Deutschland 1:100000.
Wie eine Landkarte entsteht.
, Von Manfred F i ch t e n m ü l l e r.
Für den Wanderer, der nun wieder durch Wald und Flur streift, ist die Landkarte ein noi'roenbiger Begleiter, ein treuer Weggefährte. Wer das Kartenlesen gelernt hat, wird die Karte während des Marsches selbst altcrdings nur in den seltensten Fällen befragen; er kennt die Gegend bereits durch das der Wanderung vorangegangene Studium der Wege. Die „Generalstabskarte" mit dem Maßstab 1:100 000 gibt in Ergänzung mit dem Meßtischblatt (1:25 000), das infolge seines größeren Maßstabes auch die Höhenlagen heroortreten läßt, ein klares Bild der Landschaft. Bei Wanderungen durch unbekanntes Gelände empfiehlt es sich, an Hand des Meßtischblattes, die Marschroute in der Karte 1:100 000 einzutragen, die mit ihrem kleineren Maßstabe für den Wanderzweck vollauf genügt.
Das Reichsamt für Landesaufnahme, das mit seinen umfangreichen, äußerst komplizierten Apparat die Herstellung der Landkarte von der Messung im freien Gelände bis zum Bielfarbendruck der Karte besorgt, gliedert sich in vier Hauptgruppen: Die Trigonometrische Abteilung, die zum Teil mit Hilfe der Photogrammetrie (Lichtbildmeßkunst) die Grundlagen für das gesamte Kartenblatt schafst; die Topographische Abteilung, die der genauen Ortskunde dient; die Kartographische Abteilung, die die Kartenzeichnung erledigt und die Reichskartenstelle, die den Druck besorgt und die Karten vertreibt.
Wie die ganze Erdkugel in Meridiane eingeteilt ist, als deren Null- meribian der Meridian von Greenwich gilt, so ist auch Deutschland von einem angenommenen Gradnetz überzogen und besitzt als trigonometrischen Anschluß an das Gradnetz der Erde einen sorgfältig errechneten Nullpunkt, der im Helmert-Turm des Geodätischen Instituts auf dem Telegraphen-Berge bei Potsdam liegt. Bon diesem Nullpunkt aus wird das Land in ein Netz von gleichseitigen Dreiecken eingeteilt, deren Seitenlängen 30 bis 40 km betragen. 4 bis 8 km lange Strecken, die die Basis für diese Messung bilden, dienen als Kontrollstrecken. Die Dreieckspunkte für das Gradnetz werden durch Kirchtürme, Waffertürme und ähnliche weithin sichtbare'Objekte als trigonometrische Punkte f estgelegt. Wo diese gegebenen Zeichen fehlen, müssen Holztürme, im Hochwalde oder im Flachland« oft 30 bis 40 m hoch, errichtet werden. Neben diesen trigonometrischen Punkten erster Ordnung gibt es noch in die Erde eingelassene Steine, die die „Festpunkte" des Bodens darstellen. Auf einen Raum von 100 qkm entfallen ungefähr 22 trigonometrische Punkte. Bis zu Beginn des Krieges waren von der Preußischen Landesausnahme etwa 63 000 Marksteine und Türme festgelegt worden. Die trigonometrischen Steine sind durch ein Kreuz und die Buchstaben TP kenntlich gemacht. Da die Erhaltung dieser Marksteine von größter Wichtigkeit ist, hat der Staat das Beschädigen oder Versetzen dieser Steine unter Strafe gestellt. Wie schwierig und zeitraubend die sorgsamen Messungen der Landesaufnahme sind, beweist die Tatsache, daß zu der gesamten einmaligen trigonometrischen Aufnahme eines Staatsgebietes von der Größe Preußens ein Zeitraum von 70 bis 80 Jahren erforderlich ist. Die Arbeit des Trigono- meters ist äußerst beschwerlich. Oft muß er nicht nur Stunden und Tage, sondern ganze Wochen hindurch auf einem den, Wind und Wetter ausgesetzten trigonometrischen Punkt in schwindelnder Höhe ausharren und einen zur Beobachtung der einzumessenden Zielpunkte günstigen Augenblick abpassen. Dann gilt es rasch zu handeln, denn jeder Winkel muh bei der Hauptdreiecksmessung 24mal gemessen werden.
Außer der Bestimmung der Festpunkte der Waagerechten besteht für den Trigonameter eine weitere Aufgabe darin, die trigonometrischen Punkte auch nach ihrer Höhe über dem Meeresspiegel zu messen. Der Ausgangspunkt für diese Messungen ist Normal-Null, das ist ein ideeller Punkt, der zirka 39 km vom Mittelpunkt Berlins entfernt, in einer Gruppe von fünf in verschiedener Höhenlage verteilten Festlegungen besteht. Von hier aus werden die Nivellementszüge in Schleifen von mehreren hundert Kilometer meist auf den Hauptchausseen durch das ganze zu bearbeitende Gebiet gelegt. Senkungen und Veränderungen der Erdoberfläche, wie sie vor allem in den Bergwerksgebieten durch allmähliches Nachsinken der unterhöhlten Erdkruste eintreten — so ist zum Beispiel die Stadt Hamborn im Laufe weniger Jahrzehnte mit ihrer ganzen Umgebung um einige Meter gesunken — machen stets neue Nachmessungen des Nivellements nötig. ... _ , ,. „
Hat der Trigonameter das eigentliche Gerippe für die Karte geschasten so ist es Sache des Topographen aus diesem Gerippe das lebendige Bild der Landschaft ergänzend darzustellen. Die Karten, die die -.opographische Abteilung herstellt, sind die eigentlichen Grundkarten, bte bekannten Meßtischblätter im Mahstabe 1:25 000. Im Frühjahr zieht der Topograph mit der mit Zeichenpapier bespannten Mehtischplatte hinaus, aus der nur die Gradeinteilung und die feftgelegten trigonometrischen Punkte verzeichnet sind. Mit Hilfe eines besonders zum Entfernungsmessen eingerichteten Fernrohres, der sogenannten Kippregel, mißt er von vermiedenen genau festgelegten Standpunkten alle für die Karte wichtigen Punkte em. auf Verkehrswegen, an Wasserläufen, Wald- und toiefenranbern unb fo weiter Diese Punkte werben auf bem Meßtischblatt eingestochen unb ihre Höhe berechnet. Darauf begibt sich ber Topograph von einem ber gemessenen Punkte zum anbern unb zeichnet — von ben e'vzelnen Punkten aus - ben Grunbrih ein: von Eisenbahnlinien, Wegen, Gewässern Boben- bewachsung, Gedäuben unb so weiter; 1 cm auf ber Karte bebeutet 25 000 cm, bas 250 m in ber Natur. Demnach sind ©egenftanbe mit 5 m Durchmesser auf bem Meßtischblatt noch darstellbar Die Erhebungen ober Senkungen bes Gelänbes werben burch H°henlin>en festgelegt Eine besonbere Einfühlungsgabe gehört dazu, um bte Plastik bes Gelänbes zu erkennen unb in ber Zeichnung richtig wiederzugeben. Für den Fachmann wird in ber Gelänbezeichnung bie Art bes Bobens sichtbar. Der fruchtbare Lehmboben ergibt weiche, runbe Formen, bas sanbige Dunenlanb zeigt kleine, äußerst verworrene Linien, bie vom Topographen besonbere gefürchtet sind; ihre Festlegung erforbert tatkräftige, hingebungsvolle Arbeit von Monaten. Im Herbst kehrt ber Topograph mit seinem Material heim und arbeitet ben Winter über an den Abschlüssen ber Rein
zeichnung, bte nach ihrer Vollenbung in die Hänbe bes Kartographen gelangt.
Beendet der Topograph im Herbst sein Meßtischblatt, so kann er wohl feststellen, daß an den am Anfang seiner Arbeit ausgenommenen Stellen schon wieder Veränderungen eingetreten sind. Die Landesaufnahme trägt Sorge, wichtige Veränderungen des Landschaftsbildes noch vor dem Erscheinen nachzutragen, es ist jedoch nicht möglich, allen Veränderungen sofort nachzugehen, aus dem einfachen Grunde, weil sonst eine Karte niemals fertig würde. Die Landesaufnahme erhält jährlich von den verschiedensten zuständigen Behörden Mitteilungen über eingetretene Veränderungen und sendet nach einem gewissen Zeitraum einen Topographen ins Gelände, ber bie Veränberungen nachprüft unb neu in die Karte einzeichnet. Alle wichtigen Veränderungen werden bereits in 3 bis 5 Jahren nachgetragen, im Laufe von je 10 bis 15 Jahren werden bie Meßtischblätter eingehend berichtigt.
Ein Hilfszweig ber Trigonometrie ist bie Photogrammetrie, bie teils von ber Erde aus, teils aus der Luft ihre Anwendung findet. Nach bestimmten Richtlinien dieser Methode wird das Gelände von der Erde und aus der Luft durch Lichtbilder aufgenommen. Die Photogrammetrie von der Erde aus erfordert vor allem freie Sicht. Die Aufnahmen, die wenig Zeit in Anspruch nehmen unb bie Arbeit baburch verbilligen, entsprechen in ihrer Genauigkeit allen Anforderungen. Das Material der Erd- unb Luftlichtbilber muß jeboch im Gelände burch Erkunbung und Messung ergänzt werden. Die gewöhnliche Kamera für Luftbildaufnahmen ist in einer Aufhängevorrichtung über eine Deffnung im Flugzeugboden eingebaut. Die Kassette enthält ein Filmband von 55 m Läng« für 285 Ausnahmen. Bei einem Flug kann bei einem Aufnahmestab von 1:5000 etwa ein Gelände von 100 qkm erfaßt werden. Durch das Sucherfernrohr überwacht der Beobachter bie Aufnahmen. Je nach Einstellung ber Kamera kann bas überflogene Gelände schräg oder senkrecht aufgenommen werden. Jedoch ist die senkrechte Aufnahme auch nicht abfolut senkrecht, da die Erschütterungen des Flugzeuges und unmerkliche Veränderungen in ber Flughöhe zu Veränberungen der Plattenlage führen. Die Luftaufnahmen, bie gegenüber dem Gelände Verzerrungen und untereinander verschiedene Maßstäbe aufweisen, müssen deshalb entzerrt, d. h. umphotographiert werden, damit sie in allen Teilen den Maßstab wie die gewünschte Karte ausweisen. Andere Mängel ergeben sich beim Lustbild z. B. durch Schattenwirkungen, die die Begrenzungen des Grundrisses oft sehr unklar erscheinen lassen. Die fortschreitende Technik wird aber auch diese Mängel allmählich überwinden.
An der Hand der vom Trigonometer und Topographen erarbeiteten Grundkarten stellt der Kartograph die Karten kleinerer Maßstäbe bar: bie Reichskarte 1:100 000, bte topographische Uebersichtskarte von Deutschland 1:200 000, bie Uebersichtskarte von Mitteleuropa 1:300 000 usw. Nicht alles, was bie Karten größerer Maßstäbe enthalten, finbet bei ben kleineren Maßstäben Raum. Durdjgreifenbe, fachwissenschaftliche Aus- bilbung künstlerischer Blick unb langjährige Erfahrungen befähigen ben Kartographen auch bas Kartenbilb bes kleineren Maßstabes leserlich, klar unb übersichtlich zu gestalten. Das richtige Fortlassen alles Nebensächlichen, bas Hervorheben bes Wesentlichen unb bas Verschmelzen einzelner Formen zu Gesamtheiten sind Schwierigkeiten, bie das Gelingen dieser Feinarbeit oft in Frage stellen. Das Einzeichnen der Höhenlinien, die Angabe des Gefälles bei Nivellierungen des Geländes stellen an die Fähigkeiten des Kartographen besondere Anforderungen.
Im Betriebe der Reichskartenftelle werden die Landkarten auf Stein graviert, in Kupfer gestochen oder mittels Photogalvanographie auf Kupferplatten übertragen. Der Kartolithograph und Kartenkupferstecher, die fast andauernd mit der Lupe arbeiten und jeden Strich haargenau auf die Platte hinsetzen müssen, sind gleichermaßen geistig und körperlich angestrengt. Der Stich eines einzigen schweren Kartenblattes nimmt oft mehrere Jahre in Anspruch. Durch Federzeichnung auf den Stein bearbeitet ber Lithograph auch bie Druckplatten für ben Mehrfarbendruck.
Mit Hilfe ber Photographie unb Galvanoplastik werben von Zeichnungen ober Drucken maßhaltige Vergrößerungen ober Verkleinerungen zu ben verschiedensten Zwecken hergestellt. Die hierbei verwandten photographischen Apparate sind außerordentlich groß (Größe der Platte 1 qm, Gewicht 5 kg) und vorzüglich ausgestattet. Die Galvanoplastik dient u. a. auch der Berichtigung von kartographischen Kupserplatten.
In ber Kartenbruckerei finden sich Handpressen, Kupferdruckpressen, Flachdruckschnellprefsen und Offsetpressen. Das Kartenlager der Reichskartenstelle umfaßt etwa 2,5 Millionen Karten. Das Stein- unb Plattenlager enthält zirka 12 000 Lithographiesteine, 5000 Kupserplatten und 16 000 Aluminiumplatten. Der unschätzbare Wert dieses Lagers besteht vor allem in ber Festlegung ber Aufnahmeergebnisse unb ber mühsamen unb teuren Arbeit ber Kupferstecher unb Lithographen. Jahrzehntelanger Fleiß vieler Tausenber macht ben Inhalt des unersetzlichen Lagers zu einem Kuliurwerk ersten Ranges.
Meister Martin der Küfner und seine Gesellen.
Erzählung von E. T. A. Hoffmann.
(Fortsetzung.)
Rosa in vollem Glanz aller Anmut, alles Liebreizes, ein herrliches lebensgroßes Bild, stand vor ihm ausgerichtet auf der Staffelei, wunderbar beleuchtet von den Strahlen ber Morgensonne. Der auf ben Tisch geworfene Malerstock, bie nassen Farben auf ber Palette zeigten, baß eben an bem Silbe gemalt worben. — „O Rosa — Rosa — o bu Herr des Himmels", seufzte Friedrich, da klopfte ihm Reinhold, der hinter ihm hineingetreten, auf die Schulter und fragte lächelnd: „Nun, Friedrich, was sagst du zu meinem Bilde?" Da drückte ihn Friedrich an feine Brust unb rief: „O du h«rrlicher Mensch — du hoher Künstler! ja, nun ist mir alles klar! du, du hast den Preis gewonnen, um den zu ringen ich Aermster keck genug war, — was bin ich denn gegen dich, was ist meine Kunst gegen die deinige? — Ach, ich trug auch wohl manches im Sinn! — lache mich nur nicht aus, lieber Reinhold! — sieh, ich dachte, wie herrlich müßt' es fein, Rosas liebliche Gestalt zu formen


