Ausgabe 
23.2.1931
 
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Siehener ZamilienvMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang Ml Montag, den 23. Februar Nummerst

Und so verblaßte ...

Bon Christian Morgen st ern.

Und so verblaßte goldner Tag nach wonnigem Verweilen; und über allem Leben lag ein Hauch von Abwärts-Eilen in Grab und Tod.

Bis voll unendlich süßer Macht sich Stern auf Stern entzündete und am Gewölb der hohen Nacht den Zirkel weiter rundete zum Morgenrot.

Klinger auf der Universität.

Ium 100. Todestage des Dichters.

Bon Alfred Bock.

Friedrich Maximilian Klinger, geboren 1752 in Frankfurt, gestorben 1831 in Dorpat als russischer General, war ein Ju­gendfreund Goethes und einer der namhaftesten Dichter der Sturm- und Drangzeit.

Im Frühling 1774 hielt Friedrich Maximilian Klinger, von Frank­furt kommend, seinen Einzug in die Universitätsstadt Gießen, um sich dem Studium der Jurisprudenz zu widmen. Sein Reisegepäck war feder­leicht, aber stolz erhobenen Hauptes brachte er eine Menge dramatischer Pläne mit, die sich bald zur ersten künstlerischen Tat klären sollten. Eine kleine Geldsumme, die die Mutter in Frankfurt mit ihrer Hände Arbeit in saurem Schweiß für den Sohn zusammengespart, war dazu bestimmt, die Kosten des ersten Universitätssemesters zu bestreiten. Goethe hatte dem Jugendgenossen in einer gutherzigen Wallung seine Fastnachtsspiele mit der Weisung überlassen, das Manuskript in der Stunde der Not an den ersten besten Verleger zu verkaufen und das Honorar dafür einzu­heimsen. Ein Geleitbrief, den er Klinger an den Professor Hoepfncr mitgab, verschasste dem angehenden Studenten gleich bei seiner Ankunft in Gießen behagliche Unterkunft im Hoepsnerscheu Hause und Zutritt in einer der angesehensten und gebildetsten Gießener Familien.

Obwohl di« Frequenzziffer der Universität in öffentlichen Blattern ' auf 500 berechnet war, so zählt Laukhard nur 250 Studenten, darunter eine Elite relegierter Jenenser, die in Gießen ihr Heil versuchen wollten. Die akademische Jugend gefiel sich nach Goethes klassischem Zeugnis in der tiefsten Roheit. Auf öffentlicher Straße wirdfommerfiert" kein Tag «ergebt ohne eine kapitale Schlägerei, sinnlos von Bier und Schnaps betrunken taumeln die Burschen durch die Stadt. Inmitten des wüsten Lärms, der die Gießener Luft erfüllte, bewahrte der junge Klinger seinen vollkommenen Gleichmut und mied sorgfältig jede Kollision mit der rüden Studentenhorde, vor deren Gewalttätigkeiten bei Tag und Nacht kein anständiger Mensch sicher war. Im Gefühl seiner Reinheit und inneren moralischen Kraft fühlte er sich, wie er einmal aussprach, mit kühnen und erhabenen Gesinnungen ausgestattet, auf denen er so sicher ruhen konnte, rnie die Geister au fihren Fittichen, wenn sie, im Aether schwebend, die Pracht und Herrlichkeit der Welten anstaunen. -Lern Schulkameraden Schumann schreibt er:Wisse, das ist immer am wohlsten, wenn ich auf Wolken der Phantasie daher reite". In der Tat ist es eine ideale erträumte Welt, in der der junge Poet verklarten Blickes wandelt, die Gestalten seiner dichterischen Eingebung begleiten ihn auf seinen einsamen Wanderungen und unter Hoepfners Augen sehen wir ihn in krast- oenialischem Drange sein erstes DramaOtto vollenden.Die Poesie^, schreibt er an Kayser, seinen Freund,ist wahrlicy eine Wohllat^sur miu) nd große Entschädigung, daß ich all das hinschmelhen kann..Otto war" wie Rieger urteilt,nach der schöpferisch dramatisierten Historie .Goetz' die erste Konzeption einer wirklichen Charaktertragodie im großen Stile Shakespeares und nach der talentvollen VerkehAheit Gerstenbergs im ,Ugolino der erste Versuch, die ganze Gewalt nienschlicher Leiden,-hast vus herzerschütternden, großartigen Begebenheiten rückhaltlos ans Ohr Des Hörers bringen zu lassen. Das Stück war kein bloßer Nachhall eines Dag^wesenen, es war ein Schritt weiter, unvorsichtig und unsicher, aber kühn, neu und in großem Sinn getan. Es kündigte sich damit an, Daß der Dichter für das deutsche Theater Epoche machen wurde eine Epoche, die bald durch eine neue größere überwunden ward, aber die notwendig für die Fortentwicklung war. .

In schaffensfreudiger Stimmung hatte Klmger schon gegen Ende seines ersten Semesters mit empfindlichem Geldmangel zu kämpfen. Di. Frankfurter Ersparnisse waren aufgezehrt, die Gießener.Hauswirte gaben nach Laukhards Bericht nichts auf Pump, und von Frankfurt hatte i er bei der Armut der Mutter keinen Zuschuß zu: erwarten. In dieser pein­lichen Sage faßte Klinger den raschen Entschluß, das Manuskript dci

Eoetheschen Fastnachtsspiele zu verkaufen. Hoepfner bot die hilfreiche Hand dazu. Er schrieb an Weygand in Leipzig, den Verleger desWeither', dec sich bereit erklärte, die Fastnachtsspiele zu drucken und zu bezahlen. Das Honorar stoß in Klingers Tasche. ,

Klingers äußere Erscheinung war nach Goethes Erzählung inDichtung und Wahrheit" sehr vorteilhaft. Die Natur hatte ihm eine große, schlanke, wohlgebaute Gestalt gegeben, er hielt auf seine Person und trug sich nett. Seine körperlichen Vorzüge hob ein edles Selbstbewußtsein, er besaß ein icheres Auftreten und die Gabe gewandter Rede. Was Wunder, daß er chon in jungen Jahren den Frauen gefährlich ward. In Hoepfners Hause lernte er Albertine von Grün aus Hachenburg kennen. Die schöne Wester- wälderin, eine für die Genieperiode geradezu typische Frauengestalt, wird von leidenschaftlicher Wißbegierde und exaltierten Gefühlsschwärmerei verzehrt. Sie kennt sich in der englischen, französischen, italienischen und deutschen Literatur aus, sie huldigt der Malerei,, sie treibt Musik und interessiert sich für Mineralogie. Ihre Briefe an Hoepfners Gattin Ma­rianne lesen sich wie die ekstatischen Ergüsse der Bettina und der Günde- rode. Merck ist ihr Mentor, Goethe ihr Abgott.

Den Reizen der holden Schwärmerin gegenüber blieb Klinger nicht unempfindlich, ihn lockte das Spiel zarter Siebestänbelei und es währte nicht lange, so stand Albertinens Herz in vollen Flammen. Der vor­sichtige Klinger hatte gar nicht die Absicht, einen ernsthaften Liebeshandel einzugehen, aber er konnte nicht verhindern, daß der Gießener Klatsch sich der harmlosen Sache bemächtigte. Hoepsner, der mit Recht für den guten Ruf seiner leidenschaftlichen Freundin besorgt war, übernahm die undankbare Mission, ihr klar zu machen, daß sie nichts von Klinger zu erwarten habe. Tief gekränkt, den Stachel im Herzen, zog sich Aldertme von Grün in das einsame Hachenburg zurück.

Eine vorübergehende Anregung brachte Klinger ein Besuch Klopstocks, der Gießen auf der Rückreise von Karlsruhe passierte. Nachhaltiger war der Eindruck, den Klinger von Miller, dem Verfasser desSiegmart' empfing.Ich sage Dir", schreibt er an Kayser,in Gießen habe ich so herrliche Tage noch nicht gelebt als mit dem lieben Miller. Wir sind schon länger als acht Tage zusammen, leben wie die Götter." Und Miller äußert üch über Klinger:Er ist ein herrlicher Junge von 22 Jahren, groß und schön gebildet. Wir waren im Augenblick vertraut und nannten uns Du, ohne es erst auszumachen. Er ist voll Feuer und Leden wie sein Otto in der Jugend gewesen sein muß. Lenz und Goethe sind seine ver­trauten Freunde. Geniemäßiges hat er freilich viel mit ihnen gemein, aber es läßt sich doch gut mit ihm auskommen und er läßt allen Ge­rechtigkeit widerfahren. Wir haben rechte Bruderherzen, selbst unsere Gesichter sollen sich sehr ähnlich sein und sein Bild, das Goethe gemacht hat, könnte man für meines halten. Klinger ist ein göttlicher Mensch, bas Herz und ben Verstand trifft man kaum in Jahrhunderten beisammen an.

Goethe ist für Klinger der größte Mensch, der überhaupt existiert, seine Nähe träufelt Balsam auf alle Wunden, Siebe, Größe, Demut und Bescheidenheit sind in seinem erhabenen Charakter vereinigt. Wehe dem Unglücklichen, der nicht an seine Weltmission glaubt, wehe dem Arglistigen, der ihn verlästert. m s

Als Brotstudent war Klinger nach Gießen gekommen. Pflicht und Gewissen mahnten den Sohn der armen Frankfurter Konstablerswitwo, feine Studien zu absolvieren und rasch Amt und Stellung zu gewinnen. Bote klagte er, das akademische Scben sei ihm verhaßt, und sehnsüchtig harre er'der Stunde der Erlösting. Allmählich vollzieht sich jedoch eine Wandlung in ihm. Zwar besucht er die Vorlesungen und arbeitet nut redlichem Fleiß in seinem Fach, aber nachgerade wächst der Dramatiker dem Juristen über ben Kopf und er ventiliert ben Gebauten, ob er die Juristerei an ben Nagel hängen unb Schriftsteller werben solle. Der Frankfurter Kreis, bem er sich aufs engste verbunden suhlt, interefstert sich nur für den Dramatiker Klinger, ja Goethes Mutter, der er eine unbegrenzte Verehrung entgegenbringt, ermuntert ihn zuiii dramatischen Schassen:Beben Sie'wohl", schreibt sie ihm,so wohl sich's in Gießen leben läßt. Ich meine immer, das wäre vor euch Dichter eine Kleinigkeit alle, auch die schlechtesten Orte zu idealisieren, könnt ihr aus nichts etwas machen, so müßt es doch mit dem Seibeiuns zugehen, wenn aus Gießen nicht eine Feenstadt zu machen märe." Inzwischen läßt Klmger seinem ersten Drama in unglaublich kurzer ZeitDas leidende Weid , .Die Zwillinge",Pyrrhus",Die neue Arria" undSansone (Brijalbo fol­gen. DieZwillinge" werden von Schröder. in Hamburg mit bem ersten Preis gekrönt, erleben dort eine Reihe erfolgreicher Ausführungen unb gehen unter starkem Beifall über- alle großen beutschen Buhnen. Der arme Gießener Student wird über Nacht ein bekannter Mann. Der Boden brennt ihm unter ben Füßen; bie Stunde des Examens ruckt näher, und nun kommt der Haß gegen das Brotstubium beiihm zum elementaren Ausbruch.Ich weiß nicht, wie das mit >mr steht , fajrcibt er an Kayser,ich laß mein Gewissen schweigen. Ich schrieb das gestern an Goethe unb sagte ferner: Meine Absolution märe nun bald hier gu Enbe. In mas für' einem Menskriio ich nun ferner follte solvirt werd-v.