GiehenerKunilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Irhrgang <931 Freitag, den 23. Januar Nummer z
Rastlose Liebe.
Von 1.9B. von Goethe.
Dem Schnee, dem Regen, Dem Winde entgegen, Im Dampf der Klüfte, Durch Nebeldüfte, Immer zu! Immer zu! Ohne Rast und Ruh!
Lieber durch Leiden Möcht' ich mich schlagen, Als so viel Freuden Des Lebens ertragen.
Alle das Neigen
Von Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schasset das Schmerzen!
Wie soll ich fliehen?
Wälderwärts ziehen?
Alles vergebens! Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du!
Anekdoten.
Von Heinrich von Kleist.
Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege.
In einem bei Jena liegenden Dorf, erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt, der Gastwirt, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte; und versicherte mir, daß wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgesochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der Tat waren. Dieser Kerl, sprach der Wirt, sprengte, ganz von Staub bedeckt, vor meinen Gasthof, und rief: „Herr Wirt!" und da ich frage: was gibt's? „ein Glas Branntwein!" antwortet er, indem er sein Schwert in di« Scheide wirst: „mich dürstet." Gott im Himmel! sag' ich: will Er machen, Freund, daß Er wegkömmt? Die Franzosen sind ja dicht vor dem Dorf! „Ei, was!" spricht er, indem er dem Pferde den Zügel über den Hals legt. „Ich habe den ganzen Tag nichts genossen!" Nun Er ist, glaub' ich, vom Satan besessen —! He! Liese! rief ich, und schaff' ihm eine Flasche Danziger herbei, und sag«: da! und will ihm die ganze Flasche in die Hand drücken, damit er nur reite. „Ach, was!" spricht er, indem er die Flasche wegstößt, und sich den Hut abnimmt: „wo soll ich mit dem Quart hin?" Und: „schenk Er ein!" spricht er, indem er sich den Schweiß von der Stirn abtrocknet: „denn ich habe keine Zeit!" Nun Er ist ein Kind des Todes, sag' ich. Da! sag' ich, und schenk' ihm ein: da! trink' Er und reit' Er! Wohl mag’s Ihm bekommen! „Noch «ins!" spricht der Kerl; während die Schüsse schon von allen Seiten ins Dorf prasseln. Ich sage: noch eins? Plagt Ihn —! „Noch eins!" spricht er, und streckt mir das Glas hin — „Und gut gemessen", spricht er, indem er sich den Bart wischt, und sich vom Pferde herab schneuzt: „denn es wird bar bezahlt!" Ei, mein Seel, so wollt ich doch, daß Ihn —! Da! sag' ich, und schenk'" ihm noch, wie er verlangt, ein zweites, und schenk' ihm, da er getrunken, noch ein drittes ein, und frage: ist Er nun zufrieden? „Ach!" — schüttelt sich der Kerl. „Der Schnaps ist gut! — Na!" spricht er, und setzt sich den Hut auf: „was bin ich schuldig?" Nichts! nichts! versetz' ich. Pack' Er sich, ins Teuselsnamen; die Franzosen ziehen augenblicklich ins Dorf! „Na!" sagt er, indem «r in seinen Stiefel greift: „so soll'? Ihm Gott lohnen." Und holt, aus dem Stiefel, einen Pfeifenstummel hervor,, und spricht, nachdem er den Kopf ausgeblasen: „schaff' Er mir Feuer!" Feuer? sag' ich: plagt Ihn — ? „Feuer, ja! spricht er: „denn ich will mir eine Pfeife anmachen." Ei, den Kerl reiten Legionen —! He, Liese! ruf' ich das Mädchen, und während der Kerl sich die Pfeife stopft, schafft das Mensch ihm Feuer. „Na!" sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich angeschmaucht, im Maul: „nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen!" Und damit, indem er sich den Hut in
die Augen drückt, und zum Zügel greift, wendet er das Pferd und zieht von Leder. Ein Mordkerll sag' ich; «in verfluchter, »erweiterter Galgenstrick! Will Er sich ins Henkers Namen scheren, wo Er hingehört? Drei Chasseurs — sieht Er nicht? halten ja schon vor dem Tor! „Ei was!" spricht er, indem er ausspuckt; und faßt die drei Kerls blitzend ins Auge. „Wenn ihrer zehen wären, ich fürcht' mich nicht." Und in dem Augenblick reiten auch die drei Franzosen schon ins Dorf. „Bassa Manelka!" ruft der Kerl, und gibt seinem Pferde die Sporen und sprengt aus sie ein; sprengt, so wahr Gott lebt, auf sie ein, und greift sie, als ob er dos ganze Hohenlohische Korps hinter sich hätte, an; dergestall, daß, da die Chasseurs, ungewiß, ob nicht noch mehr Deutsche im Dorf fein mögen, einen Augenblick, wider ihre Gewohnheit, stutzen, er, mein Seel', eh« man noch eine Hand umkehrt, alle drei vom Sattel haut, die Pferde, die auf dem Platz Herumlaufen, aufgreift, damit bei mir vorbeisprengt, und „Bassa Terem- tetem!" ruft, und: „Sieht Er wohl, Herr Wirt?" und „Adiesl" und „aus Wiedersehn!" und: „hoho! hoho! hoho!"--So einen Kerl, sprach der
Wirt, hohe ich Zeit meines Lebens nicht gesehen.
Der verlegene Magistrat.
Ein Hamburger Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubnis seines Offiziers, die Stadtwach» verlassen. Nach einem uralten Gesetz steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst, der Streifereien des Adels wegen, von großer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl, ohne das Gesetz, mit bestimmten Worten, aufzuheben, ist davon feit vielen hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, daß statt auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloßen Geldstrafe, die er an die Stadtkasse zu erlegen hat, verurteilt wird. Der besagte Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten, erklärte, zur großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm einmal zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat, der ein Mißverständnis vermutete, schickte einen Deputierten an den Kerl ab, und ließ ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es für ihn wäre, einige Gulden Geld zu erlegen, als artebufiert zu werden. Doch der Kerl blieb dabei, daß er feines Gebens müde fei, und daß er sterben wolle: dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, nichts Übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh war, als er erklärte, daß er, bei so bewandlen Umständen, am Leben bleiben wolle.
Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken.
Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowsky, ein heilloser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannte- weins enthalten wolle. Er hielt auch, in der Tat, Wort, während drei Tage: ward aber am vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und, von einem Unteroffizier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk, sich von neuem dem Laster des Trunks ergeben habe? „Herr Hauptmann!" antwortete er; „es ist nicht meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste Färb holz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken; ,P o m meranzen! Pommeranzen! Pommeranzen!' Läut', Teufel, läut’, sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Königstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh' ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still: da bimmelt es vom Turm herab: .Kümmel! Kümmel! Kümmel — Kümmel, Kümmel! Kümmel!' Ich sage, zum Turm, bimmle du, daß die Wolken reißen — und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelmarkt herab: .Anisette! Anisette! Anisette!' Was kostet das Glas, frag’ ich? Der Wirt spricht »Sechs Pfennige.' Ged' Er her, sag' ich — und was weiter aus mir geworden ist, das weiß ich nicht."
Der Zar und der Botschafter.
Der Zar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, ließ einem fremden Gesandten, der, nach der damaligen europäischen Etikette, mit bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Dies« Grausamkeit vermochte nickst den Botschafter der Königin von England, Sir Jeremias Bowes, abzuschrecken. Er hatte di« Kühnheit, den Hut auf dem Kopse, vor dem Zar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er nicht von der Strafe gehört hätte, die einem andern Gesandten widerfahren wäre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? „Ja, Herr', erwiderte Bowes, „ober ich bin der Botschafter der Königin von England, die nie, vor irgendeinem Fürsten in der Well, anders, wie mit bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Repräsentant, und wenn nur die geringste Beleidigung widerfährt, so wird si« mich zu rächen wisien." — „Das ist ein braver Mann", sagte der Zar, indem er sich zu


