SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1931 Montag, den 21. September Nummer
Bayerisches Soldatenlied.
Von Ludwig Thoma.
Weißt du noch die schönen Maientage, Wo die Liebe uns beseligt hat?
Du gestandest mir auf meine Frage» Ja, das Liebste ist dir ein Soldat, Die Soldaten liebest du so sehr. Und am meisten noch die Schwalanscher*.
Wo du gingest, bin ich mitgegangen. Und am Himmel hat der Mond gescheint. Wenn wir leise Liebeslieder sangen. Und die Herzen innig sich vereint. Und beim Abschied sagtest du: o kehr Morgen wieder als mein Schwalanscher!
Krawall.
Von Ludwig Thoma.
Jawohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter den Tisch geschlagen worden ist und so zu sagen betäubt war ... aber ich will die Geschichte der Reihe nach erzählen.
Ihr könnt euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag aus den Kapellenberg gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder Landwehr älterer Ordnung, wie man auch sagt, ist zweimal in der Woche ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den Sabel schleifen lassen. _ „ m ..
Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung und der Provisor von der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitatskorps gebildet, wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hesele hat sich auf der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten Frauen einschreiben lassen. , , ... __, - ,
Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat man geglaubt. es ist schon so weit. .... , ,
Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal
Beim Spanninger sitzt alles käsweih in der Gaststube und still. eine Maus hätte man laufen hören und der Hausknecht hat d'e Geistesgegenwart und riegelte das Tor zu, und am Kirchturm schlagt die Glocke an weil der Meßner Benno die Schüsse auch vernommen hat, aber es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl.
Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus llegangen damü er die Waste bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg ^t er sich leb^ hast vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums die Preußen kämen, und er ist aufgesahren und hat „
Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt und dann Ad eu We,b mnd Kind, denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwe "°°Das'war°'da7einzigem°l, wo auch bei uns so eme Art Kriegslärm nvar; später, hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht ^uXigens, daß ich es recht sage, einer Warschau anwesend '"Durm buch. Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul 0 preuh sth ffpitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. lDie die ^achncht won der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele Burger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet
Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein Maar Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war.
Man hat nicht gewußt, lacht er höhnisch oder lacht e . ch, lhat das Maul immer so hinaufgezogen. n menn
., „Himmelkreuzdonnerwetter!" hat der Kasenbacher g s> ch, „I 6 ach es aber wissen täte!" . _ , . . „ „mrinat
Die Bürger sind aufgesprungen und haben den yreufeen umrmflt, "nd ein paar Bräuknechte haben schon die Hemdarmel aufgekremp .
* Chevau-leger, leichter Reiter.
Aber der Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher haben damals keinen Spaß verstanden.
Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch geschlagen hat.
Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen die Preußen zusammen.
Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es war die erste Kontrollversammlung angesagt.
Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht. In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußischen Soldaten werden müssen.
In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt.
Er hat die Arme zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben noch weih und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht mehr altbayrisch sein soll.
„Werdet nicht lutherisch!" hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt. „Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet euren heiligen Glauben!"
Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche gesagt worden, und die einen waren voll Angst und die andern waren voll Wut.
Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt.
Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt.
Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg.
In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren ihren Tarok gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die Karten und klopft ihm aus die Schulter.
„Du glaubst schon, du hast alle Trümpfe in der Hand", sagt er, „aber paß auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen."
„Sie sind ein Flegel", sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen Sie?"
„Manderl!" sagt der Bauer, „überleg dir die Sach noch, ob ich ein Flegel bin."
„Ich lasse Ihnen arretieren", schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist die Polizei?"
„Heb dir deine Polizei aus", sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig, „vielleicht kannst sie noch gut brauchen", und dann ist er gegangen. Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten von den Stockacher Bauern."
Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was sie denken sollen. Der Bezirksamtmann — Alois Reich hat er geheißen, und er war aus der Rheinpfalz — hat die Karten hingelegt und ist wütend auf den Marktplatz hinaus.
Aber von dem Bauern war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine Auskunft geben können ober wollen.
„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist", sagt der Bezirksamtmann.
„Wenn Sie einen Kerl suchen", antwortet der Bürgermeister ganz kalt, „hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde ansragen. Wir Stockacher haben keinen Kerl unter uns."
„Aha! Pfeift der Wind auf dem Loch? Ich will Ihnen was sagen. Innerhalb dreimal oierundzwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid, dann sollen Sie mich kennenlernen."
„Ist nicht notwendig", sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein. Und ich kann gleich dableiben", jagt er, „denn ich bin der Allererste dagegen." , . ,
Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es nur keine Konsequenzen gehabt hätte. . ,
Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung, oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand.
Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es eigentlich schwer ist, weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat, und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war.
Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen die Bauernburschen in die Stadt gekommen.


