Ausgabe 
21.8.1931
 
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ein Staat ohne Erfassung der geistigen Größen seinerzeit nicht bestehen könne; er selbst hat, wie wir aus direkten Zeugnissen wissen, ein inneres Verhältnis zu Lessing, Schiller und Fichte gehabt, und die klas­sische Schönheit seiner Sprache in Briesen und Denkschriften zeigt, daß er auch von Goethe nicht unberührt geblieben sein kann.

Es war in den allgemeinen Verhältnissen begründet, daß der preu­ßische Staat in der engen Zeit nach 1815 diesen Mann nicht mehr beschäftigen konnte, aber Gneisenau hat das Fernsein von öffentlichen Geschäften in seinen letzten 15 Jahren nicht etwa drückend empfunden. Persönlicher Ehrgeiz um des Ruhmes willen lag ihm fern; die Leistung war ihm alles, die äußere Geltung nichts. Wer ihn wie Wolfgang Götz als von Unzufriedenheit verzehrt, nicht am ersten Platze stehen zu können, ja als von stiller Eifersucht gegen Blücher und Scharnhorst erfüllt wähnt, verkennt ihn von Grund aus und wird einem Kernzug seines Wesens, der vornehmen Bescheidenheit und der Fähigkeit, die Berdienste anderer freudig anzuerkennen, nicht gerecht. Keiner hat ein besseres Ver­ständnis für die Ursprünglichkeit und Macht der Persönlichkeit Blüchers trotz aller Mängel gehabt als ermeinen Fürsten" nannte er ihn später gern und hielt die persönlichen Andenken an ihn in besonderen Ehren und Scharnhorst hat er stets die reinste Verehrung dargebracht. Als seinen Meister hat er ihn bei der Enthüllung eines Denkmals bezeich­net:Sie waren sein Johannes", sagte er Clausewitz, dem Lieblings­schüler Scharnhorsts,ich nur sein Petrus."

Nur acht Jahre, von 1807 bis 1815, hat Gneisenau in der großen Oeffentlichkeit gewirkt, aber seinen Namen in die preußische und deutsche Geschichte mit unauslöschlichen Lettern eingegraben. Wie ein Siegfried taucht er plötzlich aus dem Dunkel auf, überall siegend, wo er zum Streiten gegen die Feinde seines Vaterlandes und seines Strebens berufen ist, und wie Siegfried verschwindet er nach kurzer glänzender Laufbahn; sorglos, wie der deutsche Nationalheld um seinen Ruhm, geht er dahin, seinen Taten die Verkündung seines Namens überlassend.

Nationale und internationale Musik.

Von Dr. Anton Mayer.

Dor kurzem hat ein Gelehrtenstreit Aufsehen erregt, der sich zwischen deutschen und englischen Mssikforschern erhob; es handelte sich um die Person Friedrich Händels, der von deutscher Seite mit Leidenschaft für unser Land in Anspruch genommen wurde, während die Engländer ihn zum großen Teil trotz seiner unbezweifelbar deutschen Abstammung als einen der ihrigen gelten lassen wollen. Die Frage ist oft und heftig behandelt worden, ohne jemals in dem eigentlich allein richtigen Sinne beantwortet zu sein. Händel war in künstlerischer Hinsicht, auf die es hier ankommt, weder Deutscher noch Engländer, sondern Italiener; er gehört der Kunst des Landes an, welches ihm in seiner Jugend soviel zu geben gewußt, daß er sein ganzes langes Leben hindurch an diesem Gut zu zehren hatte.

Das Beispiel zeigt, wie vorsichtig Begriffe wienational" undinter­national" in der Musik anzuwenden sind; vielleicht bedarf ihr Gebrauch noch mehr Uebertegung als auf anderen Gebieten der Kunst, obgleich auch hier die Grenzen oft nicht fest gezogen sind und Einflüsse, die von einem Land zum andern gehen, die Trennungslinien verwischen. In der Musik liegt die Schwierigkeit darin, daß vom Ausgang des Mittelalters ab, also etwa von der italienischen Renaissance ausgehend, ursprünglich nur eine, nämlich die italienische Musik dominiert hat, der sich erst nach einiger Zeit, im 17. Jahrhundert, von Schütz und B a ch an, die deutsche gleichwertig oder nun sogar überragend an die Seite stellen konnte. Vor­erst indessen war sie so stark, daß allerdings in Italien vonnationaler" Musik gesprochen werden konnte. Die Ausbildung derMonodie", das heißt dasDominieren der Gesangsmelodie", eben des Elementes, das die Musik uns seit Jahrhunderten teuer gemacht hat, jetzt war von den Anhängern des linearen Kontrapunktes verleugnet, in nicht allzu langer Zeit aber wieder mit heißem Bemühen aufgesucht werden wird: kurz die ewige Quelle musikalischen Ausdrucks stammt, es ist nicht zu leugnen, aus Italien, und hat von den Landen südlich der Alpen aus allmählich auch die anderen Musikländer, vor allem also Deutschland, das räumlich nächste, befruchtet. Wie in Italien selbst die Melodie der großartigen Polyphonie, dem mit kunststückartiger Kunst, genauester Berechnung und außerordent­licher Gelehrsamkeit gesetzten vielstimmigen Satz der älteren Meister ihre größten Beherrscher waren eine Zeitlang die Niederländer an Ausdehnung gewann, von der Singstimme auf die Instrumente Über­griff und sich alles untertan machte, ist ein komplizierter Vorgang, der natürlich nicht ohne Rückschläge, Umwege, Ausweichungen und Schwie­rigkeiten vor sich ging.

Nur dieser Vorherrschaft der Monodie verdanken wir die verschiedenen Formen, in denen heute noch unsere Musik ihre Gestaltung findet: sie ermöglichte das Musikdrama, die Oper, welche am Ende des 16. Jahr­hunderts in Florenz ihre Geburtsstunde erlebte, und in der kurzen Zeit eines Jahrhunderts zu ungeahnter Beliebtheit emporwuchs, ja, die Men­schen wohl mehr als jede andere Kunstart zu begeistern vermochte, nicht nur in Italien, sondern Überall, wo sie hinkam, auch in Deutschland, und zwar als italienische Oper, die von Italienern in italienischer Sprache aufgeführt wurde und bis ins 19. Jahrhundert hinein bei uns, in Frank­reich und England ihre allgemein beliebte Stätte hatte. Wieviel Anregun­gen, wieviel Stoff musikalischer und dramatischer Art, wieviel Technik ist mit diesem Strom dex italienischen Oper in die nicht-italienischen Länder geflossen z. B. durch Händel nach England wie sehr ist alles deutsche Opernmusikwesen, mit Ausnahme derZauberflöte", bis auf Wagner und Weber mit ihren Tendenzen, ihrem Melodienreichtum, ihren Finali, ihren Figuren durchsetzt gewesen! Auch beim frühen Wagner, imHolländer", finden sich Melodien, die sehr gut von Bellini fein könnten, nachdem dieRienzi" mehr in französischer Manier geschwelgt hatte, die ja aber auch letzten Endes wieder an italienischen Zügen reich ist; dem sentimentalen, typisch italienischen Mordent*, der sich auch häufig

* Musikalische Verzierung; Triller.

bei Weber findet, bleibt Wagner noch lange treu, und sogar noch im Ring finden sich Stellen, wie z. B. die Todesverkündigung im zweiten Akt derWalküre", deren Thema bestimmt unbewußt auf eine Melodie aus MarschnersHans Helling" zurückgehend, wieder auf die Romantik und die Nähe der italienischen Oper hinweist. Ganz gewiß ist Wagner deutsch, und dieMeistersinger" sind eines der ganz wenigen wirklichnationalen" Werke, die wir haben dieZauberflöte" gehört auch zu ihnen es wird auch keineswegs schlechter dadurch, daß sich auch in ihm Züge zeigen, die auf die Jnternationalität der Musik Hinweisen.

Am stärksten findet sich der Internationalismus bei Mozart. Die meisten Menschen, die glauben, Mozart zu hören, wenn sie feinen Sinfo­nien oder den Opern mit italienischem Text lauschen, dürften sich irren: bas, was sie an Mozart lieben und für charakteristisch halten, ist meist gerade das Unmozartische, in der Zeit Liegende, Italienische, das sich auch bei Sarti, bei Salieri und Dittersdorf findet. Mozarts unermeßliches Genie lag allerdings auch in einer Synthese italienischen und deutschen Geistes er ist der einzige gewesen, dem sie geglückt ist, ebenso wie Goethe der einzige war, dem die Synthese griechischen und deutschen Wesens gelang seine ureigene, eben im letzten Mozartische Art aber ist nicht so leicht zu erkennen und erfordert ein sehr genaues Studium seiner Werke. Sie liegt in der vollkommen dämonischen, melan­cholischen, ironischen, tragisch-dramatischen Seite seines Genies, und ist am besten etwa aus den Comturszenen und der Figur der Elvira im Don Giovanni", aus der hinterhältigen und hintergründigen Welt­verachtung inCosi fan tutti, aus dem revolutionären Geiste des Figaro", aus einigen Mittelsätzen seiner Klavierkonzerte, der O-Moll- Fuge für zwei Klaviere, manchen Sinfoniesätzen und anderen zu erkennen. Hier steht ein einsamer Gigant vor uns, der über alle Umwelt, mag sie deutsch oder italienisch, national oder international sein, hinausragt. Aber er hat auch ein Werk geschaffen, das nun wieder über alle Synthese mit Italien hinweggeht, mit neuer Kraft alles Deutsche zusammenfaßt, und so wirklich mit der ersten deutschen Oper, die geschrieben wurde, der Zaüberflöte", von einigen unzulänglichen Versuchen der Mann­heimer Schule, wie HolzbauersGünther von Schwarzburg" können wir hier füglich absehen ein nationales Meisterwerk geschaffen, das, wenn wir nicht dieMeistersinger" anführen wollen, nicht wieder erreicht worden ist und auch nicht wieder erreicht werden wird. Aber wir sehen wiederum, wie vorsichtig wir sogar bei einem der größten deutschen Komponisten fein müssen: Mozart war von Familie Bayer, von Geburt Salzburger, und wieviel ist von seinen Werkennationale Musik, wieviel aber vielmehrinternationale"?

Deutschland und Italien sind diejenigen Länder, welche die übrige Welt mit Musik versorgt haben; im 19. Jahrhundert überwiegt sogar der Einfluß der deutschen Musik in manchen Ländern, wie in England, ganz erheblich. Vielleicht ist dies der Grund, der manche Deutsche dazu ver­führt, die deutsche Musik als die einzige zu bezeichnen, die von Wichtig­keit ist; sie vergessen dabei, daß auch die Deutschen auf der Leiter der italienischen Musik in die Höhe gestiegen sind. Wenn, sie nun, nachdem sie oben sind, dieser Leiter einen Tritt versetzen, daß sie umfällt, so mag fie zwar für manche Leute unsichtbar werden; aber das ändert an der Tat­sache nichts, daß sie einmal als Mittel zum Ausstieg benutzt worden ist. Infolgedessen sind Streitigteiten um dieZugehörigkeit" eines Kompo­nisten zu einem Lande, ganz gleich ob es fein Geburtsland ist oder nicht, gewöhnlich unfruchtbar der Hamburger Brahms, der in Wien lebte, hat mehr ungarische Motive in seiner Musik, als mancher Zigeuner, der Wiener K o r n g o 1 d macht oft genug Ausflüge in das Land Pucci- n i s , und fo fort. Es gibt einige Komponisten, die man als Pertreter einernationalen" Musik ansprechen kann, weil sie aus der eigentlichen und echten Volkstonkunst ihres Landes hervorgegangen sind: vielleicht könnte das in Deutschland Pfitzner, in England Paughan Wil­liams, in Italien Pizzetti sein für unsere Tage. Im großen ganzen aber ist es besser, sich an den Werken eines Künstler^ zu freuen, als ihre nationale Zugehörigkeit zu erwägen; denn Genie und Kunst kennen keine Grenzen.

Oer königliche Strom.

Ueberschwemmnng am Jangtsekiang.

Von Dr. Georg Häfner.

Genau zwanzig Jahre sind vergangen, seit die Mandschudynastie gestürzt, seit China Republik wurde. Der erste Schuß in der chinesischen Revolution fiel in Hankau, der Millionenstadt am Jangtsekiang. Das war kein Zufall. Der König der Ströme, oft auch nurGroßer Fluß" genannt, entspringt tief in Tibet und entwässert einen gewaltigen Teil Chinas. Wenn im Frühjahr im Hochgebirge der Schnee schmilzt, fo steigen feine Fluten, und im Juli und August kann er mitunter Hochwasser von 20 Meter Höhe führen. Dann wird das Jangtsetal überschwemmt, Millionen Menschen werden obdachlos, geraten in Bewegung, es entsteht, wie man heute in westlichen Ländern sagt, eine revolutionäre Situation. Im Jahre 1911 zeigte sich der Jangtsekiang von seiner schlimmsten Seite. Er verheerte fruchtbare Reisfelder, er verwüstete die Baumwollpflanzun- gen, er zerstörte die Teeplantagen, er entwurzelte die Bäume, riß die kleinen Häuser fort, warf die Dschunken um, er überflutete Dörfer und Städte und vernichtete zahlreiche Menschenleben. Das war eine der Ursachen für den Ausbruch der Revolution.

Der Jangtsekiang ist wieder einmal über die Ufer 'getreten. Zahlen, die aus China gemeldet werden, muß man mit Vorsicht behandeln. Bei einem Volk, das aus mindestens 400, wahrscheinlich 450, vielleicht aber auch über 500 Millionen Menschen besteht, bei dem es also keine Volks­zählung gibt, sondern nur ungeheure Menschenmassen, die geschätzt den, darf man die Millionen, die das Kabel meldet, nicht so nehmen. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß tatsächlich 23 MiN Nonen Menschen obdachlos geworden sind. Das wäre ein reid£ liches Drittel der Bevölkerung Deutschlands. Halb China wohnt m> Jangtfetal. Der mächtige Strom fließt durch die bevölkertsten Provinzen. Vier Millionen Häuser sollen vernichtet worden sein keine europäische»