Ausgabe 
21.8.1931
 
Einzelbild herunterladen

er ja gar nichts! Er war ja erst vor einer halben Stunde hier vorbei­gekommen, da hatte es noch keine Straßenausbesserung gegeben.

Er schimpfte. Das war eine grobe Ungehörigkeit des Straßenbauamtes, einem so ohne weiter« Ankündigung von einer Stunde zur andern die Straße vor der Nase wegzusperren! Er stieß seinen Wag schräg zurück. Aber die Herren machen ja mit einem, was sie wollen! Der Rotbart gedachte, das heute abend im Wirtshaus, wo er mit einem Chauffeur der Holzfirma Gottloeber & Söhne Schach zu spielen pflegte, einmal gehörig zur Sprache zu bringen.

Hornbostel und Borst drückten die Schläfen eng aneinander, so mußten sie unter ihren Birken lachen! Man sah es dem Hanomag ordentlich von hinten an, wie er da grollte, während er staubend davonfuhr.

Gleich danach kam ein Motorradfahrer.

Das war kein schwerfällig grübelnder Schachspieler und bastelnder Elektromonteur. Das war ein Berliner Radrennfahrer, der an den Sonn­tagen im Tourenrennen feine hübsche Portion Kilometer hinter sich brachte und bei dem Steher-Rennen in Berlin Schrittmacher für seine Sportsfreunde war. Der schnurrte, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, von ferne so heftig mit dem Fuß, daß die kleinen Steine splitterten, riß sein Rad mit einer eleganten Wendung herum, wie ein Parsorcereiter fein Pferd, und in ein paar Sekunden war er verschwunden. Wird ein heller Berliner Junge sich vielleicht darüber Gedanken machen, weshalb hier, ausgerechnet zwischen Schwanderloch und Lindenau, die Straße abgesperrt ist? Immerzu! Sperrt ihr nur eure Straßen ab! Ihr habt das Ausbessern nötig! Ein Berliner Junge läßt sich nichts vormachen...

Hornbostel und Borst lagen auf den Bäuchen und strampelten. Sie hatten sich die Arme um die Hälfe geschlungen, als ob es nicht den ungeheueren Rangunterschied zwischen ihnen gäbe.

Schließlich kam noch ein Radfahrer, der sich nicht beruhigen mochte. Immer wieder ging er an die Barriere hin, betastete das Holz, befühlte die blutrote Schrift, roch bann an seiner Fingerspitze, schielte nach der Richtung des Schulgutes, denn er schien die rote Farbe irgendwie mit dem Schulgut in Verbindung zu bringen, zog auch schließlich eine Karte hervor, die er eifrig studierte, worauf er sich aufs neue die Tafel betrach­tete und zögernd, maulend und mißtrauisch bis dort hinaus entschwand.

Wären Hornbostel und Borst zwei Jahre jünger gewesen, so hätten sie sich jetzt bestimmt in die Hosen gemacht.

In diesem Augenblick aber kam etwas sehr Schlimmes, etwas ganz Unerwartetes:

Ein Reichswehrsoldat zu Pferde. Ein Reichswehrsoldat auf einem schönen Fuchs mit einem kurzen Rücken.

Dieser Angehörige der Wehrmacht wiederum beachtete die Barriere überhaupt nicht. Er gab ihr keinen einzigen Blick. Er ritt Schritt in den Wald hinein. Die Hufe seines Pferdes zertraten ihnen fast die Schädel.

Hornbostel war ganz blaß geworden. Er sprang auf.

Hören Sie! Herr Soldat! Die Straße ist gesperrt!"

Mahlzeit!" sagte der Soldat freundlich, und er setzte sich in Trab, und er ritt auf der andern Seite der Schranke weiter.

Das war Gefahr! Das war entsetzlich! Menschlichem Ermessen nach mußte der Soldat genau zu jener Minute bei der Horde eintreffen, zu der dort der Ueberfall stattfinden sollte.

Hornbostel zog seine Pfeife. Das war das verabredete Signal: ,Bei uns ist die Sache schief gegangen! Jemand kommt!'

Aber das Signal kam zu spät. Der Ueberfall war bereits im (Sang.

Für Jungens, die darin Uebung hatten, wie die Bande, war das eine leichte Angelegenheit.

Ein Einspänner geht bergauf die Straße entlang. Der Besitzer ist natürlich nicht abgestiegen, der Gaul soll nur getrost die wertvollen menschlichen Knochen ziehen, das wäre ja noch schöner. So ertönt plötzlich im Walde ein Pfiff, und zwanzig Räuber springen mitHurra!" und Es lebe der Hund! Es lebe die Katze!" aus dem Gebüsch. Sogleich sind mindestens fünf davon um das arme Pferdchen versammelt, das sich durchaus nicht etwa schäumend vor Grauen mit weißen, schiefen Augen emporbäumt, sondern, freundlich dankbar für die Rast, den Räubern in das Gesicht pustet, und die fünf Räuber haben nichts anderes zu tun, als das gute Pferdchen zu streicheln und es mit drohenden Blicken auf den Besitzer zu trösten:Dir geschieht ja nichts, Alter!" oder sachverstän­dige Bemerkungen über eine längst vernarbte Wunde an der Vorderhand auszutauschen und dergleichen Dinge mehr.

Aber der Besitzer? Ein Mann mit einem graublauen Schnurrbart und graublauen Bartschein auf den Wangen, mit einem violetten Gesicht und einer Narbe über der Stirn, die von irgendeiner Schlägerei oder vielleicht von der Kralle irgendeines wütenden Tieres herrührt, und dazu noch eine lange Narbe am Hals von irgendeiner bösartigen Hals­entzündung ...

Sie sind Gefangener der Tertia", erklärt ihm der Häuptling kalt, ohne mit der Wimper zu zucken, als sei es für einen Mann, der am Donners­tagnachmittag von Maineweh nach Schwanderloch fahren will, die natür­lichste Sache der Welt, daß er der Gefangene der Tertia ist. Und fünfzehn feste Jungenfäuste legen Hand an ihn an. Dabei hätten die Fäuste von Lüders allein wohl genügt, einen erwachsenen Mann zu bändigen.

Der Mann aber schüttelt die Fäuste unwillig von seinem Leibe, und es gelingt ihm auch, eine Sekunde lang' sich zu befreien.

Hier ist wohl Fastnacht im Juni?" fragt der Mann.

Was ist hier?" fragt Lüders höflich, und nun hat er feine Faust wieder am Arm des Mannes. Und zehn andere Fäuste helfen ihm, zehn Fäuste von entschlossenen Jungens, die sich bestimmt nicht mehr abschüt­teln lassen werden.

Der Mann hat noch die Peitsche in der Faust. Aber diese Faust wird von vier Räuberfäusten festgehalten.

Der Mann überlegt.

Er macht keinen dummen Eindruck. Das ist kein Bauer, der Häuptling, der ihn scharf beobachtet, sieht es, wie er sich bei der ganzen Aktion benimmt.

,Das ist ein teufelsschlaues Vieh', so entscheidet der Kurfürst bei sich.

Sehen Sie da oben hin!" sagte der Große Kurfürst streng zu dem Fuhrwerksbesitzer.

Da oben?" fragt der Mann mit einem feigen Witz.Ich soll wohl aufgehängt werden?"

Sie verdienten das", entgegnete der Häuptling trocken.Aber jetzt meinte ich etwas anderes. Sehen Sie da auf dem Abhang die Hexen­kuppe? Dort auf halber Höhe ist unser Feldlager. Wir bitten Sie, uns dort hinauf zu folgen, ohne zu mucksen."

Was soll ich denn da oben mucksen?" fragt der Mann dummschlau. Ich muß ein Geschäft in Schwanderloch um drei abschließend

Ihre Geschäfte werden wir Ihnen versalzen, guter Sir", sagt der Häuptling kalt, und alle Tertianer lachen fröhlich, zärtlich und dankbar über das ,guter Sir'.

Millen in ihr Gelächter herein aber ertönt die Pfeife von Horn­bostel.

,Die Sache geht schief bei uns! Jemand kommt!'

Verflucht!" schreit der dumme, wenn auch sehr tapfere Lüders. Jemand kommt!"

Natürlich!" ruft ein jüngerer aus der Bande empört.Wo Borst dabei ist, muß es ja schief gehen!"

Der Gefangene macht ein höhnisch frommes Gesicht.

Das gibts auf einer Landstraße, da kommt mal der, mal jener!" Also tos! Herrgott nochmal! Vorwärts!" schreit der Kurfürst.

Er verliert zum ersten Male in seinem Leben jede Beherrschung und Ruhe.

Aber wenn der Mann sich weigert? Schließlich kann man ihn den Berg nicht hinauf tragen.

Und der Mann weigert sich. Er stemmt sich fest in die Erde.

Zehn Tertianer zerren an ihm herum. Es hilft nicht viel, man bringt ihn keine zehn Schritt weiter.

Und da erklingt auch schon Pferdegetrampel!

Wenn Sie jetzt nicht mitgehen, werden Sie erschossen!" erklärt der engelsschöne Otto Kirchholtes mit glockenreiner Stimme.

In diesem Augenblick biegt der Reichswehrsoldat um die Waldesecke.

Der Ueberfallene schreit ihm etwas zu.

Der Reichswehrsoldat nickt.

Mahlzeit", sagt er, und er nickt allen freundlich zu, den Räubern sowohl wie ihrem Opfer.

Noch einmal schreit der Mann dem Soldaten verzweifelt etwas nach.

Aber der Reichswehrsoldat auf dem schönen Fuchs mit dem kurzen Rücken ist schon wieder um die nächste Ecke herum.

Zwanzig rote lachende Knabengesichter! Sie wiehern vor Freude. Sie müssen so rasend lachen, daß sie fast eine Zuneigung zu ihrem Opfer fassen.

Also schön", sagt jetzt der Mann mit einem kläglichen Versuch, gut gelaunt zu erscheinen.Ich ergebe mich. Das hat mir meine Mutter auch nicht in der Wiege gesungen!

Zwei Jungens bleiben bei dem Pferd und Wagen.

Königsmarck faust auf dem Motorrad zu Hornbostel und Borst, um die Straßenabsperrung aufheben zu lassen und das gute Gelingen des lieber« falls mitzuteilen.

Die andern bringen ihre Beute ins Feldlager/ wie man einen Zwan- zigender, den man erlegt hat, ins Quartier schleppt.

Nun gut", sagte der Häuptling oben im Feldlager nach heftiger Rede und Gegenrede.Wir haben Ihnen Krieg oder Frieden angeboten, Herr Biersack! Wir haben unser Taschengeld von ein paar Monaten für Sie gesammelt und eine Anleihe auf das künftige gemacht. Wir bieten Ihnen für den entgangenen Schaden fünfundneunzig Mark, wir können es auch noch zur Not auf hundert Mark bringen. Ader Sie wollen Krieg, wie es scheint, ja?"

Bieten Sie doch dem Oberamtmann fünfundneunzig Mark", ent­gegnete der Mann verbissen, mit fliegenden Augen.

Der Oberamtmann, das sind Sie in diesem Fall! Der Oberamtmann ist Ihr Freund. Erklären Sie ihm, daß es genügt, die Katzen im Haus zu halten, und daß es überflüssig ist, frei umherlaufende Hunde gleich zu erschießen. Man kann sie einfangen."

Ich bin ein einfacher Geschäftsmann."

So einfach ist Jbr Geschäft gar nicht, guter Sir! Sie leihen Geld aus. Sie kaufen Fahrräder und Kleinautos als altes Eisen den Be­drängten unter dem Leibe weg. Sie treiben den Bauern das Vieh aus dem Stall. Sie kaufen den Katzen bei lebendigem Leibe das Fell für zwei Pfennige ab, und Sie verkaufen es für fünfzig Pfennige ober schöne Angorapelze sogar für eine Mark und mehr! Und der Herr Oberamt­mann schwort auf Sie, weil Sie zu feiner Partei gehören. Also los! Zeigen Sie, was Sie können!"

Der Mann stampfte voll Wut mit dem Fuß auf.

Ich kann gar nichts! Ich habe keine Zeit mehr! .Ich gehe jetzt!"

Sie können ruhig gehen, Herr Biersack! Wir haben auch keine Zeit mehr! Wir haben Sie nur gefangen genommen, damit Sie unser An­gebot in Ruhe anhören."

Wir sprechen uns noch! Das nennt man Freiheitsberaubung! Der Hardecker Verthold hat dafür neulich zwei Jahre bekommen!"

Die Tertianer lachten wild.

Sie machen sich ja in der ganzen Landschaft lächerlich, wenn Sie erzählen, daß wir Sie gefangengenommen haben!"

Der Mann schwieg verdutzt.

Dann sagte er nach einigem Besinnen schlau:

So aber es gibt ja wohl noch einen gewissen Jemand, der über Ihnen steht! Vor dem werden Sie ja wohl mehr Respekt haben als vor den Gerichten im Lande!"

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange, Dieben.