Ausgabe 
23.1.1931
 
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Wolgadeutsche.

Bon Boris P i l n j a k.

Der bekannte russische Schriftsteller, der wegen seiner Ge­sinnung schon vielfach Versolgungcn durch die Sowjets aus­gesetzt war, gibt hier ein Bild des Wohlstandes der deutschen Wolgakolonie, kurz bevor die Unterdrückung durch die Sowjet­behörden einsetzte.

I.

Ein Viertel vor sieben Uhr morgens läuten die Glocken auf allen Kirchen, und alle Deutschen in Marxstadt, wie in allen Kolonien und Kantonen, sitzen beim Kaffee. Schlag sieben sind alle Deutschen bei der airbeit. Hinter den Kolonien erstreckt sich eben oder hügelig die Steppe, riesige Flächen Weizen, Salzlachen, Pfriemengras, Luftspiegelungen im Sommer, Burans im Winter. Ein Viertel vor zwölf läuten die Glocken auf den Kirchen, und alle Deutschen sitzen beim Mittagessen, um nachher die Fensterläden zu schließen und, ausgezogen wie für die Nacht, bis 15 Uhr schlafen. Schlag 15 trinken sie Kaffee und arbeiten wieder. Um 21 Uhr läuten die Kirchenglocken zum letzten Male die Zeit ab und dann schlafen alle. Der Arbeitstag wird um 17 Uhr durch Glocken abgeläutet. Von fünf bis sieben geht man zu Gast, bewirtet einander mit Honig­kuchen, der mit bitteren Mandeln gefüllt ist, und einem Glas Wein. Jeden Tag werden die Fußböden gescheuert, die Oefen nach jedem Heizen mit Kalk verschmiert. Samstags wird das Haus von außen und die Ställe gewaschen. Man weiß nicht, ob die Menschen für die Sauberkeit da sind, oder die Sauberkeit für die Menschen. Die Hausfrau hat für alles verschiedene Pantoffeln: sie stehen alle" an den Schwellen; mit den einen geht sie über den Hof, mit den andern in den Kuhstall, mit den dritten durch die Küche, mit den vierten durch die Wohnzimmer, an den Schwellen wechselt sie geschickt. Deutsche Frauen mit Hauben und weißen Schürzen.

Im Jahre 1763 wurde in deutschen Städten das Manifest Katharinas der Zweiten, der russischen Kaiserin, ausgerufen, in dem es hieß, daß in Rußland, im Wolgagebiet, herrliche Orte find, wo Zitronen wachsen, Weintrauben und Myrten, und wo ein Schlaraffenleben herrscht. Und daß sie alle Deutschen einlädt, für ewige Zeiten hierherzukommen, zu arbei­ten und zu gedeihen, auf 110 Jahre ohne Steuern, ohne Militärpflicht. Wo sich jeder soviel Acker nehmen kann, wie er will. Das Manifest ver­sprach freie Reise zu diesen Wunderländern und Vorschüsse für Inventar und Vieh.

Das Manifest wurde beim Klang von Pauken und Schellen auf den Plätzen der deutschen Städte ausgerufen, wie auch jetzt noch alle Befehle in den Wolgakolonien. Und in diesen Tagen der Not des Siebenjährigen Krieges kamen hierher 30 000 vom Krieg und Hunger geschädigte Deutsche. Vor allen Dingen Handwerker, die bis jetzt ihren'Beruf behalten haben, die bis jetzt das deutsche 18. Jahrhundert wahren. Weniger Bauern, die GemüsegärtenPlantagen" nennen und noch weniger Studenten, Apo­theker, Soldaten, Offiziere. Die Leute tarnen im Herbst und fanden keine Myrten, sondern nackte Steppe, Pfriemengras, Wüste und keine mensch­liche Siedlung. Sie fanden nur nomadisierende Kirgisen und Kalmücken Katharinenstadt, sieht man noch Ueberbleibsel von Gräben, Wällen, russische Zuchthäusler von Katharina angesiedelt. Die Deutschen befanden sich in einer noch schlimmeren Lage als während des Siebenjährigen Krieges, und nach den ersten zwei Jahren waren von den 30 000 nur noch 23 000 übriggeblieben. In der jetzigen Marxstadt, der früheren Katharinenstadt, sieht man noch Ueberbleibsel von Gräben, Wällen, Festungsanlagen, die die Kolonie vor Kirgisen- und Rufsenüberfällen schützten. Aber im Jahre 1924 waren nach der Personenstandsaufnahme nicht weniger als 600 000 Deutsche, die ihr 18. Jahrhundert bewahrt haben.

Sie sind als blonde Nordländer gekommen. Der Typus des jetzigen Deutschen ist ungefähr folgender: über mittelgroß, dunkles Haar, manch­mal rötlich, dunkelbraune Gesichtsfarbe, dunkle Augen, auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut ebensolche Hüte auf den Köpfen der Pferde. Zwischen den Zähnen der aus Deutschland mitgebrachte Typus der Pfeife mit langem Mundstück aus geslochtenem Leder. In der Kolonie Dönhoff, zu Ehren eines damals mit ausgewanderten Barons so genannt, wurde im Jahre 1926 ein großes Gebäude, eine Fabrik, gebaut, und als man die Erde für das Fundament aushob, stieß man auf einen alten deutschen Friedhof. Der Archäologe Dr. Paul Rau und der Ethnograph Professor Dinges untersuchten den Friedhof. Die Leichen von deutschen Männern und Frauen waren in den Särgen verfault, aber die Knochen, die Haare und die Bekleidung hatten sich erhalten. Die Skelette der Män­ner lagen in seidenen Westen, Gehröcken und Krawatten, die noch aus Deutschland stammten, die Skelette der Frauen in seidenen Kleidern und Hauben. Die Haare der Verstorbenen waren hellblond. 160 Jahre Wolga- lebcn, Steppenfröste und Steppenhitze färbten die Deutschen, veränderten ihren anthropologischen Typus.

Und Rau und Dinges schrieben ein Buch über die Wirkung des Klimas auf den Menschen und nahmen im geheimen aus den Gräbern Schlafröcke, Krawatten, Frauentücher und Röcke für das ethnographische Museum. Sonderbar ist das Schicksal dieser ans Deutschland gebrachten Kleidungsstücke, die, nachdem sie anderthalb Jahrhunderte in der Erde verbracht haben, jetzt hinter den Glasern des Museums in der staubigen Stadt Pokrowsk liegen.

II.

An den phonetischen Einzelheiten, an den Namen läßt sich noch fest­stellen, woher jede deutsche Familie flammt aus Bayern, Sachsen oder Preußen.

Das industrielle Zentrum ist der Kanton Balzer, wo in jedem Hause den ganzen Tag die Webstühle klappern, und Frauen, Kinder, Männer Kattun weben, wo es in jedem Hause nach frischem Kattun riecht. In der Lederfabrik kann man vor dem Gestank der Kadaver nicht atmen, von der Mühle steigen Wolken von Weizenstaub auf, Sonnenblumen-Schalen liegen zu Bergen vor der Margarinefabrik, in der Gießerei werden Teile

von landwirtschaftlichen Maschinen gegossen und trotz dem Staub und der Hitze der Straßen herrscht deutsche Ordnung und deutsche, fast unwahr­scheinliehe Sauberkeit.

Das Auto (die Wolgadeutschen haben in jedem Dors ein Gemeinde- auto) brachte die Gelehrten nach Dönhoff, dem Dorf der Manufaktur und der Ausgrabungen. Der Lehrer Kerner zeigt seine neuen Lehrbücher, spricht über das Dreifeldersystem und führt stolz durch seine Plantagen, aber in den Ställen hat er getrocknete Hechtköpfe angenagelt, zum Se^itz gegen den bösen Blick.

Nach dem Abendkasfee geht die Frau des Schulmeisters mit den Ge­lehrten zur Großmutter, derZauberin". Sie empfängt die Gaste in einem neuen Kleid, führt sie in das Speisezimmer, bietet ihnen Honig­kuchen und Portwein an.

In den ersten Phrasen erklärt die Großmutter, daß sic feine Ver­bindung mit einem bösen Geist habe, sondern streng lutherisch fei, und daß alle ihre Weisheit von ihrer Großmutter stamme und ganz zuver- lässig fei, da ihr Urgroßvater Student und Medikus in Sachsen war. In ihrem Leben hat sie 16 000 Kindern geholfen, geboren zu werden, und beinahe ebenso viel Menschen vor dem Begräbnis gewaschen.

Dann nahm sie die Frau des Schulmeisters in ein anderes Zimmer, um ihr einige Ratschläge zu geben und die Frau Kerner kam stolz und verwirrt zurück. Zu Hause aber übergab sie auf Verlangen ihres Mannes dem Professor Dinges für das Museum allerlei Zauberpulver, die sie von derZauberin" bekommen hatte.

»21m Abend brachte das Auto die Gelehrten in ein anderes Dorf, aber auch die Nacht schuf keine Abkühlung. Im Zimmer der Gelehrten wurden nasse Handtücher auf den Boden gelegt, um den Durst des Bodens etwas zu befriedigen.

Die Gastgeber fangen ein Lied, und Professor Dinges notierte bie Worte des Liedes, das aus Deutschland gekommen ist und in der Steppe ausgebleicht und durch Jahrhunderte verändert wurde.

III.

Steppe, Steppe .., Salzlachen, Weizenfelder, Pfriemengras, Wolga- fteppe, Hitze ...

Mit Morgengrauen fuhr der Wagen in die Steppe hinaus, und plötz­lich, zehn Kilometer vor der Wolga, erhebt sich in der Steppe ein Wun­der: Palinen, Myrten, Trauben, Teiche, Wasser, sonderbar menschliche Bauten, Phantastik alles, was das Manifest Katharinas versprochen hatte.

Die österreichische Journalistin Lotte Schwarz fragt Dr. Rau:

Was ist das? Sind das die Meliorationsfelder?"

Nein", jagt Dr. Rau.Das ist eine Fata Morgana."

Nach einigen Minuten verblaßt die Luftspiegelung, löst sich auf, und an ihrer Stelle ist wieder Steppe, Hünengräber und blaue Luft.

Den ganzen Tag fährt das Auto durch die Steppe In der Dämme­rung entstehen neue Luftspiegelungen, ungewöhnliche Gewächse, unge­wöhnliche Wälder und Städte. Und plötzlich wächst vor den Reisenden ein riesiger Damm auf, ein mächtiger See, um den Bäume gepflanzt sind, weite Flächen von Gärten und Plantagen.

Ist das auch eine Fata Morgana?" fragt Lotte Schwarz.

Nein, das find deutsche Bewässerungsanlagen. Die Häuschen, z« denen wir fahren, sind die wifjenschaftlichen Stationen, wo man bie Früchte, den Boden und das Getreide studiert."

Und dem Wagen entgegen fliegen Trillionen tropischer Mücken. Dort hinter dieser Wehr erstrecken sich Tausende von Kilometer Steppe mit den Nomadenvölkern Asiens. (Uebertragen von M. Charol.)

Pole Poppenspäler.

Erzählung von Theodor Storm.

(Fortsetzung.)

An dem Drahtseil, an dem am Vormittag nur die beiden Puppen ge­hangen hatten, sah ich jetzt alle, die vorhin im Stücke aufgetreten waren. Da hing der Doktor Faust mit feinem scharfen, blaffen Gesicht, der gehörte Mephistopheles, die drei kleinen, schwarzhaarigen Teufelchen, und dort neben der geflügelten Kröte waren auch die beiden Kasperls. Ganz stille hingen sie da in der bleichen Mondscheinbeleuchtung; fast wie Verstorbene tarnen sie mir vor. Der Hauptkasperl hatte zum Glück wieder feinen breiten Nasenschnabel auf der Brust liegen, sonst hätte ich ge­glaubt, daß seine Blicke mich verfolgen müßten.

Nachdem Lisei und ich' eine Weile, nicht wissend, was wir beginnen sollten, an dem Theatergerüste umhergestanden und geklettert waren, lehnten wir uns nebeneinander auf die Fensterbank. Es war Un­wetter geworden; am Himmel, gegen den Mond stieg eine Wolkenbank empor; drunten im Garten konnte man die Blätter zu Haufen von den Bäumen wehen sehen.

.Guck', sagte Lisei nachdenklich, .wie's da aufi g'schwomma kimmkl Da kann mei alte gute Bas' nit mehr vom Himm'l abi schäum'

.Was für eine alte Bas', Lisei?' fragte ich.

,Nu, wo i groeft bin, bis sie halt gftorb'n ist.'

Dann blickten wir wieder in die Nacht hinaus. Als der Wind gegen das Haus und auf die kleinen, undichten Fensterscheiben stieß, fing hinter mir an dem Drahtseil die stille Gesellschaft mit ihren hölzernen Gliedern an zu klappern. Ich drehte mich unwillkürlich um und sah nun, wie sie, vom Zugwind bewegt, mit den Köpfen wackelten und die steifen Arm' und Beine durcheinander regten. Als aber plötzlich der kranke Kasperl seinen Kopf zurückschlug und mich mit feinen weißen Augen anftierte, da dachte ich, es sei doch besser, ein wenig an bie Seite zu gehen.

Unweit vom Fenster, aber so, daß die Kulissen dort vor dem An­blick dieser schwebenden Tänzer schützen mußten, stand die große Kiste; sie war offen; ein paar wollene Decken, vermutlich zum Verpacken der Puppen bestimmt, lagen nachlässig darüberhin geworfen.

Als ich mich eben dorthin begeben hatte, hörte ich Lisei vom Fenster her so recht aus Herzensgründe gähnen.