Ausgabe 
22.6.1931
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Ml Montag, den 22. Ium Nummer^

Verloren.

Von Theodor Storm.

Was Holdes liegt mir in dem Sinn, Das ich vor Zeit einmal besessen; Ich weiß nicht, wo es kommen hin, Auch, was es war, ist mir vergessen. Vielleicht am fernen Waldesrand, Wo ich am lichten Junimorgen Die Kinder klein und klein die Sorgen Mit dir gesessen Hand in Hand, Indes vom Fels die Quelle tropfte, Die Amsel schallend schlug im Grund, Mein Herz in gleichen Schlägen klopfte, Und glücklich lächelnd schwieg dein Mund; In grünen Schatten lag der Ort Wenn nur der weite Raum nicht trennte. Wenn ich nur dort hinüberkönnt«, Wer weih! vielleicht noch fänd ich's dort.

Komödie der Reise.

Von Franz Karl Wagner.

Wer ist das?" , .

Eine Dame aus Turin", antwortete der Portier des Hotel de Paris, aber ..." Und in diesemAber" lag jene ganze unfehlbare Menschen­kenntnis, wie sie nur die Hotelportieres zwischen Nizza und Monte Carlo besitzen, eine Menschenkenntnis, die ebenso fabelhaft ist wie ihr Personen­gedächtnis und ebenso unübertroffen wie ihre Höflichkeit.

Philipp steckte das Fünffrankstück in die Westentasche und lächelte disiret über die Ungeduld des Fragestellers.Zu elegant, mein Herr, zu viel Brillanten und zu reichliches Trinkgeld. Uebrigens, die Dame fährt in einer halben Stunde mit dem Expreß nach Paris. Ich bitte dies zu beachten, mein Herr, wer fährt im Sommer nach Paris?"

Allan Bowden stürzte in fein Zimmer, stopfte wahllos seine Garde­robe in die Soffer, zahlte und warf sich in ein Auto. Er kam einige Minuten vor Abgang des Zuges auf den Bahnhof und sah gerade noch, in welches Coupe die Träger das Gepäck der Comtessa verstauten. Sie stand dabei und betrachtete gleichgültig das nervöse Getriebe der Reifenden _

In Nizza sah er sie zum erstenmal. Uebersiedelte sofort in das Hotel wo sie wohnte. Das war morgens. Er wußte noch nicht einmal ihren Namen und faß doch schon beim Souper an ihrem nächsten Tisch und starrte sie ganz fassungslos an. Sie sah beharrlich über >hn hinweg. Nur einmal schien es ihm, als hätte sie leise gelächelt, und hinter diesem Lächeln einer schönen Frau jagte er nun her in seiner ganzen ver- ^^Nun^s'ab^er jener Dame allein im Abteil des Zuges gegenüber und bemühte sich, über den Rand einer großen Zeitung hinweg sie zu studieren. Ja diese Frau war schön, wunderbar ausgezeichnet von der Natur. Aber Und er dachte an die Worte Philipps:Zu elegant, 3U Diel Brillanten ..." Ja, ihre Toilette schien eines der letzten überschwenglichen Gedichte eines Pariser Schneiders zu sein. Zwischen den rotlichblonden Haaren aber, die sich in zwei Coden übet ..Dlirc,n4eflt^n;,tnkhT'^üre das Feuer zweier riesiger Solitäre. Und die Feinde. Nur russische d ftinnen tragen zuweilen eine so überreiche Last von Ringen. An d schlanken Händen blitzte und funkelte es, und schwere Armbänder fessel en ihre Gelenke. Um ihren Hals aber trug sie eine fabelhafte Perlenschnur Echt ...? Fast zweifelte er daran, wenn er dachte, wie unvorsichtig es für eine alleinreisende Dame sei, ein solches Vermögen Zur Schau zu tragen. MißKauen überkam ihn. War nicht die Riviera der Rendezvousort der großen Welt zugleich auch der Sammelpunkt aller Abenteuerlich­keiten?

Die "Räder bes Expreß fangen das eintönige Lied der Schnelligkeit. Sanft fchaukette der lange Wagen, wenn die Schienenstrange sich zu

Auch^bie^Und" kannte hatte ihr Gegenüber heimlich betrachtet. Schloß die Auaen und stellte sich schlafend, wenn die Blicke Allan Bombens etwas z^dkskret wurden. Hat man nicht hunderte Male gelesen, daß Leute von einem sympathischen Coupegenossen, der einem plötzlich em ü)lwo- formierte7 Taschentuch unter die Nase hielt, ausgepIundert wurden? Wer kann heute das glatte Gesicht eines Genttemans von dem eines moderne Briganten unterscheiden? Was wollte bieder junge (n abfrfiähenbe

hartnäckig seit vierundzwanzig Stunben verfolgte unb so obschatzenbe

Blicke auf ihren Schmuck warf? Warum wagte er äs nicht sie anzuspre­chen, wenn er sie aus anderen Gründen verfolgte?

Allan sah plötzlich, daß sein Gegenüber müde zu sein schien. Sie neigte den Kops und lehnte sich ganz in die Ecke ihres Platzes. Vorher nahm sie ihre Perlen vom Hals unb gab sie in eine kleine Tasche von rotem Lockieber, bereu Griff sie fest umschloß.

Warum nicht schlafen und bas Abenteuer ein wenig herausforbern ...?

Allan starrte verzückt auf seine Reisegefährtin und kam sich lächerlich schüchtern vor, baß er es noch nicht gewagt hatte, sich ihr vorzustellen. Sie schlief. An ber Regelmäßigkeit ihrer Atemzüge erkannte er es. Ihre Wangen glühten, ihr Haar war in entzückenbe Unorbnung geraten. Raffinement ... Halbwelt ... Unüberlegtheit? Ein zarter Schal glitt von ihren Schultern unb fiel zu Boben. Allan hob ihn auf unb legte ihn leise neben bie Schläferin. Eine Weile verging. Der Zug hat merklich feine Geschwindigkeit erhöht unb raste bahin. Der Wagen schwang sich manchmal so stark in ben Febern, daß die Gegenstände im Gepäcknetz zu tanzen begonnen. Im Schlafe lockerten sich die Hände ber schönen Frau unb bie rote Lacklebertasche fiel zu Baben. Sie sprang burch ben Fall auf unb ihr kostbarer Inhalt lag auf bem staubigen, abgetretenen Teppich bes Coupes. Allan bachte: Wenn er ein Dieb wäre? Unb er bückte sich rasch, hob Perlen unb Etui auf, um alles neben bie Dame zu legen, wollte sie auch wecken, ihr sagen, wie leichtsinnig ... und starrte plötzlich in die Mündung eines zierlichen, vernickelten Damenrevolvers.

Mein Herr", sagte bie Dame furchtlos,geben Sie mir mein Eigen­tum zurück und machen Sie sich so rasch als möglich davon!"

Stumm vor Ueberraschung gehorchte Allan.

Ich habe nicht geschlafen, sondern habe Sie genau beobachtet. Was Sie da getan haben, haben Sie ziemlich ungeschickt angestellt. Sie scheinen einen Anfänger zu sein. Es hat zwar keinen Sinn, wenn ich Ihnen voraussage, daß Sie auf diesem Wege im Zuchthaus enden werden, unb Ihnen rate, lieber einen ehrlichen Beruf zu ergreifen, denn Leute Ihres Schlages sind unverbesserlich. Und nun verschwinden Sie."

Aber .... aber ..." stammelte Allan Bowden verwirrt.

Noch immer hielt die Dame ihren Revolver in der Hand. Hatte er sich von feiner Ueberraschung erholt, wollte er sich aus andere Weise, vielleicht gewaltsam, ihres Schmuckes bemächtigen? Ein Gedanke schoß ihr plötzlich durch ben Sinn. Sie lächelte geringschätzig:Geben Sie sich weiter keine Mühe, was Sie hier sehen, sinb nur ausgezeichnete Imita­tionen, es würde sich nicht ber Mühe lohnen!"

Also boch! Philipp hatte recht gehabt: Zu elegant zu viel Brillan­ten. Er hatte sich ein Abenteuer gewünscht, unb es war eingetroffen. Ueberraschend, fpannenb mit allen äußeren Effekten wie im Kino. Die Dame war keine Dame unb er war ein Narr. Allan Bowben zündete sich in aller Ruhe eine Zigarre an (ohne zu fragen, ob fein Gegenüber das Rauchen gestatten würde) unb mieberfjolte nochmals, biesmal laut:

Also boch!"

Wie bitte?" Sie würbe nun langsam nervös. Der Gentlemanverbre­cher" schien boch kein Anfänger zu sein unb mehr Kaltblütigkeit zu besitzen, cis sie dachte. Auch ihr Revolver hatte auf ihn keinen Eindruck gemacht, unb sie kam sich plötzlich mit ber Waffe in der Hand diesem Herrn gegen­über furchtbar lächerlich vor. Indem sie den Revolver einsteckte, sagte sie:

Warum fliehen Sie nicht?"

Bor einer Abenteurerin ...? Wozu ber falsche Schmuck, ber Ueberfall mit bem Revolver. Sie bachten wohl, baß ich mich aus ber Situation eines solchen Mißverstänbnisses heraus mit einer größeren Summe Geldes retten werbe. Oh, Sie haben sich geirrt, meine Same!"

Sie Unverschämter, Sie glauben ... Sie meinen ..."

Ich weih es, ich bin Überzeugt ..."

Cinen Augenblick herrschte Schweigen. Dann lachte bie Unbekannte Allan Bowben ins Gesicht:Also der Eisenbahndieb hat mich als Aben­teurerin erkannt?"

Dann, mein Herr, hat es keinen Zweck mehr, sich zu verstellen, beten- nen wir Farbe unb unterhalten wir uns. Sie werben nun meinen falschen Schmuck in Ruhe lassen unb ich bin Überzeugt, baß keiner meiner Tricks bei Ihnen Erfolg hat. Schließen wir Frieben, Mister ... Mister ...

Allan Bowben!" _

Ah, Sie haben sich einen Namen beigelegt, ber überall Krebif hat in der Welt. Sie scheinen sich für ben Sohn des amerikanischen Konserven- fönigs auszugeben?" ... .

Gewiß. (Allan blieb wirklich nichts anberes übrig, als die Wahr­heit zu sagen.) Und Sie?"

Ich habe viele Namen und viele Pässe. Nennen Sie mich Jolanthe, ganz einfach nur Jolanthe ..."

Man sah auch im Speisewagen beisammen. Allan log das Blaue vom Himmel herunter und dichtete sich sämtliche Filmverbrechen an, die er jemals im Kino gesehen hatte. Auch Jolanthe erzählte, aber sie war vor­sichtig unb zurückhclltenb. So gewann er bie feste Ueberzeugung, bah