Das ist etwas anderes. Isa paßt nach Scherkalden. Es ist wie gemacht für sie. Da muß so eine blonde, schöne Frau hin. Eine Herrin, eine Gräfin. Richt so ein Gamin wie ich/' Sie hob ihr Glas, trank, dachte nach.Wissen Sie, Peter, daß ich mir manchmal Vorwürfe machte, daß ich Sie an die Maschinen geschubst hatte? Als Sie mir schrieben: zwei­hundert Schrauben in der Stunde. Ich dachte: Do gehört er ja nicht hin, das kann er ja nicht durchhalten."

Ich hätte auch länger durchgehalten. Weil ich an Sie dachte."

Ich bin froh, daß es nun vorbei ist." Sie griff über den Tisch nach seiner Rechten und streichelte sie:Die armen Hände."

Ach, sehen Sie bloß meine Hände nicht an."

Unsinn, Peter. Die können Sie ruhig sehen lassen. Arbeitsnarben schänden nicht."

Die Flasche Moselwein war leer. Sie ließen Sekt kommen. Und als er im Glase schäumte, stieß sie mit ihm an.Aus gute Freundschaft, Peter! Wir wollen Arbcitskameraden bleiben, uns weiter helfen!"

Sle tranken sich zu, sahen sich an. Und tranken das nächste Glas und merkten nicht, daß ihre Stimmung wärmer und weicher wurde. Sie be­gannen zu schwärmen: sie vom Theater:Ich will weiter, Peter, wenn ich erst in Berlin bin"; er von Jena:Ich werde denen schon zeigen, daß ich was kann; umorganisieren müssen sie."

Sie sahen, der Wein ging zur Neige. Da hielt Gertie die Hand über das Glas:Nur noch einen Schluck." Und Peter schenkte sich auch ganz wenig ein. Sie fürchteten, daß diese schöne Stunde schnell enden könnte.

Dann war Gertie die Vernünftige.Wir müssen aufbrechen, Peter, es ist spät." Sie schob ihm ihre Geldtasche zu.Zahlen Sie. Nein, keine Widerrede. Es war so ausgemacht, bitte! Wir sind gute Kameraden. Wenn Sie erst mal Generaldirektor sind, kommen Sie an die Reihe. Kameraden sind wir." Sie fühlte, daß sie es betonen mußte.

Aber eine halbe Stunde später auf der Jlmbrücke ließ sie sich doch in seine Arme ziehen, ließ sich von ihm küssen, küßte ihn, riß sich dann los, lief den Berg hinan ihrer Wohnung zu, ließ sich fangen, wieder um­armen, wieder küssen, entrang sich wieder. Es war ein tolles, frohes Hetz- jpiel; ihre Herzen klopften. Vom Laufen, vom Wein, von der Erregung.

So kamen sie bis vor ihr Haus.

Er hielt sie ganz fest umschlossen.Ich habe dich lieb, Gertie." Seinen Kopf nahm sie in beide Hände, sah ihn fest an.Peter, lieber Peter." Und dann:Geh, gehe!"

Er bettelte:Noch einen Kuß."Nein."

Und morgen?"

Sie schüttelte den Kopf.Nicht morgen, Peter, fahr' ab. Es war so schön heute, Peter, so schön. Morgen das würde nur abschwächen. Es würde schal sein. Samstag, Peter, Samstag, wenn ich spiele."

Aus ihrem Täschchen hatte sie den Schlüssel gezogen, schnell schloß sie auf.Samstag, Peter", sagte sie noch einmal. Dann war sie fort. Und Peter stand allein auf der Straße.

*

Mit der Morgenpost bekam Büchner einen Brief aus Weimar. Vom dicken Fleischmann. Ob er am Samstag zur Premiere käme? Er müßte kommen, denn er hätte ihm ja schließlich die ganze Geschichte eingebrockt mit dieser Gertie Rose. Es sei zum Verzweifeln. Dies blutjunge Ding spiele sich ein Zeug zurecht, aus dem er selbst nicht klug w"rde. Dabei mache sie auch noch die anderen Pferde scheu, schimpfe, fordere, daß sich selbst so alte Routiniers wie Konradius, den Büchner ja aus Mei­ningen kenne ihrer.Art anpassen solle. Je weiter die Proben gingen, desto unbändiger würde sie. Seit Sonntag sei es nicht mehr anzusehen. Am liebsten würde er die ganze Sache abblasen, aber das ginge leider nicht mehr.Also kommen Sie und sehen Sie sich das Debakle an. So was mache ich nicht wieder, verrückt kann man dabei werden. Wenn alle Büchner-Schülerinnen so sind, dann behalten Sie sie lieber, bester Freund".

Sieh mal einer die kleine Rose an", dachte Büchner,also zum min­desten Temperament. Beneiden kann ich Fleischmann nicht. Aber Isa Weiher will ich es doch erzählen."

Isa Weiher. Der Name fiel ihm aufs Gewissen.

Er hatte in den letzten Tagen gar nicht mehr an sie gedacht. Seit er ihr das Stück geschickt hatte:Frauenopfer". Er hatte den Kopf so voll ge­habt. In Wien sollte erQuartiere" einstudieren, mit anderen Kräften, ohne Drehbühne. Den ganzen Szenenapparat mußte er umwersen. Dazu war die Einstellung der Wiener zu solch einem gewagten Stück eine völlig andere wie die der Berliner. Da mußte er die Stärken abschwächen und dafür die leichten Stellen in den Vordergrund spielen lassen. Stundenlang hatte er am Schreibtisch gesessen und das Regiebuch zurechtgcstutzt. Jetzt stand seine Abreise bevor; wenn Fleischmann seine Uraufführung hatte, war er schon an der Donau.

Aber vorher wollte er sich Isa noch anhören, unbedingt. Wie sie ihre Sache wohl machen würde? Es war eine schwere Ausgabe, die er ihr gestellt. Das wußte er. Ob sie sie löste? Oder ob er sich getäuscht hatte in der Beurteilung ihres Talentes? Das wäre schade. Sie brauchten ja junge Kräfte an allen Bühnen. Auch das Hebbel-Theater. Und gerade solch einen Menschen wie diese Isa. Schön. Mit weichem, modulations- sähigem Organ. Mit Kultur von Hause aus, was sehr wichtig war. Eine gute jugendliche Sentimentale. Er würde sie schon anbringen; man hörte ja auf ihn. Vielleicht ginge es schon, wenn er von Wien zurückkam. Er würde ihr dann helfen, weiter helfen können. Ja, er würde gern mit ihr arbeiten.

Er schellte. Das Mädchen kam.Sagen Sie doch dem gnädigen Fräu­lein, sie möchte heute nachmittag um fünf zu mir kommen. Zur Probe. Ja bitte." Seinen Mantel streifte er über. Das Mädchen sprang zu, half ihm.Also vergessen Sie nicht: um fünf!" Er nahm seinen Hut und stlirmte davon. Ins Hebbel-Theater. Besprechung mit Rechberg wegen Wien.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl

Isa hatte tmmer auf diesen Ruf gewartet Nun kam er ihr doch über­raschend. Sie war in den letzten Tagen so sicher gewesen: jedes Wort saß, jede Geste. Sie hatte das Gefühl gehabt, die Rolle ganz erfaßt zu haben. Nun lief sie in ihrem kleinen Zimmer auf und ab. und alles und jedes schien ihr verkehrt.

Sie hielt es in der Engnis nicht aus, lief ins Freie, in den herbstlichen Tiergarten. Bis jenseits der Charlottenburger Chaussee, wo sie eine ein­same Wegstrecke wußte. An ihre Rolle wollte sie denken, aber ihre Ge­danken liefen zu Büchner. Er würde die Gegenrolle sprechen. Es war da eine Stelle, wo er sagen mußte:Wie schön du bist!" Fast den gleichen Satz, den er schon einmal zu ihr gesagt hatte. Wie würde er ihn spre­chen? Wirklich zu ihr? Dann mußte sie ja spüren, ob er sie liebte. Auch er. Wie sie ihn. Sie mußte es ihm heute ja sagen. Nicht direkt. Durch ihre Rolle. ,Zch tat es, weil ich dich liebte, nur für dich." Das war der Inhalt. Ihr Inhalt.

Bilder malte sie sich aus. Hoffnungen ließ sie wach werden und wagte doch nicht, sie bis zum letzten Ende auszudenken Sie wurde schwach, sie zitterte, konnte kaum noch gehen. So schleppte sie sich nach Hause.

Dann saß sie wieder über dem Buch, las noch einmal alles, las aber nur Worte, tote Worte, keinen Inhalt mehr.

Großmutter rief sie zu Tisch. Sie konnte nicht essen, keinen Bissen.

Die alte Dame sah sie an.Was hast du, Kind?"

Laß mich, Großi, zwing' mich nicht. Nerven, nichts wie Nerven. Dok­tor Büchner hat mich bestellt. Nachher. Zur Probe. Zum Vorsprechen. Die Rolle, die er mir neulich gab. Da bin ich natürlich erregt."

Ruhig Großmutter weiter.Ja, ja, Nerven", sagte sie.Nerven. Das ist auch solche Erfindung eurer Zeit. Die kannten wir noch nicht. Du solltest versuchen, ruhig zu sein, Isa. Wann sollst du denn zu Büch­ner kommen?"

Um fünf."

Dann hast du ja noch Zeit. Hör' mal auf mich: jetzt. Mit leerem Magen wird das nichts. Mit leerem Magen sieht man die Welt grau in grau. Wenn du satt bist, wirft du auch ruhiger werden. Zwing' dich, Kind. Du wirft dich im Leben noch oft zu etwas zwingen müssen und hinterher einsehen, daß es gut so war. Man muß sich beherrschen lernen: Das ist Lebenskunst. Und ich denk« mir, das wird auch ein Teil aller Bühnen­kunst sein." Und als es nicht gleich zum Essen gehen wollte, nahm sie Isas Teller.Warte, Isa, ich schneide dir erst einmal das Fleisch und mache dir ein Pämschen."

Aber, Großi, wie einem kleinen Kind."

Siehst du, jetzt kannst du schon lächeln. Jawohl, wie einem kleinen Kind. Das wirkt oft Wunder. Wie einem Kranken, Isa. Denn wenn die Nerven zappeln, ist das auch eine Art Krankheit."

Wirklich, Isa ihren Teller leer. Sie fühlte, daß Großmutter einmal wieder recht hatte. Sie lieh sich dann auch von ihr ins Bett legen, schluckte sogar ein paar Tropfen Baldrian, die ihr Großmutter brachte.Du mußt ruhen, Kind. Es ist nachher doch wichtig für dich, wenn ich auch nicht weiß, ob es das Richtige ist." Sie zog die Vorhänge zu.Ich klopfe um vier, Isa. Dann bekommst du eine Tasse Kaffee."

Aber schlafen konnte Isa nicht. Sie fühlte wohl: das Hausmittelchen wirkte, die Lider wurden schwer. Jedoch die Gedanken wurden nicht still, sie kreisten um Büchner. Isa sah ihn vor sich: groß, blond, die Hornbrille vor den blauer Augen, sie hörte ihn: kurz, energisch waren seine Worte; sie dachte an das, was sie immer wieder über ihn gelesen hatte: der große Regisseur, der Gestalter. Und ihr Wünschen schien ihr vermessen. Dies Wünschen, das stärker in ihr war als die Rolle, die sie heute vor ihm sprechen wollte.

Sie lag wach, halbwach und wartete auf das Klopfen. Verging die Zeit denn gar nicht?

Und als endlich Großmutter kam, mit dem Kaffee, den sie selbst gemacht hatte, war wieder alle Unruhe da und blieb, bis sie zu Büchner hinüberging.

Büchner saß an seinem Schreibtisch, als sie eintrat. Er stand auf, kam ihr entgegen.Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädiges Fräulein. Kommen Sie, setzen Sie sich. Ich hatte in den letzten Tagen so viel zu tun. Diese Vorbereitungen für Wien fressen mehr Zeit, als ich dachte."

Sie nahm seine Hand und ließ sie wieder los. Sie setzte sich auf den Stuhl, der am Rücken seines Schreibtisches stand, seinem Platz gegenüber. Sie hatte schon manchmal hier gesessen und war nun verwundert, daß es heute so sein sollte wie all die Tage.

Auch er saß wieder am gewohnten Platz, kramte zwischen den Pa­pieren, die auf der Schreibtischplatte lagen.Zuerst muß ich Ihnen doch einmal einen Briet von Fleischmann vorlesen. Er schlägt sich mit Ihrer kleinen Freundin yerum, weiß nicht, was er aus ihr machen soll. Also hören Sie."

Er las, und sie hörte, aber sie hörte an den Worten vorbei, hörte eigentlich nur seine Stimme. Und plötzlich kam ihr eine Frage:Könntest du ihn eigentlich beim Vornamen nennen, könntest du Ulrich zu ihm sagen?" Unmöglich erschien ihr das.

Da hatte er den Brief beendet.Komisch, was? Bringt die Gertie Rose so einen alten Praktiker wie Fleischmann in Verwirrung. Wahr­haftig, ich würde nach Weimar fahren, wenn mir Wien nicht dazwischen käme. Wollen Sie nicht hinüber? Fahren die Eltern Rose nicht?"

Nun mußte Isa etwas sagen, antworten. Sie mußte ihre Stimme erst finden.Ich weiß nicht, ob Herr und Frau Rose überhaupt etwas von der Premiere gehört haben."

Aber da sollten Sie doch anrufen, gnädiges Fräulein. Das wird die Herrschaften interessieren. Sind sie denn immer noch döse mit der Tochter?"

Soweit ich weiß, haben sie ihr noch nicht geschrieben. Und Gertie auch ihnen nicht."

(Fortsetzung folgt.) _______

'fche Univerfitäts-Buch» und Steindruckerei, X. Lange, Gießen.