Ausgabe 
20.7.1931
 
Einzelbild herunterladen

Herr Doktor war noch nie in seinem Leben krank gewesen. Jetzt aber erhoben die Obertertianer begeistert ihre Arme. Sie schwenkten die Hande über den Köpfen. Sie schrien wie ein ganzer Stamm von Indianern auf dem Kriegspfad:Wir wünschen Herrn Doktor schnelle Genesung! Herr Doktor soll bald wieder gesund werden!Sagen Sie bitte Herrn Doktor, Mr. Graig, datz wir ihn tausendmal grüßen lassen!"

Einen Augenblick herrschte sowohl bei den Lehrern wie bei den Schülern die größte Verblüffung über diese Kundgebung. Dann aber erhoben auch die andern Jungens alle ihre Arme über die Köpfe, und die Bürger des ganzen Schulstaates brüllten in Begeisterung auf, während sie ihre Hände wie Fahnen schwenkten:

Wir wünschen Herrn Doktor schnelle Genesung! Herr Doktor soll bald wieder gesund werden! Sagen Sie Herrn Doktor, daß wir ihn tausendmal grüßen lassen!"

Mr. Graig ließ seine wasserblauen Augen unruhig zu den Seiten schweifen, dorthin, wo die Hunde der Tertia aufmerksam auf ihren Bäu­chen liegend lauerten, ob ein Befehl ihrer Herren ergehen werde, eine Stellung zu stürmen. Der Anblick dieser Tiere schien Mr. Graig nicht genehm zu sein, und so richtete er den Blick nach oben auf den Urft der großen Getreidescheune. Doch da gewahrte er Karlemann, der mit der Urweisheit einer ägyptischen Katze herunterschaute, was sich unten bei den Menschen begab. Auch die Anwesenheit dieses weisen Haustieres schien Mr. Graig unwillkommen zu sein. Der große Grammatiker, der die «ätze der deutschen Sprache wie ein Geschenk des Himmels genoß, begann jetzt seine Rede:

Eine gewisse Klasse dieses stolzen Schulstaates, die ihre eigene geistige Begabung stets sehr hoch einschätzt, während sie die geistige Begabung der andern, Lehrer sowohl wie Schüler, mit Vorliebe zu mißachten pflegt, gibt sich an diesem Sonntag den Anschein, als habe sie es wegen ihres Uebermaßes an Intelligenz nicht nötig, zu begreifen, welche von allen Klaffen dieses stolzen Schulstaates die Leitung im Walde von ihrem allgemeinen Gruß an die Bürger dieses Schulstaates auszunehmen wünschte, weswegen uns diese mit einem jesuitischen Gebrüll entgegen­trat, welches jedoch niemanden darüber hinwegtäuschen wird, daß hier der zu bestrafende Missetäter es ist, der seinen Richter hochleben läßt, um eben diesen Richter und seine Kollegen durch ihre Begeisterung für das Strafrecht dumm zu machen. Es steht zu wünschen, daß jene Uebeltäter auch dann noch Hurra schreien werden, wenn sie am Spieße stecken und die Nägel der Eisernen Jungfrau und anderer Folterwerkzeuge, die wir auf unserer Serienreife zu Ostern in Nürnberg als Zeugnis teutonischer Gerechtigkeitspflege bewundern konnten, ihnen in die jugendsrischen Leiber dringen werden!"

Hurra!" brüllte die Tertia. Cs war eigentlich ein Hurra für di« glückliche Beendigung zweier grammatikalisch bewunderungswürdiger Sätze, ein Begrüßungsglückwunsch im Hafen für die geschickt gelotste Heimkehr aus den Sturmen der Syntax.

Gut, hurra", sagte Mr. Graig, während die jungen Lehrer hinter ihm, zumal Dr. Frey, der Freund der Tertia, einen grauenhaften Kampf, mit Gebeten untermischt, um Niederzwingung ihres Lachens kämpften. Ich danke vielmals für das Hurra einer gewissen Klasse dieses würdigen Schulstaates! Doch gebe ich mich nun bei der außergewöhnlich geistigen Begabung dieser Klasse der Erwartung hin, daß sie für meine besonders feinorganisierte Empfindungsfähigkeit hinsichtlich der hygienischen Be­schaffenheit eben dieser Klasse Verständnis aufbringen wird! Ich bin nämlich der Ansicht, und ich glaube, daß mir hierin unser hochverehrter Anstaltsarzt Dr. Heßler beistimmen wird, daß das Hurra einer gewissen Klasse, das wir soeben zu hören bekamen, nicht so frisch und verwegen, wie wir es an ihr gewöhnt sind, sondern eher etwas heiser, dumpf, ja geradezu übernächtigt klung. Ich möchte unfern hochverehrten Herrn Arzt hier vor dem gesamten Gremium dieses würdigen Schulstaates fragen, ob er nicht eine gleiche Beobachtung an der Beschaffenheit der Stimmbänder einer gewissen Klasse machte, wie ich sie tat?"

Herr Dr. Heßler nickte Mr. Graig lächelnd zu. Aber dann setzte er sein Lächeln gleichsam fort und bis zur Obertertia hin.

Mr. Graig, der nicht groß war, richtete sich energisch auf.

Da der ärztliche Befund mit meinen eigenen laienhaften Eindrücken übereinstimmt, so verordne ich hiermit:

In Anbetracht dessen, daß der Gesundheitszustand der Obertertia zu wünschen übrig läßt, meldet diese Klasse sich krank. Sie tritt, mit Aus­nahme von Daniela, sofort von der Parade ab und bezieht für den Rest dieses Sonntags ihre Schlafräume als Quartier. Der würdige Präfekt dieser Klasse bürgt der Leitung des Schulstaates dafür, daß jedes Mit­glied feiner Klasse sich in fünfundzwanzig Minuten ausgezogen und in seinem Bett befindet."

Ohne sich auch nur eine Sekunde zu besinnen, als habe er das alles längst kommen sehen, trat der Große Kurfürst vor die Front seiner Abtei­lung, und er kommandierte:

Alles ausziehen bis auf die Hosen! Sandalen oder Spikes an di« Füße! In zwanzig Minuten Lauf der schwererkrankten Tertia bis zur Rotbuche und wieder zurück! Fünf Minuten später ist jeder im Bett!"

Tief« Stille herrschte auf dem Gutshof. Niemand von den Lehrern und Schülern sah die Tertia noch an. Jeder wandte den Blick von jener Richtung fort, wo die Tertianer mit den rasenden Bewegungen des Lao- koon sich die Kleider von den Leibern rissen. Und in vierzig Sekunden waren sie angetreten. Mit funkelnden Leibern standen sie zum Lauf durch die Wälder bereit!

Der Große Kurfürst hob den Arm. Fünfundzwanzig Tertianer brausten über den Gutshof dahin, als gelte es, den Janikulus zu erstürmen.

VI.

Einige von den Tertianern schliefen, andere lasen Bücher oder spielten mit ihren Hunden und mit Karlemann. Obwohl es verboten war, so lagen die Hunde auf ihren Betten. Die schwarze Dogge zum Beispiel und ihr Freund, der Miniaturfoxterrier, lagen auf Lüders Bett, und dort machten sie es sich mit planmäßiger Beharrlichkeit bequem, so daß Lüders

feinen Karl May nur noch halbwegs auf der Kante lesen konnte. Josua lag geborgen in jener Bucht, die Borsts Knie, Leib und Brust bildeten. Sein Herr schlief, nicht mit dem Gewissen des Guten, denn das Schülergericht erwartete ihn. Er war ja in Verruf! Seit jenem Augen­blick, indem ihn der Große Kurfürst und Reppert gefesselt aus dem Wacht- lokal gezogen hatten, mochte niemand von den Tertianern das Wort an ihn richten oder ihm auch nur einen Blick schenken. Er mußte zuweilen seine Hände gegen den Bauch drücken, um festzustellen, ob er denn über- Haupt noch leibhaftig auf dieser Erde einherwandele. Man sah nichi einmal durch ihn hindurch, man sah überhaupt gar nicht erst in die Ge­gend hin, in der sein armseliges leibliches Dasein sich befand. Das Schüler­gericht sollte heute nachmittag tagen, falls die Tertia die Erlaubnis erhielt, vor dem Abendessen aufzustehen. Borst sehnte das Gericht über seine Untat herbei! Wenn nur dieser furchtbare Zustand früher oder später einmal ein Ende hätte!

Die meisten von den Tertianern, zumal die Gescheiten unter ihnen, waren traurig, schlecht gelaunt oder geradezu mutlos. Dies« sahen auf­recht in ihren Betten, sie preßten die Fäuste an ihre Schläfen.

Für sie war es eine ausgemachte Sache, daß der Feldzug mißlungen und beendigt sei. Sie saßen am Sonntag in ihren Betten wie in einem Banjo. Sie hatten einen Fingerzeig von oben erhalten, daß ihr großer Plan erkannt und mißbilligt sei. Sie hatten keinesfalls damit gerechnet, daß ihr nächtlicher Ausbruch straflos bleiben werde. Sie waren ja auch klug genug, um zu wissen, daß die Bemalung der Stadthäuser manche Ungelegenheiten für die Leitung im Walde zur Folge haben werde. Trotz­dem hatten sie mit einem geheimen Einverständnis gerechnet. Jetzt aber war die Strafe ihrer Natur nach so ausgefallen, daß sie einer Verdamm­nis gleichkam. Die Abwesenheit des Herren aus dem Eichwalde während der Parade und die schmachvolle, lächerliche Art der Strafe zeugten dafür.

So wurden sie zum Beispiel auch beim Sonntagsessen wie Kranke behandelt, es wurde ihnen Suppe und Gemüse in den Schlafsaal geschickt, weiter nichts. Kein Sonntagsgeflügel mit süßem Apfelmus und vor allen Dingen keine Nachspeise.

Die schwächeren Charaktere trauerten diesen herben Verlusten nach, zumal da sich nun die Aussicht bot, daß es auch zum Tee keine dieser Pflaumenkuchen geben werde, die Fräulein Sachse so trefflich zu bereiten verstand. Es waren Pflaumenkuchen, die ganz warm noch auf den Blech- platten serviert wurden, mit einer dünnen Schicht von Mürbeteig, ach, der Zucker zerschmolz auf der Platte!

Der Große Kurfürst gehört« freilich nicht zu den mutlos Wachen. Er lag mit dem Gesicht der Wand zugekehrt und er schnarchte. Es war nun einmal der Hauptbestandteil seiner stoischen Lebensweisheit, daß alle Dinge sich durch den Schlaf verbessern. Er pflegte die Heldengeschichte der Welt, di« Plutarchfchen Helden bis zu Napoleon und Bismarck, auf diese Art zu erläutern, daß jedes tragische Heroen-Ende durch Ueberreizung der Nerven wegen fortgesetzter Schlaflosigkeit entstanden sei. Napoleon habe im Jahr« 1812 und in den kommenden Zeiten seines Niederganges Fehler auf Fehler gehäuft, weil er sich der unheilvollen Idee hingegeben habe, ohne seine Wachsamkeit werde das Empire versinken, während es doch nur deshalb untergegangen fei, weil das Veronal damals noch nicht erfunden war. Und Bismarcks tragische Altmänner-Schlaslosigkeit beraubt« ihn der Nervenkraft, die Kriegsfahne auf dem Dach des Reichs­kanzlerpalais zu entfalten und dem Herren im Schloß die Fehde anzu- fagen, wodurch das Reich gerettet worden wäre.

Was Reppert anbetraf, so war er zwar verzagt und sorgenvoll, aber er stellte sich schlafend, um den Kameraden ein Vorbild des Gleichmutes und der Zuversicht zu geben.

Und wieder wandten sich die Gedanken sehnsüchtig zu jenem verein­zelten Rauch im Walde hin, der sich gewiß jetzt am Sonntagnachmittaq in völliger Freiheit über den Wipfeln der Hexenkuppe erhob. Wenn es gelänge, Daniela zu versöhnen und für das große Ziel zu begeistern, so würde die gottgleiche Leitung im Eichenwalde gewonnen werden. Denn das wußten sie allzu gut: nichts hatte ihnen im Eichenwalde so geschadet wie Danielas Zorn und Danielas Abwesenheit gestern nacht.

Da, gegen drei Uhr, eine Stunde vor dem Tee, traten, nachdem sie zuvor höflich angeklopft hatten, die Präfekten der Sekunda in den Schlas- raum, Alexander Kirchholtes, der Präfekt der Obersekunda, und Knötztn- ger, der Präfekt der Untersekunda. Der letztere aber war der Sohn des Oberamtmannes in Maineweh, von dem einige sagten, er sei weniger aus Siebe zum Schulstaate hier in diese Anstalt geschickt worden, als vielmehr aus dem Bedürfnis des Amtsmannes nach Spionage. Und als die Knaben den Untersekundaner in ihrem Schlafraum sahen, verdunkel­ten sich ihre Augen in Haß.

Die Wachen weckten die Schlafenden.

Kirchholtes setzte sich auf das Bett feines Bruders, dessen Haar er streichelte.

Knötzinger aber lehnte sich streng gegen das Fenfterkreuz.

Mittlerweile waren die Entfernteren aus ihren Betten aufgestanden. In langen Nachthemden oder in Pyjamas gekleidet, einige von ihnen aber nackt, so ließen sie sich zu britt ober zu viert auf den Betträndern derjenigen Kameraden nieder, die in der Gegend des Kirchholtesschen Bettes hausten. Sa saßen vier Jungens, mit untergeschlagenen Beinen in Pyjamas auf Bambergers Bette. Vier nackte auf dem des Großen Kurfürsten, den sie wie krieg-erwartenbe Erzengel beschützten. Vier aus Hornbostels Bette, beren einer sich quer über Hornbostels Bauch (egte unb in biefer Stellung zur Decke bes Zimmers starrte. Zwei bildeten nut Reppert eine Gruppe, indem sie alle drei die Knie finster bis zu den Kinnen hochzogen unb aufmerksam, mit zurückgehaltener Streitsucht lauschten. Silbers roieberum halte unmutvoll jeben fortgejagt, der sich bei ihm zu Gaste anfagte, denn er wollte wie stets auf einsamem Streu­wagen den Kampf des Diomedes ausfechten. Borsts Bett aber, das sich ebenfalls in dieser Gegend befand, wurde gemieden, als sei es das Lager eines Sepratranten.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen