Käufer aus Stein, mit Kellern und sicheren Fundamenten, mit drei oder vier Stockwerken, sondern leichte Bauten, Nein und unansehnlich, von höchstens anderthalb Stockwerken, in einfachster Weise aus Holz und Ziegeln errichtet. Aber wertvoll oder nicht: es sind die Behausungen einer Millionenbevölkerung, die nun kein Dach über dem Kopf hat. Der wütende Strom reißt alles mit sich fort, und auf feiner Oberfläche treiben ertrunkene Menschen. Auch Hankau hat gelitten, auch dort sind nicht nur Sachwerte, sondern Menschenleben der Ueberschwemmung zum Opfer gefallen. Es herrscht eine grenzenlose Not in einem Land, dessen Bevölkerung schon vorher an der Grenze des Existenzminimums vegetierte. Wenn man an 1911 denkt — die Folgen dieser Ueberschwemmung sind unabsehbar.
Im Jahre 1905 sollen bei einer Ueberschwemmung des Jangtsekiang 80 000 Menschen den Tod gefunden haben. Allein in der Provinz Setschuan lallen damals 80 000 Häuser zerstört worden sein. Wenn man annimmt, daß in allen übrigen von den Fluten verheerten Provinzen die fünsfache Menschenzahl umgekommen ist, die fünffache Zahl von Häusern zerstört wurde, so kommt man immer noch nicht zu den Ziffern, die jetzt gemeldet wurden. 400 000 oder 500 000 Häuser im Jahre 1905, aber vier Millionen jetzt — das ist ein großer Unterschied, der einerseits auf Uebertreibung, anderseits auf einer weit größeren Ueberschwemmungskatastrophc beruhen kann. Wie ist es möglich, daß ein Fluß (o furchtbaren Schaden anrichtet? Nun, der Jangtsekiang ist kein Fluß in unserem Sinne, er ist ein Strom von ungeheuren Ausmaßen. Mit seinen riesigen Nebenflüssen, die größer als die großen deutschen Ströme und, was in einem Land mit wenigen Eisenbahnen und schlechten, holperigen Wegen noch mehr bedeutet, auf längere Strecken hinaus schiffbar sind, bildet der Jangtsekiang ein Stromnetz von unvorstellbarer Gröhe. Etwa 5000 Kilometer ist der Hauptstrom lang. Oberhalb des Deltas an seiner Mündung werden durchschnittlich in jeder Sekunde 22 000 Kubikmeter Wasser vorbeiführt. Wenn im Gebirge der Schnee schmilzt, ist die Wassermenge natürlich viel größer. Gelb und trübe sehen die Fluten aus, denn der Strom führt Lößboden, Schlamm aus den Gebirgen in großen Mengen mit sich. Das Flußbett verändert sich unaufhörlich. Wo eben noch die Fahrstraße war, ist nun eine Sandbank entstanden, und wenn ein Schiff dort hinauffährt, aber nicht unmittelbar darauf wieder flott gemacht wird, so kann es in kurzer Zeit auf dem Festland stehen; denn der Jangtsekiang spült ununterbrochen neuen Schlamm heran, die Sandbank wächst, verbindet sich mit dem User, und nun fließt der Strom seitlich davon seinen Weg. Die Lotsen, die die Schiffe über die Gefahren dieses Stromes hinwegfteuern, find geschulte Männer; sie find mit dem Leben dieses Flusses verwachsen, sie kennen feine Launen, feinen wandernden Untergrund. Dennoch kommt es ost genug vor, daß auch sie ein Schiff auf eine Sandbank fahren und ins Verderben bringen.
Der Schiffsverkehr auf dem Jangtsekiang ist ungeheuer. In der Nähe seiner Mündung liegt Schanghai, längst die wichtigste Stadt Chinas, die den Handelsverkehr des Jangtsekiang ausnutzt. Fährt man flußauf wärts, so kommt man an vielen Städten vorbei nach Nanking, der Hauptstadt, noch Wuhu, nach Huku und schließlich nach dem mächtigen Hankau. 800 Kilometer trennen Hankau vom Ostchinesischen Meer. Dennoch sieht man auf der Reede von Hankau die Ozeandampfer und die Panzerschiffe der Europäer. Sie können hinaussahren, denn Hankau ift ein Meereshafen tief im Binnenland. Größere Schisse gelangen noch viel weiter, bis nach Jtschang, kleinere überwinden sogar die Strom- schnellen, die dann beginnen, und gelangen bis Suifu. 1500 Kilometer sahren die Schiffe den Jangtsekiang hinauf, viele Hundert Kilometer darüber hinaus können sie die Nebenflüsse hinauf in das Innere des Landes hineinfahren. 1500 Kilometer von Schanghai bis Jtschang, und dann beginnt der Kleinverkehr. Große Dampfer können also auf dem Jangtsekiang Strecken zurücklegen, die die Entfernung von Berlin nach Nom übertreffen, die mit der Strecke Brüssel—Barcelona verglichen werden können. . . „
Von den großen Strömen, die es gibt, haben nur zwei in der Geschichte der Menschheit eine mehrtausendjährige Rolle gespielt. Der Amazonas, der Mississippi, der Kongo, sie alle sind bedeutende Strome; doch nur der Nil und der Jangtsekiang fließen durch altes Kulturgebiet und sind umkämpst worden zu einer Zeit, in der Europa noch eine Wildnis gewesen ist. Wie die ägyptische Kultur am Ufer des Nil entstanden ist, so ist der Jangtsekiang schon vor Jahrtausenden die Schlagader Chinas gewesen. Im chinesischen Mythos wird er oft der „Blaue Strom genannt, obwohl seine Fluten gelb find, und obwohl man von ihm in übertragener Bedeutung eher von einem Noten Strom sprechen könnte, denn an Den Ufern des Jangtsekiang ist viel Blut geflossen sind furchtbare Schlachten geschlagen worden, in den Kriegen der chinesischen Kaiser, in den Revolutionen, auch in der letzten Revolution und schließlich im chinestsci;en Bürgerkrieg 1926 und 1927, aber auch in späteren Jahren. Piraten haben auf diesem Strom feit Jahrtausenden ihr Unwesen getrieben und räubern noch heute die Schiffe aus, auf mächtigen Flößen treiben ganze Dörfer stromabwärts, auf der Wanderung in andere Gebiete mit Zetten auf den Baumftämmen. Da segeln Hausboote mit ihrer sellfam gcnpp en Leinwand, da versucht ein Floß, auf dem eine Baracke steht und mit dem em Dutzend Chinesen den Fluß hinabzieht, schnell an einem Samp er Doruber- Zufahren, ihm den Weg abzuschneiden, denn das bringt Mi ck und der Chinese ift mehr abergläubisch als furchtsam. Mancher Zusammenstoß 'st auf diese Weise schon herbeigeführt worden. W^n Todesopfer zu beklagen sind, fo muß der Kapitan der Faimlie des Toten eine Cnt- schädigung bezahlen. Doch sind die Menschenleben in China nicht teuer, und jeder Kapitän kennt den Tarif. u. ...
Ueberschwemmungen haben China heungesucht so lange man sich uber den Leidensweg des chinesischen Volkes in den Gosch.chisbii^rn unter richten kann. Der Jangtsekiang, der alte königliche Strom, der inber chinesischen Geschichte eine so bedeutsame Rol e ^spielt Hatz und Zerstörer des Lebens, und das Volk hat sich früher dam' °b9-fund-n, daß die Naturgewatten vernichtend auftreten. 2(ber f Die chinesische Bevölkerung ich im Tiefsten -wfgewuhtt; sie lllaubt^mcht mehr daran, daß ein Landarbeiter mit vier Mark im
muß, sie verlangt eine Neuregelung ihres Lebens. Der anspruchslos« Chinese, halb verhungert und ganz zerlumpt, hat den Luxus des Westens gesehen und ift nicht in der Lage, an den Genüssen des Lebens auch nur in bescheidenster Form teilzunehmen. Wenn die Millionen längs des Jangtsekiang in Bewegung geraten, wenn sie in einem revolutionär unterhöhlten Gebiet Brot und Obdach verlangen, ohne daß man ihnen etwas bieten kann, so ift das Ende dieser Entwicklung nicht abzusehen.
©er Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
(Fortsetzung.)
Nach einer Pause fügte er erklärend hinzu:
„Da oben brauchst du dich über nichts zu ärgern, Mensch, wenn dein Motor funktioniert und du sonst richtig bist. Da gibt es keine Bürger, die aus Weinflaschen saufen und Gulasch dazu fressen und dann .Mahlzcitt agen und Maßregeln gegen die immer weiter um sich greifende Tollwut )er Haustier« ergreifen. Mein Bruder ist noch vor Mittelholzer ein Stück über Afrika geflogen. Da hat er Löwenrudel gesehen, die waren Ho winzig, daß man an di« zwanzig Stück von ihnen gern auf den Schoß nehmen möchte. Weißt du, was mein Bruder immer sagt? Von da oben ift die Erde spaßig und niedlich. Aber die Luftströmungen und die Gewitter und der Regen, wenn es schüttet, — die sind spaßig und niedlich, sage ich dir."
Er fügte hinzu:
„Mittelholzer ist ein großartiger Kerl."
Borst fragte bescheiden, wie jemand, der den Zeitungen nicht so recht traut und das Urteil eines Fachmanns kennenlernen möchte:
„Und Lindbergh?"
„Lindbergh ift auch ein großartiger Kerl."
Borst schluckte beruhigt.
Er wagt« jetzt etwas von sich aus zu behaupten: „Nungesser und Coll waren auch großartige Kerle?
Hornbostel hatte nichts dagegen einzuwenden. Borst war sehr froh darüber, daß sein Urteil angenommen war.
„Chambertin und Levine sind ebenfalls großartige Kerle", sagte Hornbostel jetzt.
„Und Übet?" fragte Borst ängstlich.
„Übet ist ein as", erklärte Hornbostel.
„Wieso ein Aas?" fragte Borst, unb er rollte entsetzt bie Augen.
„Kein Aas." Hornbostel spuckte gütig. „Ein as. Weiht du nicht, was ein as ist? Das ift der französische Sportausdruck für einen großen Flieger."
Er fügte hinzu:
„Mein Bruder hat in Le Bourget — weißt du vielleicht auch nichtz was Le Bourget ist?"
„Nein."
„Das ist der große Flughafen von Paris, — in Le Bourget hat mein Bruder den ,Spirit of St. Louis' gesehen. Da war ein ganz, ganz schmales und leichtes Stühlchen aus Rohrgeflecht darinnen, wie ein unbequemes Gartenstühlchen. Auf dem hat Lindbergh seine dreiunddreißig Stunden gesessen — ganz allein, über dem Atlantischen Ozean... Ich muß oft an dasRohrgeslecht denken... Ob ich auch einmal auf solch einem Stühlchen sitzen werde, das doch eigentlich mehr für einen Garten in Kalifornien ober in Italien bestimmt ift, — und bann unter mir bas Eislanb des Sübpols sehe?"
Hornbostel seufzte bedenklich. Für einen deutschen Jungen gab es fo allerhand zu seufzen, wenn man an dergleichen Dinge dachte.
Sie schwiegen beide. Borst war so glücklich, daß Hornbostel das alles mit ihm besprach. Er träumte von einer warmen innigen Freundschaft mit Hornbostel, obwohl Hornbostel eigentlich noch ein bißchen klein war und Borst die großen Jungens, wie Lüders und Reppert, mehr liebte. Er hatte wieder einmal ganz vergessen, weshalb er hier im Straßengraben lag, so tief träumte er.
Aber Hornbostel hatte bie Straße keine Sekunbe aus bem Gesicht gelassen. Unb ba er einen Fliegerblick hatte, so konnte er jetzt auch noch Borst beobachten, was er öfters mit Interesse zu tun pflegte.
„Warum bift’n bu manchmal fo ibiotisch?" fragte er freunblich.
Borst erschrak.
„Ich weiß nicht..." Er stammelte. „Ibiotisch? Ja?
„Ja!" bestätigte Hornbostel in ber bestimmtesten Weise.
Plötzlich sprang er auf.
„Los!" schrie er wie besessen. „Er winkt!"
Borst war im ersten Augenblick ganz verbüßt. Wer winkt?
Dann aber ging es gleich los!
In zehn Sekunben hatten sie eine Barrikabe, wie man sie zur Straßen- abfperrung benötigt, aus ihrem Birkenwälbchen heraus quer über bie Lanbstraße gezogen. ..
Die Straße war in ber Gegenrichtung des Einspänners abgesperrt!
Ein Schild, mit großen lateinischen Settern in roter Farbe gemalt, hing daran. ... _ , „ ,
„Halt! Straße nach Lindenau—Maineweh für Fahrzeuge aller Art wegen Strahenausbesferung gesperrt!"
Sie krochen in ihr Versteck zurück.
Zuerst klopfte ihnen beiden doch etwas das Herz, sogar dem zukünftigen Flieger über der Arktis und Antarktis, ber später einmal ganze Rudel von Eisbären in (einen Schoß nehmen würde.
Dann aber bekamen sie beide fchiefe Augen, so grinsten und kicher- ten fie.
Es kam nämlich wie auf Kommando sogleich ein Kleinauto angefauft. »er Mann darin, ein Elektromonteur aus Maineweh, den bie Jungens gut kannten, denn sie kauften ihre Rabiowerkzeuge unb ihre Taschen- lampen bei ihm, stoppte bicht vor ber Barriere. Sein roter Vollbart ftanb kerzengerade vor Verwunderung. Straßenausbesserung? Davon wußte


