Ausgabe 
20.7.1931
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1931 Montag, -en 20. Juli Nummer 56

Wandrers Nachtlied.

Von J.W. von Goethe. Der du von dem Himmel bist. Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Erquickung füllest, Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Brust!

St. Johannis im Sommer.

Von Dorothea Hofer-Dernburg.

Ich wandere durch die Marsch, die sehr schön ist, besonders gegen Abend, mit weißen und bunten Pferden und Kühen, und Blumen in allen Farben, Dahinter liegen die Deiche, und dahinter liegt das Meer. Ich sehe mir die Dörfer an, die so warme Strohdächer haben, denen die Sonne schön steht, und windverwehte, ganz und gar gott­ergebene und verschrobene Bäume und ein bißchen Rosa centifolia. Alles duftet so gut jeht im Sommer, die bräunlichen Wege, die bräunlichen Kinder und die bräunlichen Dächer. bann die Getreidehocken auf allen Feldern; manchmal schon ganz leise am Rand der Straße ein wenig Herbst.

Gestern war ich in Nieblum. Es ist ein hübsches Dorf. Ein kleiner drolliger Bogel saß auf einer Bank vor einem Haus und war gezähmt und sehr jung und hatte so ein wundernettes, beleidigtes Krächzen, wenn man ihn mit einem Strohhalm am Schinabel kitzelte. Aber er war sparsam damit, wie mit allem. Er saß nur da und war seltsam und hübsch.

In Nieblum ist auch eine dicke alte Kirche; so ein mächtiger Dau, ganz plump, gut und einfach. Alle Kirchen sehen hier ganz gleich aus. Die von Doldixurn, von Nieblum oder Süderende; eine etwas kleiner, eine etwas g.röher. Ich ging auf den Friedhof und fand ihn so sommerlich warm und grün, gesänftigt von Blumen, von fetten rosa Geranien und von der satten Erde über den alten Särgen. Ein guter, brauner Tod mittleren Alters ging zwischen den Gräbern um­her und mähte sie ab. Er tat es Wohl aus Gewohnheit, um nicht aus der Hebung zu kommen, obgleich es hier gar nichts Rechtes mehr für ihn zu mähen gab. -ihn ihn herum trugen Dauernputten von Thor- Waldsenfriesen die gemähten Schwaden von grünem Gras umher, wendeten sie, harkten sie, hatten lange, karierte Hosen an und alte Strohhüte auf dem Kopf; kleine sanfte Fackel- und Harken=Träger. Ich kam mit dem mittelalterlichen Tod ins Gespräch-. Er hatte kein Tischentuch nicht einmal ein rotes, blumenbuntes, aber er machte mich 'aufmerksam auf die Grabsteine. Es sind sehr alte, mit sonderbaren Inschriften. Die ganze Geschichte der Familie ist darauf vermerkt, ihre Krankheiten, ihre Todesursache, ihre allgemeine und besondere Gemütsverfassung, und wenn es nach ihnen gut, so lebten 5er eine oder der andere ihrer Inhaber heute noch, wenigstens von Ehlen Olufs sollte man das annehmen, während Tücke Olufs, ihr Ehegatte, schon um das Jahr 1723 das Zeitliche segnete, und das Plätzchen an seiner Seite für sie warm gehalten hat. Ob sie kernen Gebrauch davon machte? Ehlen? Ob sie sich mit einem andern Kapitän zur See tröstete und nun bei ihm ausruht? Jedenfalls blieb das rhr vorbestimmte Fleckchen mit der Jahreszahl ihres Todes frei, »un*- wenn sie nicht gestorben ist so lebet sie noch heute...

Die Steine sind groß und schön geschweift, schön geschocktem von einem Steinmetzen in Grönland. Sie sind in Amsterdmn gekauft und zu Schiff mitgeschleppt worden auf einer Walfischfahrt, dort nach oben, weit hin, denn für die alten Führer war Grönland eisiges Meer, war Sparüen Peru. Indien wurde gesucht, und alle Meere der Salz­flut wurden von ihnen durchsegelt, so sagt die Chronik.

Ich schiffte auf dem Meer nach Grönland hin und her. Die Fahrt ist abgetan, nun bin ich in Canaan, wo Wellen, Eis und Wind # nicht mehr zu fürchten sind... steht auf der marmornen

Jurgens aus Doldixurn und Kerrin Hayen, mit der « in den heiligen Ehestand getreten"; und oben tn _^.er, 9 "

großen, geraden Steines, der blank in dte blaue Kirchlwfstaft hmein ragt, ist ein abgetakeltes Schiff zu sehen, wahrend Dirk Cramers mit vollen Segeln in den Himmel fährt. .

Der Seemann waget viel das liebe teure Leben dem ungestümen Meer auf Brettern hinzugeben."

Das ist auch noch seine nachträgliche Meinung; und das ist ver­mutlich auch der Grund, weshalb er seine Dollmeistorbrigg nicht abtakelt; er, Dirk Cramers,der wehland wohlachtbaro westindische Kapitain aus Nieblum, geboren den 26. August 1725 in Doldixurn, der in seinem Leben mit Gott viel gewagt, aber auch unter seiner! Leitung viel Glück gehabt; er wägete es vom 17tert Jahve an, sein Leben der wilden See anzuvertrauen unter vielen Proben der gött­lichen Hilfe von 1755 bis 1762 ein Schiff nach drei Theilen dec Erde zu führen, und es ward eine jede Fahrt in VI Jahren mit Segen gekrönet. Er wägete es auf göttlichen Wink, sich abwesend zu verbin­den, mit der tugendsamen Eyke Jensen aus Nieblum, obgleich er sie nie gesehen. Tlnd siehe, es gelang ihm, deNn er führte vom 1. November 1762, fast sieben Jahr die zärtlichste Ehe, er wägete es endlich hoff­nungvoll, 6. August 1769 über das schwarze Meer des Todes zu schiffen. Nnd siehe, er kam glücklich hinüber und ankerte nach einer 44jährigen Lebensfahrt im sichern Hafen der seeligen Ewigkeit."

Welch ein Draufgänger, alles in allem, dieser wehland hochacht­bare Seebär! Er hat viel gewagt und oft gewagtund siehe, es gelang ihm", denn er war so wunderbar bescheiden und so wunderbar anmaßend. ülnd immer hatte er es ein wenig eilig dabei selbst über das schwarze Meer des Todes schiffte er ein wenig frühzeitig. Welcher Poet hat ihm seinen Grabspruch gedich-tet, welche Hand ihn so meisterlich über ihm geformt? Wir wissen es nicht. Westlich von St. Johannis liegt er.

Aber nördlich von der Kirche schläft Sissel Siemens unter einem fröhlichen Grabstein, sie, die mit dem Kommandeur Siemen Tücke aus Wrixum in einer vergnügten und zärtlichen Ehe gelebt, und während der Zeit mit selbigem 5 totgeborne Kinder und einen lebenden Sohn erzeuget, was sie eben an ihrer Fröhlichteit nicht gehindert haben! mag und das war notwendig, denn sie brachte ihre Pilgerfahrt! nur auf 38 Jahre -anders, als Orte Arfstein, der bedauert... nach kaum 50jähriger, glücklicher Ehe", 94 Jahre alt, bereits das Zeitliche segnen zu müssen. Llnd sie, Ane Marie Arfstein? Auch sie ist alt geworden, biblisch alt 81 Jahre... abgelebt und lebenssatt sank sie ruhig und sanft in die Arme des Todes." Glückliche alte Ane Marie, welch' schön Inschrift lebt über dir.

Ich gehe umher und finde viele Inschriften. Alle von der feinen, vornehmen und wunderlich unbekümmerten Art dieser Leute, die so klar ist wie die frisch gewaschenen, großen und durchsichtigen Stickerei­schürzen der Frauen, die sie an Festtagen tragen vornehm, wie der ererbte Silberschmuck und auch ein wenig von seiner pompösen Zierlichkeit, seiner Filigran-Durchsichtigkeit. ülnbeschreiblich nobel ist das alles unbeschreiblich aristokratisch; voll Lebens- und Sterbenshaltung. Da sind Derse, die nicht überholbar sind und nicht zu übertreffen.

Dein Kranz wird nicht verwesen

Du bleibst ob hinter Dir Dein Schatten auch verschwand."

St. Nicolai 1825.

Wo ist ihr Hölderlin? Dies ist ein Dorf-Friedhof, Schiffer, Kom­mandeure, olle, ehrliche Seemänner ruhen darauf, Frauen diese Frauen mit ihren toll schönen, aufregend schönen, geschlissenen Gesichtern, die überall vor den kleinen Häusern stehen, herumgehen und werken heute wie gestern, wie morgen. Frauen wie Mantje Paul-, geb. Eschels, der ihr Mann nachrief:

Sanft und gut war ihr Herz, still und fromm ihr Leben, schnell und leicht ihr Tod. Ach, zu früh für mich, in dem friedlichen Hafen der neuen Welt landete ihr Schiff, den 6ten März 1806. Das meinige treibt noch herum, auf den unruhigen Wogen des Meeres, aber es folgt doch nach und landet auch glücklich einst, denn der Ewige ist mein Schutz."

Immer haben sie es mit den Schiffen, immer mit dem seligen Hafen für sich, für ihre Frauen und ihre Kinder.

O, Schiffer, auf des Erdenlebens Wellen ermiß der Pflichten Höh mit der Christenlieb Octant und schau, wie hoch auch Leidensfluten schwellen stets mit des Glaubens Fernrohr nach der Christen Hoffnungsland so wirst du sicher nach dem rechten Hafen steuern und sammeln wird Dich Gott als Garb in seinen Scheuern." dichtet einer kühn. Mit poetischer Lizenz umreißt er Meer und Land Schiffahrt und den wenigen Ackerbau der Insel.