Ausgabe 
22.6.1931
 
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Der Beobachter in Bergedorf hat es übrigens im Gegensatz zu älteren Sternwarten auch nicht mehr nötig, auf Leitern und Gerüst- üühlen dem Fernrohrokular mit seinem Sternbildchen nachzuklettern. Er

Ilnnn geruhsam im bequemen Stuhl verweilen, und von seinem elektrischen Schalttisch aus mit dem ganzen Fußboden und allem Kuppelinventar wan- »ern wohin er will. An die 30 000 Kilogramm Nutzlast vermag diese -Hebebühne bei einer Hubhöhe von viereinhalb Meter zu bewältigen. Tnd das Kuppeldach rollt mit weitgeöffnetem Spalt nach jedem 'gewünschten Blickfeld hin.

Oie Versuchung des Pescara.

Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.

tFortsetzung.)

Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pes- tra stehend den leidenschaftlichen Austritt genoß.Ja, wenn wir nicht l« auscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der goldenen aste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist zum Totlachen, h rtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann plötzlich ernst werdend, nhtete er den Blick fest auf Moncada, legte di« Hand auf die Brust utib beteuerte:Bei meinem königlichen Blute, der Feldherr hat in jener Eigen Stunde nicht Haarbreit geschwankt in seiner Ehre und Treue!" Jforone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit ic fort.Herr Kanzler", spottete er,bedanket Euch, unser Lauschen -rxart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer bittenden Gebärde Stearns gehorchend.

Erlaucht", begann Moncada,hier bin ich überzeugt. Mit diesem k*ct Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als für M aischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen konspiriert Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut hat dieser Ver- «!sne Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte, der Urheber der

Toinie fordert ja nicht nur optische, sondern auch mechanische Meister­leistungen von ihren Meßgeräten: Richten Sie ein Fernrohr auf irgend ; einen Stern, holen Sie einen Augenblick Atem, und schon ist der Stern davongelaufen, er ist nicht zu halten, die Erde reißt das Fernrohr bei ihrem täglichen Achsenumschwung mit sich herum, und die holt.bekanntlich nicht Atem. Aber der technische Mensch hebt auch die Erddrehung auf, wenigstens ihre Entwicklung auf das Sternegucken: Er fesselt eine Achse feines Fernrohres, die er der Erdachse parallel ausstellt, an ein präzises Uhrwerk, er läßt sie durch dieses haargenau in der gleichen Zeit des Srdumschwunges, aber entgegengesetzt zu ihm, kreisen, und die Sterne, sie stehen unverrückbar still.

So exakt muh alles Mechanische arbeiten, daß man von irgend einem lmszusuchenden schwachen Sternchen, Kometen oder dergleichen, nur seinen | theoretischen Himmelsort wissen muß, um mit Hilfe von Schaltern und , Motoren das Gesuchte, ohne überhaupt durchs Rohr zu blicken, genau in Die Mitte des Bildfeldes einzuschließen.

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Doch eilen wir weiter nach dem zweiten großen Kuppeldom: Er >ffnet sich uns weit unten im nördlichen Teil des Parkes; eintretend ! Sehen wir vor demSpiegelteleskop", einer Meisterleistung der Zeiß- tberke in Jena. Wer noch die Vorstellung langgereckter Himmels- xmonen weiter mit sich herumtrug, der wird erstaunt sein über die eigen« : rtig gedrungene breite Form, die sich jetzt vor ihm auftut. Und dieser coßere Gegensatz ist auch der innere, ist der der grundverschiedenen Wir- !»ingsprinzipien. Hie Linsenfernrohr! Hie Spiegelteleskop! ist ein alter Kampfruf gewesen in dem sonst so friedlichen Kriege gegen die Sterne, heute sagt man wohl: Beides! Und besonders in den letzten Jahren hat nan die großen Vorzüge der Spiegel schätzen gelernt. Einmal lassen sie sich technisch leichter und viel größer bauen als Linsen; auch sind die kosten der letzteren, die ja die Bearbeitung mehrerer Flächen erfordern, weitaus größer. Und dann: Refraktorbilder, die doch durch Lichtbrechung in den Linsen entstehen, sind immer nur mit großen Schwierigkeiten von ler so schädlichenFarbenzerstreuung" zu bewahren, Teleskopbilder (ter sind stets völlig farbenfrei.

Und amOkular", in der Befehlszentrale des Astronomen? Von ihren j kchaltknöpfen aus kommandiert er dem Rohr Neigung und Richtung, Ireht er die Kuppel, öffnet und schließt er ihren Spalt, betreibt er die itrschiedenen Rohrbeleuchtungen usw., hier schließlich setzt er seine genauen Nitrometer an, die ihm Größen und Lagen der Gestirne messend sest- 1 stillen. Refraktor und Reflektor jagen auf der ganzen Welt hinter ien Rätseln der Planetenoberflächen her, der Kometen, der Doppelsterne, ler Lichtveränderlichen, der fernen kosmischen Gasnebel und Sternhaufen, !»r Spiralnebelwelten, die aus Millionen von Sonnen ausgebaut sind, fe bringen in das Geheimnis der Milchstraße ein, und darüber hinaus loch...

Einen Blick noch in die vielen bisher nicht besuchten kleinen und £ faßen Bauten. Heute eilt die Zeit. Nur in raschem Rundgange können vir noch staunend feststellen, welch vielfältig rege Arbeit in ihnen herrscht: || I Jy ihnen werden Sternörter fixiert, wird die Zeitgemacht", die in s weitverzweigtem, wohlorganisiertemZeitdienst" der Allgemeinheit dient.

Imb hier wieder entschleiert das Glasprisma des Spektroskopes am photo­graphischen Universalinstrument den chemischen und physikalischen Auf- biu der Gestirne, dort gibt es Meßräume und Apparaturen, in denen die zu Tausenden erhaltenen pbotographischen Himmelsdokumente durch- muftert werden, hier sind die Laboratorien und die literarischen Hilfs- gilllen untergebracht, welche berufen sind, den Strom der Arbeit planvoll $i regeln.

Alle Räder greifen ineinander, schon in dieser einen Sternwarte. Und |t auch anderswo. Die Sternwarten Deutschlands vereinigten sich in gemeinsamen großen Aufgaben. Und darüber hinaus vereinigt sich jen- Ids aller Landesgrenzen die ganze Himmelssorschung zu einer einzigen großen schaffenden Einheit. Auf keinem anderen Gebiete ist in dieser $ clt bie Erfüllung jener (anberswo leider meist noch Schlagwort gedlie- hmen) kulturell wie wirtschaftlich entscheidenden Zielsetzung schon soweit W irklichkeit geworden wie hier, dieInternationale Zusammenarbeit".

italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der Urheber, aber der Begün­stiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu sprechen und ihr Halt zu gebie­ten mit einer entrüsteten und weithin sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht getan: Ihr stundet als eine dunkle und deutbare Gestalt."

Ritter", unterbrach ihn Pescara,nicht Euch habe ich Rechenschaft zu geben von meinem Tun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser."

Eurem Könige", versetzte Moncada.Ihn so zu nennen, gebietet Euch die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als^ter Kaiser. Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden Einflüssen, aber (ein spanisches Blut wird erstarken und sein deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die Ketzerei, und seine Fröm­migkeit wird ihn zum Spanier machen." Er sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden Augen.

Avalos", fuhr er fort,deine Väter haben für den Glauben gegen die maurischen Heiden gekämpft, dis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut stießt in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern zwischen dem spanischen Wellgedanken und den erbärmlichen italienischen Machen­schaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles beherrschend, ein gestähltes Volk mit einem gesegneten, zwiefach in Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und den Himmel!

Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den germanischen Mönch, aus­speien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster, und wähnte wohl selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste. Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, btr andere, der Berufene. Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die Welt zurück."

Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten.

Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand hinter Ferdinand Cortez, ihm auf bem Berge ber Dämon die goldenen Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt. Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die Well ist, und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand beschützt."

Jetzt brach der Feldherr fein Schweigen und zürnte:Nenne mir jenen nicht, er hat mir den Vater getötet!"

Moncada seuszte schwer.

Du bereust?"

Der Ritter schlug sich zerknirscht bie Brust und murmelte, mit sich selbst sprechend:Meine Sünde ... meine Sünde ... ungebeichtet und ungespeist!"

Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue, sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten.Weiche von mir!" gebot er.

Moncado trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwa­chend. Dann sammelte er sich und sagte:Verzeihung, Erlaucht! Ich war abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht. Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen. Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte Euern zwei­ten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet. Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er verschwand.

Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor feinem flackernden Kaminseuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durste, den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden verderben. Auch bas Geheimschreiben bes Kaisers sollte verschwinben, boch seine Asche nicht mit ber übrigen sich vermengen. Er ließ ein glim= menbes Kohlenbecken bringen, in besten bläulichen Flämmchen er den Brief feines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht. Pescara kreuzte die Arme über der Bust und verfiel in ein so tiefes Sinnen, baß er bie Schritte eines Eintretenben nicht vernahm. Da sprach es zu ihm:Was ist bein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada.

Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken, schloß sie und streckte sie gegen Moncada.Mein Ziel?" sagte er und öffnete die Hand: Staub und Asche.

Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folg­ten. Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner Diener- schast roaffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches, kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus bem Boden schlug, daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er befohlen, die Wahl dem Augenblicke vor­behaltend. Mit einem Seufzer bestieg er bie Sänfte, feine wieberbegin- nenben Schmerzen darin zu verbergen, und verschwand durch bas Tor, währenb sein verschmähtes Schlachtroß sich zornig gebärbete unb ben Reitknecht, welcher es besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn lebig nachgeführt werden.

Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel, dessen Schwanz