„Da wird er bestimmt auch wieder mit ihr Zusammenkommen?"
„Nein. Nie."
„Sagen Sie das nicht. Litte Liebe ..."
Die Wirtschafterin unterbrach sie.
„Sie ist einmal spät abends angekommen, er aber hat sie nicht über die Schwelle gelassen und auch kein Wort mit ihr geredet. Das Geld, das sie verlangte, habe ich ihr auf die Straße hinausgebracht. Man soll keinem Menschen den Tod wünschen — hier aber sage ich: gottlob, daß sie jetzt tot ist. Mein Herr hat so viel durch sie leiden müssen. Der kann nun von Glück sagen, daß er von ihr erlöst ist. Er hat ..."
Die Wirtschafterin unterbrach sich, denn im Garten hörte man eine jubelnde Kinderstimme „Papa" rufen. Hildegard erhob sich hastig, um noch unbemerkt das Zimmer verlassen zu können. Aber es war schon zu spät. Im Türrahmen stieß sie mit dem, den sie meiden wollte, zusammen.
„Hilde", rief er außer sich vor Staunen und Freude, „Hilde, du? Gott sei es gedankt, daß du den Weg zu mir gefunden hast!"
Hildegard versuchte umsonst ihrer großen Bewegung Herr zu werden.
„Ich ... ich habe hier Sachen ... gekauft. Hier auf dem Schreibtische liegt der Scheck."
Erich Brandt nahm den Scheck, betrachtete ihn und zerriß ihn in Stücke. Dann ergriff er Hildegards Hand und hielt sie fest.
„Schreibe mir lieber eine Quittung darüber aus, daß alle alten Rechnungen zwischen uns beglichen sind. Ich habe weit über Gebühr bezahlen müssen. Hörst du, Hilde?"
Die Frau gab sich alle Mühe, ihre Hand rius der seinen zu befreien.
„Ich kann nicht", stöhnte sie und wandte sich ab, weil sie sich schämte, daß ihr Herz sich als so schwach erwiesen. „Ich kann wirklich nicht!"
Aber da kam Klein-Sofiechen, die staunend dem Auftritte beigewohnt hatte und drückte ihr mit sanfter Gemalt einen Bleistift in die Hand.
Hildegard ließ sich zwar nicht erweichen, die verlangte Quittung auszuschreiben, doch als sie einige Stunden später das Haus verließ, sah man es an ihren leuchtenden Augen, daß alle alte Forderungen beglichen waren und ein neues, geläutertes Glück seinen Einzug halten wollte.--
3m Winter durch das Inka-Reich.
Von Professor Alfons Goldschmidt*.
Ich sollte mich nicht mehr lange nach der Herbst- und Winterkühle Deutschlands sehnen. Bald sollte ich die ganze Gewalt des Winters spüren, und zwar nicht weit vom Aeguator. Auf den Höhen Perus fegt im Monat Juli der Eiswind den Staub auf. Die Kordillerenkämme und -spitzen sind beschneit, und man ist froh, nach Sonnenuntergang ins warme Bett zu kommen. An der peruanischen Küste fließt der Hum- boldstrom, genannt nach dem großen deutschen Pioniergelehrteu, der ihn zum erstenmal wissenschaftlich untersucht hat. Die Küste ist kahl, sandig und bergig. Hier steigt die Vorkordillere an, die in Höhenwüsten endet, Pampas genannt, hinter denen sich das Hochgebirge erhebt. Die Küste ist, von säg. Oasen abgesehen, die an Flüssen liegen oder mit Hilfe von Jrrigatiouskanülen gebildet wurden, unfruchtbar, gelb oder grau im Winter. Zwischen ihr und den Inseln streichen endlose Vogelzüge. Es sind das die Guanos, die Viktor von Schefsel besungen hat, als er dem Philosophen Hegel eins auswischen wollte. (Nun, Hegel hat's nicht gespürt, nicht mal Kuno Fischer.) Ost ist der Himmel ganz, schwarz von diesen Tieren, die nach einer bestimmten Ordnung fliegen, sich auf die Jnselselsen setzen und dort ihren fruchtbaren Mist abladen. An den peruanischen Häfen sieht und riecht man diesen Mist aus vielen Tausenden von Säcken. Es ist noch immer ein gutes Geschäft, obwohl seit langem der künstliche Dünger fabriziert wird. Aber Peruaner und Chilenen, die vom Guano- und Salpetergeschäst abhängen, hoffen, daß eines Tages das Interesse für den künstlichen Dünger fallen wird, weil dieser Dünger nicht die Vitamine haben soll, die Guano und Salpeter kräftig machen.
Von Mollendo, einem der Haupthäfen Perus, an der südlichen Küste des Landes, steigt eine englische Bahn über Arequipa nach Puno am Titieaeasee. Kurz vor Puno zweigt sie ab nach dem alten Inkazentrum Cuzco. Ich hatte in Lima, der Hauptstadt Perus, außerhalb des Museums, vergeblich Inkareste oder Reste präinkaischer Kultur gesucht. Lima ist eine reguläre Stadt mit spanisch-architektonischem Charakter, aber ohne Besonderheiten. Sie liegt nahe bei dem wichtigsten Hafen Perus, Callao. Ich sah in Lima sehr schöne spanische Bauten, von denen ich den Palast Torre Tagle erwähnen möchte mit seinen reichen Holzschnitzereien, kühlen Höfen und freundlichen Galerien. Heute ist der Palast Sitz des Auswärtigen Amtes der peruanischen Regierung. Aber mich drängte es nach der Höhe, nach den Indio-Plateaus und Indio-Bergen Perus. Deshalb verließ ich in Mollendo das Schiff. Die Landung geht dort nicht so glatt vor sich wie in anderen Häfen. Das Meer brandet heftig. Auf einem Zimmerstuhl, der von einem Kran gesenkt und gehoben wird, landest du. Manchmal hängen und sitzen an diesem Stuhl zehn ober zwölf Menschen mit ihren Handkoffern und mit einer komischen Angst. Aber man wird hochgezogen, abgesetzt und kann nun den Zug nach Arequipa nehmen. „.. t ,
Stundenlang bleibt das Meer sichtbar, die Kulte dehnt sich weiter und weiter bis alles im Nebel verschwindet. Es war die sonderbarste Auffahrt, die ich jemals gemacht habe. Schwemmland, Steinfelder, Sandschluchten, Lehmbarraneas, nur hier und da Kakteen ober Dürrgesträuch. Die Stationen kahl, von ärmlichem Grünzeug bestanden. Gewaltige Rücken ziehen sich nach oben, wie die Rücken von Riesenelefanten, die sich mit den Köpfen zusammendrängen, um bas Hochplateau zu stützen. Die Bahn toinbet sich mit außerordentlicher Kühnheit steil aufwärts, durch Engen, in denen nichts gedeiht. Das ist Siliziumsand, der beizend in den Waggon weht. Auf beiden Seiten der Bahn sieht man halbmondförmige Hügel
* Aus: „Die dritte Eroberung Amerikas" (Verlag Erich Rowohlt, Berlin).
und erfährt, daß es Wanderdünen find, die vom Wind wie ausgehende Monde geformt werden. Sie wandern eigentlich nicht, sondern rutschen weiter mit dein abfließendern Sand. Eigentümlich ist der Effekt, wenn die Abendsonne auf diesen Sicheln liegt und (iejdjeinbar bewegt. Der Sonnenuntergang hier ist eines der grandiosesten Schauspiele. Die weißen Kordillerengipfel und Kordillerengrats rot beglänzt, auf Pampa und Bergen gegenüber der rote Abglanz, immer satter und dunktzr, dazu das Gesicht und Gefühl der Weite, die uns noch nicht verlassen hat, seit die See verschwamm. Das alles ist in unendliche Einsamkeit getaucht. Dann wird es schwarz, bis wir die Lichter von Arequipa sehen. Als mir aus dem Zuge fliegen, schlägt uns die Höhenkälte Perus entgegen. Wir eilen ins Hotel und gehen zähneklappernd zu Bett.
Nicht gern verließ ich diese freundliche Stadt, die voll von architektonischen und landschaftlichen Ueberraschungen ist und in der ich froh stundenlang gewandert bin. Von hier steigt die Bahn schnell auf außerordentliche' Höhen. Der Zug [piralt in einem nur kleinen Radius dis Berge hinan, bis auf eine Höhe von 4470 Meter. Wir frühstückten in einem Indiorestaurant an der Bergstation 2t r r i e r o s. Nach langer Zeit, nach sechs Jahren fast, essen wir wieder Puchero und alle die Kräutergerichte, seltsame Fische, Soßen und Empanadas, die lokalen Leckerbissen, mit viel mehr Liebe und Sorgsamkeit zubereitet als das Vulgäressen in den internationalsten Hotels oder den Speisewagen der großen Linien. Wundervoll sind die Niesenplateaus, auf denen Vieunas grafen, saubere, gemsenartige Tiere mit dem herrlichsten Wollpelz, die die Marktgier und Jagdlust fast ausgerottet hatten, bis die Regierung den Mord verbot.
Je höher wir kommen, desto kräftiger wird das Bergvolk. In Cru- z e r o - A11 o, dem Gipfelpunkt der Bahn, sehen wir die hohen Aymaras, Indios, die viel behender und muskulöser, viel helläugiger sind als die Quochuas weiter unten. Es ist hier eine pressende und saugende Lust, das Blut stürzt mir aus der Nase und ich verliere bald die Besinnung. Dann richte ich mich schnell wieder auf an diesen prachtvollen Gestalten, die aus ihren Jndiowollmützen wie aus Helmen blicken...
Wir hatten kurz vor Sonnenaufgang die gewaltigen Ruinen der sog. Inka-Festung Saesayhuaman erreicht. Dann warf sich die Bergsonne Perus auf die Gigantenblöcke, auf die große Tempelstadl mit ihrem Thron, ihren Gängen, ihren Brunnen, Nischen für die Götter, mit den polierten Felsen zum Spiel an Festtagen, abgemessen nach mathematischen Gesetzen, die genau geregelt trotz scheinbarer Wirrnis, dahinter die Bul- tanberge, aus denen die Rohblöcke für den Bau von Saesayhuaman mit Feuer und Wasser gebrochen wurden. Die Sonne warf ihren ersten Schein rostrot auf die seinbehauenen und fest ineinandergefügten Riesensteine, die dreifach, in gebogener Linie, übereinanbergeftelit find, mit dem Blick gegen einen furchtbaren Feind.
Später erklärte uns Dr. Valearosel, der Leiter des archäologischen Museums in Cuzco, die Bedeutung Sacsayhuamans, die Sonne, das Wasser, die Erde, der Inka und der präinkaischen Völker, die kosmischen Verbundenheiten und die lebendige Rolle auch der kleinsten Steinstück- chen in dem Gesamtgefüge dieser Welt aus Himmel und Erde. Wir konnten die Bildung der Macht sehen, die konstruierende unb stoßende Kraft von oben, das pyramidale Wesen dieser Stadt, wir hörten das ächzende Produktive unten, sahen den kunstvoll berieselten Acker, dessen Wasser den Weg der Macht nahmen. Wir diskutierten die Intensitäts- Unterschiede von gestern und heute, und sprachen von der vergangenen Homogenität und der Sozialzerrissenheit, an der wir heute leiden.
Wieder stehe ich staunend, kurz vor Sonnenaufgang, auf dem hohen Platz bei Cuzco, den die Festungsruinen von Saesayhuaman umgeben. Als die Sonne aufgeht und sich wie helles Kupfer auf den Bergen bettet, bann die geformten Steine übergießt unb herabfällt auf diese herrliche Stadt, eine der herrlichsten Städte der Erde, da wird die Einigkeit klar von Urkraft und Hirnkrast. Denn der Stein, der vor Tausenden von Jahren von präinkaischen Menschen gebrochen und beschlagen wurde, wirkt mit aller Feinheit seiner Form doch wie aus dem Boden gewachsen. Drei steigende Mauern, parallel, jeder Stein von besonderer Form, für einen besonderen Zweck geschnitten und geglättet, Kolosse darunter, die kein Zyklop schwingen könnte und doch von außerordentlicher Zierlichkeit. Tore und Angeln aus Steinen, alles so fest gegeneinander gefügt, daß auch nicht die Nadel einbringen konnte, mit ber ich bie Exaktheit ber Füllung nachprüfte. Ein Verteibigungssystem mit genauer Kalkulation der Lichtwirkungen, der Möglichkeiten des Eindringens, eine Festung, wie sie das europäische Mittelalter kaum kannte. Auf der anderen Seite steigt bas (Belänbe zum glattgeschnittenen Jnkathron empor, hinter bem die Ruinen der Gräberstadt stehen, mit den Duschröhren, Waschbecken, Nischen für bie ©ötterftatuetten, mit ben Bänken für die Trauernden. Eine große Stadt hier auf der Höhe vor Cuzco, eine Festungs- und Feierstadt. Wir sehen gewölbte Riesensteine, ausgeglitten von den Tausenden, die jauchzend hinuntersausten.
Am andern Tage fuhr ich mit einem sogenannten Autoearrll auf dem regulären Bahnweg nach Dllantaitambo, der anderen sogenannten Jnkastadt bei Cuzco. Das ist fast eine Gralsburg, bie Felsen ummauert, Kasernen angeklebt und Häuser, Gärten für ben Inka und für die Fürstin. Man fährt durch eine lange Schlucht, einen Canon, bis sich ein Felstal öffnet, das beherrscht wird von diesem Festungsbau, ebenso genau unb kunstvoll gefügt wie ber Bau von Saesayhuaman. Unten sieht man die Irrigationsterrassen für die Landwirtschaft, denn bas Tal war fruchtbar gemacht, jeber Ouabratzoll war ausgenutzt, alles mit äußerster Zähigkeit und außerordentlichem Sinn für die Möglichkeiten beackert und bebaut. Ollantaitambo ist ein Stein- und Ackerwunder, ein großes Zei- rf)en höchster Kultur. Wir fahren gegen Abend zurück, in bie rote Sonne hinein, bis mir, ben Spiralweg hinunterfchießend, bie Lichter von Cuzco sehen. Am nächsten Morgen bem Titicacasee zu. Als wir bei fintenbem Tage an ber Sonneninsel vorbeisahren, auf ber, nach der Sage der Inka, der Sonnen gott geboren wurde, sehen wir, beglitzert und beschossen von den Abendstrahlen, die weißen Berge Boliviens.


