer Regenbogen.

Bon Leo Sternberg. Wölbt sich ein Regenbogen, fernher aus deiner Hand in meine Hand gezogen vor dunkler Wolkenwand.

In allen Finsternissen entzündet er sich schön; und die Getrennten wissen verdrückt sich in den Höhn.

Sich fern sein ist das Schwere, wenn man einander liebt...

Ach, daß es über Meere ein Händereichen gibt.

Oer Soldat John Davis kehrt heim.

Bon Anton Schnack.

Der Arbeiter John Davis hatte sich am erhöhten Ufer des Heiligen Karlsfluffes einige Quadratmeter Land gekauft, das er, da feine Heirat bevorstand, selbst umgrub und in wochenlanger Arbeit mit einem kleinen Hause überbaute. Er hatte eine prachtvolle Uebersicht, bis zu den weiten kanadischen Wäldern reichend, die sich an die Stadt Quebek von Norden her heranschwemmten.

Jeden Morgen verließ er mit einer blauen Kanne und einem Päckchen Essen sein Haus, um in einer Ouebecker Holzsäge seine Arbeit zu tun. Er hatte, kurz vor Ausbruch des großen Krieges, Mary Lowell aus dem Orte Silery geheiratet. Mary war von mittelgroßer und etwas üppiger Figur, hatte blitzblanke, blaue Augen und war ein ganz hübsches Ding, nur nicht viel zum Reden aufgelegt und auch sonst etwas trocken rind leblos im Wesen.

John Davis paßte das; denn er selbst war ein stiller und verschlossener Mensch, den die Arbeit in der Holzschneiderei halb taub gemacht hatte. Bon früh morgens bis abends rollte er schwere Fichtenstämme an die kreischenden Sägen heran. Im Lärm des Sägens hatte er sich das Reden abgewöhnt. Man verstand sich ja doch^ nicht, und cs war deshalb besser den Mund zu halten; denn von den Sägen flog der Holzstaub in feinen und beißenden Wolken.

Mary, seine Frau, war eine Arbeiterstochter, die Davis im Sägewerk kennengelernt hatte. Das Mädchen brachte ihrem Vater tagtäglich das Essen zur Arbeitsstelle. Der alte Man» hatte ein Magenleide», das ihm nicht erlaubte, kalte oder abgekühlte Speisen zu essen. Davis sah das Mädchen wochenlang, bevor er ein Wort mit ihr sprach. Aber dann faßte er sich doch ein Herz und in kurzer Zeit waren sie miteinander versprochen. Die Heirat fand int Herbst des ersten Kriegsjahres statt. Ihr Haus hatte für sie beide genug Raum; Mary fing an, den kleinen Gemüsegarten zu betreuen, die Wäsche zu waschen und anstatt nun ihrem Vater allein das Essen zu bringen, brachte sie es auch ihrem Manne John Davis.

Schließlich griff die Hand des Krieges auch nach Kanada und auch nach John Davis. Er wurde als Mafchinengewehrfchütze ausgebildet und in einem Soldatenlager untergebracht, wo es von Pelztierjägern, Wald­arbeitern, Holzfällern, Arbeitern aus den Papier- und Möbelfabriken, Studenten aus der Quebeker La Vall-Univerfität wimmelte. Seine Aus­bildung war noch nicht zu Ende, als das ganze Regiment für den Abtransport nach Frankreich bestimmt wurde.

Der Abschied von seiner Frau vollzog sich ruhig unb ohne jegliche Erschütterung, da die Vorstellungskraft von Mann unb Weib nicht im geringsten bcn gewaltigen Raum unb ben großen Weg abzuschätzen vermochten, wohin Davis gehen mußte. Sie dachten sich, daß Davis in kurzer Zeit wieder zurück fein werde.

Ich werde es den Deutschen geben", sagte er gutgelaunt.

Und Mary wiederholte das immer wieder:Ja, ja, John, du wirst es den Deutschen geben, du haft es ja auch dem Schipper Mitfchel gegeben", unb sie erinnerte ihn dadurch an die Rauferei in der Kneipe zurGrünen Allee".

Es war ein lärmender Abschied, den die Quebeker ihrenLöwen bereiteten. Der Bahnhof barst heinahe von dem Lärm der vielen Musik­kapellen. Die zufrieden lächelnden Soldaten wurden mit Blumen und Papierschnitzeln überschüttet. Begeisterte Frauen brachten Körbe voll Schokolade, Obst und Würste an Sie Zugfenster. Unter riesigem Lärm donnerte der Transport die Strecke nach Halifax hinaus.

In Halifax wurden sie in Transportschiffe übergeleitet und, von Torpedobooten und leichten Kreuzern umkreist, begann die Meerfahrt nach Frankreich. Davis war zunächst erstaunt durch das Ausmaß und die Vielfältigkeit feiner Reife. Die Soldaten standen an Bord, rauchten ihre Pfeifen und spuckten in den Gischt der Wogen.

Die Soldaten veranstalteten Wettspiele im Boxen und Ringen, ver» trieben sich mit Karten die Zeit, aber Davis beteiligte sich wenig daran, denn er hatte mit dem Durchstöbern des Schiffes, dem Betrachten des Meeres, der auftauchenden Fische, der verdämmernden Küsten und der Arbeit der Matrosen genug zu sehen und zu schauen. Es siel ihm gar nicht ein, Sehnsucht nach Mary zu haben. Das Reue, das Ungewohnte und das ganz Andere nahm von seinen schwerfälligen und langsam dahinkriechenden Gedanken Besitz.

In Frankreich angekommen, wurde bas Regiment nach kurzer Ruhe­pause unb einigen Ausbilbungswochen in bie flanbrischen Schützengräben geworfen. Das Gesicht feiner Frau entfiel John langsam. Ihre Züge nahmen immer mehr bie Linien von Schatten an, die sich von Tag zu Tag verwischten. Manchmal buchte er daran, baß er bei Quebek ein Holzhaus habe mit ber Nummer 3 über der Türe und einem kleinen Garten darum.Was wird Mary machen?", schoß ihm manchmal eine Frage durchs Gehirn. Mary machte als eine einfache, klare und kühle Natur nicht viel. Sie ging auf in ihrem häuslichen Tun und besuchte, da es ihr zu Hause zu einsam wurde, mehr denn je ihr Elternhaus. Schließlich sand sie, da auch in Kanada bie Männer seltener würben, in einer großen Druckerei Arbeit als Einlegerin.

Davis grub Schützengräben, baute Verschanzungen, schoß an seinem Maschinengewehr, fluchte über bie Nässe, rauchte seinen Tabak, wusch sich, wenn er in Ruhestellung war, aber an seine Frau schrieb er nicht. Er konnte nicht schreiben. Seine ganze Schreibkunst beschränkte sich auf seinen Namen. Seine schwere Hand war für bas Hin- und Herrollen von dicken Holzstämmen, für Schanz- unb Grabarbeiten, aber nicht für bie mühevolle Abfertigung eines Briefes. Er hatte einmal versucht, einen Bleistift in bie Hanb zu nehmen, aber er brachte es nicht fertig, ihn in bie richtige Haltung zu zwingen, um damit zu schreiben. Aergerlich warf er ihn zur Seite. Und andere Soldaten, bie im Schreiben geübter waren, wollte er nicht bitten, es für ihn zu tun. Was hätte er auch schreiben sollen: er hatte wenig Fähigkeit, seine ®ebanfen in Worte zu fassen, auch war alles, was er bis jetzt gesehen unb erlebt hatte, wie ein großer Rausch unb Traum burch ihn hinburchgeweht. Er war Solbat geworben, um zu schießen unb zu marschieren, zu graben unb zu fluchen, aber nicht um Briefe nach Kanaba zu schreiben. Ein Tag reihte sich an ben anberen, Monat verstrich nach Monat; für John Davis würbe der Name Mary immer kleiner, dünner unb ferner.

Jrn Frühjahr 1918, an einem kühlen unb von Regen überschütteten Tage, bekam Mary ein amtliches Schreiben, bas ihr Herzklopfen ver­ursachte. Sie hatte eine unerklärliche Angst vor biesem gelben unb mit vielen Stempeln versehenen Briefe. Sie nahm ihr Tuch, schlug es um ben Kopf unb ging mit dem Briefe zu ihrem Vater. Ihr Vatter hatte keine Angst, er öffnete ben Bries bedächtig unb las ihn vor, wobei sich feine Stimme um nichts oeränberte:

Wir haben bie traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, baß ber Maschinen­gewehrschütze John Davis bes 3. kanabischen Schützenregimentes auf dem Felde der Ehre gefallen ist. Er war ein tapferer Soldat, ben das Regiment nie vergessen wird. Seine Vorgesetzten und Kameraden schätzten und liebten ihn." gez.: Leutnant Grant.

Mary hob die Schürze aus blauem Kattun unb meinte ein wenig. Ihr Vater sah zum Fenster hinaus unb betrachtete ben Rauch, ber, vom Winde getrieben, über ben Weg kroch.

Armer John, o Gott, o Gott, armer John", schluchzte Mary. Sie mußte sich mühsam erinnern, um sich John vorzustellen, ber sie vor vielen Monaten verlassen hatte, um in ben Krieg zu fahren. Sie dachte nach: Warzen hatte er am Handgelenk; ein paar Sommersprossen unter den Augen, sein Hals war etwas gerötet; sie hatte John das Essen gemacht, sie hatte John bie Knöpfe angenäht; an ber Stirne hatte er eine wulstige Narbe, bie von einem fpringenben Holzstück geschlagen werben war. Sie erinnerte sich auch, daß aus seinen Kleidern der Geruch von Bäumen, Wald und Erde brach, wenn er gegen Abend zur Türe hereintrat. Das war ihr Bär John Sohn eines Irländers aus Belfast, der in ben Sankt Lorenzstrom gefallen unb ertrunken war. Sie hatte es nie eingesehen, warum John ohne ersichtlichen Grunb, eines Krieges wegen, in einen unbekannten Erbteil zog, den sie sich am Ende ber Welt vorstellte, von Feuer durchsressen unb mit ewigem Donner erfüllt, wie sie erzählten. Sie hatte in ben Wochen nach bem Ab schieb immer reicher geglaubt: morgen wirb er kommen, übermorgen, aber ganz sicher nm Wochenende. Ihren Glauben zermürbte die Zeit. Und sie dachte immer weniger an John. Ein Tag nach dem anderen drängte ihn weiter