staubwirbelnd über die Sandwüste, manche fuhren abenteuerlich zerbeulte Ford-Automobile, und ein seltsames Heerlager umsäumte die Zir.usstadt. Ich saß im Kastenwagen und verlauste Billetts, oft glaubte ich, ich würde ohnmächtig vor Durst und Hitze, jedes Geräusch verursachte gräßliche Kopfschmerzen. Selbst den Elefanten wurde die Arbeit sauer, trotz ihrer Gutmütigkeit verweigerten sie einfach, Trab zu lausen in der Manege. Ein Glück, daß wir unsere Eisbären an der Küste zurückgelassen hatten. Eines Abends hängte ich nach 8 Uhr meine Tafel „Ausverkauft" oors kleine Fenster, griff nach dem breitrandigen Strohhut und wollte nachsehen, ob der Seelöwendompteur genügend Wasservorrat zu einer Dusche habe. Auf dem Weg zum Stall aber fiel mir ein unerledigter Bries ein, den der Poftreiter noch in der Nacht zur Station mitnehmen sollte. Was war da zu machen. Fahr wohl, Wasser — Türe ausgeschlossen zum Bürowagen, der vor Glut dampfte, Schreibmaschine frei gemacht und an die Tasten. Welches Datum? Blick auf den Kalender — 24. Dezember! Lieber Herr, es ist das einzigmal, solang ich beim Zirkus bin, daß ich schlapp gemacht habe; ich sah meine Eltern, drüben in Hamburg, eine braune Gans auf dem Tisch, dampfender Grog, Schnee aus der Straße — und wie sie nun alle an mich denken. Da habe ich wahrhaftig eine Viertelstunde geheult, wie ein Schuljunge. Ist auch ein häßlicher Brauch, daß sie drüben den Heiligen Abend nicht feiern!"
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Diese Zeilen schrieb ich im kO-Zug von Berlin nach Hamburg. Und als ich am Hauptbahnhof ausstieg, erwarteten mich zwei Zirkusartisten, gute Freunde, die morgen nach London fahren mußten, weil sie zur Christmas-Season im Olympia engagiert waren. Ich saß nach der Vot- ftellung mit der ganzen Familie zusammen (auch die Großmama war dabei); wir fachsimpelten, und zuweilen wurde auch geschimpft. Alle hatten sie ein wenig Angst vor der Seesahrt über den Kanal, die Frauen klagten wegen der schlechten Wohnungsverhältnisse in London, „am schönsten sei es eben doch in Deutschland. Da müsse man nun auch in diesem Jahr während der Heiligen Abends nach dem Gepäck herumlausen, säße abends in einem möblierten Zimmer, röste entweder am Gaskamin oder friere am Tisch, den Plumpudding vertrage keiner, und es müsse schon gut gehen, wenn sie noch rechtzeitig ein Tannenbäumchen auftreiben könnten'.
„Schade", sagte ich, „ich dachte, ihr könntet mir etwas von Artisten- Heiligabend erzählen, von stimmungsvoller Einkehr." „Lieber Freund", antwortete der Truppenchef Hermann, „das war einmal..."
„Ja", mischte sich plötzlich die Großmutter ein, „das war einmal. Weißt du noch, Hermann?" Und fo kam ich doch noch zu zwei Weih- nachtsgefchichten vom Zirkus. Und die alte Dame erzählte, wie fie als junge Reckturnerin, schon verheiratet, mit einem kleinen Wanderzirkus durch Russisch-Polen gereift war. „Wir waren vielleicht fünfundzwanzig Menschen, einen Direktor hatten wir nicht, seine Witwe leitete den Betrieb, und sie war eigentlich eine alte Hexe, die mir Furcht einjagte, wenn sie abends ihre rote Perücke aufsetzte und in glänzenden Kanonenstiefeln (vom Gatten vererbt) durch den Stall stapfte, mit der Reitpeitsche fuchtelte und durch ihre Zahnlücken keifte. Ader weil die Geschäfte gut gingen und wir pünktlich unsere Gage erhielten, bin ich mit meinem Mann und dem kleinen Hermann drei Jahre dortgeblieben. Und jedesmal am Heiligen Abend kommandierte die Chefin beim Jnspektionsgang: .Alle Mann nach Schluß in meinen Salonwagen!' Der.Salonwagen' war vier Meter lang, würde heutzutage auch als Packwagen zu fchabig fein, aber wenn wir durchfroren und verschneit ankamen, dampfte auf dem kQsch ein blanker Futtereimer und war bis oben an gefüllt mit einem herrlichen Punsch lieber die Eisentruhe mit der Tageseinnahme war ein wetzzes Tuch gebreitet, darauf stand ein kleiner Weihnachtsbaum mit Lichtern und bunten Kugeln. Zuerst schimpfte die Chefin, teils aus Gewohnheit, teils weil es wirklich lange dauerte, bis sich alle in den Wagen zwängten. Aber dann wurde es sehr schnell heiß in der kleinen Stube. Jeder bekam ein Glas Punsch und einen Taler, die Günstlinge auch einen Lebkuchen. Und dann mußten wir fingen, die Russisch- und die Römisch Katholischen, die Protestanten, die Juden und die Heiden; und den Baß der Direktorin überschrie allemal das schrille Kreischen von zwei Negern die mit großen meinen Augen und roten Mündern andächtig .Stille Nacht, heilige Nächt' fangen."
Hernach erzählte der Truppenchef Hermann eine andre Weihnachts- gefchichte. „Vierzig Jahre mag es her sein, ich hatte mein erstes Engagement, als dreizehnjähriger Junge, bei meinem Onkel, "^r.Pausenaugust, Obermann bei den .arabischen' Pyramidenturnern, Stallbursche und manchmal auch Jockey. Wir reisten durch Ungarn unb fpielkn, als es kalt wurde in kleinen Städten, weil der Wind zu toll durch unser dünnes Zelt pfiff. Im Dezember hatte mein Onkel eine Idee: >W>r machen eine Weihnachtsfenfation!' sagte er, .ich ziehe mich als Knecht Ruprecht an, du svielst den unartigen Jungen und wirst in einen großen isack gesteckt. Dann knalle ich mit der Peitsche, das Roß kommt herein (mir hatten nämlich nur ein dressiertes Reitpferd) und meine Achter immt das Christkind. Sie macht ihren alten Serpentintanz M Pferd,, bekommt lauter glitzernde Sterne in die Schleier genäht. Zum Schluß bringen die Araber, die wir schwarz anmalen, als Könige aus dem Morgenlande einen brennenden Christbaurn in die Manege und meine Tochter balanciert ihn mein^Dntel der Direktor war, geschah alles nach seinem Wunsch. Und am 23 Dezember nach der Vorstellung fand die Generalprobe statt. Als mein Onkel das brennende Weihnachtsbäumchen feiner Tochter reichte, [freute das Pferd, der Christbaurn fiel dem Onkel ms Gesicht und ver- lenate feinen Bart, meine Cousine balancierte noch em paar Sekunden und stürzt« bann über ben Hals bes Gauls in die Manege Alles wäre gut abgelaufen, wenn das Pferd nicht mit dem Unken Vorderbem m die Piste eingebrochen wäre. Nervös geworben, bockte es, versuchte sich loszureißen und trat mit dem Huf des anderen Bernes meiner Cousine auf die Brust. Als ich mich schließlich aus dem großen Sack des Wech- nachLmannes befreit hatte, trugen fie gerade die blutspuckende Reit-nn aus der Manege Die gante Nackt über bemühten nur uns, das Roh wieder arbeitsfähig zu machen. Auch wahrend des Heiligen Abends hatten
wir alle Hände voll zu tun: das angefchwollene Bein des Schimmels za kühlen uno zu massieren, die Piste zu sl.cken, Kostüme in Ordnung zu bringen, Reklamezettel zu verteilen und schließlich den ängstlich gewordenen Gaul wieder zu bewegen. Daß meine Cousine Fieber hatte, phantasierte und immer wieder Blut erbrach, war zwar schlimm, aber eine Privatangelegenheit, die sich innerhalb von Onkels Wohnwagen vollzog. Hier zu helfen, war das Amt meiner Tante. Wir andern mußten bie Weihnachtsvorstellungen retten — und sie find gerettet worben. Die neue Pantomime brachte Erfolg und volle Häuser bis über Neujahr, bas Christkind wurde von meiner Tante dargestellt, die — ohne zu proben — vom Krankenbett ihrer Tochter in bie Manege ging, tabellos ritt, obwohl sie feit Jahren heraus aus ber Hebung war unb den immer noch lahmenben Gaul nach Möglichkeit schonte.
Glauben Sie nicht, daß einer von uns mit bekümmertem Gesicht heiumgelausen sei, daß etwas von Rührseligkeit zu merken war. Dazu hat der Zirkusmensch zu viele Pflichten, unb wenn meine Cousine und ber Gaul wieder gesund geworden sind, so einfach deswegen, weil jeder seine Pflicht ernst genommen hat..."
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Fortießung.,
„Das häUen Sie unten sagen sollen, Peter. Hier werden wir wohl nur Kaffee bekommen."
„Genügt mir vollkommen. Kaffee unb ein festes Stück Kuchen." — So faßen fie bann in der kleinen Schenke neben dem Kavalierhaus von Schloß Belvedere, Gertie forgte für Peter, fraulich, schwesterlich. Ihr genügte der Kaffee nicht, sie sprach mit ber Wirtin, unb Peter bekam ein gut belegtes Butterbrot unb zwei Spiegeleier. Er wehrte sich zwar etwas, aber sie sagte: „Unsinn, Sie müssen was Ordentliches essen; wer körperlich arbeitet, muß sich gut nähren."
Damit waren sie auch gleich beim rechten Thema, bei ihrer Arbeit. Sie hatten ja beide genug zu berichten, und jeder wollte zuerst vom anderen wissen, was er erlebt hätte.
„Hat mein Brief geholfen?" fragte Peter.
Gertie nickte lebhaft. Gewiß, er hätte geholfen, sie hätte Krach geschlagen, mitten in einer Szene, unb er hätte auch barin recht behalten: Der Direktor wäre ihr beigesprungen, unb ba sei plötzlich alles gegangen. „Aber unsicher bin ich noch immer, Peter. Wissen Sie, nicht baß ich mich fürchte; aber ich muß nun einmal meinen eigenen Stichel ’runterfpielen, unb ich fühle: bas ist gar nicht bas, was die anderen Theater nennen. Man'mal denke ich überhaupt, es ist gar kein Theater^ was ich da voll- führe. Dann zweifle ich, ob ich überhaupt Talent habe.'
„Wann ist denn bie Premiere?"
„Bald, Peter. Am nächsten Samstag schon." Sie zuckte ordentlich zusammen. „Das ist ja heute in einer Woche. Daran fjab’ ich noch gar nicht gedacht. Wie wirb es nur alles werden? Peter, Peter! Sie müssen kommen. Ich muß wissen, baß Sie unten im Parkett sitzen. Ich schicke Ihnen eine Karte. Einen Menschen muß ich haben, der mir wohlwill. —
Sie merkten gar nicht, daß draußen die Dämmerung heraufkam, daß im Gastzimmer Licht gemacht wurde, daß sie die einzigen, die letzten waren. Erst als die. Wirtin immer enger um ihren Tisch herümstrich und schließlich versuchte, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen, schreckten sie auf. Peter zahlte. „Dann bin ich aber heute abend an ber Reihe", sagte Gertie. Es war ihnen ja selbstverständlich, baß sie ben Abenb gemeinsam oer- bringen würben.
Als sie ins Freie traten, war es fast finster. Solange ihnen noch bie Lampe, bie vor ber Schloßschenke brannte, Licht gab, gingen fie nebeneinander her. In ber buntlen Allee aber nahm Peter roieber Gerties Arm, als ob er sie stützen wolle. Unb biefe Verbundenheit ließ sie wieder schwelgen Es war kühl geworden, unb sie spürten bie gegenseitige Wärme. Wieber schritten sie schnell aus unb fühlten, daß ihre Herzen klopften. Ein wunschloser, wortloser Marsch wurde es, bis vor Gerties Tür.
„Wann soll ich Sie abholen, Gertie?" fragte Peter.
„Um acht."
„Erst um acht?" _ .
„Ja, Peter, erst um acht. Aus Wiedersehen." Schnell trat sie ms Hous.
Er drehte sich langsam um, ging langsam zur Bahn, holte seine Handtasche, suchte sich Quartier. Nicht in einem Hotel, bas war ihm zu teuer, er vergaß nicht, baß er rechnen mußte. Nicht In ber Nähe bes Bahnhofs, bas schien ihm zu weit fort von Gertie; in einer Gasse am Markt nahm er sich ein Zimmerchen in einem Gasthof. Er packte feine paar Sachen aus; ließ sich bie Stiefel säubern, schrubbte sich noch einmal die Hande, bann sah er nach ber Uhr: fast acht. Nun stürmte er davon, unb richtig: Gertie stank» schon vorm Haus unb wartete. Er war ein wenig schuld- beroußt aber sie lachte ihm entgegen. „Nun, Jjaben Sie ein gutes Zimmer gefunben? Kommen Sie, jetzt führe ich Sie."
Sie wußte eine kleine Weinstube, wo bie Kollegen nicht verkehrten, war selbst noch nicht bagewesen, hatte aber den Namen gehört. Es gab erst eine große Beratung vor ber Speise- unb Weinkarte. Gertie merkte, baß Peter sparen wollte. Das freute sie, aber sie ließ es nicht W, sie übernahm bie Bestellung. „Unb nachher trinken wir eine Flasch« Sekt, Peter. Wie lange habe ich keinen Sekt getrunken."
Das Essen kam. Sie hatten beibe Hunger. Von Isa sprachen sie unb von Leo Queis. ,Lu dumm, die Isa", sagte Gertie.
„Würden Sie denn Leo heiraten?" — „Aber Beter — ich?
„Warum nicht? Er gefällt Ihnen doch. Und Sie sind doch begeistert von Scherkalben."
„Ich liebe ihn boch nicht." — „Wen lieben Sie benn?
Auf ihre Stirn trat eine Falte. „Reden Sie, bitte, keinen Unsinn, Peter " Er sah die Falte unb schwieg eine Weil«. Dann sagte er: „Isa liebt ihn boch auch nicht."


