Ausgabe 
21.8.1931
 
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Sietzener Kmiilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang Freitag, den 2t-August Nummer 65

Lied an die Dämmerung.

. Von Christian Morgen st er n.

Dämmrung, dich lieb ich denn in dir bin ich bald hier, bald dort, tausch ich den Ort so viel, viele Mal ... Dämmrung, dich lieb ich.

Dämmrung, dich lieb ich deine Hand wandelt mir Land und Zeit, führt mich weit, weit über Berg und Tal ... Dämmrung, dich lieb ich.

Dämmrung, dich lieb ich Welt steigt auf, der mich mein Lauf entriß ... o Finsternis du Bildersaal! ... Dämmrung, dich lieb ich.

Gneisenau.

Zu seinem 100. Todeslage.

Von Dr. Gustav Roloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

Don den Heroen, denen wir die Befreiung unseres Vaterlandes vom französischen Joch verdanken, ist G n e i s e n a u derjenige, dessen Name am spätesten dem großen Publikum bekannt geworden ist. Seine großen Zeitgenossen waren schon den Mitlebenden vertraut: Blücher, der Marschall Vorwärts", der seine stürmische Kampflust den Truppen mit­zuteilen verstand, Porck, der Mann von Tauroggen, Scharnhorst, der Heeresbildner, Stein, der Bauernbefreier: von Gneisenau, dem stra­tegischen Ueberwinder Napoleons, wußten wenige etwas zu sagen, selbst den meisten Soldaten war er kaum bekannt. Nur in einem kleinen Kreise von Eingeweihten, die man aber getrost als die Besten ihrer Zeit bezeichnen kann, kannte man seinen Wert; der breiteren Oeffentlichkeit ist er erst durch die gelehrte Forschung mehrere Jahrzehnte später nahergebracht worden. m , ,

Selten hat eine Persönlichkeit von welthistorischer Bedeutung so lange in der Verborgenheit gelebt und so wenig das Vorgefühl einer großen Bestimmung gehabt. Gneisenaus großer Gegner Napoleon trat mit 26 Jahren an die Spitze einer Armee und verzehrte sich schon seit Jahren im Streben nach einem Platz an entscheidender Stelle; Gneisenau wurde in untergeordneten Stellungen fast fünfzig Jahre alt und dachte so wenig an eine weltgeschichtliche Wirksamkeit, daß er wenige Jahre vor der großen Wendung seines Lebens nahe daran war, den Beruf des Krieger mit dem des Landmanns zu vertauschen. Der Krieg Zwischen Preußen und Fraiikreich (1806) riß ihn aus der Verborgenheit. Nach der unglück­lichen Schlacht von Jena wurde ihm, der sich mit Auszeichnung ge>c)lage hatte, der Auftrag zuteil, die pommersche Festung Kolberg gegen eine große Uebermacht zu verteidigen. Er erfüllte ihn glanzend, hielt e, starke französiiche Truppe, die Napoleon in Ostpreußen, dem entscheiden­den Kriegsschauplatz, schmerzlich entbehrte in Pommern fest.und^lieferte den Beweis, daß trotz der Niederlage in Arme« und Bevölkerung m li tärische und geistige Kräfte vorhanden waren, die den Wrederaufs g des preußischen Staates erhoffen ließen. Die Verteidigung Kvibergs, d e Gneisenau die höchste Achtung seiner französischen Segn«- emtrug, brachte ihn in Verbindung mit Stein, Scharnhorst und dem Könige selbst gemein s°m mit jenen hat er an der Umformung von Staat und Heer an hervor ragender Stelle mitgearbeitet, stets das höchste d^l die Befreiung de Vaterlandes, nicht nur Preußens, sondern ganz Deutschlands vor Auge". Nie bat er die Zuversicht aufgeqeben, daß der Lohn nicht ausbleiben werde. Als Napoleon auf der Höhe seiner Macht stand,^"di-^eußischen enges Bündnis geschlossen, Preußen verkleinert hatte und die preußischen Provinzen un?er ungeheurem finanziellen Druck

seiner Armee besetzt hielt, als die preußische Regierung von französischen 'Spionen umlauert, in ihrer politischen BeMgungsfrechett Z"fs höchste gehemmt war, hat er keinen Audenblick den Mut verw . g Vorgefühl, das mich niemals trugt , schrieb er dem Ke0»< Argali das mich, stünden auch die Angelegenheiten noch schl ch Rache noch >st, dennoch sehr lebhaft erfüllt, sagt mir. daß der Tag der Rache noch kommen werde."

Unermüdlich arbeitet er daran, diesen Tag vorzubereiten, nicht allein auf seinem militärischen Gebiete, sondern auch in diplomatischen Missionen in England und Rußland; als Dann im Jahre 1813 der Kampf gegen den Unterdrücker beginnt, stellt er sich mit Begeisterung unter Blüchers und Scharnhorsts Kommando, um nach Scharnhorsts Tode dauernd an die Seite Blüchers als Generalquartiermeister und eigentlicher Leiter des Schlesischen Heeres zu treten (Juli 1813). Von diesem Augenblick an ist jede entscheidende Tat auf Seiten der Verbündeten mit seinem Namen verknüpft. Der Sieg an der Katzbach (26. August 1813), der erste große Erfolg, fügte den Franzosen gewaltige Verluste zu, befreite die verbündete Hauptarmee in Böhmen nach ihrem Mißerfolg vor Dresden aus einer Übeln Lage und öffnete ihr den Weg zu einem neuen Vorstotze; ja sie zwang Napoleon einen gegen die verbündete Nordarmee und Berlin mit großer Macht geplanten 'Gewaltstoß aufzugeben, wodurch der Nordarmee die Möglichkeit zu^einem großen Siege über eine französische Nebenarme« gegeben wurde. Gneisenaus strategischer Idee war die Schlacht an der Katzbach, die Grundlage aller dieser Teilerfolge, die die materiellen und geistigen Kräfte des französischen Heeres ebenso schwächten wie sie die Siegeszuversicht der Verbündeten steigerten,» entsprungen, aber es gelang ihm noch mehr: er vermochte die Entscheidung des Feldzuges herbei­zuführen. Gegen den ausgesprochenen Willen des Oberfeldherrn, des Fürsten Schwarzenberg, der die Schlesische Armee nach Böhmen ziehen wollte, rückte diese nach Norden, vereinigte sich mit der Nordarmee des Kronprinzen von Schweden und ermöglichte damit einen allgemeinen konzentrischen Angriff auf Napoleon, der durch die Schlacht bei Leipzig gekrönt wurde. Ohne diese auf Gneisenau zurückgehende Eigenmächtigkeit hätte sich der ängstliche Bernadotte in seiner Isolierung gewiß nicht zum Angriff entschlossen; der Feldzug hätte sich noch lange hinziehen, Napoleon vielleicht gar ohne entscheidende Niederlage unter geringeren Verlusten Deutschland räumen oder gar einen Teil behaupten können.

Nicht minder trägt der Feldzug in Frankreich im Jahre 1814 die Spuren des Gneisenauschen Geistes. Im Anschluß an den Sieg bei Leipzig forderte Gneisenau schleunigen Marsch auf Paris, weil der Fall der feindlichen Hauptstadt dem Kriege sogleich ein Ende machen werde, wäh­rend Schwarzenberg mit weitaus den meisten Staatsmännern und Gene­ralen ein solches Ziel nur ganz entfernt ins Auge zu fassen wagte. Aber das unermüdliche Vorwärtsdrängen der Schlesischen Armee wirkte ähnlich wie der große Rechtsabmarsch aus Schlesien: der hierdurch geschaffenen Lage konnten sich die Gegner des Marsches auf Paris nicht entziehen und mußten schließlich die Gedanken Gneisenaus ausführen.

Der Schluß feines Feldherrentums bildet zugleich den Höhepunkt. Im Feldzuge gegen den aus Elba zurückgekehrten Napoleon ist der entschei­dende Entschluß, der die Vereinigung Blüchers und Wellingtons und die völlige Vernichtung des französischen Heeres herbeiführte (18. Juni 1815), sein ausschließliches Eigentum. Und nicht nur seine strategische Um­sicht und Kühnheit, sondern auch seine Tatkraft feierte den höchsten Triumph: er konnte das, was er in den Jahren 1813 und 1814 vom Oberkommando immer vergeblich gefordert hatte, persönlich ausführen: er konnte durch rücksichtslose Verfolgung den Sieg so vollenden, daß das französische Heer binnen wenigen Tagen aus dem Felde verschwand und Paris den Siegern wie eine reife Frucht in die Hände fiel. Im Offizier­korps stand Gneisenaus Ruhm jetzt unerschütterlich fest, darüber hinaus war er, da er im Schatten Blüchers stand, noch immer unbekannt. In der gleichzeitigen Schilderung der Entscheidungsschlacht von Friedrich von G e n tz, dem ersten deutschen Publizisten, sucht man seinen Namen ver­geblich; Wellington, der in den Tagen vorher einen unheilvollen Einfluß quf die militärische Lage ausgeübt hatte und durch Gneisenaus Entschluß sowie die Hingabe der preußischen Armee aus schwerer Gefahr gerettet worden war, erscheint dagegen als der wahre strategische Leiter und Sieger über Napoleon.

So sehr sich Gneisenau als Soldat fühlte, so füllten die militärischen Dinge allein seinen Geist nicht aus. Sein feuriger Patriotismus wies ihn von selbst auf die Frage, die die edelsten deutschen Geister damals beschäftigte, auf die Zukunft Deutschlands hin, und da gab es für ihn nie einen Zweifel, daß die Erhebung Preußens mit der Führung Deutsch­lands enden müsse. Ja, er scheute die äußerste Konsequenz nicht und war bereit, das Werk, das erst ein halbes Jahrhundert später ausgeführt werden konnte, damals schon zu wagen und Oesterreich mit Gewalt aus Deutschland hinauszuschlagen. Schwerlich war der Gedanke damals aus­führbar, und kein verantwortlicher Staatsmann hat ihn ergriffen, aber es hat Bismarcks Werk gewiß erleichtert, datz diese Idee grabe in den obersten Spitzen der Armee zuerst vertreten worden ist.

Auch als der Wiener Kongreh alle kühnen Zukunftshosfnungen zunichte machte gab Gneisenau seine Zuversicht auf die preußische Führung in Deutschland nicht auf. Preußen, sagt« er, müsse sich jetzt moralisch auf seinen Beruf durch einen dreifachen Primat vorbereiten: durch die beste Armee eine gesunde Konstitution und durch-die Pflege von Kunst und Wissenschaft. Denn dem feurigen Idealisten war es selbstverständlich, daß