GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <951 Montag, den 2|.Dezember
Nummer |00
Weihnacht.
Von Elisabeth Dauthendey.
Ein Augenblick im Meer der Zeiten, In dem die stillen Stimmen tönen. Die sonst der Tag verdeckt mit seinem lauten Schrei. Der Augenblick, in dem die Kerzen brennen. Die heil'gen Kerzen, die der Liebe leuchten. Da sedes Herz es ahnt, was Friede sei —
In dieser Stille zwischen heut und morgen. In dieser Handvoll weniger Minuten Besinnt der Mensch sich aus sein tiefstes Glück: Lauscht auf die leise Melodie der Liebe — Und geht dann neu zu seinem Tag zurück.
Oie Krippe.
Eine Weihnachteerinnerung.
Von Herbert von Hoerner.
Was ich hier erzähle, ist keine Kriegsgeschichte. Es geht um etwas anderes: um die Kunst, ihr Wesen, ihr Schicksal. Man muß zuweilen große Worte gebrauchen für eine kleine Sache. Und man muß auch manchmal von sich selber reden.
Aber nun möchte ich mit der Erzählung anfangen.
Das Jahr 1919. Der Krieg war für Deutschland zu Ende, wenigstens in seiner gröbsten Form. Bei uns im Baltenlande ging's da erst" recht los. Es ist hier nicht nötig, die recht verwickelten politischen und militärischen Verhältnisse jener Zeit und jenes Stückchens von Europa klarzulegen. Kurzum, ich war Soldat. Baltische Landeswehr. Wir hatten vor uns die Bolschewiken. Ich führte als Fähnrich einen Zug und betreute mit ihm eine kleine Feldwache, irgendwo da oben in Lettgallen, nicht weit von der Düna. Wir lagen in den Häusern kleinrussischer Bauern. Die paar Gehöfte waren kaum ein Dorf zu nennen. Außer unbedenklichen Patröuillen-Plänkeleien gab’s längere Zeit keine Gefechte. Der Abstand zwifll-en den Fronten, unserer und der des Gegners, betrug an dieser Stelle mehrere Kilometer. Wir ließen uns mal gegenseitig eine Weile in Ruhe.
Und so kam Weihnachten, in Schnee und Stille.
Weihnachten als Soldat im Felde. Aber ich will nicht von dem Abend erzählen, sondern von der Wacht.
Ich wohnte mit einem Kameraden zusammen, der Unteroffizier war. Uns beiden gehörte die Hälfte einer Bauernstube und wir hatten sogar etwas ähnliches wie Betten. Durch einen Vorhang von uns getrennt, lebte die ganze Bauernfamilie, ein Elternpaar, eine alte Großmutter und viele kleine Kinder. Sie schliefen teils neben, teils auf dem Ofen. Und alle aßen viel schweres, schwarzes Brot.
Ich hatte beschlossen, nicht zu schlafen, weil ich vorhatte, für die Kinder eine kleine Weihnachtskrippe zu bauen. Das Material dazu hatte ich mir besorgt. Es bestand aus einer Zigarrenkiste, dünner, weißer Pappe, Draht und Faden, Silberpapier (von Zigaretten), Messer, Schere und einem kleinen Malkasten. Ich glaube, für eine gewisse Art von schöpferischem Willen (man verzeihe mir das große Wort) ist das Material immer da. Es findet sich. Wie ich überhaupt glaube, daß unsere innere Einstellung es ist, die die Dinge der Außenwelt an uns heranzieht. Also i chhatte alles Nötige, um mit meinem Werk zu beginnen.
Dem Kameraden, der in dieser Nacht der Wachhabende hätte sein müssen, sagte ich, er könne sich ruhig schlafen legen. Ich würde wachen und die Posten revidieren. So konnte ich ohne Eile beginnen. Denn die Nacht vor mir war ja noch lang.
Ich baute also aus der Zigarrenkiste den heiUgen Stall. Dann zeichnete und malte ich auf die dünne weiße Pappe jene Figuren, Mensch und Tier, die zu einer Krippe gehören. Auch Stern und Engel fehlten nicht. Das schnitt ich dann mit der Schere aus und brachte jedes an feinem Plaß an, wo es grab hingehörte, in den Stall oder davor. Stern und Engel schwebten am Draht darüber.
Wohl viele Stunden habe ich daran gearbeitet. Und währenddessen schliefen in demselben Raum die vielen Menschen: der Kamerad und die ganze Bauernfamilie. Ein Petroleumlämpchen gab Licht genug. Die Luft war dick vom Dunst der Schläfer.
Es ist etwas sehr Seltsames, der einzige Wache unter vielen Schlafenden zu fein. Man wird sich selbst dabei ganz feierlich. Einmal ging ich hinaus und sprach mit dem Posten. Da war nichts zu sehen als Schnee und Sterne. Ich hätte gern einen Wolf heulen gehört, aber es tat mir keiner den Gefallen.
Gegen Morgen war ich mit meiner Krippe fertig. Ich wußte nicht, ob die Kinder für meine Gabe Verständnis haben würden. Vielleicht würden sie gar nicht einmal erkennen, was es fein sollte. Und ich wollte mich nicht mit jenem Satz trösten, dessen Wahrheit ich stets anqezweiselt habe: daß der Künstler ja für sich selber schaffe.
Da ich nun doch recht müde war, weckte ich den Kameraden und schlief noch ein paar Stunden.
Zum Frühstück gab es ein Geschenk der Bauern: weißes Brot. Etwas zaghaft kam ich mit meiner Krippe an und stellte sie vor den Kindern auf. Was ich aber nicht erwartet hatte: nicht die Kinder bemächtigten sich des Spielzeugs, sondern die Erwachsenen.
„Ganz wie in unserer Kirche", sagten sie. „Unsere Kirche ist ja zerschossen. Da stand zu Weihnachten sonst immer solch eine Krippe. Und nun haben wir die Krippe im Hause."
Das war für sie kein Spielzeug, das war ein heiliger Gegenstand.
„Annuschka! (so hieß die Achtjährige) Annuschka, lauf zum Onkel, lauf zur Tante! Sag ihnen, sie sollen kommen, sich etwas Wunderbares ansehen!"
Und Onkel und Tante tarnen, und es tarnen noch mehr, aus den benachbarten Häusern, Männer und Frauen, alte und junge.
Mein Kripplein tarn zu Ehren, die mich sehr demütig machten. Das, was ich da zufammengebastelt hatte, war fein Gegenstand für Ausstellung, Kritik und Kunstbetrachtung. Nichts für's Museum. Nichts für Kenner. Aber für die Bauern in ihrer Stube war es was. Es nahm an ihrem Leben teil, es bekam Leben durch sie. Denn die Gabe lebt vom Empfänger. Und mir ist, als wäre ich dem großen mütterlichen Herzen der Frau 'Kunst nie so nah gewesen wie damals mit meinem Kripplein.
Oie schönsten drei Christbäume.
Erzählung von Rudolf von Delius.
„Und nun sagen Sie uns, verehrtestes achtzigstes Geburtstagskind, welches war Ihr schönster Chrlftbauin in Ihrem reichen, so gesegneten Leben?" Diese Frage tat am Pereinsstammtisch der Schriftführer, zu dem greifen Vorsitzenden gewandt.
Der Achtzigjährige lächelte, überlegte sich einige Minuten und begann: „Aus dieser ungeheuren Fülle von Christbäumen, die ich erlebte, und die meinen Lebensweg bunt und heiter umflimmerten, möchte ich doch drei herausheben. Aber gerade diese drei waren keine richtigen Christbäume: das Geträumte, Unerwartete, Seltsame gibt eben doch bas stärkste Erlebnis."
„Ach bitte, erzählen Sie!" riefen alle, und der Greis fuhr fort: „Ich halte das Glück, in einer kleinen Stadt aufzuwachsen, wir Kinder wurden nicht überreizt durch zu viele Eindrücke, wir konnten uns noch leiben* ghaftlich freuen auf etwas ganz Schlichtes. So hieß es einmal in ber bventzeit, es solle im Rathaussaal eine große Armenbescherung flott« finben mit einem riesigen Christbaum. Ich kannte den alten gotischen Saal und stellte mir nun in feuriger Phantasie vor, wie eine ganz hohe Tanne im Lichterglanz dort wirken müsse. Aber wehe, dicht vor dem bestimmten Tage werde ich krank, fledernd mußte ich zu Bett liegen, alle gingen ins Rathaus, nur das alte Kindermädchen war in der Küche. Meine Augen glühten, alle meine Sinne dachten an den Riesenchristbaum. Da plötzlich läuteten die Glocken, Tränen traten mir in die Augen, ich war im Geiste bei den Meinen und betrat mit ihnen den Saal. Und da sah ich nun bei geschlossenen Augen in der Fleberphantasie einen so Überirdisch blendenden Weihnachtsbaum, wie sonst nie wieder im Leben. Die Lichter lebten und bewegten sich wie strahlende Engel, alle Süße ber Märchenwelt war hier vereinigt unb zugleich bie stille Hoheit bes Heiligsten. So schuf sich bie frische, starke Kinderseele selber ihr Ideal, ihre Wunscherfüllung. —
Zur Erholung durste ich eine Tante im nahen Gebirge besuchen. Ich kam abends an, doch es war mir unmöglich einzuschlafen, da hörte ich ein leises Wehen und bann ein zartes Rieseln, es schneite wohl, bas beruhigte mich so wonnig, ich entschlummerte, boch um Mitternacht erwachte ich wieber, es war totenstill, ba schlüpfte ich aus dem Bett unb öffnete bas kleine Fenster, bie Sterne funkelten unb gerabe vor mir stand eine Tanne, einsam unb majestätisch, auf den schwarzen Zweigen schimmerte der Schnee; bie Sterne sah man überall, es war, als huschten manche zwischen den Aeften, die Nachtbläue wölbte sich so endlos selig, ich mußte meinen vor unklarer, drängender Wonne, mir war als feiere die Natur und Gott selber jetzt Weihnachten. —
Unb ber britte schönste Christbaum? Ja, der wurde mir am letzten heiligen Abend von einem lieblichen, kleinen, blonden Fräulein gebracht, von meiner Urenkelin, sie halte den Schmuck ganz alleine verfertigt, die Fünfjährige, doch alles war finnig unb zart gebacht unb so fein aufmerksam. Die Freude an einer heranblühenden Mädchenseele machte mir dies winzige Bäumchen zu einem der beglückendsten meines Lebens."


