Ausgabe 
21.9.1931
 
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Vieh verstand als viele weiße Farmer und Aerzte, hatte die 300 jungen Kühe also hergetreckt. Cornelius war 18 Jahre lang der persönliche Diener tm Hause des Herrn gewesen. Als er Mitte dreißig alt wurde, sagte er:

Jetzt muß ich zum Vieh. Ich gehe jetzt. Ich werde jetzt alt.

Die Hereros haben, auch nachdem sie durch die Kriege nut den Deutschen vor 25 Jahren aufgehört, ein freies Volk und freie Besitzer zu sein, das Vieh im Blut behalten. ,

Die 3000 Stück sah ich auf einige Krale verteilt. Stolz und Macht ist in einer solchen Herde in Bewegung gesetzt. Als ein guter, starker Geist des Bodens brodelt sie durcheinander. In einem der Krale war zwischen etwa 300 Kühen und jungen Stieren ein Haufen von Rinderkälbern. Eine wilde Jagd durch sieben oder acht Hereros begann mit dem Lasso auf ,edes einzelne. Die Kühe, auf die es gar nicht abgesehen war, tobten mit herum. Das Lasso flog um ein Hinterbein. Die fieben bis acht über das Tier her. Ein kurzer Kampf. Es reißt sich entweder los, jagt mit dem Lasso am Bein über die umfassende Dornenheckenmauer oder fliegt besiegt zu Boden. Die Schwarzen wie Schraubstöcke drüber, und der Stempel des Besitzers wurde dem Tier auf den Schenkel gebrannt.

Junge Stiere wurden ausgelassen. Der Inhalt der Krale wurde gezahlt .. über 3000 Stück ohne das Jungvieh, und Kral um Kral wurde auf die Weide gelassen, ein jeder unter Führung von zwei Hereros in sein Gebiet getrieben.

Die Arbeit dauerte in einer ununterbrochenen Folge von halb neun bis vier Uhr nachmittags. Die Sonne war schwer und heiß. Niemand ließ nach. Außer den Krals lebten die Weiber tatkräftig mit.

Wir haben uns dann an einenBlei" gelegt, an eine der schilf­bewachsenen Wasserstätten, Butterbrote gegessen, Rotwein getrunken, geschlafen, und dann für morgen zu Tisch einige Enten geschossen, vier Rebhühner und eine Höckergans. Wir sollten auch ein Kudu mitbringen, hatte die schöne, junge Hausverweserin gesagt. Aber es war zu spät geworden, um zu der Stelle zu gehen, wo die Tiere des Abends vom Waterberg zum Wasser herunter wechseln. Wir haben uns nur noch den großen Damm angesehen, hinter dem auf Monate Wasser gestaut lag.

Die Farm hat einen der von Voll- und Wohllaut schwelgenden Herero- namen, wie so viele in diesem Norden von Südwest sind:

Okosongomingo. Das Wort bedeutet: Die Stelle für das Jungvieh. Der Ausgang des Hererokrieges spielte hier. Hier brachen die umschlossenen Hereros durch zum Sandfeld und hörten auf, ein selbständiges Volk zu sein, wenn es auch nicht wahr ist, was englische Propaganda in der Welt verbreitet: daß das Sandfeld eine schreckliche Wüste sei, und von den 80 000 Hereros nur 10 000 wieder herauskamen ... Wie grün war es hier! Das Laub an den Kameldornbüschen, an den Akazien, an den Otumborumbonga-Bäumen, von denen die Hereros behaupteten, sie seien ihre Großväter, prangte. Büschel von Gras und Kräutern sproßten, die gelbe Morgensternblume, saftiges Futter, goß sich zum Schmaus üppig über den Sandtisch des Bodens, wie ein blühender Goldbrei.

Um nach O. zu gelangen, war ich vor zwei Tagen mit der Bahn, die von Ussakos nach den in deutschem Besitz gebliebenen Kupferminen von Tsumbes führt, durch den Bezirk von Dmaruru gereift. Hier waren Senge­teufel durchgebrochen. Kein Laub und kein Gras. Fluß und Bach nur Sand. Sand und Dürre, soweit man sah. Einsame Kühe behungerten die Steine und den Sand. Sie waren noch Knochen und Fell. Sie waren den Herden davongelaufen, die nach den Weiden des Nordens getrieben worden waren. Eine Zeit der Heimsuchung war dieser Gegend, wie den meisten in Südwest, angebrochen. Sieben magere Jahre der Bibel auf sieben Mo­nate konzentriert. Der Regen blieb weg, blieb weg. In einem solchen Jahr verliert Südwest an die 100 000 Stück Vieh. Und eine halbe Million bleibt mager, daß die Preise von 120 Mark auf 40 herabsinken.

Aber die Gegend um den Waterberg begann von Futter zu schwellen. Das Vieh hatte pralle Schenkel, feiste Rücken.

Was sonst bei Menschen hier so verpönt war: die Mischung von Europa mit Afrika, das war beim Vieh die Lebensader der Zucht und Wirtschaft­lichkeit. Von Rasse und Zeugungskraft strotzende Kurzhornväter aus Eng­land, rote Holsteiner, fchwarzweiße Oldenburger, schwere Pinsgauer gaben bestes europäisches Bauernblut in die behöckerten, zu schmalschenkligen Kühe Afrikas. Die Höcker verschwanden, die mannlangen Hörner rassig kurz, die Schenkel füllten sich. Eine gerade, edelrassige Linie von Stirn­wulst bis zum Schwanz ... beginnender Bauernadel.

Der Herr von O. war ein Meister im Züchten von Rindern.

Ich weiß nicht", sagte er, als wir am zweiten Abend auf den roten Sandquadern der großen Treppe saßen, über das flache Farmland und gegen die Naturburg des Waterbergs schauten, ,,ob Sie auch die Erfah­rung gemacht haben, daß zwischen Zuchtstieren und Menschen starke Gleich­heiten bestehen. Aus meinem beim Vieh erworbenen Blick kann ich dem Gang und dem Bau einer Frau ansehen, was es mit ihrer Wesensart für eine Bewandtnis hat."

... Die inneren Schwierigkeiten des Farmers in Südwcst, die in dem Mangel an Wasser und der Weite des Raums, den man braucht, bestehen, kreuzen sich mit äußeren. Wo ist ein sicherer und dauernder Absatz? Die Union kaufte bis jetzt. Aber sie kauft nur, wenn es über den eigenen Farmländern nicht regnet. Denn geschieht dies, so braucht sie kein fremdes Vieh. Man versucht, dieser Zwickmühle zu entgehen. Die Gold Storage Co. und die Liebig Co. haben Gefrierfabriken gebaut. Aber der Abnahme des Viehs stehen noch andere Schwierigkeiten im Wege, die in der Geographie des Geschmackes begründet sind. Mittel- und Nordeuropa nehmen ein fettes Fleisch, wie es in Argentinien wächst, und das Südwest-Vieh ist für europäischen Absatz auf Spanien und Italien angewiesen. Jetzt folgt die Regierung einer deutschen Anregung und hat eine Kommission gebil­det, der ein deutscher Farmer, mein Gastgeber auf O. und der Vertreter der Woermann-Linie in Waloisbucht, ebenfalls ein Deutscher, zusam­men mit einem Beamten der Regierung angehören. Diese drei sollen die Möglichkeiten auskundschaften, Schlachtvieh an die Westküste Afrikas abzusetzen, wo zahlreiche Plätze und keine Ochsen sind. So könnte man von dem unsicheren Markt in der Union loskommen.

Parallel damit läuft ein anderer Versuch. Es hat sich schon eine gewisse Erfüllung gezeigt. Man will vom Aufziehen von Rindvieh sich dort freimachen, wo die geeigneten Bedingungen der Zucht des Persianer- chafes (hier heißt es Karakul) vorhanden find. Die klimatischen Aehnlich- Eeiten zwischen der Bochara, dem Mutterland der Karakulschafe, und Südwest haben zu dem Gedanken geführt. Die ersten Versuche haben ergeben, daß das schwarzweiße afrikanische Schaf, das keine Wolle, son­dern einen Haarpelz hak, sich sehr eignet. Zuchtböcke sind eingefubrt worden, eine Herdenbuchgesellschaft hat sich gebildet und in den paar Jahren hat sich bei dieser Zucht eine sehr bedeutend gesteigerte Wirtschaft­lichkeit ergeben, die in der Mitteilung von Zahlen aus den beiden größten Karakulbeständen einen klaren Ausdruck findet. Eine Farm hat im letzten Jahr für 150 000 Mark und eine andere für 250 000 Mark Persianerselle verkauft. Und auch auf O. ist man dabei, den Bestand an Schasen, der gegenwärtig 3000 Stück beträgt, wesentlich zu erhöhen, gestutzt auf die Erwägung, daß bei der Hochwertigkeit einer solchen Produktion gegen­über der' von Schlachtvieh, Preisschwankungen eine geringere Rolle spielen.

Der Besitzer von O. hosft, seine Karakulherde auf 15 OOOjStüd bester Auswahl zu bringen, und schwelgt abends auf den roten Steinquadern der Treppe des Herrenhauses in diesen Plänen. Die Abendsonne belohi den Waterberg mit rosenroter Inbrunst, und ich habe den Mut nicht Einwendung zu machen, die in einer weniger rosenroten Stunde von den Lippen müßte: ob nicht eine Ueberprobuftion zu furchten sei, und die Karakulfelle den Weg führe, den die Diamanten vorausgegangen sind.

Es war vor einer Woche wieder, wie ich gerade gelesen hatte, einer Diamantenwäscherei der Betrieb in Lüderitzbucht geschlossen worden.

Hinter den Karakuls würde aber nicht nur de Poers stehen, mächtig genug, den Zufluß von Steinen auf den Markt zu kontingentieren, und so die Preise zu halten...

... Das Salz des Farmers in Südwest ist das Wasser. Der Segen bestimmt den wirtschaftlichen Ausfall des Jahres. Es gibt nur Flüsse, die nach Regen laufen, oft bloß einige Stunden lang. Der einzelne hust sich jetzt mit Dämmen. Dämme, die das offen fließende Wasser fassen und solche, die bis aufs Grundgestein durchgeleitet werden und das Grundwasser anhalten und in Behälter leiten. Sie sind teuer herzustellen und sammeln meist nicht genug, um über lange Trockenzeiten aus­zudauern ... Mit Windmotoren. Sie rauben das Bodenwasser, dessen Bestand immer ärmer wird. Und beide Anstalten liefern nur Wasser zum Trinken fürs Vieh.

Aber der Boden! Gras und Kräuter!

Lange Gespräche nach dem Tagwerk auf den Sandsteinquadern der roten Treppe in O. Der Farmer möchte, wo sich das Gelände eignet, überftauen, so daß die Wasserflut nicht mehr hastig rast, zum größten Teil verlaufend, versickernd und verdunstend, ungenützt bleibt. So daß das Wachstum nicht nur mehr auf den Regen angewiesen ist, so datz von jetzt sich Bergeudendem Uebersluß bekommt.

Ueberftauungen würden schon hohe Werte schassen. Aber sie lösen nicht das Problem. Ihnen zeigen sich nur verhältnismäßig kleine Gebiete geeignet. Sicherheit und Erfüllung ist nur bann zu erwarten, wenn Die Wege gefunben werben, in mächtigen Stauungen die heute nutzlos abgehenben Wassermengen ber Reviere zum Bleiben zu zwingen, unb sie burch planvolles Kanalisieren übers fianb zu verteilen. Große Wasser­flächen bilben zudem bei der Verdunstung Möglichkeiten, die Regenhohe au steigern. Ein Beispiel besteht in Afrika, nämlich in Aegypten, das seinen Nil heute gebändigt hat. m .

Einem solchen Werk ist der einzelne nicht gewachsen. Die Regierung aber, zum Fatalismus erzogen, läßt mit verbundenen Augen dieses Problem unangetastet mit den Fluten ber Riviere abgehn.

... ber Farmer ist auch Jäger. Er hat zu schießen, was im Haus gebraucht wirb. Auf immer tatkräftiger merbenbe Mahnungen ber reiz­vollen, jungen Verweserin bes Haushaltes hin würbe nun enblich das Kudu geschossen. Das Kudu ist ein Hirsch bes Lanbes, eine Riesen- antilopenart, ein prächtiges, gestreiftes Tier, mit machtvollem, einstäm­migem Gehörn, bas in Wellen wächst. Die Wellen lassen bei ber Flucht die Dornbüsche ab gleiten. Der Schuh ging ins Blatt. Es war schon tot, als wir es fanben, unb ber Junge roeibete es aus. Wir aßen gleich am Abenb, wo mit bem Auto burchreisende Gäste tarnen, die Leber.

Die Jagb versorgt nicht nur die Küche. Sie hat auch ben Tierbestand zu schützen unb ber Reichtum ber Sammlung van Fellen von Löwen, Leoparben, Hyänen unb Schakalen im Haus zeigt, wie sehr bie Herden geschützt werden müssen.

... Nun bin ich fast überall gewesen auf O. Auch am Waterberg, wo Quellen springen unb Drangen unb Pfirsich, Mais unb Gemüsenpflanzun- gen finb. Wir sitzen roieber bei Whisky auf ber roten Treppe.

Wie groß finb etwa 85 000 Hektar?" frage ich.Mir scheint, nach bem, was ich sah, bie Verwaltung solcher Ausmaße ohne Auto unmöglich ... rm

,Die anberttjalbfadje Größe Ihres Bodensees", antwortete mein Gast­geber, , ober ein Quabrat von etwa breißig Kilometer Länge an jeher Seite.

Ja 'da tag unter unserer Treppe des hochgebauten roten Herrenhauses prachtvoll und mächtig das Land von Okosongomingo. Die Augen maßen es aus und erreichten die Grenzen nicht. Ich sehe hier, von einem andern erfüllt, den Traum nach Land wirklich geworden, den ich selber immer hatte und nie aufgeben kann, ob ich auch weiß, daß es nur ein Traum bleiben muß. Kraft und Wille der Sehnsucht stehen in dieser Erfüllung, nicht Zufall und Glück. Land ist das, was bleibt, bas alte Merkmal des Führers. Sein Besitz macht zum Fürsten. Wir können anderen die Lebens- möglichkeit geben, indem wir und unsere Nachkommen den Grund ewiger Erfüllung schaffen, aus den nackten roten Steinen der Treppe, auf- gebaut vom Herrn von O. Kosongomingo wogte bie im vergangenen -lag äufgefpeirfjerte Wärme der Sonne, derselben Sonne, die bas Land unter unfern Augen befruchtet, unmittelbar bis ins Herz.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fche Univerf itätS-Duch. unb Steindruckereft X Lange, Gießen.