Ausgabe 
23.2.1931
 
Einzelbild herunterladen

wüste ich nicht. Ob die Ingredienzien bitter, sauer, herb, salzigt, suß oder angenehm wären, wollt' ich erwarten. Wenigstens sollten sie mich n Frankfurt nicht in Tiegel kriegen. Und das schwor ich Dir auch. Ich Hoss, es soll in Weimar geschehen, doch kann ich noch nichts zuverlässiges sagen Ich laß das all werden vom wilden Ungefähr und baue in mir fort und reiß' hinaus der Sone an, Sturz oder Gipfel. Sein Verhältnis zu Hoepf- ner hate sich sehr ungünstig gestaltet. Dieser war von den literarischen Erfolgen seines Zöglings keineswegs erbaut, er wandte vielmehr in gereizter Stimmung dem genialen Treiben der Stürmer und Dränger den Rücken und ging zu Nicolai in das feindliche Lager über. In letzter Stunde drängt den schwankenden Klinger ein Brief von Goethes Mutter zum raschen Entschluß:Der Doctor ist vergnügt und wohl in einem Weimar", schrieb sie,hat gleich vor der Stadt einen herrlichen Garten, welcher dem Herzog gehört, bezogen. Lenz hat denselbigen poetisch beschrie­ben und mir zum Durchlesen zugeschickt. Der Poet sitzt auch dort, als wenn er angenagelt wäre, Weimar muß vors Wiedergehen em gefähr­licher Ort sein, Alles bleibt dort, nun wenns dem Völklein wohl ist, so geseq'nes ihnen Gott." Weimar ist das Dorado, das seine erregte Phan­tasie ihm in den glühendsten Farben malt, und Goethe ist der Lichtgott, den er auf seinem Sonnenslug begleiten will. So läßt er Universität und Studium im Stich und bricht in den ersten Junitagen 1776 nach Wei- mClfi!inqer gehörte nach Goethes Ausspruch zu den Jüngern des Rousseau- schen Natur-Evangeliums, die sich aus sich selbst, aus ihrem Gemute und Verstände heraus zur Welt gebildet hatten. Seit frühsten -lagen von den drückenden Fesseln der Armut und geringer Herkunft beengt tm beständigen Kampfe mit den widrigsten Verhältnissen konnte er erst durch Sturm und Drang hindurchgehen zu einer freien und freudigen Aus­bildung seiner natürlichen Anlagen gelangen. Goethes Charakteristik deckt sich mit Klingers Selbstbekenntnis:Ich habe, was und wie ich bin,. aus mir selbst gemacht, meinen Charakter und mein Inneres nach Kräften und Anlagen entwickelt, und da ich dieses so ernstlich als ehrlich that, so kam das, was man Glück und Aufkommen in der Welt nennt, von selbst " Auf der Höhe des Lebens und in bedeutender Stellung als rusfi- scher Militär sah Klinger mit der Ueberlegenheit des gereiften Mannes auf die Tage des Sturms und Drangs zurück. Die Welt, die der Dichter und Träumer sich geschaffen und in die Farben seiner Phantasie gekleidet batte war wie eine Fata Morgana vor der Wirklichkeit versunken und verblaßt. Aber derWeltmann" fühlte, daß jene poetische Existenz der Lichtpunkt feines Daseins gewesen war. Und in diesem idealen Sinne schlossen die Gießener Universitätsjahre die glücklichste Epoche seines Lebens ein.

B-zahtte Rechnung.

Von Alice Poppe.

Frau Hildegard Franken, die in Schweden mit einem Reichsdeutschen verheiratet gewesen war, kehrte in ihre Heimat zurück Nach dem Tode ihres Mannes hatte sie versucht, allein in der fremden Stadt weiter zu leben. Doch als die Trauer verebbte, bekam sie Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Rhein, von dem sie vor acht Jahren Abschied ge­nommen hatte. Nun sah sie im O-Zug HamburgKöln, und blickte mit Anteilnahme zum Fenster hinaus. Jahrelang hatte sie sich eingeredet, ihr Gesiihl für die Heimat und alles, was mit ihr Zusammenhängen und ihr so großes Herzeleid gebracht hatte, sei gänzlich tot. Als sie aber in den Bahnhof einsuhr und die Türme des Kölner Domes aufragen sah, schlug ihr das Herz vor Freude bis in den Hals hinauf. Da wußte sie, daß sie sich acht Jahre lang geirrt hatte: in ihrem Innern war alles noch so lebendig wie früher.

Im Hotel hielt sie sich nur zehn Minuten auf, um sich umzukleiden, dann eilte sie in den Dom, in dem sie so oft mit Erich gewesen war und von dem sie jeden Pfeiler, jede Verzierung kannte. Danach nahm sie einen Wagen und fuhr durch die Altstadt, am Gürzenich vorbei, an den Zwölf Aposteln, an Maria im Kapitol. Je länger sie fuhr, desto weiter öffnete sich ihr Herz. Als sie aber in der Nähe desRömerganges" un­erwartet an jenem Hause vorbeikam, in dem sie als ganz junge Lehrerin vier Jahre lang gewohnt hatte, schossen ihr plötzlich die Tränen in die Augen. In diesem Hause hatte sie drei Jahre lang einen Glückstraum geträumt, in diesem Hause hatte sie ihn begraben.

Ins Hotel zurückgekehrt, überlegte sie ganze Stunden lang, ob es nicht besser sei, wieder nach Schweden zurückzufahren oder doch mit dem Nachtschnellzug nach Berlin zu reisen? Sie war reich und unab­hängig. Sie konnte leben, wo und wie sie wünschte. Sie war außerdem gesund, sehr hübsch und alles in allem nur 34 Jahre alt.

Zu guter Letzt entschloß sie sich, weder nach Schweden noch nach Berlin, sondern nach München und dann nach Tirol zu fahren. Aber auch dies erst in zwei oder drei Tagen. Zuerst mußte sie noch etwas über Erich erfahren, über den Oberlehrer Dr. phil. Erich Brandt, ihren früheren Bräutigam, der ihr nach dreijähriger heimlicher Brautzeit zu verstehen gab, daß er ein armes Mädchen nicht heiraten könne, weil er sich der wissenschaftlichen Laufbahn widmen wollte. Stolzlächelnd hatte sie ihm den Ring zurückgegeben. Ihre Augen zeigten dabei nicht, daß sie ganze Nächte hindurch gemeint hatte. In dieser Zeit lernte sie den älteren Witwer Karl Franken kennen und sie heiratete ihn fast auf der Stelle, ob aus Zorn oder Rache, das wußte sie heute nicht mehr.

Drei Tage vor ihrer Hochzeit hatte sie von Erich einen Brief er­halten, einen verzweifelten Brief. Er war inzwischen mit einem sehr reichen Mädchen verlobt. Aber er wolle die Verlobung lösen, schrieb er ihr, wenn er von ihr die Versicherung erhalte, daß sie ihm noch gut sei wie früher und daß sie noch einige Jahre auf ihn warten wolle. Dar­aufhin hatte sie seinen Brief zurückgesandt und mit Bleistift darunter geschrieben: Mein Herz ist tot. Darum wird es für alle Teile besser sein, du heiratest deine reiche Braut.

Später hatte sie von ihrer Freundin gehört, er habe sich verheiratet und als Privatdozent in Bonn niedergelassen. Doch schon nach drei Jahren wurde seine Ehe wieder geschieden. Die Frau bekam die Schuld.

Das Kind, ein Mädchen, wurde ihm zugefpl^chen. Er selbst sollte darauf, hin die wissenschaftliche Laufbahn ausgegeben und wieder nach Köln zurückgekehrt {ein.

Hildegard ließ sich das Adreßbuch bringen. Sie hatte seine Adresse schnell gefunden. Er wohnte in einem der inzwischen eingemeinbeten Vororte, in einer neuen Siedlung. . r. ... . ,

Gegen Abend fuhr sie hinaus. Ans reiner Neugierde, wie sie sich sagte, Sie hatte sich mit Absicht ein sehr elegantes Auto gemietet. Aber m der tillen Gegend, wo in hübschen Gärten kleine, ansprechende Villen tanden, schämte sie sich ihres protzigen Autos, schickte es in die Stadt zurück und ging zu Fuß.

Sie muhte nicht lange suchen, da fand sie den Friedensweg und einige Minuten später stand sie auch schon vor dem Hause Nummer 16. Sein Garten schien der schönste zu sein. Er bog sich fast unter der Last einer blühenden Blumen.

Hildegard brachte ihr Gesicht suchend an das eiserne Gitter, oie glaubte sich unbemerkt. Aber da ertönte schon eine freundliche Frauen- timme:Sie kommen wohl wegen des Gobelins? Jo? Dann bitte ich Sie um einen Augenblick Geduld. Ich werde Ihnen die Türe öffnen. Der Herr Doktor ist nicht zu Hause. Ich kann Ihnen aber die Sachen Cll2)ie9 Frau^öffnete die Gartenpforte und stellte sich vor:Ich bin die Wirtschafterin. Bitte." ' f

211s sie das Haus betraten, erklärte sie: der Herr Doktor hangt sehr an diesen Gobelins. Lider die Zeiten sind so schlecht und ..

Hildegard hörte nicht mehr auf bas, was bie Frau erzählte. Klopfen- ben Herzens ging sie weiter. Da hingen bie Gobelins, die wertvollen Erbstücke der Brandts. Von ihnen hatte Erich sich damals nicht trennen wollen. Liber ihr, seiner Hilde, hatte er leichten Herzens den Laufpaß gegeben.

,Jch nehme die Gobelins", sprach sie nun stolz und warf kaum einen Blick auf sie, lo sehr war sie von dem berauschenden Gefühl befriedigen­der Rache erfüllt. Viertausend Mark sind sogar- ein sehr bescheiden w

Sie war sehr froh, daß sie ihr Scheckbuch bei sich hatte und holte es ziemlich auffallend aus ihrem Täschchen hervor.

Aber den Teppich?" fragte bie Wirtschafterin.

Welchen Teppich?" , ...

Den persischen. Er stand doch in demselben Inserat, wie die Gobelins und das Silber." .

Hildegard versuchte zu lächeln. Natürlich habe sie tm Inserat davon gelefen, es nur in der Eile wieder vergessen. Nun wolle sie gleich den Teppich anschauen. , ...

Der liegt int Arbeitszimmer des Herrn, dahin kommen wir spater. Jetzt möchte ich Ihnen die Teller und die Humpen zeigen."

Hildegard erstand, ohne zu feilschen, die sechs silbernen Teller und die vier Humpen. Die Wirischasterin aber riß Augen und Ohren aus. So viele viele Leute waren heute schon hier gewesen. Aber keiner kaufte etwas. Sie hatten kein Geld. Die Händler jedoch hatten solche niedrige Preise geboten, daß der Herr Doktor sogar einen von ihnen hinaus- gejagt hatte. , .

Warum verkauft der Herr seine Sachen? fragte nun Hildegard. Will er alles verkaufen?"

Ach nein, nur das Ueberflüssige. Unser Sosiechen hatte den Scharlach. Nun soll der Herr Doktor mit ihr in ein teures Bad. Sie ist ein so hübsches Kind, die Kleine. Ganz der Vater. Jetzt spielt sie draußen un Garten. Soll ich sie einmal hereinrufen?"

Die Augen der Wirtschafterin strahlten. Man sah ihnen bie Liebe an, die sie zu dem Kinde hegte. Darum wurde sie sogar traurig, als die fremde Dame erkürte:Nein, lassen Sie nur. Ich ... ich mache mir nichts aus Kindern." . _

Das log sie natürlich. Sie liebte Kinder über alles. Und wenn sie sich weigerte, die kleine Sofie zu sehen, dann nur deshalb, weil sie sich fürchtete, in ihr den Vater wieder zu erkennen.

Die Wirtschafterin öffnete nun breit die Türen zu ihres Herrn Arbeitszimmer, allein Hildegard trat nicht über bie Schwelle, sondern blieb mit einem lauten Ausruf wie festgenagelt im Türrahmen stehen.

Es war sehr heiß heute", meinte bie Wirtschafterin teilnahmsvoll, ich bringe Ihnen gleich ein Glas frisches Wasser "

Die Frau verließ bas Zimmer. Hilbegarb aber stürzte an ben Schreib­tisch. Da ftanb in einem Doppelrahmen ihr Bild unb das Bild eines kleinen Mädchens. Auf dem Schreibtisch lag die Mappe, bie sie ihm einst gestickt. Auf bem Sessel lag, schon fadenscheinig, bas von ihr gearbeitete Kissen unb uonn Fenster hing, trotz ber Hitze, ber bunte Fenstermantel, eine mühselige Kreuzsticharbeit, an ber sie viele, viele Nächte gesessen hatte. Das Papiermesser war auch noch ba, auch bas Markenkästchen, ja sogar bie Zigarre, in ber ein Fächer verborgen war, war noch vor­handen. Diese Zigarre war ihr erstes Geschenk. Es hatte ganze 50 Ps- gekostet. Sie hatten damals schrecklich viel darüber gelacht und jeder an einer Eckegeraucht". Bis sie dann die Zigarre fallen ließen, weil ihre Lippen sich zu dem ersten Kuß sanden.

Die Frau kam mit dem Wasser. Hildegard trank bas Glas in einem Zuge leer. Dann lieh sie sich am Schreibtisch nieder und schrieb ben Scheck.

Den Teppich nehmen Sie boch auch, gnäbige Frau?"

Nein, ben Teppich nicht. Der paßt zu gut zu ben anderen Sachen hier. Es wäre schabe, bie Harmonie zu stören."

Die Frau seufzte. Es wäre sehr angenehm, wenn bie Dame auch ben Teppich nähme, meinte sie. Da käme ber Herr gleich ein gut Stuck vorwärts.

Hat er benn keine Stellung?" ,

Eine feste nicht. Er arbeitet nämlich für Zeitungen. Er verbient ober trotzdem sehr viel und wir hätten sogar noch sparen können, wenn die Frau nicht gewesen wäre. Ihr opferte er alles. Weil sie boch bie Mutter seines Kinbes fei, Dcrteibigte er sich mir gegenüber.

In Frau Hilbegards Herzen schlugen, geweckt burch bie Eifersucht, die Flammen ber Liebe mächtig in die Höhe.