Fleischmann wurde ungeduldig. „Wo haben Sie denn Ihre Ohren, Kollege? Was ich jetzt für ein Stuck geben soll, frage ich Sie. Ihnen geht doch alles durch die Finger. Haben Sie nichts Paffendes gelesen? So: drei Akte — eine Dekoration — nicht mehr als zehn Personen und davon mindestens noch fünf reine Chargen. — Mensch, ich hätte ja was, ich hätte ja was ..." Er stand auf und begann hin und her zu gehen, wobei , sein dicker Bauch leicht schwankte. Noch einmal sagte er: „... ich hätte ja was!" und setzte dann wie einen Keulenschlag dahinter: „Aber ..."
„Für Sie gibt es doch im allgemeinen kein ,Aber'I"
Nun ließ sich Fleischmann wieder in seinen Sessel fallen. „Kollege — Büchner — Doktor! Können Sie ein Stück spielen, wenn Sie die richtige Besetzung nicht haben? Wie? — Also da hat mir einer eine Komödie ins Haus geschickt. In Schreibmaschine. Der Mann hat noch nicht mal einen Verleger. Aber er ist schlau. Schickt sie zum Bußtag, wo wir nicht spielen. Schickt sie mir in die Wohnung, eingeschrieben, daß ich so 'nen Zettel unterhauen muß. Und einen Brief dazu: er wüßte, ich wagte was und so. Immer mit der Wurst nach der Speckseite. Und wirklich: er^hatte Glück, ich blättere drin rum. Und stutze: Jugend — Zeitkomödie — Sport. Alles ein bißchen veräppelt, aber doch Ernst dahinter. Siebe, ist auch drin. Sie wissen, ich irre mich selten: ein garantierter Schlager."
Schnell hatte er gesprochen: warm hatte er sich gesprochen. Er zog aus der Tasche seines zu rotbraunen Jacketts ein zu großes seidenes Taschentuch, ließ es einmal wie eine Fahne flattern und wischte sich dann den Schweiß von der Stirn.
„Und?" fragte Büchner.
„Und", wiederholte der Dicke. „Und — und — und! Ich hab's Ihnen ja gesagt: ich habe die Besetzung nicht. In der Mitte steht eine Bombenrolle. Ein Mädel. Kommt nicht von der Szene runter, alle drei Akte durch. Jung muß sie fein. Achtzehn. Aber wirklich. Nicht dreißig und meinen, sie sähe oben aus wie achtzehn. Humor muß sie haben. Trainiert muß sie sein. Turnen können. Das ginge alles noch, wäre zu finden. Aber eins darf nicht fehlen: das Herz. Es sind ein paar Szenen da, wo die Menschen im Parkett heulen müssen, nachdem sie fünf Minuten vorher gelacht haben. Ich brauch' ein junges Ding, das wirklich leiden kann. Wissen Sie jemand, Büchner? Berlin ist groß. Hier blühen doch die Weilchen im Verborgenen." Er atmete tief aus und ein. Dann sagte er wieder: „Aber ..."
„Was denn nun noch für ein ,2lber‘?"
Da schmetterte Fleischmann heraus: „Aber kosten darf sie nicht viel." Büchner lächelte. „Der letzte Satz war echt Fleischmann." „Allerhand, was Sie sich da erträumen." "
Er überlegte. Ueberlegte eine ganze Weil«. Wer zu Fleischmann kam, konnte gemacht fein, lernte auf jeden Fall ungeheuer viel. Er ließ Revue paffieren, was an jungen Kräften in letzter Zeit auf den Rechderg-Bühnen durch feine Hände gegangen war. Er erwog, verwarf.
Und Fleischmann schwieg jetzt. Er kannte den nachdenkenden Gesichtsausdruck des Kollegen, wußte, daß man da nicht stören durste.
Da schlug draußen wieder die Glocke an, und im gleichen Augenblick hellte sich Büchners Gesicht erinnernd auf. Er rückte in feinem Stuhl etwas gegen Fleischmann vor, saß vorn auf der äußersten Kante. „Hören Sie, Kollege, Sie haben doch Mut, nicht wahr? Sie riskieren doch was? Wollen Sie einen Versuch machen? Ich garantiere Ihnen zu neunzig Prozent den .Erfolg. Ich hab' da ein Mädel bei Pistorius in der Mache gehabt ..." Er stand auf. „Zufall, Kollege, sie ist greifbar, ist hier, hier im Haus. Man soll etwas auf Zufälle geben im Leden." Er ging zur Tür. „Warten Sie, ich hole sie Ihnen."
Büchner schritt über die Diele, schritt durch das Eßzimmer, trat auf den Hinterstur. Da stutzte er: ja welche von den mancherlei Türen führte nun zu Isa? Er kannte sich hier im hinteren Weiherschen Reich nicht aus, kannte nur die Badezimmertür. Sollte er das Dienstmädchen rufen? Das hielt nur auf. So rief er leise: „Gnädiges Fräulein" und dann „Fräulein Isa!" Isa öffnete ihre Tür. In die Dunkelheit des langen Korridors fiel ein Lichtbündel.
„Herr Doktor Büchner?" fragte sie erstaunt.
„Ja, ich. Ist Fräulein Rose noch bei Ihnen? Eine Angelegenheit von Wichtigkeit. Können Sie beide einen Moment mit zu mir kommen?" Er war näher zu Isa getreten. Die stellte sich ihm instinktiv in den Weg und zog die Tür halb zu. Nein, in ihr Zimmer durste Büchner nicht: die Aermlichkeit, der Verfall; sie scheute sich. „Was gibt's denn?" fragte sie.
„Ich fag's Ihnen gleich. Holen Sie erst Fräulein Rose. Sonst muß ich's zweimal erzählen."
„Gut, wir kommen." Sie verschwand, und er stand wieder im Dunkeln, hörte Getuschel hinter der Tür, hastige Worte. Da ging er zum Eßzimmer zurück und wartete.
Die beiden tarnen. Er nahm (Bertie beim Arm. „Also Fräulein Rose, es bietet sich Ihnen eine Chance, eine unerhörte Chance. Fleischmann ist bei mir ..."
„Der aus Weimar? Vom neuen Goethe-Theater?" (Bertie wußte Bescheid. Das freute ihn. „Theaterblut, Theaterinteresse, Theaterinstinkt", dachte er, „ich habe schon recht."
„Ja, der", fuhr er fort. „Sie wissen, was er bedeutet." (Bertie nickte. „Er sucht eine junge, ganz junge Kraft für eine bestimmte Rolle. Humor, Lebendigkeit und Herz. Weiblichkeit — verstehen Sie. Ich habe Sie vor- gefchlagen. Oder besser: will Sie Vorschlägen. Sie müssen gleich vor ihm sprechen."
„Aber, um Gottes willen, Doktor, gleich, sosort? Ich bin ja nicht vorbereitet. Was denn? Die Franziska?"
„Unsinn. Was Modernes, Kind. Temperament! Keinen angelernten Quatsch!" — „Ja, was denn?"
„Was Lustiges; aber keinen Unsinn, bitte! Jetzt muß Ihnen was einfallen, verstehen Sie. Auch das gehört zur Talentprobe."
„Was Lustiges! Und ich hab' eben noch geheult."
„Vielleicht ist's gerade gut so. Nun los, kommen Sie."
Er schritt voran, und (Bertie folgte. In ihrem Kops wirbelte es.
Fleischmann aus Weimar. — Versprechen — Engagement; und jetzt, ausgerechnet heut, wo zu Haus alles verjähren war. Ja, was sollte sie denn sprechen? Was nur? Und der Büchner lief wie toll durch das Zimmer, durch die Diele. Es blieb ihr ja gar keine Zeit zum Ueberlegen. Luftig sollte es fein. Da hatte sie neulich die Hesterberg gehört im Kabarett der Komiker mit einem fabelhaften Sprechchanfon. Die Leute hatten sich gewälzt vor Lachen. Und sie hatte sich den Text gekauft; ganz neu war er; sicher noch nicht bis Weimar gedrungen. Blitzartig ging das durch ihr Hirn.
Jfa stand noch immer am Eßtisch, angelehnt, Halt suchend. (Bertie lief die paar Schritte zurück, zog die Freundin mit sich. „Komm, Jfa, komm!" Und Isa kam mit.
Dann waren beide erschrocken über Fleischmann, über diese Ausmaße in Rotbraun, über diese mächtige Hand, die er ihnen entgegenstreckte. Er hatte inzwischen wohl einige Worte mit Büchner gewechselt, denn er sagte zu (Bertie: „Also Sie wollen eventuell zu mir kommen? Schießen Sie los!" Und sank wieder in seinen Klubsessel, griff erneut nach feiner zu dicken Zigarre.
Da stand (Bertie, sie kniff sich in den Arm, um zu fühlen, daß sie wirklich da war, kniff fest zu und dachte: „Das gibt einen blauen Fleck". Und dann: „Die Hesterberg, die beherrscht ihre Register, die würde er sicher engagieren; also mach's wie sie. Mehr als schief gehen, kann es ja nicht. Mut — los!" Da waren auch schon die Worte und die Bewegungen, ganz von allein kam das Mienenspiel. Sie sah den Dicken gar nicht mehr, wollte ihn nicht mehr sehen. Aber einmal hörte sie ihn auflachen, kurz bevor sie mit dem Refrain loslegte: „Eine Winzigkeit ist's, eine Kleinigkeit ..."
Büchner war an das Fenster getreten; Isa lehnte an der Tür. Eine Enttäuschung war in ihr: (Bertie gab er eine Chance, ihr nicht. Das war bitter. Aber dann schämte sie sich: „Ich habe ihm unrecht getan; was der Mann aus Weimar will, das kann ich ja nicht, ich bin ja Minna. Ich bin ja die 'Sentimentale. Auch im Leben." Sie öffnete die Augen wieder, und als sie die Lider hob, sah Büchner sie voll an.
Da brach Fleischmann mit lautem Lachen los. „Also famos. Die Hesterberg. Ich sehe sie ordentlich. Kopieren können Sie, Fräulein, das muß Ihnen der Neid lassen. Kopieren, das ist auch schon «in Stück Kunst. Und Humor haben Sie auch. Gut, gut. Aber jetzt eine andere Walze, bitte. Ernster, meinetwegen ein bißchen trivial. Was fürs Herz vom Herzen."
Nun war Gertie gut im Zuge. Einmal sah sie nach Isa um. Die nickte ihr nur zu. Da wußte (Bertie, was sie sprechen sollte: das, was sie beide so liebten, was sie sich oft vorgesprochen hatten, jede auf ihre Art, Isa langsam, getragen — Gertie verängstigt, gehetzt. Und waren sich nie einig gewesen, was richtiger, was bester sei.
„Draußen auf den Straßen gehen wir des Nachts.
Draußen auf den Straßen frieren wir — was macht's?"
Jedes Wort sprach Isa mit, lautlos vor sich hin, jedes Wort der Gequälten, Ziellosen, die nur ein Hoffen hatten: Liebe. Bis zu den letzten Zeilen:
„Irgend eine Tür läßt uns schließlich ein, Jrgenwo wird Liebe und ein Lichtlein sein."
Selbst der Dicke hatte aufgehört zu rauchen. Und wahrhaftig, die Gertie hatte wieder Tränen in den Augen. Isa war es, als hätte die Freundin nie so gut, so ausdrucksvoll gesprochen. Sie wußte, da hatte in Gertie die letzte Stunde hinten in ihrem kleinen Zimmer nachgeklungen, all die Enttäuschung über Vater und Mutter, über Lieblosigkeit und Mangel an Verstehen unbJBertrauen.
Langsam wuchtete sich der Dicke aus seinem Sessel. Als er endlich stand, meinte er zu (Bertie: „Nett, Fräuleinchen, sehr nett. Haben Sie noch eine Viertelstunde Zeit? Ich möchte erst noch mit dem Kollegen Büchner sprechen. Warten Sie, bitte, draußen."
Isa öffnete die Tür, und (Bertie huschte an ihr vorbei, lief ins Eßzimmer, zog sich einen Stuhl heran; die Knie zitterten ihr nun doch. „Wenn er mich nun haben will, Isa, was soll werden? Was soll werden?" Und Isa wußte auch keinen Rat. So schwiegen sie, lauschten nach der Tür, die sich öffnen mußte, wenn sie gerufen wurden. Da drüben entschied sich nun (Berties Schicksal. Entschied sich irgendwie. Vielleicht begann jetzt ein ganz neues, anderes Leben für sie; ein Leben, das sie sich beide hundertmal ausgemalt hatten, das sie sich herbeigesehnt hatten. Und nun war doch die Angst vor diesem neuen Leben in ihnen und machte sie stumm.
Einmal dachte Isa: „Ich werde dann sehr allein sein."
Den beiden in Büchners Zimmer klopften die Herzen nicht. Ein Engagement — ihnen war es etwas Gewohntes. Sie wußten zwar, daß sie Hoffnungen zertrümmerten, wie sie Hoffnungen erweckten. Aber sie hatten schon soviel derartige Kämpfe mit anfehen müssen, daß sie hart geworden waren.
Fleischmann sagte, als Isa und Gertie gegangen waren: „Tja, lieber Büchner, da steckt was, zweifellos. Und fpringjiing und niedlich. Wird hübsch aussehen. Das ist schon der halbe Erfolg. Die andere überdies auch. Will die auch zum Bau?" Büchner nickte. „Dachte es mir. Sentimental, was? So etwa die hysterische Tochter in Kaisers „Oktobertag" — wie? Hat die auch Talent?"
Wieder nickte Büchner.
„Wollen Sie die auch unterbringen?"
Jetzt schüttelte Büchner den Kopf. „Nein — noch nicht. Sie ist noch nicht so weit."
Der Dicke zündete sich eine neue Zigarre an. Um seine Mundwinkel legten sich ein paar Falten, halb ein Lächeln, halb Ironie. „Die wollen Sie also hier behalten, die blonde Mehlsuppe. Für die Bühne oder fürs Herz?"
„Reden Sie, bitte, keinen solchen Unsinn." Abweisend hart klangen ote Worte. Der andere lenkte sofort ein. Nur die Falten verstärkten sich etroas. „Also fürs Herz", dachte er, sagte aber: „Gut, bleiben wir sachlich, Kollege, Sie glauben also an das Talent der Dunklen?" (Fvrts. fo(flM_
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Brühl sche Universität s-Duch- und Qteindruckecei, R. Lange, Dieben.


