Ausgabe 
23.1.1931
 
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gekommen waren.

verantwortlich Dr. Hans Thyrivt. Druck und Derlag: Drühl'fche UniverfitäiS "Luch. und Steindruckerei. X. Lange, Dieben.

Augen- diesmal anderen

großen Strohhute. ,Du magst selb schauen, wie du ohne den fertig wirst!" sagte sie mit einem strengen Blick auf ihren Mann.

In dem Antlitz meines Vaters sah ich ein gewisses lustiges zwinkern, das mir Hoffnung machte, es werde das Unwetter so an mir vorüberziehen, und als er jetzt sogar versprach, am Tage seine Kunst zur Herstellung des Invaliden aufzubieten, und dabei Madame Tendlers italienischer Strohhut in die holdseligste Bewegung geriet, da war ich sicher, daß wir beiderseits im Trocknen waren.

Bald marschierten wir unten durch die dunklen Gassen, Herr Tendier mit der Laterne voran, wir Kinder Hand in Hand den Alten nach. Dann: ,®Ut* Nacht, Paul! Ach, will i schlaf'n!' Und weg war das Qi,ei; ich hatte gar nicht gemerkt, daß wir schon bei unseren Wohnungen an-

Zeitvertreib verheißen wäre.

Lisei war indessen auch erwacht und von ihrem Baler auf den Arm genommen worden. Ich sah, wie sie die Arme um seinen Hals schlang und ihm bald eifrig ins Ohr flüsterte, bald ihm zärtlich in die Augen sah oder wie beteuernd mit dem Köpfchen nickte. Gleich darauf ergriff auch der Puppenspieler die Hand meines Vaters. .Lieber Herr', sagte er, ,die Kinder bitten füreinander. Mutter, du bist ja auch nit gar so schlimm! Lassen wir es diesmal halt dabei!'

Madame Tendier sah indes noch immer unbeweglich aus ihrem

Kasperl

.Bist du müde, Lisei?' fragte ich. ____ I

,0 nei', erwiderte sie, indem sie ihre Aermchen fest zusammen- I schränkte; .'aber i frier' halt!' ~

Und wirklich, es war kalt geworden in dem großen, leeren Raume, auch mich fror. .Komm hierher!' sagte ich, .wir wollen uns in die ^«Gleich' darauf stand Lisei bei mir und ließ sich geduldig von mir in die eine Decke wickeln; sie sah aus wie eine Schmetterllngspuppe nur daß oben noch das allerliebste Gesichtchen herausguckte .Weißt, sagte sie und sah mich mit zwei großen, müden Augen an, ,i steig ins Ktst t, da hält's warm!' . t ,, . ___

Das leuchtete auch mir ein; im Verhältnis zu der wüsten llmgebung wintte hier sogar ein traulicher Raum, fast wie ein dichtes Stübchen. Und bald saßen wir armen, törichten Kinder wohlverpackt und dicht an­einandergeschmiegt in der hohen Kiste. Mit Rücken und Fußen hatten wir uns gegen die Seitenwände gestemmt; in der Ferne horten wir die schwere Saaltür in den Falzen klappen; wir aber saßen ganz sicher und behaglich.

.Friert dich noch, Lisei?' fragte ich.

Sie hatte ihr Köpfchen auf meine Schulter sinken lassen; ihre Augen waren schon geschlossen. .Was wird mei gute Vaterl lallte sie noch; dann hörte ich an ihren gleichmäßigen Atemzugen, daß sie ein- geschlafen war. , _ , .

Ich konnte von meinem Platze aus durch die oberen Scheiben des einen Fensters sehen. Der Mond war aus seiner Wolkenhulle wieder hervorgeschwommen, in der er eine Zeitlang verborgen gewesen war; die alte Bas' konnte jetzt wieder vom Himmel herunterschauen und ich denke wohl, sie hatte recht gern getan. Ein Streisen Mondlicht fiel auf das Gesichtchen, das nahe an dem meinen ruhte; die schwarzen Augen­wimpern lagen wie seidene Fransen aus den Wangen, der Keine, rote Mund atmete leise, nur mitunter zuckte noch ein kurzes Schluchzen aus der Brust herauf; aber auch das verschwand; die alte Bas schaute gar so mild vom Himmel. Ich wagte mich nicht zu rühren. .Wie schon müßte es sein', dachte ich, .wenn das Lisei deine Schwester roare, wenn sie dann immer bei dir bleiben könnte!' Denn ich hatte kerne Geschwister, und wenn ich auch nach Brüdern kein Verlangen trug, so hatte ich mir doch oft das Leben mit einer Schwester in meinen Gedanken aus­gemalt und konnte es nie begreifen, wenn meine Kameraden mit denen, die sie wirklich besaßen, in Zank und Schlägerei gerieten.

Ich muß Über solchen Gedanken doch wohl eingeschlafen sein; denn ich weih noch, wie mir allerlei wildes Zeug geträumt hat. Mir war, als sähe ich mitten in dem Zuschauerraum; die Lichter an den Wanden brannten, aber niemand außer mir saß auf den leeren Banken, lieber meinem Kopse, unter der Balkendecke des Saales, ritt Kasperl auf dem höllischen Sperling in der Luft herum und rief einmal übers andere: .Schlimms Brüderl! Schümms Brüderl!' ober auch mit kläglicher Stimme: .Mein Arm! Mein Arm!' ,

Da wurde ich von einem Lachen aufgeweckt, das über meinem Kop e erschallte; vielleicht auch von dem Lichtschein, der mir plötzlich in die Augen fiel. .Nun seh' mir einer dieses Vogelnestl' hörte ich die Stimme meines Vaters sagen, und dann etwas barscher: .Steig heraus, Junge!

Das war der Ton, der mich stets mechanisch in die Hohe trieb. Ich riß die Augen auf und sah meinen Vater und das Tendlersche Ehe­paar an unserer Kiste stehen; Herr Tendier trug eine brennende Laterne in der Hand. Meine Anstrengung, mich zu erheben, wurde mdesien durch Lisei vereitelt, die, noch immer sortschlafend, mit ihrer ganzen kleinen Last mir auf die Brust gesunken war. Als sich aber jetzt zwei knochige Arme ausstreckten, um sie aus der Kiste herauszuheben und ich das Holzgesicht der Frau Tendier sich auf uns niederbeugen sah, da schlug ich die Arme so ungestüm um meine kleine Freundin, daß ich dabei der guten Frau fast ihxen alten, italienischen Strohhut vom Kopfe gerissen hätte.

,Nu nu, Bub!' rief sie und trat einen Schritt zuruck; ich aber, aus unserer Kiste heraus, erzählte mit geflügelten Worten und ohne mich dabei zu schonen, was am Vormittag geschehen war.

.Also Madame Tendier', sagte mein Vater, als ich mit meinem Be­richt zu Ende war, und machte zugleich eine sehr verständliche Hand­bewegung, ,da könnten Sie es mir ja wohl überlassen, dieses Geschäft allein mit meinem Jungen abzumachen.'

,Ach ja, ach ja!' rief ich eifrig, als wenn mir soeben der angenehmste

Am anderen Vormittage, als ich aus der Schule gekommen war, traf ich Herrn Tendier mit feinem Töchterchen schon in unserer Werk­statt .Nun, Herr Kollege', sagte mein Vater, der eben das Innere der Puppe untersuchte, .das sollte denn doch schlimm zugehen, wenn wir zwei Mechanlci den Burschen hier nicht wieder auf die Seine brächten!'

,Gel, Vater', rief das Lisei, ,ba werd aa die Mutter nit mehr brummen.'

Herr Tendier strich zärtlich über das schwarze Haar des Kindes; dann wendete er sich zu meinem Vater, der ihm die Art der beabsichtigten Reparatur auseinandersetzte. ,Ach, lieber Herr', sagte er, .ich bin kein Mechanikus, den Titel hab' ich nur so mit den Puppen überkommen; ich bin eigentlich meines Zeichens ein Holzschnitzer aus Berchtesgaden. Aber mein Schwiegervater selig Sie haben gewiß von ihm gehört das war halt einer, und mein Reserl hat noch allweg ihr Heins Gaudi, daß sie die Tochter vom berühmten Puppenspieler Geißelbrecht ist. Der hat auch die Mechanik in dem Kasperl da g'macht; ich hab' ihm derzeit nurs G'sichtl ausgeschnitten.'

,Ei nun, Herr Tendier', erwiderte mein Vater, .das ist auch schon eine Kunst. Und bann sagt mir nur, wie warte benn möglich, baß Ihr Euch gleich zu helfen wußtet, als bie Schanbtat meines Jungen bn so mitten in bem Stück zum Vorschein kam?'

Das Gespräch begann mir etwas unbehaglich zu werben; in Herrn Tenblers gutmütigem Angesichte aller leuchtete plötzlich bie ganze Schel­merei bes Puppenspielers, ,3a, lieber Herr, sagte er, ,ba hat man halt für solche Fäll' fein Gspaßerl in ber Taschen! Auch ist ba noch so ein Bruberssöhnerl, ein Wurstl Nummer zwei, ber grab ne solche Stimme hat wie bieser ba!'

Ich hatte inbessen bie Lisei am Kleib gezupft unb war glücklich mit ihr nach unserem Garten entkommen. Hier unter ber ßinbe saßen wir, bie auch über uns beibe jetzt ihr grünes Dach ausbreitet; nur blühten ba- mals nicht mehr bie roten Nelken auf den Beeten dort; aber ich weiß noch wohl, es war ein sonniger Septembernachmittag. Meine Mutter kam aus ihrer Küche unb begann ein Gespräch mit bem Puppenspieler- tinbe; sie hatte benn boch auch so ihre kleine Neugierbe.

Wie es benn heiße, fragte sie, unb ob es benn schon immer so von Stabt zu Stabt gefahren sei?--Ja, Lisei heiße es ich hatte bas

meiner Mutter auch schon oft genug gesagt aber bies sei feine erste Reis'; brum könne es auch bas Hochdeutsch noch nit so völlig firti krieg n. --Ob es denn auch zur Schule gegangen sei? Freili; es sei scho zur Schul' gangn; aber das Nähen und Stricken habe es von feiner alten Bas' gelernt; bie habe auch so a Gärtl g'habt, ba brin hätten sie zusammen auf bem Bänkeri gesessen; nun lerne es bei der Mutter, aber bie sei gar streng!

Meine Mutter nickte beifällig. Wie lange ihre Eltern benn wohl I hier verweilen würben? fragte sie bas Lisei roieber. ---Ja, bas wüßt'

es nit, bas käme auf bie Mutter an; boch pflegten sie so ein vier Wochen am Ort zu bleiben.--Ja, obs benn auch ein warmes Mäntelchen

für bie Weiterreise habe? benn so im Oktober würbe es schon kalt auf dem offenen Wägelchen.--Nun, meinte Lisei, ein Mäntelchen habe

sie schon, aber ein dünnes sei es nur; es hab' sie auch schon darin ge-

I froren auf ber Herreif.

Unb jetzt befanb sich meine gute Mutter auf bem Fleck, wonach ich sie schon lange hatte zusteuern sehen. .Hör', kleine Lisei', sagte sie, .ich habe einen braunen Mantel in meinem Schranke hängen, noch von den Zeiten her, da ich ein schlankes Mädchen war, ich bin aber jetzt herausgewachsen unb habe keine Tochter, für bie ich ihn noch zurechtschneibern könnte. Komm nur morgen roieber, Lisei, ba steckt ein marines Mäntelchen für dich darin.'

Lisei wurde rot vor Freude unb hatte im Umsehen meiner Mutter bie Hanb geküßt, worüber biese ganz verlegen würbe; benn bu weißt, I hier zu Lande verstehen wir uns schlecht auf solche Narreteien! Zum Glück tarnen jetzt bie beiben Männer aus ber Werkstatt. .Für biesmat gerettet', rief mein Vater; .aber--!' Der roarnenb gegen mich ge­

schüttelte Finger war bas Ende meiner Buße.

Fröhlich lief ich ins Haus unb holte auf Geheiß meiner Mutter beren großes Umschlagetuch; benn um den kaum Genesenen vor bem zwar wohlgemeinten, aber immerhin unbequemen Zujauchzen ber Gassenjugend zu bewahren, bas ihn auf seinem Herwege begleitet hatte,, wurde der Kasperl jetzt sorgsam eingehüllt; bann nahm Lisei ihn auf den Arm, Herr Tenbler bas Lisei an ber Hanb, unb so, unter Dankesversicherungen, zogen sie vergnügt bie Straße nach bem Schützenhof hinab.

*

IUnb nun begann eine Zeit bes schönsten Kinberglückes. Nicht nur am anderen Vormittage, sondern auch an den solgenden Tagen tarn bas Lisei; denn sie hatte nicht abgelassen, bis ihr gestattet worben, auch selbst an ihrem neuen Mäntelchen zu nähen. Zwar warte wohl mehr nur eine Scheinarbeit, bie meine Mutter in ihre kleinen Hänbe legte; aber sie meinte boch, bas Kinb müßte recht orbentlich angehalten sein. Ein paarmal setzte ich mich baneben unb las aus einem Vande von Weißens Kinberfreunbe* vor, ben mein Vater einmal von einer Auktion für mich gekauft hatte, zum Entzücken Liseis, ber solche Unter­haltungsbücher noch unbekannt waren. .Das is g'schickt!' oder .Ei du, was geit's für Sachan auf der Welt!' Dergleichen Worte rief sie oft dazwischen und legte die Hände mit ihrer Näharbeit in ben Schoß. Mitunter sah sie mich auch von unten mit ganz klugen Augen an und sagte: .Ja, roennte Geschichtl nur nit berlogn is!" Mir ist's, als hörte ich es noch heute!"

* Christian Felix Weiße, ber Dramatiker unb Jugenbfreund Les­sings, gab 177682 in 24 Bänben bie unterhaltsame Kinberzeitschnft Der Kinberfreunb" heraus.

(Fortsetzung folgt.)