sonnenerfüllten Tag wie ein Entsetzen bringendes Gespenst sich mitten aus der (strafte vollzog: Der Motorradfahrer lenkte in der Entfernung, in der man sonst sich auszuweichen beginnt, sein Rad, ohne seine Schnel­ligkeit zu dämpfen, auf die falsche Seite. Tobende Visionen schnellten in mir auf; sanken hilflos zusammen. Ich sah den Mann eine kurze Spanne Raum vor mir auf mich zutoben. Konnte ihn gut wahrnehmen. Wie versteint hastete er auf dem schweren Rad. Er hatte eine grofte Brille über den Augen und deren gelbe blinde Scheiben leuchteten mir glasend entgegen, wie die Fenster eines im Innern brennenden Schlosses des Teufels, das im nächsten Augenblick mich in fein Geheimnis von Leben und Tod reiften sollte.

Dem Motorradfahrer flatterte ein langes weiftes Band an der Mütze. Steif und mit harten Schlägen preftte es sich in den Luftzug der Fahrt, wagrecht. Trotz der Schärfe der Gefahr und der Fatalität konnte ich die Vorstellung von etwas Närrischem, lachhaft Entgleistem nicht von mir abwehren. Das Überhitzte Tempo mit dem er fein und unser Leben aufs Spiel setzte, näher raste ... und dies lange, flatternde Band! Es war unbegreiflich dumm und ohne Zusammenhang mit der Wirklichkeit.

Wie ein flacher Schlag durchzuckte mich der Einfall, mit dem Fuft vom Gas zu geben und die Bremsen zu ziehen. Aber im selben Blut­schlag Überstürzte mich schon die Erkenntnis, daft ich den Wagen nicht aus seiner Schnelligkeit heraus so rasch bremsen konnte, und, ich will offen sein, es hinderte mich daran auch das Feuer, das in mir brannte, das Rennen zu gewinnen. Denn durch ein Nachgeben von Schnelligkeit in diesem Augenblick machte ich die Aussichten des Konkurrenten fast sicher. Was fiel überhaupt diesem Motorradfahrer ein!

Mein Mechaniker drückte auf die Hupe. In elftem ununterbrochenen Schrei heulte sie. Kurz hinter uns heulte der Maybach. Aber mit einer irrsinnigen, todbringenden Beharrlichkeit hielt sich das'Motorrad auf der falschen Seite, nur mehr einen Steinwurf weit vor mir.

Da konnte ich nicht anders. Ich werfe den linken Arm roarnenb_auf, um dem Maybach ein Zeichen zu geben und steuere auf die falsche Seite, um links an dem verteufelten Rad vorbeizukommen. Der Maybach, der im Begriff war, dicht anzurücken und mich zu Überholen, ftöftt kurze jähzornige Signale aus. Ja, ich höre den Fahrer empört hinter mir mitten aus dem Lärm brüllen. Nun, es war doch das einzige, was mir zu tun übrig blieb. Die Strecke vor uns war lang genug, daft er noch Gelegen­heit hatte, die kleine Gunst, die er durch mein Manöver verlor, wieder einzuholen.

Aber ... mir wurde, als ob ein Regen feuriger Nadeln mich durchstieft.

... Meine Bahn schien an die des höllischen Motorrades angewachsen zu sein. Kaum war ich links, verläßt auch der Fahrer mit den großen gelben Glasscheiben seine Bahn und jagte auf mich zu schräg von der Seite. Die Brille erfunfette schwefelfarben und schwarz gegen mich wie ein Schuft. Ein dunkles Chaos sank in mich hinein. Unter dem Getose der Motoren und Hupen, die ohne abzusetzen schrien und tobten, war mir, als stürzte die Landschaft des freundlichen grünen Tales rasch verfinstert zusammen. Leben und Tod lagen eng vermischt unter meinen flimmern« den AugenTMit einer verzweifelt scheinenden Raserei fiel das Motorrad mir entgegen. Schon hatte ich das Bewufttfein, der Zusammenftoft sei erfolgt... .

Ich war gezwungen, mich dem ungewissen, sturmhaft Vergehenden zu überlassen, das einen befällt, wenn eine Gefahr des Körpers in greif­bare Nähe geraten, davorstehe, einen hinzumähen. Aber auf einmal erstand in mir wieder die kurze traumhafte Erscheinung des gelben Neben­weges zwischen den zwei Bäumen. Ich weift nicht genau zu sagen, wie es zuging. Ich erinnere mich nur daran, daft in dem kreisenden Dunst, der meine Sinne von der Erde wegzog, der schmale Helle Streifen auf­leuchtete, wie ein Versprechen eines gut gesinnten Geschicks, und ohne mir bewuftt geworden zu sein, wie oder überhaupt, daft ich das Steuer­rad gehandhabt, flog mein Wagen plötzlich in den Weg hinein. Sofort waren meine Sinne wieder klar. Ich ging vom Gas, löste die Kupplung, zog die Bremfen. Der Wagen fchänzelte wild auf. Meine Muskeln aber waren in das Steuerrad verkrampft. Ich vermochte ihn zu halten.

Mitten in diesen letzten, saft versagenden und dann aber wie eine unausfoftbare Glückseligkeit mich überftieftenben Augenblicken war ein prallender Donner losgegangen. Irgend etwas Furchtbares a^ar geschehen ... Der Maybach? ... durchzuckte es meine Nerven. Nein. Ich sah ihn die wunderhafte Bahn der neuen glatten Strafte hemmungslos weiter­toben, dem Sieg entgegen. Er rift eine beneidenswert üppige Schleife von Staub aus der Erde hinter sich auf, in die er sich einhullte, als wollte er meinen Augen zartfühlend seinen Triumph entziehen. Wir stiegen aus dem Wagen und schauten rundum. Wir [aften die Strafte, stürzten hin. Das Motorrad lag an einen der Baume geschoßen, die den Eingang zum Weg einfaftten. Es war wild zusammengedruck., Hinter­rad und Vorderrad nurmehr ein auseinander gequetschtes Gemengsel. Was dazwischen lag, hochgefetzt zersprengt, in eine Kamine gehüllt ..

An der Spur des Rades im Staub war zu erkennen, daft der Motor­radfahrer kurz hinter meinem Wagen ebenfalls den Weg erreicht hatte. Er hatte aber, was wohl geheimnisvoll war, aber nicht atibcrs ertlailia), direkt auf mich zielen wollen, mich aber nicht mehr erreicht. Da mar er führungslos unmittelbar an den zweiten Baum geflogen. Wir fanden ihn dann abgeschleudert im Graben hinter dem Baum liegen W.e m einem Bett aus grünen Polstern lag er dort ausgestreckt, das Ge äst nach oben, die Arme auseinandergedehnt, die Finger gespreizt, den Mund geöffnet. Blut floft in gurgelnden, kleinen Strömen aus ihm. Wir richteten den Verunglückten hoch. Da hörte das Blut auf zu fließen. Der .wrper gab wehrlos nach, der Kopf fiel seitwärts ohne Spannung. Ich reiße ihm die Jacke und das Hemd auf, presse ihm das Ohr auf feine Brust, nach Leben suchend. Aber nichts gab wehr Antwort.

Er ist tot" sagte mein Mechaniker. Wir schwiegen. Ich suhlte, daß ich bleich war und "sah das Gesicht meines Begleiters l^cherng«oorden.

Was war das?" fragte ich. Der andere zuckte hilflos mit bft ^ulter.

Als ich den Toten wieder zur Erde bettete und mich auf richt en wollte rift ich an einem Band, das an meinem Arm sich?^/'^, >hw die Matze vom Kopf. Es war das weifte Band, das vorhin mir so zusammenhanglos

närrisch erschienen war. Ich wickelte es los vom Arm und wollte hinlegen. Da sah ich, daft etwas darauf stand. Es war mit groften unbeholfenen Buchstaben schwarz hingemalt, und ich las:Wettrennen des Taoer mit dem Tode".

Sein Rennen hatte der Verrückte gewonnen, Er hatte den Schatten eines Mädchens eingeholt und ihn mit in die Ewigkeit hinübergenommen.

Oer Kampf der Tertia.

Erzählung von Wilhelm Speyer.

Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.

(Fortsetzung.)

Der Polizist stand mit gesenktem Haupte da, wie ein trauriger Klepper im Regen.

Meine Herren", erklärte er mit einer Gebärde, als gäbe Wallenstein den Pappenheimer Reitern Max Piccolomini frei.Ich habe zwar einen Wink von oben bekommen, auf die Herren Schüler in der nächsten Zeit achtzugeben. Dennoch, meine Herren: ich liefere ihnen den Gefangenen aus!"

Und er öffnete ein Schubfach und holte Bindfaden. Der Grofte Kur­fürst und Reppert bedankten sich mit der zierlichsten Höflichkeit. Sie erklärten, daft auch die Schulleitung dem Herrn Wachtmeister für seine hochherzige Tat sehr erkenntlich sein werde. Man werde der Leitung das grofte Entgegenkommen des Herrn Wachtmeisters berichten.

Borst wurde aufs neue gefesselt.

Der Häuptling und sein Adjutant nahmen ihn in die Mitte. Sie hielten ihn sest am Bindfaden wie einen ungebärdigen Hund.

Dann muftte Borst seinen Canossagang antreten. Es wurde ihm besohlen, den Herrn Wachtmeister wegen seiner Albernheiten um Ver­zeihung zu bitten.

Ich bitte vielmals um Verzeihung", quäkte er schluckend und schluch­zend, mit Liliput- und Rabentönen.

Der spinnt wohl etwas?" fragte Holzapfel, wischte sich seinen Rübe­zahlschnurrbart aus und sprach zum Groften Kurfürsten wie zu seines­gleichen. - ..

Der hat absolut keinen Funken von Vernunft in feinem Schädel , sagte Reppert, und er warf Borst einen furchtbaren Blick zu.Morgen kommt er vor das Schülergericht."

Bei dem Wort ,Schülergerichsi machte Holzapfel ein achtungsvolles Gesicht. Die Schülergerichte genossen groften Respekt in der ganzen Gegend.

Borst aber schwanden die Sinne. Bisher hatte er immer noch geglaubt, daft es sogleich draußen vor der Tür des Polizeiamtes feurig dankbare Umarmungen und Bruderküffe geben und daft man ihn auf den Schultern davontragen werde. Nun aber dämmerte es ihm, daft die Sache mit dem Schülergericht keine Komödie [ein werde. Ihm war, als habe er nur noch Luft in den müden Kniegelenken.

Holzapfel aber lachte jetzt befreit.

Na, dann bin ich auch ganz froh! Was soll man hier mit so einem? Gute Nacht, junge Herren! Mit Ihnen kann man doch reden! Da haut man sich wohl am besten jetzt hin, was?"

Das glaube ich auch", erwiderte der Grofte Kurfürst mit einem förm­lich zarten Lächeln.Es ist doch bald Morgen, und jetzt geschieht ja nichts mehr in der Stadt. Gute Nacht, Herr Wachtmeister!"

'Sie sind auch an die Farbe geraten, junger Herr", sagte der Polizist. Er war wohlgelaunt, daft er nun schlafen durste, und er kratzte dem Häuptling mit dem Fingernagel am Aermel herum.

Oh, vielen Dank!" entgegnete der Grofte Kurfürst verblüfft.

Ohne Terpentin geht das nicht ab!" bemerkte der Polizist nach einer Weile.

,Nein! Das wird wohl noch viel Terpentin kosten, bevor das alles abg'eht?"

Sie entschwanden mit Lachen.

Holzapfel sah zum Fenster hinaus. Im Westen, über dem Turm des Bezirksamtes, zuckte der erste Strahl.

Er gähnte wie ein Tiger. Er zerrift das Protokoll.

V.

Am Sonntagmorgen um neun Uhr wurde, wie gewöhnlich, unten auf dem Gutshof Parade abgehalten.

Die Knaben mußten in ihren marineblauen Anzügen erscheinen und mit Schnürstiefeln an den Stiften. In den Händen hielten sie ihre San­dalen, ihre Fuftballschuhe mit den genagelten Klötzchen auf den Sohlen, ober, diejenigen Jungen, die auf der Aschenbahn liefen, auch ihre Spikes. Die Sonntagsanzüge unterschieden sich im Schnitt nicht im geringsten von den Wochenanzügen. Diejenigen, die einmal früher für die Einfüh­rung langer Hosen und eines Eton-Jacketts gekämpft hatten, waren unter­legen; es war ein Kampf von grundsätzlicher Bedeutung gewesen. Man wellte keinen angelsächsischen Sonntag, keine Langeweile, kein Maft in den Bewegungen und feine Bedachtsamkeit auf die Kleidung.

Sämtliche Klassen standen in Paradestellung auf dem Gutshof. Doch wurde jeder Anschein eines militärischen Drills vermieden. Diese Gruppe hier sah eher wie eine Ansammlung von Cowboys aus, mit sauber gebürsteten Kleidern und blankgewichsten Stiefeln.

Trotzdem gab es eine Art vonStillgestanden", als die diensthabenden Lehrer erschienen.

Zur Verwunderung aller zeigte es sich, daft die höchste Persönlichkeit des Schulstaates fehlte.

Mr. Graig befehligte die Parade.

Er stellte sich mit den andern Lehrern an den rechten Flügel der Ober­sekunda und rief, nachdem eine erwartungsvolle Stille eingetreten roar, (es war jedermann auf dem Gutshof klar, daft diese Parade unmöglich friedlich verlaufen konnte, da der nächtliche Ausbruch einer ganzen Klasse allenthalben bekannt geworden war):

Herr Doktor ist krank. Er läftt alle, mit Ausnahme einer gewissen Klasse, grüßen."