Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht.
Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die Fenster gezittert haben.
Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt. E .
Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt, sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufeinander geschlagen, und es war wie ein Haberseldtreiben.
Aus dem Stern und dem goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich angezapft worden ist. ™
Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die Maßkruge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken.
Der lange Marti vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:,,
„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.
Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist auf den Boden gelaufen.
Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und arger geworden; einer hat den andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen.
Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der Jüngste Tag ist gekommen. (Schluß folgt.)
Moskau.
Die schön gewachsene Stabt
Von Joses Ponten.
Leningrad ist ziemlich still und auch leer, die öffentlichen Gebäude der Zarenzeit scheinen für die in Leningrad verbliebene Unter- und Teilregierung ein zu weites Gewand zu jein. Für die ganze, nach Moskau übersiedelte Hauptverwaltung des Riesenreiches und den Apparat des Zentralismus scheint Moskau im Gegenteil viel zu eng und drückend, in allen möglichen ungeeigneten unzuständigen und unpassenden Gebäuden sind die zahllosen Aemter untergebracht, und Moskau wird, wenn Sowiet einmal Geld hat und ans Bauen gehen kann, ein Tummelfeld für Architektur werden wie das Rom der Päpste es war. Unten an der Moskwa, in der Nähe der Krimmfchen Brücke, liegt unser Quartier, ein ehemaliges, ziemlich modernes Knabenerziehungsheim, jetzt als Unterkunftshaus für reifende Gelehrte eingerichtet. Klösterlich still (so weit es dort, wo Russen in Gesellschaft sind, still fein mag), und behelfsmäßig primitiv ist dieses Unterkunftshaus, aber es ist sauber und in bezug auf Rußland auch em wenig behaglich. Für Manner und Frauen find Schlafsale mit einfachen eisernen Bettstellen eingerichtet. Man erinnert sich an seine Militarzeit im Kriege, wenn man mit lieben Freunden zusammenschläft, die am Tage ausgezeichnete Männer find, die nur zur Nacht furchtbar und aufreizend schnarchen — denn sein eigenes Schnarchen hört man ja nicht. Russisch an diesem an sich schönen und gastlichen Quartier, in dem man nur einen Rubel täglich zu zahlen hat, sind die kümmerlich engen und unzureichenden Waschgelegenheiten und die anderen, Wünsche ossenlassenden Orte menschlicher Peinlichkeiten; aber auch daran gewöhnt man sich, nachdem man ein wenig, nach der Seite einer großen Russentugend, der Geduld hin, verrußt ist.
In der Nähe, im Adelsquartier der Krapotkinstraße gibt es das Klubhaus des Komitees der „Gesellschaft zur Verbesserung der Lebensbedingung der Gelehrten", auf russisch wie alle Amtsbezeichnungen praktisch-amerikanisch abgekürzt in „Zekubu", an sich ein abscheulicher Kasten eines reich gewesenen Fabrikantenprotzen mit Spiegelscheiben und nackten kitschigen Marmorweibern, der aber geräumig ist und in dem die in Moskau weilenden, namentlich auch dort wohnenden Gelehrten ein Tagesheim und eine Stätte preiswerter Verköstigung haben.
In einer Nachbarftraße gibt es ein „Haus der Geburt", glaube ich, heißt es, in dem die Säuglinge nach allen Regeln moderner Hygiene und Desinfektion unter viel Aufwand von reinen Bettbezügen und weißen Wärterschürzen gehegt werden. Aber das, mit so viel Stolz die Schwester es auch zeigt, ist mir natürlich nichts Neues. Man muß immer bedenken, daß durch die fowjekistische Revolution in Rußland viele Dinge errungen wurden, die in Europa, namentlich in Deutschland, auf dem stilleren Wege der Sozialgesetzgebung und Sozialsürsorge — so viele Wünsche auch bei uns noch offen bleiben — längst selbstverständlicher Besitz des Volkes geworden sind. Die Räte sind natürlich auf diese Dinge — und von Rußland aus mit Recht — sehr stolz, aber auf uns kann das nicht als Anreiz des Rätesyftems wirken. Ein Beispiel dafür, daß man nicht ohne weiteres Gleichungen über die russische Grenze hin auffteUen darf. Neu, für uns, neu und an sich ganz gewiß groß in diesem Hause ist aber, daß außer den Säuglingen auch der Mütter darin gewartet wird, ich glaube während dreier Monate vor und dreier nach der Geburt. Ich war in den Schlaf- und Frühstücksfälen der jungen Weiber (die Mütter sind f.ür den größten Teil des Tages von den Kindern getrennt), wo die Mütter, Schwangere und Entledigte, mit frauenhaftem Lärm und Lachen mein ein wenig verlegenes Eindringen erduldeten.
In derselben Straße ist auch in einem schönen alten roten Gebäude die Arbeiteruniverfität. Sowjet ist begreiflicherweise, nachdem die bürgerliche Intelligenz zum guten Teile vernichtet oder geflohen ist, bestrebt, eine neue Intelligenzschicht aus den Kreisen der Arbeiter sich zu schassen. In einem dreijährigen Kurs werden begabte Arbeiter und Arbeiterinnen in diesem Hause für das Studium an der Universität vorbereitet. Ich weiß nicht, in Erinnerung an unsere eigenen langen Vorbereitungszeiten, ob das genügt, ob es nicht auch nur Halbbildung hervorbringt oder ob es
nur eine zeitliche Berlegenheitsmaßnahme der Regierung ist, genug, ich war in diesem Gebäude, wo junge Männer und Mädchen Zigaretten- rauchend ustd studierend saßen, sehr ordentlich in schwarzen Hemden und Blusen. Viel zu sehen ist aber an einer solchen Anstalt nicht, wenn man nicht eine ziemliche Zeit auf Studium von Methode und Inhalt des wissenschaftlichen Unterrichts, der also dem der Oberklaffen unserer Gymnasien entsprechen müßte, verwendet.
In der Pflege der Wissenschaft, wie namentlich in der allgemeinen Volksbildung, besteht der Bolschewismus auf der Forderung unreligiöser Voraussetzungen. Seine Feindschaft gegen alle Religion und geistige Tradition, z'B. auch gegen die Pflege antiker Sprachen und Bildung, ist unbedingt. Es ist für uns bemerkenswert, daß gerade die Regierung des zutiefst religiösen Volkes, des russischen, der Volksreligion den offenen Krieg erklärt hat. Aber vielleicht faßt der Bolschewismus sich selbst als eine neue Volksreligion, gar Völkerreligion aus. Sonst versteht man nicht recht, warum nicht gerade der Kommunismus auf das kommunistische Urchristentum zurückging, und versteht es anderseits doch, wenn man bcfrtt, daß er als eine geistige und menschliche Flucht aus gewissen Finsternissen des modernen Industrialismus entstand, und daß sein geistiges Rüstzeug nicht auf dem patriarchalischen Lande zubereitet wurde, sondern daß er den im 19. Jahrhundert übermächtig aussprießenden Städten entsprang und letztlich eine städtische Hoffnung und Heilslehre ist. Das Tolstoijsche, auf dem Lande und in der Welt der Bauern erdachte kommunistische Ideal hat andere Züge.
Ich sah bann weiter von sozial-kommunistischen Einrichtungen da- „Haus des Bauern". Auch dieses eine Warnung, nicht unmittelbar Rußland mit Deutschland zu vergleichen. Gewiß bedeutet für Rußland dieses in einem einst durch Ueppigkeik und Schwelgereien der bevorzugten Klassen bekannten Klubhause untergebrachte Institut etwas. Dem Bauern wird darin durch Bildertafeln klar gemacht, welche Erfolge seine Feldarbeit haben kann, wenn er mit Kali düngt — der russische Bauer düngt nicht einmal mit dem Hofmist, in den russischen Steppen muß er aus Mangel an Holz und Kohle den Dung, zu Fladen getrocknet, verbrennen, ja, im nährstoffreichen Schwarzerdegebiet darf er nicht einmal düngen; er kann darin die Feinde seiner Frucht, die Wühlmäuse, die Insekten und die vielfachen Pflanzenkrankheiten und ihre rationelle Pekämpfung kennenlernen; im ehemaligen Gefellschaftsgarten find Musterzuchten der wichtigsten Feld- und Gartenfrüchte zu sehen; in den früheren Ställen und Garagen werden landwirtschaftliche Maschinen, Geräte und jedes Werkzeug bis hinab zur besten Sense und zum zweckmäßigsten Nagel in Natur gezeigt — aber das alles gibt es bei uns in jeder landwirtschaft- lichen Kreisausstellung. Wichtiger scheint mir, daß dieses Haus des Bauern in jedem Dorfe fein Tochterhäuschen haben soll, wo der Bauer sich in schwierigen Berufsfragen Rat holen könnte. Am allerwichtigsten aber — und da ist Rußland uns — in der Idee wenigstens — weit voraus: in dem Haufe ist auch eine Stelle für kostenlose Rechtsberatung. Wenn sie überall auf dem Dorfe von Rechtskundigen, wozu ein Teil des studierenden Proletariats erzogen werden mag, tätig sein wird, wird sie ihren Segen verbreiten. Würde man diese Neuerung bei uns nachahmen, fo würde bald eine Unglücksfigur aus dem Dorfe und eine wirksame Gestalt aus den BauernroManen, der Prozeßhansl, verschwinden.
Im.-Straf* und Gefängniswesen hat der Sowjetismus großartige Ideale. Er hat mit der naheliegenden Idee von der Strafe, ja auch mit der imaginären von der Vergeltung und der billigen von der Stillung der gekränkten Volksseele aufgeräumt und sieht in der Zurückbehaltung sittlich Gefallener eine einfache gesellschaftliche Sicherheitsmaßnahme mit der Absicht und Hossnung, den vom Falle betroffenen „Unglücklichen" — das ist der schöne Name für Verbrecher in Rußland — durch Zureden und gute Behandlung wieder auf den Weg des Guten und Rechten zuriick- zuleiien, ohne ihn gesellschaftlich zu brandmarken, was ja die aller- schwerste, die Freiheitsstrafe übertreffende Strafe ist. So soll in den Ge- sängniffen durchaus kein Kommiß-, und Aufseherton, sondern mehr die Stimmung der Krankenstube herrschen. Leider konnte ich mich mit eigenen Augen und Qhren davon nicht überzeugen, denn Zufällig war der Gefängnisbesuch auf einen Tag angesetzt, den ich, plötzlich irgendwohin zu einer Vorlesung gerufen, dieser opfern mußte.
Natürlich hört« ich vor meiner Reise von den Kennern des neuen Rußland (und habe es auch nach meiner Reise immer wieder gehört): „Nun, man wird Ihnen nur zeigen, was man Ihnen zeigen will." Das ist nicht wahr! Ebenso wie ich überallhin, wohin ich wollte, habe reisen können, so habe ich auch alles sehen können, was sehen zu wollen mir in den Sinn kam.
Won den Zügen sogenannter Pioniere, das sind die Vereinigungen der Kinder unter dem Zeichen von Sichel und Hammer, deren ich viele, namentlich Sonntags, gesehen habe, kann ich insoweit sprechen, als c»e blaugekleideten Knaben mit dem roten Halskragen und die Mädchen in blauen Wämsern mit roten Kopftüchern in Museen, zu Ausflügen usw. ert wurden und eine gewisse stramme Gesamterziehung unter Berg von jugendlicher Ungebundenheit von [eiten ihrer Lehrer uns Führer genossen. Doch das mag bei uns bei den Ausflügen der modernen Schule, in Wandervogelzügen und den Streifen gewisser, männlich geführter Jugendgruppen nicht schlechter sein. Nur mit dem Unterschiede, da» diese bei uns (hoffentlich) unpolitischen Vereinigungen von Kindern m Rußland politischen Charakter haben, daß sie eine Vorschule sind M Gewinnung eines Stammes zuverlässiger Kommunisten.
Ueberall in den öffentlichen Anstalten Sowjetrußlands sieht man die Leninecke, die, in einem Zimmer rot ausgeschlagen und mit AbbildungsU aus Lenins Leben gefüllt, sich in jeder größeren Arbeitsgenofsenschast, m jedem Klubhaus, auf den Schiffen oder wo immer findet, die einzige Stelle, wie mir scheint, wo der Sowjetismus sicherlich mir Erfolg öi religiös -historische Tradition der russischen Erde aufnimmt; per. die Leninecke ist nichts anderes als die alte Heiligenecke ins Sotpietipilp) übersetzt, und einem gläubigen Kommunisten ist Lenin gewiß längst ei Heiliger geworden, und ein tiefes Verehrungsbedürfnis im naiven Rüge ist befriedigt.


