sie wirklich das war, wofür er sie hielt. Und das bedauerte Allan Bowden aufrichtig. Schade um diese Frau, die so schön war und so viel Geist besaß. Schade.
Nachts kamen sie in Paris an. Die Gepäckträger stürzten sich in die Waggons und bemächtigten sich aller Kofser und Taschen. War sie auch eine Abenteurerin, warum sollte sich Allan nicht von ihr in gemessener Weise verabschieden. Aber sie hatte nicht auf diesen Abschied gewartet. Als Allan sie suchte, war sie längst verschwunden.
*
Drei Wochen später war Allan Bowden in Deauville bei einem Sommerfest des amerikanischen Botschafters geladen. Er schlenderte in dem Garten der entzückenden Villa umher, der im bunten Lichtmeer vielfarbiger Glühbirnen erstrahlte. Von der Terrasse klang die Jazzband herüber, Tanzschritte, Geplauder. Da sah er am Arme eines würdigen alten Herrn Jolanthe vorübergehen. Auch sie hatte ihn erkannt und wurde blaß bis zu den Lippen. Er stürzte hinter den beiden her und bemächtigte sich seines Bekannten, der unter den Anwesenden Bescheid wußte.
„Ich bitte, sagen Sie mir rasch, wer war diese Dame?"
„Das ...? Frau Jolanthe Cascalla, die Witwe des vor zwei Jahren mit seinem Auto tödlich verunglückten italienischen Bankiers. Kennen Sie sie?" Aber Allan Bowden hörte diese Frage nicht mehr, er war schon wieder weg.
Im gleichen Augenblick fragte eine erregte schöne Frau ihren Gesell- schaster: „Dieser Herr, ich bitte, kennen Sie ihn, sagen Sie mir rasch, wer ist es?"
„Allan Bowden, der Sohn des amerikanischen Konservenkönigs. Ist zu seinem Vergnügen in Europa. Kennen Sie ihn?"
„Nein ... wir sahen uns einmal in der Eisenbahn."
Zehn Minuten später tanzten Jolanthe Cascalla und Allan Bowden einen Boston...
Deutsche Kultur im Güdosten.
Von Else Frobenius.
Wer den Südosten bereist — Ungarn, Rumänien, Slldslawien, Bulgarien — begegnet überall dem Wirken deutscher Kultureinflüsse. In Bulgarien, dessen nationale Kultur durch Türken und Russen geschichtlich beeinflußt wurde, sucht man moderne Anlagen nach deutschem Borbilde zu schaffen: Schulen, Industrien, soziale Einrichtungen. Im modernen Belgrad liegen in allen Kiosken deutsche Zeitungen und die Bildnisse deutscher Filmstars aus und tausende von Menschen sitzen nachmittags in den nach Wiener Vorbild eingerichteten Cafes. So gewinnt man selbst bei flüchtigem Besuch den Eindruck, daß deutsche Lebensformen ihren Anteil an der Gestaltung dieser mit amerikanischer Schnelligkeit emporwachsenden Stadt haben. Daß dem Deutschtum dort pietätvoll ein seiner geschichtlichen Stellung gebührender Platz eingeräumt wird, zeigt der Besuch der Heldenfriedhöfe. Die Reichsdeutschen ruhen aus einem Hügel, der einen herrlichen Weitblick über Donau und Save gewährt; die Oester- reicher auf dem großen allgemeinen Friedhof, in dem auch den Italienern und Franzosen besondere, nach ihrer Eigenart ausgestattete Plätze eingeräumt wurden. Ein weißes Marmordenkmal mit der Inschrift „Treue bis in den Tod" schmückt den Eingang.
Dennoch stehen sowohl Sofia als auch Belgrad im Zeichen der byzan- tinischen kuppeln, die hoch und leuchtend über den Städten schweben und ihre Zugehörigkeit zum byzantinisch-rechtgläubigen Kulturkreise zum Ausdruck bringen. Ganz anders gestaltet sich das Bild, wenn man in die ehemals zu Oesterreich gehörigen katholischen Länder kommt Dort vermochte selbst die statliche Umbildung das äußere Bild alter deutscher Kultur nicht zu zerstören. Es ist merkwürdig, wie fest es geprägt ward.
Graf Keyserling nennt in seinem „Spektrum Europas" die Kroaten „slavische Oesterreicher" und unterscheidet sie scharf von den Serben. Daran mußte ich denken, als ich in der Morgenfrühe in Agram ankam. Während man in Sofia und Belgrad doch stets das Gefühl hatte, von orientalisch bestimmten Lebensformen umgeben zu sein, fühlte man sich hier wieder in Westeuropa. Die Anlage des Theaters, der öffentlichen Gebäude, der geraden asphaltierten Straßen entspricht den baulich wirkungsvollen Stadtanlagen in Deutsch-Oesterreich. Betritt man die dämmernden gotischen Hallen des wundervollen Doms oder die Barockgewölbe der anderen Kirchen, so ist man von altösterreichischer Kultur umgeben.
Auch in seinen bäuerlichen Lebensformen, die ja bei einem Agrargebiet wesentlich sind, wirkt Kroatien als Kulturland. Wie sauber' und sorgfältig sind seine Bauern angetan! Wenn man das Glück hat, am Morgen des Wochenmarkts in Agram einzutreffen, sieht man sie in ihren Trachten zur Stadt kommen: Frauen in weißen, rot gestickten Leinenkitteln, mit roten Schürzen und Kopftüchern, in gelben Lederschuhen unb weißen Strümpfen. Auf dem Kopf tragen sie runde gelbe, mit roten Tüchern verdeckte Körbe; unter dem Rock hüpfen bei jedem Schritt die roten Schleifen der Strumpfbänder hervor. Rudelweise schreiten die Mädchen die Straßen zum Hellacicplatz hinab, in stolzer Haltung, mit langen federnden Schritten. Wie eine weißrote Welle braust solch eine Schar licht und freudig heran.
Auf dem Markt sieht man in unendlicher Mannigfaltigkeit die Trachten, vom Reifrock bis zur gestrickten Männerweste. Und wie geschmackvoll bauen sie ihre Waren auf: Berge von Weintrauben und Melonen, von Aepseln, Tomaten, Paprika, Käse auf weihroten Tüchern, weißrote Korb- und Holzwaren, die unendlich sauber und zierlich sind. Es ist eine rein nationale Bauernkunst. Aber sie konnte sich doch nur auf einem Boden entwickeln, auf dem ein Staat alter Kultur die Führung hatte und ihr eine sichere Grundlage schuf. Dem Katholizismus sind diese Bauern treu ergeben. Zu Hunderten knien sie in den Kirchen und murmeln mit Inbrunst ihre Gebete.
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Von Agram fuhr ich weiter nach Laibach. Man spürte es sofort, als man die Grenze Krains überschritten hatte. Auf den Wiesen begannen die „Harpfen", jene Stangengestelle zum Heutrocknen, die man in ganz
Kärnten hat. Aus den Bergen leuchten weiße Kirchen mit spitzen Türmen; alte Schlösser deutscher Herrengeschlechter schauen ins Tal: im Munde der slowenischen Bevölkerung leben die deutschen Namen doch fort. In Laibach ein Marktplatz mit österreichischer Barockkirche. Alte Häuser mit gerundeten Dachsätteln und reich ornamentierten Portalen — genau wie in südalpinen deutschen Städten.
Wie ein großer Kasten steht die Burg über der Stadt, einst Eigentum der Herzöge von Kärnten, Krain und anderen österreichischen Ländern, die dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation angehörten. Ein steiler Pfad führt hinaus zum „Grajskij Drevorag" — so lautet die Uebersetzung von Schloßallee. Große kastanienbewachsene Plätze tun sich auf — einst der Schauplatz von Turnieren deutscher Ritter. Man sieht die Bögen einer romanischen Kapelle, sieht Türme und Pallas, mit vergitterten Fenstern. Heute werden sie von kleinen Leuten bewohnt. Kinder spielen im Hof. An der Schloßmauer trocknet das Weißzeug einer Wäscherin.
Ein wunderschöner Ausblick hinab auf alte Giebel und Türme, auf Straßen mit slowenischen Aufschriften, in denen doch noch etwa 5000 deutsche Bürger hausen. Hinaus auf die Gipfel hoher Berge, hinter denen Veldes, das heutige Bled, liegt, die Sommerresidenz des südflawifchen Königs, heute ein Mittelpunkt der nationalen Kreise.
Ueberall sehe ich geänderte Namen, ein zähes Besitzergreisen alter deutscher Kulturgüter durch einen jungen slawischen Staat. Selbstverständlich macht er sie sich zu eigen.
Endlich komme ich nach Kärnten. Dort erzählt man nur, daß von Laibach aus unermüdlich gearbeitet wird, um die jugoslawisch gesinnten toloroenen Unterkärntens — jene, die bei der Abstimmung nicht für den Anschluß an Deutsch-Oesterreich votierten — unzufrieden zu machen, um sie durch Kredite und kulturelle Propaganda an Südslawien zu fesseln. Man gehe in einem bestimmten Gebiet ganz planmäßig vor. Die Slowenen seien außerordentlich zielbewußt und vollkommen einig, während die Deutschen sich in Parteien zersplitterten. Auch wären die Slowenen kapitalkräftiger als die Deutschen. Eine Wolke steigt vor mir auf. Ich denke an den Freiheitskampf und die Blutopfer, die er gekostet hat.
Dann führt eine Wanderung mich hinaus zum Loiblpah in den Karawanken. Ich sehe zerschossene Häuser, die seit bald einem Jahrzehnt dem Verfall preisgegeben sind. Nahe dem Pah hört jede Siedlung aus. Zwei serbische Soldaten halten neben den Grenzobelisken Wacht. Kein Gasthof, keine Bank ist da, obgleich unablässig Fremde heraufkommen. Ungastlich und düster ist es. Man tritt durch das Felsentor des Passes. Eine ganz neue Welt tut sich auf. Feldgruppen, die man von jenseits der Karawanken Überhaupt nicht sieht; ein weiter Fernblick in ein Land, das zum Meer abfällt. Deutlicher denn je begreift man, daß die Karawanken wie eine Mauer sind, die Kärnten schützt, daß sie ihm erhalten bleiben müssen; aber auch, daß feindliche Gewalten von jenseits drohen.
Und dann mache ich Kärntner Feste mit. Ich höre, mit welcher Wärme die Reichsdeutschen von den Kärtnern begrüßt werden, sehe, wie gastlich man für sie gerüstet hat und sühle den Unterton, der mitschwingt, wenn sie ergreifend ihren Freiheitskampf schildern und dem Wunsch Ausdruck geben, daß die Karawanken bald zur Grenze Großdeuschlands werden mögen. Nicht für Kärnten, fondern für das gesamte Deutschtum habe man um sie gekämpft. Deutschtum will sich behaupten, will erstarken im Anschluß an das Reich. Unermüdlich wird in Gruppen und Vereinen, wird durch persönliche Beziehungen daran gearbeitet. Man will nicht, daß die Namen der Kärntner Städte und Burgen einst umgewandelt werden, daß die weißen Kirchen auf den Bergen ins Fremdland schauen. Man will sich nicht zurückdrängen lassen auf einen historischen Kultureinfluß in dem Lande seiner Väter, sondern darin Herr bleiben. Die Kraft dazu soll aus Deutschland kommen. Deutschland ist das Land der Hoffnung für die Kärntner.
Werkstattbesuch beim modernen Astronomen.
Von Dr. Ph. Arthur Beer, Hamburg.
Dor knapp 10 Minuten hat das Flugzeug der Hamburger Luftbild- Gesellschaft den Fuhlsblltteler Flughafen verlassen; in scharfem südöstlichen Fluge waren die Alsterbecken und das Weichbild der Stadt überquert worden, jetzt ging es über freies Gelände; dann zwei, drei, vier dichtere Siedlungsflecke und schon herunter bis auf 200, auf 100 Meter. Das schmucke Städtchen Bergedorf ist aufgetaucht. Leichtes Hügelgelände wächst heran, der Geestrücken hebt sich über dem südwärts vorgelagerten Marschengebiet der Vierlande herauf. Und schon ist die Luftbildkammer schußbereit, das Bildziel in weitem Bogen umkreist, — und Hamburgs Sternwarte in Bergedorf von jener Richtung her auf die Platte gebannt, die bei den merkwürdigen Menschen dieses Geländes die allein bevorzugte ist, „von oben her" ...
Sternwartengelände: — eigenartige große Kuppeldome und Tonnengebilde, quaderartige kleine weiße Stein- und Holzbauwerke, größere Hausbauten. Ueberall dazwischen Wiesengelände, Baumwerk und schmale Kieswege. Und der Besucher lernt unterscheiden: neun Beobachtungs-, ein Hauptdienst-, drei Wohngebäude. Von Anfang an wurde hier grundsätzlich mit der srllher meist Üblichen Zusammenlegung verschiedener Beobachtungsinstrumente gebrochen, — alles hat hier sein eigenes selbständiges Gebäude erhalten, alle gegenseitigen Störungen, Gebäudeerschütterungen, Lusttrllbungen durch benachbarte Wohnungen usw. sollten vermieden werden. Hier wirkt Prosessor Dr. S ch o r r, der als Direktor dieses Institut mustergültig organisierte, mit wohl einem Dutzend wissenschaftlicher Mitarbeiter. — Uns wird jetzt ein Rundgang durch die einzelnen Baulichkeiten zu einem Streifzug werden durch die ganze vielfältige Welt des modernen Sternguckers.
Vierzehn Meter hoch wölbt sich der größte Kuppeldom — er birgt das Hauptinstrument dieser Forschungsstätte, den „Großen Refraktor". Ein neun Meter langes Opernglas fozufagen, mit einer Vorderlinse von 60 Zentimeter Durchmesser. — Sofort fesselt uns die eigenartige und außerordentlich geistvolle technische Ausrüstung dieses Riesen. Die heutige Astro-


